Montag, 15. April 2019

[Rezension] Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary

Annes Lächeln ist der Grund, warum ich diese Graphic Novel haben musste.
Heute vor 74 Jahren wurde das KZ Bergen-Belsen befreit, in dem Anne Frank wenige Wochen zuvor gestorben war. Nachdem ich vor einiger Zeit schon "Das Leben von Anne Frank. Eine Biographie" rezensiert habe, wird es heute Zeit für "Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary", das mich in der Comic-Handlung mit den großen Augen auf dem Cover förmlich durchbohrt hat. "Nimm mich mit", sagte die Cover-Anne. "Ich will dir meine Geschichte erzählen." Und wer kann da schon widerstehen?

Worum geht es in "Das Leben von Anne Frank"?

Vermutlich kennen die meisten von euch die Lebensgeschichte von Anne Frank bereits. Das jüdische Mädchen floh mit Eltern und Schwester vor den Nazis nach Amsterdam und versteckte sich dort in einem Hinterhaus. Vom Juni 1942 bis August 1944 begleitete sie dabei ein kleines rot-kariertes Tagebuch, das ihre Worte nach Kriegsende weit verbreitet und sie zu einer der bekanntesten Stimmen der verfolgten Menschen gemacht hat.

Während "Das Leben von Anne Frank. Eine Biographie" einen recht großen Bogen schlägt und Annes Familiengeschichte rund um Annes Leben und darüber hinaus aufbereitet, umfasst "Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary" ausschließlich Inhalte des Tagebuchs. Abgesehen von einem kurzen Nachwort über den Verbleib der Hinterhausbewohner*innen liefert diese Adaption von Annes Geschichte keine Hintergrundinformationen. Dadurch gelingt es ihm aber, wirklich dicht bei Annes Gedankenwelt zu bleiben - und bei ihrer tiefen Zuneigung zu "Kitty", wie sie das kleine karierte Buch nennt. Weil sie, wie sie sagt, zwar eine Menge Verehrer, aber nie eine wirklich enge Freundin gehabt habe, wird das Buch ihr auch in der Enge des Hinterhauses zu einer zuverlässigen Vertrauten.

Die Tagebuchstruktur inklusive der Anrede ("Liebe Kitty") bleibt in der Comicadaption erhalten, obwohl die Autoren die Fülle von Annes Einträgen zusammenkürzen mussten, teils Einträge zum selben Thema ineinander verschmolzen. Zugegebenermaßen ergeben sich dadurch Lücken. Beispielsweise beschäftigt mich die Frage, warum Anne ihr geliebtes Kätzchen Moortje zurücklassen musste, während auf dem Dachboden des Hinterhauses doch eine Katze lebt, die mit Familie van Pels aufgetaucht zu sein scheint? (Aber das liegt sicher an meiner Katzenliebe und fällt anderen nicht einmal auf.)

Aber die Graphic Novel macht es leicht, derartige Details etwas zu verzeihen, denn dafür liegt ein starker Fokus auf den Themen, die mir an Anne Franks Tagebuch immer wichtig waren. Annes Beziehungen zu den anderen Bewohner*innen des Hinterhauses, insbesondere ihrer eigenen Familie bekommt viel Raum: die Liebe zum Vater, der häufige Streit mit der Mutter und die empfundene Konkurrenz mit Schwester Margot - Themen, die auch für heutige Heranwachsene nachfühlbar sind. Auch Annes Gedanken zu Liebe, Sex und Frauenrechten sind erhalten geblieben - Themen, die mich vermuten lassen, dass Anne dazu noch eine Menge zu sagen gehabt hätte, hätte sie nur genügend Zeit bekommen.

Wie ist "Das Leben von Anne Frank" geschrieben und gezeichnet?

Annes Blick zieht die Betrachtenden schon auf dem Cover direkt in ihren Bann. Ihre übergroßen Augen lassen nicht los. Um Anne herum gruppiert sind die sieben anderen Hinterhausbewohner*innen plus Katze. Schwer zu sagen, wer von ihnen am besorgtesten wirkt -  wahrscheinlich ist es die Katze. Anne sticht heraus, mit dem schrägen Lächeln, das um ihre Lippen spielt und dem Füller, den sie in der Hand hält. Es ist ein kraftvolles Porträt - und macht direkt klar: Diese Anne ist kein Opfer. Sie ist die Heldin ihrer Geschichte.

Alle Mitbewohner*innen Annes sind gut getroffen. Illustrator David Polonsky hat es geschafft, mit wenigen Strichen die unverwechselbaren Eigenschaften der Gesichter einzufangen. Die Beobachtungen sind dabei so spitz wie Annes Feder: Frau van Pels etwa, die auf Anne stets arrogant und selbstgefällig wirkt, wird immer wieder auf ihrem Nachttopf gezeigt, den sie als ihr bestes Stück ins Hinterhaus gebracht hat. Sogar auf dem Cover hält sie ihn im Arm wie eine überdimensionierte Teetasse. Am nächsten steht Anne, auf dem Cover wie im tatsächlichen Leben, der Vater, Otto Frank, genannt "Pim". Diese Feinheiten sind es, die mich so an dieser Adaption begeistern.

Doch die Feinheiten können nicht nur spitz, sondern auch liebevoll sein. Als Anne die Wünsche ihrer Mitbewohner*innen für eine Zeit nach Krieg und Verfolgung beschreibt, berichtet ihre Mutter von ihrem Wunsch nach gutem Kaffee. Der Zeichner lässt ihr einen ganzen Cafétisch voller Espressotassen zukommen - ein Tischchen, an dem Edith schließlich, berauscht vom Koffein, wild mit den Armen rudert. Das lebhafteste, wildeste Bild dieser von ihrer Tochter als so kühl und beherrscht beschriebenen Frau.
 
Traumartig werden die Zeichnungen, wenn sie Annes blühende Fantasie in Bildern Rechnung tragen,  die physikalischen Gesetzen spotten. So beschreibt Anne ihre Gedanken an "nach dem Krieg" als Luftschloss und malt sich aus, wie sie und die anderen Hinterhausbewohner*innen inmitten eines schwarzen Sturmhimmels auf einer einzele hellen Wolke stehen. Über ihnen ist noch ein rundes Loch in der Wolkendecke zu sehen, aus dem helles Licht auf die Unglücklichen herabscheint. Annes Gesicht ist hoch zum Licht gerichtet, während unter ihren Füßen am Boden Häuser in Flammen aufgehen.

Doch es nicht etwa so, dass Annes Tagebuchtext zugunsten eindrucksvoller Bilder zusammengestrichen worden wären. Besonders eindrückliche Textpassagen wurden auch im Ganzen abgedruckt: Annes Überlegungen zur Natur der Jugend etwa füllen zwei ganze Seiten. Ganz zurückhaltend wird hier die Illustration, in der Anne vorsichtig hinter einem Verdunklungsvorhand hinaus in die Welt lugt, die sie doch in ihrem Kopf so klar zu sehen scheint.

Wie zum Ausgleich gibt es auch Seiten voller kleinerer Motive, die beispielsweise die stetigen Vergleiche zwischen Anne und ihrer Schwester Margot - bei denen Anne in der Selbsteinschätzung schlecht wegkommt - beschreiben.

