Donnerstag, 21. Februar 2019

[Rezension] Heraus aus der Finsternis – mit Girl Power und Eichhörnchen!

"Heraus aus der Finsternis": Rezension
"Heraus aus der Finsternis" vom Zwerchfell Verlag: Girl Power mit Eichhörnchen

Werbung: „Heraus aus der Finsternis“ wurde mir freundlicherweise vom Zwerchfell Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Was könnte besser geeignet sein, als eine Zugfahrt nach Frankfurt, um „Heraus aus der Finsternis“ zu rezensieren, die Co-Produktion des Jungen Museum Frankfurt und des Zwerchfell Verlags? Nichts, sage ich euch – der Comicband war eine sehr kurzweilige Reisebegleitung.

Worum geht’s in „Heraus aus der Finsternis“?

Frankfurt, im November 1918. Käthe, Jenny, Franzi und Jossi haben ein Problem: Die ganze Stadt wird von Jungsbanden beherrscht, die den Mädchen das Leben schwer machen. Sie klauen ihnen die Murmeln, vertreiben sie von ihren Treffpunkten („Das ist unser Truppenplatz!“) und dann und wann kommt es zu Prügeleien mit blutigen Schrammen und zerrissener Kleidung.

Damit wollen die vier Mädchen sich nicht abfinden. Während im Hintergrund der Krieg zu Ende geht und erwachsene Frauen für ihr Wahlrecht demonstrieren, entscheiden sich die Freundinnen, etwas zu unternehmen – und Frankfurts ersten Verein gegen Gewalt an Mädchen zu gründen. Unter dem Symbol des Eichhörnchens schreiten sie zur Tat.

Wie liest sich „Heraus aus der Finsternis“?

Empfohlen ist „Heraus aus der Finsternis“ ab acht Jahren und entsprechend verläuft die Handlung ohne große Umwege. Die vier Mädchen aus ganz unterschiedlichen Milieus und Vierteln Frankfurts treffen sich, erkennen ein Problem und gehen es an. Dabei werden die Klassenunterschiede nicht weiter thematisiert, der politische Wille vereinigt sie auf der Stelle. Ganz so sozialromantisch war es bei den erwachsenen Frauen ja nun nicht - bürgerliche Frauen wollten das Zensuswahlrecht, bei dem nur wählen darf, wer finanziell gut gestellt ist. Umso schöner, dass auch wirklich jedes der Mädchen sich bei der gemeinsamen Mission einbringen und etwas beitragen kann!

Trotz junger Zielgruppe werden die Probleme der Zeit nicht übertüncht: Die Mutter der kleinen Jenny sorgt sich um ihren Arbeitsplatz in der Fabrik, wenn die Männer aus dem Krieg heimkehren. Käthe wird von ihrem Vater verprügelt und trägt noch seitenlang die Spuren im Gesicht. Die eine oder andere Figur zeigt mit Augenklappe und amputiertem Bein, dass es sich wirklich nicht um eine friedliche Epoche handelt.

Dass die Geschichte in Frankfurt spielt, wird schnell deutlich, ist es doch die „Woschtfett-Bande“, die den Mädchen hauptsächlich auf die Nerven geht. Der Dialekt ist aber so sparsam eingesetzt, dass auch unbedingte Hochdeutschsprechende keine Verständnisprobleme haben sollten (spannend: Der Dialekt kommt hauptsächlich bei der durchaus bürgerlichen Familie vor, gar nicht in der Unterschicht!).

Wer sich in Frankfurt besser auskennt als ich, mag sogar in den Stadtansichten vertrautes entdecken – meine Ortskenntnis beschränkt sich auf Wolkenkratzer und die sind natürlich noch nicht zu sehen.

Besonders gefallen hat mir natürlich der immer wiederkehrenden Bezug zur Frauenbewegung. So ist bereits der Titel des Comics ein Teilzitat: „Mädchen und Frauen, heraus aus der Finsternis!“, war einer der Slogans zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Und es bleibt nicht bei diesem einen vertrauten Satz: „Jungs sind halt so“, sagt ein Vater an einer Stelle mal abwehrend zum Töchterlein, ein Spruch, der bis heute viel zu häufig fällt. Dass Geschlechterrollen aber überhaupt nicht unveränderlich sind, zeigen die erwachsenen Frauen in dieser Geschichte: Durch ihre Arbeit in Fabrik und Kiosk, durch ihre Dominanz in der Familie, durch ihre politische Arbeit haben sie sich einen Platz erkämpft, den sie sich nicht mehr streitig machen wollen – als gleichberechtigte Bürgerinnen der neuen Republik.

