Montag, 15. April 2019

[Rezension] Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary

Annes Lächeln ist der Grund, warum ich diese Graphic Novel haben musste.
Heute vor 74 Jahren wurde das KZ Bergen-Belsen befreit, in dem Anne Frank wenige Wochen zuvor gestorben war. Nachdem ich vor einiger Zeit schon "Das Leben von Anne Frank. Eine Biographie" rezensiert habe, wird es heute Zeit für "Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary", das mich in der Comic-Handlung mit den großen Augen auf dem Cover förmlich durchbohrt hat. "Nimm mich mit", sagte die Cover-Anne. "Ich will dir meine Geschichte erzählen." Und wer kann da schon widerstehen?

Worum geht es in "Das Leben von Anne Frank"?

Vermutlich kennen die meisten von euch die Lebensgeschichte von Anne Frank bereits. Das jüdische Mädchen floh mit Eltern und Schwester vor den Nazis nach Amsterdam und versteckte sich dort in einem Hinterhaus. Vom Juni 1942 bis August 1944 begleitete sie dabei ein kleines rot-kariertes Tagebuch, das ihre Worte nach Kriegsende weit verbreitet und sie zu einer der bekanntesten Stimmen der verfolgten Menschen gemacht hat.

Während "Das Leben von Anne Frank. Eine Biographie" einen recht großen Bogen schlägt und Annes Familiengeschichte rund um Annes Leben und darüber hinaus aufbereitet, umfasst "Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary" ausschließlich Inhalte des Tagebuchs. Abgesehen von einem kurzen Nachwort über den Verbleib der Hinterhausbewohner*innen liefert diese Adaption von Annes Geschichte keine Hintergrundinformationen. Dadurch gelingt es ihm aber, wirklich dicht bei Annes Gedankenwelt zu bleiben - und bei ihrer tiefen Zuneigung zu "Kitty", wie sie das kleine karierte Buch nennt. Weil sie, wie sie sagt, zwar eine Menge Verehrer, aber nie eine wirklich enge Freundin gehabt habe, wird das Buch ihr auch in der Enge des Hinterhauses zu einer zuverlässigen Vertrauten.

Die Tagebuchstruktur inklusive der Anrede ("Liebe Kitty") bleibt in der Comicadaption erhalten, obwohl die Autoren die Fülle von Annes Einträgen zusammenkürzen mussten, teils Einträge zum selben Thema ineinander verschmolzen. Zugegebenermaßen ergeben sich dadurch Lücken. Beispielsweise beschäftigt mich die Frage, warum Anne ihr geliebtes Kätzchen Moortje zurücklassen musste, während auf dem Dachboden des Hinterhauses doch eine Katze lebt, die mit Familie van Pels aufgetaucht zu sein scheint? (Aber das liegt sicher an meiner Katzenliebe und fällt anderen nicht einmal auf.)

Aber die Graphic Novel macht es leicht, derartige Details etwas zu verzeihen, denn dafür liegt ein starker Fokus auf den Themen, die mir an Anne Franks Tagebuch immer wichtig waren. Annes Beziehungen zu den anderen Bewohner*innen des Hinterhauses, insbesondere ihrer eigenen Familie bekommt viel Raum: die Liebe zum Vater, der häufige Streit mit der Mutter und die empfundene Konkurrenz mit Schwester Margot - Themen, die auch für heutige Heranwachsene nachfühlbar sind. Auch Annes Gedanken zu Liebe, Sex und Frauenrechten sind erhalten geblieben - Themen, die mich vermuten lassen, dass Anne dazu noch eine Menge zu sagen gehabt hätte, hätte sie nur genügend Zeit bekommen.

Wie ist "Das Leben von Anne Frank" geschrieben und gezeichnet?

Annes Blick zieht die Betrachtenden schon auf dem Cover direkt in ihren Bann. Ihre übergroßen Augen lassen nicht los. Um Anne herum gruppiert sind die sieben anderen Hinterhausbewohner*innen plus Katze. Schwer zu sagen, wer von ihnen am besorgtesten wirkt -  wahrscheinlich ist es die Katze. Anne sticht heraus, mit dem schrägen Lächeln, das um ihre Lippen spielt und dem Füller, den sie in der Hand hält. Es ist ein kraftvolles Porträt - und macht direkt klar: Diese Anne ist kein Opfer. Sie ist die Heldin ihrer Geschichte.