Insgesamt zeichnet sich das Buch durch ein gutes Gespür dafür aus, was wichtig ist. In seinem Vermögen zu raffen, was zusammengefasst werden kann und dafür an anderer Stelle Raum zu lassen für wichtige Gedanken, richtet es den Blick konsequent auf Anne. Die Zeichnungen unterstützen und tragen die Erzählung dabei in jedem Moment ganz ausgezeichnet.

Fazit

"Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary" kann ich unbedingt empfehlen. Annes Schilderungen des Lebens im Hinterhauses erscheint mir in Verbindung mit den Zeichnungen Polonskys viel eindrücklicher als die bloßen Worte es vermochten. 

Nach der Lektüre frage ich mich einmal mehr, wie viele tolle Bücher wir wohl von dieser klugen, neugierigen und energischen Frau gelesen hätten. Ob wir in den ersten Monaten des Jahres 1945 ein großes feminstisches Vorbild verloren haben. Dass ihr Tagebuch sie vielleicht berühmter gemacht hat, als sie je zu träumen gewagt hätte, kann dabei da nur ein schwacher Trost sein.

Nachdem ich zu Beginn schon einen Vergleich mit "Das Leben der Anne Frank. Eine Biographie" angedeutet habe, möchte ich abschließend betonen, dass ich beide Werke nicht gegeneinander abwägen möchte. Vielmehr kommt es ein wenig darauf an, was man möchte. Einen Rundumblick, der Annes Familie - und besonders ihren Vater - in den Blick nimmt, angereichert mit Zusatzinformationen, bietet die Biographie. Den konzentrierten Blick auf Anne als Person, als Heranwachsende und als Schriftstellerin, den Blick direkt in ihren Kopf, ermöglicht eher dieser Comic. Missen möchte ich keine der beiden Perspektiven.

Harte Fakten

Titel: Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary
Autor: Ari Folman
Illustrator: David Polonsky
Verlag: S. Fischer
Umfang: 160 Seiten
Erscheinung: 2017
Preis: 20 €

Sonntag, 10. März 2019

[Sonntagstee] mit Frauenkampftag

Heute mal keine Teetassen. Demoschilder verdienen Aufmerksamkeit. Vor allem so schöne!
Jedes Wochenende sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Nachdem die letzten Wochen ja nicht so ereignisreich waren (Arbeit, Uni, Ehrenamt, essen und schlafen), kam diese Woche mal wieder ein bisschen Inhalt dazu.

Diese Woche hat nämlich die Berlin Feminist Film Week angefangen und ich war bei der Auftaktveranstaltung dabei. Wenn ihr mal die Gelegenheit habt, die Filme "Riot Not Diet" oder "The Miseducation of Cameron Post" zu sehen: Tut es. Sie sind toll! Bis Mittwoch gibt es außerdem noch die Gelegenheit, weitere Veranstaltungen zu besuchen, vielleicht bekomme ich noch eine unter.

Kennt ihr ansonsten schon die Kampagne "Wer braucht Feminismus?" Falls nicht, guckt euch doch mal deren Webseite an. Im Rahmen der Aktion zeigen Tausende von Menschen, warum ihnen Feminismus wichtig ist. Weil ich das ziemlich cool finde, habe ich mich riesig gefreut, als die Initiatorin Jasmin Mittag mich gefragt hat, ob ich nicht die zugehörige Facebook-Gruppe moderieren möchte. Yay! Mehr Ehrenamt und noch mehr Feminismus in meinem Leben! Ich finde es fantastisch.

Am Freitag war ich dann unter den 25.000 Menschen, die in Berlin zum Frauenkampftag demonstriert haben. Nach Sturmböen und Regen am Vormittag strahlte während der Demo die Sonne über uns. So so so schön! Und weil der 8. März ein Datum ist, an dem alle möglichen Medien was zum Feminismus zu sagen haben, widme ich mich in den Netzfunden ganz dem Weltfrauentag.

Netzfunde der Woche: Frauenkampftag


Macht es euch mit einem Heißgetränk eurer Wahl gemütlich und klickt euch durch die Linkliste - es ist wieder ziemlich viel geworden, diese Woche.
 
Nachdem ich Jasmin eben schon erwähnt hatte: In "Eine Stunde Liebe" von Deutschlandfunk Nova erzählt sie zum Weltfrauentag noch ein wenig mehr über ihr Projekt. Außerdem zu Gast: Die von mir sehr verehrte Liv Strömquist (hier findet ihr meine Rezension zu "Der Ursprung der Liebe"). Anhören!


ze.tt haben ein Video gedreht, in dem Frauen ihre Forderungen zum 8. März formuliert haben. Eine davon lautet "Weg mit weißem Feminismus". Wenn euch das nichts sagt: Hier habe ich für's *innenAnsicht Magazin erklärt, was das ist und was wir dagegen tun können.

Die Deutsche Welle hat das etwas größer aufgezogen und Aktivistinnen weltweit gefragt, wofür (und wogegen) sie kämpfen. Abtreibung, Genitalverstümmelung und Frauenmorde sind nur ein Teil davon.

Wenn ihr noch mehr Argumente lesen wollt, warum wir uns auch am 10. März, morgen, übermorgen und sonst immer für Feminismus einsetzen sollten: Julia Korbik hat 40 Gründe gesammelt.

Kritisches zum Frauenkampftag

Heike-Melba Fendel kritisiert bei Deutschlandfunk Kultur, dass der Frauentag in Berlin zum Feiertag wurde, dass das Datum genutzt wird, um Frauen irgendwelches Zeug anzudrehen. "Clara Zetkin würde sich wohl im Grab umdrehen." Sie wünscht sich mehr feministische Kapitalismuskritik.

Während die Demo in Berlin großen Spaß gemacht hat, wurden die Menschen in Istanbul von der Polizei auseinander getrieben (Bericht im Tagesspiegel). Bei aller Freude über tolle eigene Demos dürfen wir nie vergessen, dass manche dieses Privileg nicht haben.


Dieses Thema klingt auch in diesem Post von Anne Wizorek an: Am 8. März die Kraft aufzubringen, die geilste Aktion ever auf die Beine zu stellen oder sich daran zu beteiligen, hat nicht jede*r. Und das ist okay. "Seid sanft zu euch und hart zum Patriarchat!"

Habt einen schönen Sonntag - und tretet ab morgen wieder dem Patriarchat in den Hintern!

Sonntag, 3. März 2019

[Sonntagstee] mit Karnevalsnetzfunden

Die Tasse ist ein echtes Goldstück. Und Tee muss sowieso sein.
Jedes Wochenende sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Es tut mir leid, auch von dieser Woche gibt es wieder einmal nichts zu erzählen. Ich existiere, arbeite für Uni und Lohn, lese und wundere mich, wenn auf einmal schon wieder ist. Nichts Neues also. Sollen wir gleich in die Netzfunde springen?

Netzfunde der Woche 

Macht es euch mit einem Heißgetränk eurer Wahl gemütlich und klickt euch durch die Artikelliste - es ist ziemlich viel geworden, diese Woche. Das liegt wieder mal daran, dass ich ziemlich oft ziemlich wütend war.