Dieses Zeitgeschehen wird immer wieder locker in die Handlung eingeflochten: Über Lebensmittelmarken, Feldpostbriefe, aber auch Zeitungen, Flugblätter und Gespräche zwischen Erwachsenen erreicht es die Mädchen – und spornt sie an, auch die eigenen Probleme in die Hand zu nehmen.

Wie wichtig (feministische) Vorbilder sind, zeigt sich an Tony Sender. Die junge SPD-Politikerin und Kämpferin für Frauenrechte ist eine „Heldin“ für Franzi. Und ausgerechnet diese bewunderte Heldin hilft der kleinen Mädchenbande bei der Vervielfältigung ihrer Flugblätter. Meta Quarck-Hammerschlag, erste Frau im Frankfurter Stadtrat, taugt immerhin als Silbenvorlage für das Hüpfspiel der Mädchen – Alltagsnähe ist da sowas von gegeben.

Wem die Verweise auf Zeitungsartikel und Flugblätter nicht ausreicht, der findet auf der letzten Doppelseite eine kurze historische Einordnung sowie ein Glossar, das die wichtigsten Ereignisse und Personen zusammenfasst. Außerdem werden hier Stücke des Jungen Museum Frankfurt gezeigt, in dem noch bis März 2020 eine thematisch passende Ausstellung zu sehen ist („Dagegen? Dafür! Revolution. Macht. Geschichte.“).

Entzückend finde ich das Suchspiel, das dazu auffordert, noch einmal durch die Comicseiten zu blättern und die Dinge zu suchen, die zum Handlungszeitpunkt noch gar nicht existiert hatten – auch für erwachsene Leser*innen eine Herausforderung! Schade nur, dass sich hier eine Jahreszahl hineingemogelt hat, die mit der Handlung so gar nichts zu tun hat – 1742 war da doch schon ein Weilchen her!

Und wie sieht „Heraus aus der Finsternis“ aus?

Die reduzierte Farbwelt mit den gedeckten Rot-, Gelb- und Blautönen erinnert mich ein wenig an die Reihe um "Hilda". Sie schafft klare, mal warme, mal kalte Räume durch die sich die Hauptfiguren bewegen. Mit wenigen Strichen hat Annelie Wagner Figuren geschaffen, die man problemlos auseinanderhalten kann: Die kämpferische Käthe mit den Pippi-Langstrumpf-Zöpfen, die schüchterne, blonde Jenny, Franzi mit den erdbeerroten Locken und den frech blitzenden Augen und Jossi mit dem dunklen Bob, der wohl nicht von ungefähr an Rosa Luxemburg erinnert („Mädchen aller Viertel, vereinigt euch!“).

Auch die Zeichnungen historischer Personen wie Tony Sender und Meta Quarck-Hammerschlag sehen ihren eigenen Fotografien sehr ähnlich.

Fazit: Lesen!

Leichtfüßiges Empowerment für kleine und große Leserinnen ab 8 Jahren – nicht nur aus Frankfurt am Main! – , das ganz nebenher Geschichtswissen vermittelt und Lust auf mehr macht. Ich find’s super!

Harte Fakten

Titel: Heraus aus der Finsternis
Text: Christopher Tauber
Illustrationen: Annelie Wagner
Verlag: Zwerchfell
Umfang: 52 Seiten
Erscheinung: Januar 2019
Preis: 12 €

Kommentare:

  1. Das klingt nach einem tollen Buch! Hast mich daran erinnert, daß in meiner (hessischen) Kindheit "Woschtfett" noch eins der böseren Schimpfwörter war :D

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    1. Haha, das freut mich, dass ich dir so nette Kindheitserinnerungen bescheren konnte. Dein Kommentar hat mich wiederum dazu gebracht, über die schwäbischen Schimpfwörter meiner Kindheit nachzudenken. :D

      Liebe Grüße
      Sabrina

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Hey! Schön, dass ihr da seid. Dank eurer lieben Worte macht's dreifach Spaß!

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