Alle Mitbewohner*innen Annes sind gut getroffen. Illustrator David Polonsky hat es geschafft, mit wenigen Strichen die unverwechselbaren Eigenschaften der Gesichter einzufangen. Die Beobachtungen sind dabei so spitz wie Annes Feder: Frau van Pels etwa, die auf Anne stets arrogant und selbstgefällig wirkt, wird immer wieder auf ihrem Nachttopf gezeigt, den sie als ihr bestes Stück ins Hinterhaus gebracht hat. Sogar auf dem Cover hält sie ihn im Arm wie eine überdimensionierte Teetasse. Am nächsten steht Anne, auf dem Cover wie im tatsächlichen Leben, der Vater, Otto Frank, genannt "Pim". Diese Feinheiten sind es, die mich so an dieser Adaption begeistern.

Doch die Feinheiten können nicht nur spitz, sondern auch liebevoll sein. Als Anne die Wünsche ihrer Mitbewohner*innen für eine Zeit nach Krieg und Verfolgung beschreibt, berichtet ihre Mutter von ihrem Wunsch nach gutem Kaffee. Der Zeichner lässt ihr einen ganzen Cafétisch voller Espressotassen zukommen - ein Tischchen, an dem Edith schließlich, berauscht vom Koffein, wild mit den Armen rudert. Das lebhafteste, wildeste Bild dieser von ihrer Tochter als so kühl und beherrscht beschriebenen Frau.
 
Traumartig werden die Zeichnungen, wenn sie Annes blühende Fantasie in Bildern Rechnung tragen,  die physikalischen Gesetzen spotten. So beschreibt Anne ihre Gedanken an "nach dem Krieg" als Luftschloss und malt sich aus, wie sie und die anderen Hinterhausbewohner*innen inmitten eines schwarzen Sturmhimmels auf einer einzele hellen Wolke stehen. Über ihnen ist noch ein rundes Loch in der Wolkendecke zu sehen, aus dem helles Licht auf die Unglücklichen herabscheint. Annes Gesicht ist hoch zum Licht gerichtet, während unter ihren Füßen am Boden Häuser in Flammen aufgehen.

Doch es nicht etwa so, dass Annes Tagebuchtext zugunsten eindrucksvoller Bilder zusammengestrichen worden wären. Besonders eindrückliche Textpassagen wurden auch im Ganzen abgedruckt: Annes Überlegungen zur Natur der Jugend etwa füllen zwei ganze Seiten. Ganz zurückhaltend wird hier die Illustration, in der Anne vorsichtig hinter einem Verdunklungsvorhand hinaus in die Welt lugt, die sie doch in ihrem Kopf so klar zu sehen scheint.

Wie zum Ausgleich gibt es auch Seiten voller kleinerer Motive, die beispielsweise die stetigen Vergleiche zwischen Anne und ihrer Schwester Margot - bei denen Anne in der Selbsteinschätzung schlecht wegkommt - beschreiben.

Insgesamt zeichnet sich das Buch durch ein gutes Gespür dafür aus, was wichtig ist. In seinem Vermögen zu raffen, was zusammengefasst werden kann und dafür an anderer Stelle Raum zu lassen für wichtige Gedanken, richtet es den Blick konsequent auf Anne. Die Zeichnungen unterstützen und tragen die Erzählung dabei in jedem Moment ganz ausgezeichnet.

Fazit

"Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary" kann ich unbedingt empfehlen. Annes Schilderungen des Lebens im Hinterhauses erscheint mir in Verbindung mit den Zeichnungen Polonskys viel eindrücklicher als die bloßen Worte es vermochten. 

Nach der Lektüre frage ich mich einmal mehr, wie viele tolle Bücher wir wohl von dieser klugen, neugierigen und energischen Frau gelesen hätten. Ob wir in den ersten Monaten des Jahres 1945 ein großes feminstisches Vorbild verloren haben. Dass ihr Tagebuch sie vielleicht berühmter gemacht hat, als sie je zu träumen gewagt hätte, kann dabei da nur ein schwacher Trost sein.

Nachdem ich zu Beginn schon einen Vergleich mit "Das Leben der Anne Frank. Eine Biographie" angedeutet habe, möchte ich abschließend betonen, dass ich beide Werke nicht gegeneinander abwägen möchte. Vielmehr kommt es ein wenig darauf an, was man möchte. Einen Rundumblick, der Annes Familie - und besonders ihren Vater - in den Blick nimmt, angereichert mit Zusatzinformationen, bietet die Biographie. Den konzentrierten Blick auf Anne als Person, als Heranwachsende und als Schriftstellerin, den Blick direkt in ihren Kopf, ermöglicht eher dieser Comic. Missen möchte ich keine der beiden Perspektiven.

Harte Fakten

Titel: Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary
Autor: Ari Folman
Illustrator: David Polonsky
Verlag: S. Fischer
Umfang: 160 Seiten
Erscheinung: 2017
Preis: 20 €

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