Karneval

Eins vorweg: Ich komme aus Südwestdeutschland und habe mit Karneval/Fasching/ wie auch immer man es nennen mag nichts am Hut. Gar nichts. Aber weil die fünfte Jahreszeit sehr zuverlässig Diskriminierung, Sexismus und Rassismus produziert, ist die dennoch ein Thema für die Netzfunde.

Ziemlich große Wellen geschlagen hat Gabriele Möller-Hasenbeck. Sie war empört, als bei der Fernsehaufzeichnung einer Karnevalssitzung in Gürzenich Witze über Doppelnamen gemacht wurden und stürmte die Bühne. ze.tt hat einen Artikel über den Fall geschrieben. 

Astrid von Le Monde de Kitchi findet: "[...] im Kölner Sitzungskarneval ist viel möglich, auch schlichte Witze. [...] es ist von vorneherein klar, dass Publikum wie Künstler ihr Fett weg bekommen und Grenzen des guten Geschmacks übertreten werden. Man sollte auch wissen, dass man den Spiegel vorgehalten bekommt, und sollte unbedingt über sich selbst lachen können."

Ich finde: Ja, aber. Doppelnamen sind nach wie vor etwas, das in erster Linie Frauen tragen. Und ich habe so so so sehr die Nase voll von Menschen, die Witze über eine Gruppe machen, der sie nicht angehören und die strukturell benachteiligt wird. In diesem Fall halt ein Typ, dessen Frau ihren Nachnamen aufgegeben hat, weil der Standesbeamte das so doof fand. (Aus dem gleichen Grund möchte ich auch keine Witze von cis Männern über Menstruation hören etc. pp.)

Würde ich mich darüber so aufregen, dass ich dem Typen auf die Bühne steigen würde? Vermutlich nicht. Aber ich wäre a) eh nicht im Saal (siehe oben), trage b) auch keinen Doppelnamen und höre nicht c) möglicherweise seit der Wahl von AKK ständig Witze darüber. (Und tatsächlich brauche ich meine Energie normalerweise für die Kämpfe, die Astrid ebenfalls angesprochen hat: Gender Pay Gap, Hebammenmangel, §219a StGB und so weiter.)

Thembi Wolf geht radikaler ran und nimmt Gabriele Möller-Hasenbeck zum Anlass, ein Loblied auf Feminist Killjoys, als feministische Spielverderber*innen zu singen. Die eben nicht die Klappe halten, wenn sie diskriminierende Aussagen hören, auch wenn ihnen dafür Unverständnis entgegenschlägt. Ganz viel Liebe für diesen Text - vor allem, weil er einen wichtigen Punkt nicht unterschlägt: Pcik your Fights. Spielverderber*innen müssten nicht ständig im Einsatz sein - aber gegenseitige Unterstützung wäre fein.

Und das ist ein Grund, warum ich hier sitze und diese Worte tippe. Denn auch wenn die ästhetische Würdigung von Doppelnamen nicht mein Fokus ist oder wird: Heart-felt Zorn gegen herablassenden "Humor" von Dudes verdient meine Anerkennung.

Der andere Grund, warum ich diesen Fall nicht einfach ignoriere, ist leider ziemlich scheußlich. Frau Möller Hasenbeck ist nämlich selbständig tätig und sieht sich jetzt nicht nur mit fiesen Kommentaren, sondern auch mit miesen Bewertungen im Netz konfrontiert (bento berichtete). Und spätestens an diesem Punkt wird klar: Hier geht's nicht um die Frage nach Humor(befreitheit) - sondern um Macht.

Apropos "Humor", Macht und sonstige Scheußlichkeiten: AKK selbst macht währenddessen Witze über intergeschlechtliche Personen (queer.de berichtete). Zu diesem Punkt schrieb Anne Wizorek in ihrer Instagram-Story etwas, das im Zusammenhang mit Witzen aller Art wichtig ist: Beim Lachen gehe es weitaus weniger um Humor, stattdessen sei es eine wichtige Form des Social Bonding. 
"Wenn also eine Person in einer Machtposition wie AKK sich bewusst dafür entscheidet, in einem Rahmen wie der Karnevalssitzung mit ihren "Witzen" auf Minderheiten und Antidiskriminierung zu scheißen, dann geht es ihr im Kern um die Stärkung der Machtstrukturen, innerhalb derer sie sich bewegt und die auch auf Ausschlüssen beruhen."

#FridaysForFuture

Seit geraumer Zeit schwänzt Greta Thunberg aus Schweden freitags die Schule, um gegen die Klimakatastrophe zu demonstrieren. Mittlerweile schließen sich ihr immer mehr Jugendliche an. Darüber ließe sich eine Menge sagen - und vielleicht wird das mal demnächst ein eigenes Samstagsthema! -, aber Stevie Schmiedel von PinkStinks hat mich diese Woche auf einen Aspekt aufmerksam gemacht, an den ich (Hallo Privileg!) bisher nicht gedacht hatte: Freitags zu schwänzen und zu streiken kann man sich nur dann erlauben, wenn man so gut ist, dass es keine Auswirkungen auf die nächste Versetzung oder mehr hat. Und das sind statistisch betrachtet meist Kinder und Jugendliche aus dem Bildungsbürgertum. Nicht so zugänglich für alle also, diese Proteste.

Gleichzeitig sehe ich aber auch, wie sehr dieser Tabubruch des Schuleschwänzens die Menschen in Kommentarspalten zum Schäumen bringt, wie sehr es offenbar Leute stört, dass da junge Menschen gegen Regeln verstoßen. Jetzt ist Hass nicht unbedingt die beste Form der Aufmerksamkeit. Aber ich fürchte, dass #SaturdaysForFutureNachdemWirHausaufgabenGemachtHaben kaum jemanden interessieren würden.

§219a StGB

Warum sagt sie denn dazu nichts, nachdem sie mittlerweile seit Monaten darüber geschrieben hat?, fragt ihr euch vielleicht. Falls ihr euch nicht fragt: Ich erzähle es euch trotzdem. Ich war es so so so leid. So sehr, dass ich direkt danach nicht mal Artikel darüber lesen wollte, wie da jetzt ein beschissener Kompromiss verabschiedet wurde.

Ärzt*innen dürfen nun zwar auf ihren Webseiten erwähnen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Für alle weiteren Informationen dürfen sie aber nur auf die Webseiten "neutraler Stellen" (Bundesärztekammer und Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) verlinken. Welche Methoden sie also in ihrer Praxis anwenden, was für Auswirkungen das hat, etc. - diese Infos bleiben alle strafbar, obwohl sie offensichtlich wichtig sind, wenn mensch einen solchen Eingriff plant (Details findet ihr hier bei der taz).

"Grotesk" nennt das Stephan Thomae im Interview mit der taz. "Die Bundesärztekammer und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erhalten geradezu den gesetzlichen Auftrag, sachliche Information für ungewollt schwangere Frauen und Mädchen zu veröffentlichen – und die gleiche Information auf der Webseite eines Arztes soll strafbares Unrecht sein?"

Die FDP erwägt deshalb nun zusammen mit den Grünen und der Linken einen Normenkontrollantrag beim Bundesverfassungsgericht (Quelle: sueddeutsche.de). Das letzte Wort zu §219a StGB ist also noch nicht gesprochen.

Dinah Riese (taz) hält es allerdings für falsch, dass wir uns überhaupt so sehr an §219a StGB aufreiben. "Wenn es um Grundrechte geht, sind Tippelschritte nicht akzeptabel." Sie findet: Wir müssen endlich an §218 StGB ran - und Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland legalisieren.

So, jetzt aber. Nach so viel Internet ist es jetzt Zeit für mich, an die frische Luft zu gehen und das Patriarchat in den Hintern zu treten. Wer kommt mit?

Samstag, 23. Februar 2019

[Samstagstee] mit Sophie Scholl

Tee ist ein super Start ins Wochenende.
Jedes Wochenende sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Ganz ehrlich? Die Woche war so schnell um, dass ich keine Ahnung habe, was ich euch dazu erzählen soll. Lasst uns daher gleich in die Netzfunde hüpfen, ja?

Netzfunde der Woche 

Diese Woche hatte ich einen Lesetipp für euch: "Heraus aus der Finsternis" ist ein Comic über Frauenrechte zum Beginn der Weimarer Republik ab acht Jahren, der auch älteren Leser*innen Freude bereiten dürfte.

Ansonsten hat mich eine junge Frau beschäftigt, die den Beginn der Weimarer Republik nicht miterlebt hat: Sophie Scholl.

Sophie Scholl: Film, Hörbücher, Podcasts

"Man muss etwas machen, um selbst keine Schuld zu haben." Aus dieser Überzeugung heraus kämpfte Sophie Scholl gegen den Nationalsozialismus. Sie verfasste und verteilte Flugblätter für die Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Am Freitag vo 76 Jahren wurde sie dafür mit gerade mal 21 Jahren verhaftet. Grund genug, mal zu schauen, was es so an Medienangeboten zu Sophie gibt, dachte ich mir!

Auf Amazon Prime ist "Sophie Scholl - Die letzten Tage" mit Julia Jentsch abrufbar. Den habe ich vor vielen Jahren im Kino gesehen und mochte ihn damals sehr gerne.

"Wer war Sophie Scholl?" von Barbara Sichtermann gibt's als ungekürztes Hörbuch auf Spotify und hat Kinder/Jugendliche als Zielgruppe. Mir persönlich war's etwas zu behäbig, die Sprache zu einfach - aber für den Erstkontakt mit deutscher Geschichte und Widerstand im Dritten Reich taugt es bestimmt!

Gut gefallen hat mir dagegen "Sophie Scholl - Ein Leben" (Spotify-Link). Das Feature von Hermann Vinke konzentriert sich auf Sophies Alltags, ihre Lebensfreude und ihre Liebesbeziehung zu Fritz Hartnagel statt auf die Weiße Rose. Da Sophie hinter dem Widerstand oft geradezu unsichtbar wird, fand ich das super.

Gerade höre ich selbst noch "Zu blau der Himmel im Februar" von Jutta Schubert (Spotify-Link). Der Roman nimmt Alexander Schmorell in den Blick, über den ich - wenig überraschend - so viel weniger weiß als über Sophie. Zeit, das zu ändern!

Ihr habt am Wochenende keine Zeit für Filme und Hörbücher? Kein Problem, es gibt auch genügend kürzere Stücke zum Lesen und Anhören.

Die Historikerin Barbara Beuys hat eine Biografie über Sophie geschrieben und dem SRF ein Interview dazu gegeben. Darin betont sie besonders die Widersprüche in Sophies Persönlichkeit und Geschichte - Sophie sei zwar keine Heldin, aber auf jeden Fall eine außergewöhnliche Persönlichkeit gewesen.


In ihrem Geständnis hat sich Sophie sehr bemüht, möglichst viel Schuld auf sich zu nehmen, um andere zu schützen. Nachzulesen und zu hören ist es auf wissen.de: "Nachdem mir eröffnet wurde, dass mein Bruder Hans Scholl sich entschlossen hat, [...] von den Beweggründen unserer Handlungsweise ausgehend die reine Wahrheit zu sagen, will auch ich nicht länger an mich halten [...]."

Sophies Bruder Hans Scholl widmet sich ein Interview im Deutschlandfunk. Darin zeichnet der Theologe Robert M. Zoske nach, wie aus dem begeisterten Anhänger des Nationalsozialismus ein Widerstandskämpfer wurde: mit Freiheitsliebe, Homosexualität und Religiösität als den Hauptzutaten.

Astrid hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass sie vor 2018 in ihrer (absolut empfehlenswerten!) Great Women-Reihe Inge Aicher-Scholl porträtiert hat. Inge ist die Schwester von Sophie und Hans und war lange die treibende Kraft hinter der Erinnerung an die beiden. Ich füge daher diesen Link noch nachträglich ein.

Deutschlandfunk Kultur machte sich vergangenen September auf Spurensuche in München, wo die Geschwister Scholl und ihre Freunde aktiv waren. Zwischendurch geht's auch um die Vereinnahmung von Zitaten durch die AfD. 

Habt ein schönes Wochenende!

Donnerstag, 21. Februar 2019

[Rezension] Heraus aus der Finsternis – mit Girl Power und Eichhörnchen!

"Heraus aus der Finsternis": Rezension
"Heraus aus der Finsternis" vom Zwerchfell Verlag: Girl Power mit Eichhörnchen

Werbung: „Heraus aus der Finsternis“ wurde mir freundlicherweise vom Zwerchfell Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Was könnte besser geeignet sein, als eine Zugfahrt nach Frankfurt, um „Heraus aus der Finsternis“ zu rezensieren, die Co-Produktion des Jungen Museum Frankfurt und des Zwerchfell Verlags? Nichts, sage ich euch – der Comicband war eine sehr kurzweilige Reisebegleitung.

Worum geht’s in „Heraus aus der Finsternis“?

Frankfurt, im November 1918. Käthe, Jenny, Franzi und Jossi haben ein Problem: Die ganze Stadt wird von Jungsbanden beherrscht, die den Mädchen das Leben schwer machen. Sie klauen ihnen die Murmeln, vertreiben sie von ihren Treffpunkten („Das ist unser Truppenplatz!“) und dann und wann kommt es zu Prügeleien mit blutigen Schrammen und zerrissener Kleidung.

Damit wollen die vier Mädchen sich nicht abfinden. Während im Hintergrund der Krieg zu Ende geht und erwachsene Frauen für ihr Wahlrecht demonstrieren, entscheiden sich die Freundinnen, etwas zu unternehmen – und Frankfurts ersten Verein gegen Gewalt an Mädchen zu gründen. Unter dem Symbol des Eichhörnchens schreiten sie zur Tat.

Wie liest sich „Heraus aus der Finsternis“?

Empfohlen ist „Heraus aus der Finsternis“ ab acht Jahren und entsprechend verläuft die Handlung ohne große Umwege. Die vier Mädchen aus ganz unterschiedlichen Milieus und Vierteln Frankfurts treffen sich, erkennen ein Problem und gehen es an. Dabei werden die Klassenunterschiede nicht weiter thematisiert, der politische Wille vereinigt sie auf der Stelle. Ganz so sozialromantisch war es bei den erwachsenen Frauen ja nun nicht - bürgerliche Frauen wollten das Zensuswahlrecht, bei dem nur wählen darf, wer finanziell gut gestellt ist. Umso schöner, dass auch wirklich jedes der Mädchen sich bei der gemeinsamen Mission einbringen und etwas beitragen kann!

Trotz junger Zielgruppe werden die Probleme der Zeit nicht übertüncht: Die Mutter der kleinen Jenny sorgt sich um ihren Arbeitsplatz in der Fabrik, wenn die Männer aus dem Krieg heimkehren. Käthe wird von ihrem Vater verprügelt und trägt noch seitenlang die Spuren im Gesicht. Die eine oder andere Figur zeigt mit Augenklappe und amputiertem Bein, dass es sich wirklich nicht um eine friedliche Epoche handelt.

Dass die Geschichte in Frankfurt spielt, wird schnell deutlich, ist es doch die „Woschtfett-Bande“, die den Mädchen hauptsächlich auf die Nerven geht. Der Dialekt ist aber so sparsam eingesetzt, dass auch unbedingte Hochdeutschsprechende keine Verständnisprobleme haben sollten (spannend: Der Dialekt kommt hauptsächlich bei der durchaus bürgerlichen Familie vor, gar nicht in der Unterschicht!).

Wer sich in Frankfurt besser auskennt als ich, mag sogar in den Stadtansichten vertrautes entdecken – meine Ortskenntnis beschränkt sich auf Wolkenkratzer und die sind natürlich noch nicht zu sehen.

Besonders gefallen hat mir natürlich der immer wiederkehrenden Bezug zur Frauenbewegung. So ist bereits der Titel des Comics ein Teilzitat: „Mädchen und Frauen, heraus aus der Finsternis!“, war einer der Slogans zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Und es bleibt nicht bei diesem einen vertrauten Satz: „Jungs sind halt so“, sagt ein Vater an einer Stelle mal abwehrend zum Töchterlein, ein Spruch, der bis heute viel zu häufig fällt. Dass Geschlechterrollen aber überhaupt nicht unveränderlich sind, zeigen die erwachsenen Frauen in dieser Geschichte: Durch ihre Arbeit in Fabrik und Kiosk, durch ihre Dominanz in der Familie, durch ihre politische Arbeit haben sie sich einen Platz erkämpft, den sie sich nicht mehr streitig machen wollen – als gleichberechtigte Bürgerinnen der neuen Republik.

Dieses Zeitgeschehen wird immer wieder locker in die Handlung eingeflochten: Über Lebensmittelmarken, Feldpostbriefe, aber auch Zeitungen, Flugblätter und Gespräche zwischen Erwachsenen erreicht es die Mädchen – und spornt sie an, auch die eigenen Probleme in die Hand zu nehmen.

Wie wichtig (feministische) Vorbilder sind, zeigt sich an Tony Sender. Die junge SPD-Politikerin und Kämpferin für Frauenrechte ist eine „Heldin“ für Franzi. Und ausgerechnet diese bewunderte Heldin hilft der kleinen Mädchenbande bei der Vervielfältigung ihrer Flugblätter. Meta Quarck-Hammerschlag, erste Frau im Frankfurter Stadtrat, taugt immerhin als Silbenvorlage für das Hüpfspiel der Mädchen – Alltagsnähe ist da sowas von gegeben.

Wem die Verweise auf Zeitungsartikel und Flugblätter nicht ausreicht, der findet auf der letzten Doppelseite eine kurze historische Einordnung sowie ein Glossar, das die wichtigsten Ereignisse und Personen zusammenfasst. Außerdem werden hier Stücke des Jungen Museum Frankfurt gezeigt, in dem noch bis März 2020 eine thematisch passende Ausstellung zu sehen ist („Dagegen? Dafür! Revolution. Macht. Geschichte.“).

Entzückend finde ich das Suchspiel, das dazu auffordert, noch einmal durch die Comicseiten zu blättern und die Dinge zu suchen, die zum Handlungszeitpunkt noch gar nicht existiert hatten – auch für erwachsene Leser*innen eine Herausforderung! Schade nur, dass sich hier eine Jahreszahl hineingemogelt hat, die mit der Handlung so gar nichts zu tun hat – 1742 war da doch schon ein Weilchen her!

Und wie sieht „Heraus aus der Finsternis“ aus?

Die reduzierte Farbwelt mit den gedeckten Rot-, Gelb- und Blautönen erinnert mich ein wenig an die Reihe um "Hilda". Sie schafft klare, mal warme, mal kalte Räume durch die sich die Hauptfiguren bewegen. Mit wenigen Strichen hat Annelie Wagner Figuren geschaffen, die man problemlos auseinanderhalten kann: Die kämpferische Käthe mit den Pippi-Langstrumpf-Zöpfen, die schüchterne, blonde Jenny, Franzi mit den erdbeerroten Locken und den frech blitzenden Augen und Jossi mit dem dunklen Bob, der wohl nicht von ungefähr an Rosa Luxemburg erinnert („Mädchen aller Viertel, vereinigt euch!“).

Auch die Zeichnungen historischer Personen wie Tony Sender und Meta Quarck-Hammerschlag sehen ihren eigenen Fotografien sehr ähnlich.

Fazit: Lesen!

Leichtfüßiges Empowerment für kleine und große Leserinnen ab 8 Jahren – nicht nur aus Frankfurt am Main! – , das ganz nebenher Geschichtswissen vermittelt und Lust auf mehr macht. Ich find’s super!

Harte Fakten

Titel: Heraus aus der Finsternis
Text: Christopher Tauber
Illustrationen: Annelie Wagner
Verlag: Zwerchfell
Umfang: 52 Seiten
Erscheinung: Januar 2019
Preis: 12 €

Samstag, 16. Februar 2019

[Samstagstee] mit Schwangerschaftsabbrüchen

Ein Wochenende muss einfach mit Tee anfangen. Mit viel Tee!
Jedes Wochenende sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Na, wie geht's euch? Seid ihr gut durch die Woche gekommen? Bei mir war diese Woche die letzte Vorlesungswoche des ersten Semesters. Ein Viertel meines Studiums ist damit quasi schon wieder vorbei - bei diesem Tempo wird mir ganz schwindelig. 

Trotzdem kann ich ein gutes Fazit aus den vergangenen Monaten ziehen: Es war eine gute Entscheidung, zurück an die Uni zu gehen. Weil mir erstens das Semester großen Spaß gemacht hat und ich zweitens mit meinem Nebenjob sehr glücklich bin.

Netzfunde der Woche: Schwangerschaftsabbrüche again

Zugegeben: Die kommen derzeit ein bisschen kurz. Neben Studium, Job und Ehrenamt bleibt gerade wenig Zeit und Muße im Netz zu lesen und das am Ende der Woche aufzubereiten. Aber dieses Mal hat sich wieder einiges angestaut.

Fünf Millionen für unnötige Abtreibungsstudie

Schuld ist Jens Spahn. Unser Gesundheitsminister hat nämlich Ende letzter Woche fünf Millionen Euro für eine Studie über die seelischen Folgen des Schwangerschaftsabbruchs bewilligt bekommen (hier nachzulesen bei Spiegel Online).

Das Problem daran: Es gibt solche Studien schon längst. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass es manchen Menschen nach einem Abbruch nicht so gut geht - vor allem wegen der Stigmatisierung oder dem Druck durch Angehörige. Nachlesen lässt sich das unter anderem auf familienplanung.de, einer Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Diese Bundeszentrale wiederum ist "eine Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit" (Wikipedia).

Anders formuliert: Jens Spahn müsste einfach nur mal bei seinen Kolleg*innen in Köln anrufen, wenn er das nicht wüsste. In Zeiten von Telefonflatrates ist das deutlich günstiger als fünf Millionen Euro. Man kann wohl davon ausgehen, dass die Ergebnisse durchaus bekannt, aber politisch nicht erwünscht sind.

Widerstand gegen die fünf Millionen für die nutzlose Spahnstudie regt sich zum Beispiel auf Change.org. Dort hat Nike van Dinther eine Petition gestartet, in der sie den Gesundheitsminister unter anderem dazu auffordert, die fünf Millionen lieber für etwas Vernünftiges auszugeben. Zum Beispiel für die psychologische Hilfe ungewollter Kinder und Menschen, die nie Mutter werden wollten.

Innerhalb weniger Tage hat die Petition knapp 60.000 Unterschriften gesammelt. Vielleicht möchtet ihr eure auch noch hinzufügen?

Abtreibungswerbung? Weg mit §219a!

Während Spahns Millionen Aufregung verbreiten, geht ein anderes Thema gerade ein bisschen unter. §219a StGB nämlich. Das ist der Paragraph, der "Werbung" für Abtreibung verbieten soll, aber die Verbreitung von Informationen erschwert ("Welche Praxis nimmt Abbrüche mit welcher Methode und unter welchen Umständen vor?").

Die Anhörung zum aktuellen Gesetzesentwurf findet am Montag statt. Vermutet wird, dass die Gesetzesänderung schon Ende der Woche beschlossen wird. Mareice Kaiser hat ze.tt erklärt, warum dieser Entwurf Mist ist.

PinkStinks haben sich zu diesem Anlass mal angeschaut, wie Abtreibungswerbung in der Realität so aussieht. Und wie Abtreibungsgegner*innen für ihre Position werben.

 Habt ein schönes Wochenende!

Mittwoch, 6. Februar 2019

[Rezension] Hand aufs Herz – von Frauenrechten in Marokko

"Hand aufs Herz": Die Graphic Novel von Leila Slimani erzählt von aufbegehrenden Frauen in Marokko.
Werbung: "Hand aufs Herz" wurde mir freundlicherweise vom avant-Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Triggerwarnung: Sexualisierte Gewalt

„Ich wünsche mir eine strahlendere und freiere Zukunft“, schreibt Leila Slimani im Vorwort ihrer Graphic Novel „Hand aufs Herz“, eine Zukunft, in der die marokkanische Gesellschaft ein entspannteres Verhältnis zu Körpern und Sexualität hat. Denn der Status quo ist so gar nicht strahlend und frei ist – Leila zeigt, wie insbesondere Frauen darunter leiden, aber auch, welche Schlupflöcher sie sich schaffen und wie sie aufbegehren.

Inhalt

Die marokkanisch-französische Autorin Leila ist 2015 in Marokko auf Lesereise, als sie Nour trifft. Die neue Bekannte schüttet ihr das Herz aus, erzählt von der Suche nach einem eigenen Umgang mit Sex zwischen den Anforderungen einer restriktiven Gesellschaft und aufbegehrenden Freundinnen. Die beiden sprechen über Jungfräulichkeit, Vergewaltigung, sexuell übertragbaren Krankheiten, aber auch um Liebe und die Entdeckung der Klitoris. Überschattet sind all diese Themen von Artikel 490 des Strafrechts, denn dieser Artikel stellt sexuelle Beziehungen zwischen unverheirateten Menschen unter Gefängnisstrafe.

Schwangerschaftsabbrüche sind in Marokko ebenfalls strafbar – trotzdem gibt es rund 600 Abtreibungen am Tag und hunderte ungewollt Schwangere sterben jährlich an den Folgen. Die Szene, in der Nour von ihrem eigenen Schwangerschaftsabbruch erzählt, ist eine der bedrückendsten in „Hand aufs Herz“. Denn im Wartezimmer trifft sie auf eine Frau, die den Abbruch nicht bezahlen kann. Noch Jahre später sorgt sich Nour, dass die Unbekannte sich vielleicht prostituieren musste, um das Geld aufzutreiben oder sich gar umgebracht haben könnte. Nour macht sich Vorwürfe, dass sie der Fremden den Abbruch nicht bezahlt hat. Hier wird die Frage nach Solidarität unter Frauen gestellt, die auch in anderen Szenen immer wieder eine Rolle spielt: Wann unterstützen sie sich gegenseitig in ihrem Umgang mit Sexualität und wann siegt die Scham, der gesellschaftliche Zwang?

Diese Frage nach Solidarität wird auch in Bezug auf das Kopftuch gestellt. So erzählt Nour von schiefen Blicken im Büro, als sie mit unbedeckten Haaren und im Rock auftauchte. Nie, nie wieder würde sie das tun. Unter Einfluss dieses Erlebnisses beschäftigte sich Nour mit den religiösen Grundlagen und sprach auch mit der feministischen Theologin Asma Lambaret. Diese meint, die Unterdrückung der Frau sei eigentlich kein islamisches Problem. In Marokko habe man es vielmehr mit fragwürdigen Übersetzungen von Koranversen zu tun, die Frauen zu passiven Objekten machten, obwohl es auch emanzipatorische Übersetzungsmöglichkeiten gebe. Teilweise handele es sich einfach um misogyne Traditionen, statt um echte religiöse Gebote.

Auch Leilas Erinnerung an ein Interview mit einer lesbischen Frau deutet auf eine viel stärker soziale Rolle der Kopfbedeckung hin. Ihre Interviewpartnerin merkt an, dass eben auch Frauen andere Frauen ohne Kopftuch schief angucken, dass Kopftücher aus modischen Gründen oder als Schutz vor Belästigung getragen werden – man erzähle sich, „es halte wilde Tiere fern“. Es scheint, als wäre hier auch ordentlich Victim Blaming am Werk, denn das Bild dazu zeigt zwei verschleierte Frauen verächtlich lächelnd an einer Frau vorbeistolzieren, die kein Kopftuch trägt und von Wildkatzen attackiert wird. Auch Frauen, das wird in diesen Szenen deutlich, halten das unterdrückende System aufrecht.

Die Situation der Frauen in Marokko lässt Leila nach der Begegnung mit Nour nicht mehr los. Und so spricht sie mit weiteren Frauen über ihr Leben – zum Beispiel mit der Haushälterin ihrer Eltern, mit Freundinnen Nours und interviewt eine Sexarbeiterin zu ihrem (Sexual-)Leben.

Auch ein paar Männer kommen zu Wort – und hier bin ich zwiegespalten. Auf der einen Seite bringt Nabil Ayouch, der Regisseur des Filmes „Much Loved“ eine systemische Sicht auf das Geschäft – er kritisiert die moralische Verdammung von Sexualität und gleichzeitige Ausbreitung von Internetpornografie und Prostitution. Aber Männer zu feministischen Themen zu befragen, bietet auch ebenso bekannte wie nervige Fallstricke. So endet die Handlung denn auch mit etwas, das ich nur als „Fail“ bezeichnen kann: Ausgerechnet der letzte Interviewpartner versaut mir die Lesefreude, als er sagt: „Ich hoffe, dass du kein zu negatives Bild von den Männern hier vermittelst. Weißt du, wir haben nicht alle so archaische Vorstellungen von Frauen.“ Ein #notallmen zum Abschluss? Bitter! Für mich fühlt es sich das an, als würde ein Eislaufkünstler nach einer richtig guten Kür auf dem Weg vom Eis über die eigenen Füße stolpern und auf der Nase landen. Autsch.

Da hilft nur, sich vor Augen zu führen, was „Hand aufs Herz“ über die Gesprächsaufzeichnungen hinaus leistet, um den Leser*innen einen tieferen Blick in die aktuelle Situation in Marokko zu geben. Zwischen zwei Blöcken mit Gesprächen gibt es ein schlaglichtartiger Überblick über die Skandale, die marokkanische Gesellschaft im Sommer 2015 in Atem hielten – darunter die Veröffentlichung des erwähnten Films „Much Loved“. Nach Abschluss der Handlung finden sich zusätzlich noch illustrierte Kurzbiografien der Interviewpartner*innen, inklusive Tipps zum Weiterlesen oder Weiterschauen. Das ist fantastisch – denn nach der Lektüre von „Hand aufs Herz“ bin ich mir sicher, dass ich mehr über feministischen Aktivismus in Marokko erfahren möchte.

Schreib- und Zeichenstil

Ich sage es gleich: Wer auf Comics mit viel Action steht, wird hier enttäuscht sein. Denn in erster Linie werden hier Menschen im Gespräch gezeigt. Das bedeutet: Viele ausladende Sprechblasen, teils neben freigestellten Porträts. Das bleibt oft recht statisch – mehr noch, weil landestypische Besonderheiten wie etwa der Gesetzestext zu Artikel 490 im Geschehen zitiert werden. So steht teilweise förmliche Sprache neben steifen Bildern.

Dennoch finde ich, dass sich „Hand aufs Herz“ in Comicform lohnt. Mir helfen die Zeichnungen dabei, ein besseres Gefühl für die gezeigten Personen zu bekommen. Und auch dabei, sie in der Fülle der Charaktere untereinander nicht zu verwechseln.

Man merkt den Bildern und Texten an, dass Leila vor allem Leser*innen im Kopf hatte, die keine Ahnung von Marokko haben und an die Hand genommen werden müssen. Die vielen Stadt- und Landschaftsimpressionen zwischen den Gesprächen geben einen Eindruck der Atmosphäre, der Einschub zu den Skandalen im Sommer 2015 holt Leila Leser*innen ab, die sonst keine konkrete Vorstellung davon hätten, wie die aktuelle Situation in Marokko so war.

Vor allem aber lohnt sich „Hand aufs Herz“ wegen der Buntstiftzeichnungen von Laetitia Coryn, deren liebevolle Details durch die verwendeten Buntstifte so warm wirken und eine tolle Struktur haben.

Fazit: Unbedingt lesenswert!

Trotz des in meinen Augen grandios verkackten Schlusses: „Hand aufs Herz“ fängt so viele Stimmen ein, dass auch das #notallmen den Gesamteindruck nicht zerstören kann. Mir gefällt, dass nicht über, sondern mit Frauen gesprochen wird, dass differenziert auf die Rolle des Islams eingegangen wird, dass Frauen nicht in passiver Opferrolle verharrend gezeigt. Gerade weil in Europa die Diskussion über Frauen im Islam und speziell das Kopftuch (auch in feministischen Kreisen!) sehr stark über die Köpfe muslimischer Frauen hinweg und mit harten Bandagen geführt wird, finde ich diese Graphic Novel sehr empfehlenswert.

Harte Fakten
Titel: Hand aufs Herz
Autorin: Leila Slimani (Übersetzung: Kerstin Behre, Zeichnungen: Laetitia Coryn)
Verlag: avant
Umfang: 108 Seiten
Erscheinung: September 2018
Preis: 25 €

Sonntag, 3. Februar 2019

[Sonntagstee] mit feministischen Netzfunden

Tee mit Katze. Dieses Wochenende sogar mit echtem Flauschtiger.
Jedes Wochenende sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Die letzten Wochen habe ich geschwänzt, zum Beispiel weil ich mit vor Kälte leuchtenden Ohren und Nasenspitze auf einer Demo stand. Obwohl es hier in Berlin schweinekalt war, demonstrierten laut Veranstalter*innen 700 Menschen auf dem Rosa-Luxemburg-Platz gegen §219a StGB.

Meine erste Demo nach dem Umzug nach Berlin war zu genau diesem Thema mit Isa von Crafts & Cramps vor dem Reichstag. Ich wünschte, das Thema hätte sich 2018 erledigt und ich müsste nicht mehr bibbernd mit Eiszehen Schilder hochhalten, die Informationen in Notsituationen fordern.


Zu Hause war dann Badewanne zum Auftauen angesagt - für Netzfunde blieb dabei keine Zeit. Deswegen bekommt ihr jetzt die geballten Netzfunde von insgesamt drei Wochen.

Feministische Netzfunde der letzten Wochen


Wenige Tage nach dem bundesweiten Aktionstag gegen §219a StGB wurde der Kompromisvorschlag der Regierungsparteien veröffentlicht. Warum der kein Grund zum Jubeln ist, hat Mareice Kaiser für ze.tt zusammengefasst.

Raul Krauthausen hat einen Blogpost geschrieben, der in meiner Bubble viel Aufmerksamkeit bekommen hat: "Ungenaue Sprache hilft niemandem" fordert, keine Euphemismen zu verwenden und Behinderung als solche zu benennen.

Clara Zetkin, Simone de Beauvoir und Judith Butler - von diesen drei Feministinnen hat wahrscheinlich jede*r schon mal gehört. Aber wie sieht es eigentlich aus mit Trịnh Thị Minh Hà, Demet Demir oder Rita Banerji? ze.tt stellt zehn Feministinnen vor, die mensch kennen muss.

Feminismus ist zur poppigen Massenbewegung geworden - stellenweise entpolitisiert, historisch simplifiziert, leicht konsumierbar. Laura Dshamilja Weber fragt auf Zeit Online, ob das wirklich ein Problem ist. Und ich bin geneigt, ihr zumindest in einem Punkt zuzustimmen: Es ist schön, wenn niemand mehr Dutzende Uniseminare besuchen muss, um sich einer Bewegung anzuschließen, die das Patriarchat überwinden will.

Die innenAnsicht war auch fleißig. In einer bislang zweiteiligen Serie widmet sich Tabea Farnbacher Fragen, die Feminist*innen immer wieder hören: "Aber warum brauchen wir Feminismus denn heute noch?" und "Aber wieso heißt das Feminismus und nicht Equalismus/Humanismus/etc.?" Damit wir bei der nächsten Fragerei Spickzettel parat haben.
Auch ich habe mich in dieser Woche einem feministischen Standardproblem gewidmet und ein Plädoyer für den selbstbestimmten Gesichtsausdruck geschrieben.

Habt einen wundervollen Sonntag!

Samstag, 12. Januar 2019

[Samstagstee] mit feministischen Netzfunden

... und den Tee! Und Wochenende!
Jedes Wochenende sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Das war eine gute Woche. Aus den Weihnachtsferien ins Leben mit Tageszeiten, Terminen und dem Tragen ordentlicher Kleidung zurückgekehrt. Referat gehalten. Ersten Arbeitstag im neuen Job gehabt. Nach der hochgemütlichen, zeitlosen Phase zwischen den Jahren ein ziemlich rasanter Start. Deswegen wird das Wochenende jetzt wieder ganz entschleunigt. Ich plane feierliches Pyjama-Tragen mit den Besten.

Feministische Netzfunde der Woche

Weil ich mit Powerpointfolien, Studien und Mitarbeitendenhandbüchern beschäftigt war, ist in Sachen Linksammeln nicht so viel passiert. 

Aber die *innenAnsicht war fleißig und hat gleich zwei Artikel rausgehauen: Eine Rezension und einen Erfahrungsbericht. Die Rezension zu "Nicht nur Mütter waren schwanger" ist von mir und ich möchte euch das Buch auch an dieser Stelle nochmal dringend ans Herz legen. Alisa Tretau versammelt darin Stimmen zum Thema Kinderwunsch, Schwangerschaft und Elternsein, die sonst nur selten zu hören sind. Wie es ist, als trans* Mann Fehlgeburten zu haben. Wie es ist, Schwarze Kinder zu bekommen. Wie es ist, im linken Milieu einen Kinderwunsch abzuwägen. Große Empfehlung auch nochmal an dieser Stelle!

Den Erfahrungsbericht in Sachen #metoo schrieb eine Redakteur*in, die anonym bleiben möchte. Sie hat als Jugendliche einen Übergriff erlebt - und erst Jahre später verstanden, dass es einer war. Ein Jahr, nachdem der Hashtag seine Kreise gezogen hat, sucht einer der damals Beteiligten das Gespräch.

Was macht euch eigentlich zur Frau? Die Frage stellte Nina Jaros auf Twitter. Denn als trans Frau werde die sehr häufig dazu aufgefordert, ihre Weiblichkeit zu rechtfertigen. Der verlinkte Artikel im Supernova-Mag zeigt: Eine richtige Antwort auf diese Frage kennen die meisten cis Frauen nicht. Sie spüren halt. Das gilt offensichtlich für cis und trans Frauen gleichermaßen. 

Habt ein schönes Wochenende!

Mittwoch, 9. Januar 2019

[Rezension] Aus dem Leben einer Abenteurerin: "Hilda and the Troll"

DIe kleine Abenteurerin Hilda aus den gleichnamigen Comics ist die Heldin meines Winters.
Bei Instagram habe ich vor einiger Zeit von der Netflix-Serie "Hilda" geschwärmt und besonders ihre diversen Figuren, die auch mal Genderrollen auf links drehen, gelobt. Mittlerweile ist der erste Band der Comic-Vorlage bei mir eingezogen und es ist Liiiiiebe!

Inhalt

Auf den ersten Blick ist Hilda ein ganz normales Mädchen. Sie liebt ihr Haustier, mag Nächte im Zelt und zeichnet gerne. Aber gleichzeitig ist Hilda auch ein ganz außergewöhnliches Mädchen: Ihr Haustier ist ein kleiner Fuch mit Geweih, Nächte im Zelt gefallen ihr bei heftigem Regen besonders gut und der Felsen, den sie malt, entpuppt sich schon mal als Troll. Aber, naja: "That's the life of an adventurer", so ist das Leben einer Abenteurerin nun mal - findet Hilda.

Im ersten Band der Reihe passiert tatsächlich nicht so viel mehr: Hilda zeltet und macht die Bekanntschaft eines Trolls, die eine ganz unerwartete Wendung nimmt. Nicht besonders gehaltvoll, könnte man meinen. Vor allem, weil die Geschichte keine großen Umwege nimmt, sondern ziemlich straight forward erzählt, was es zu erzählen gibt.

Langweilig oder gar enttäuschend ist "Hilda and the Troll" trotzdem bei Weitem nicht. Ganz im Gegenteil. So kurz und knackig die Handlung ist, so liebevoll führt sie uns doch in Hildas Welt und macht uns vertraut mit der kleinen Abenteurerin und den Wesen in ihrer Umgebung. Und arg viel mehr muss in einem ersten Band ja gar nicht sein, oder?

Zusätzlich zur Hauptgeschichte finden sich im hinteren Teil des Buchs noch ergänzende Skizzen, ein Kurzcomic über den Mann aus Holz und großformatige Zeichnungen, auf denen man Hildas Schreibtisch sowie eine Seite im Sachbuch über Trolle ganz genau begutachten kann. Ich liebe solche ergänzenden Inhalte.

Schreib- und Zeichenstil

Was mich sofort für "Hilda" eingenommen hat, sind die skurrilen Charaktere. Neben Hilda mit ihren blauen Haaren und ihrem gehörnten Fuchs gibt es nämlich auch noch den Wood Man, einen grummeligen Mann aus Holz, der ungebeten das Haus betritt, einen kurzarmigen Troll und - persönliche Favoriten! - fliegende gelbe Bobbel mit Hundegesichtern.

Die Zeichnungen sind in einer reduzierten, warmen Farbwelt gehalten. Neben dem tiefen Petrol dominieren ein gedämpftes Gelb neben Tomatenrot und Brauntönen. Ich weiß nicht, ob man durch diese Seiten blättern kann, ohne sich darin einwickeln zu wollen. Ich kann es nicht, denn die Farben versprechen extreme Kuscheligkeit.

Dass zusätzlich auch noch Schnee fällt, macht "Hilda and the Troll" zu einem perfekten Einkuschelcomic für Herbst- und Winterabende.

Fazit

Die Hilda-Comics sind eigentlich für Kinder gedacht. Aber: No way! Dieses Plädoyer für Liebe zur Natur, Abenteuerlust und Mitgefühl ist super für alle, die auf coole Heldinnen und skandinavisch angehauchte Mythen stehen und einen Spritzer Abenteuer im Leben haben wollen. (Jedenfalls von der Couch aus.)

Übrigens: Ich habe mich zwar für die englischsprachige Originalausgabe entschieden. Aber Hilda ist auch auf deutsch erschienen, beim Reprodukt-Verlag. Nur, falls ihr die kleine Abenteurerin lieber ohne Fremdsprache genießen oder an jüngere Trollfreund*innen verschenken wollt.

Außerdem gibt's Hilda wie gesagt auch als Netflix-Serie! Die erste Staffel habe ich quasi in einem Sitz durchgeschaut und kann sie nur wärmstens empfehlen. 

Harte Fakten

Titel: Hilda and the Troll
Autor: Luke Pearson
Verlag: Flying Eye Books
Umfang: 40 Seiten
Erscheinung: Dezember 2015
Preis: 10,95 €