Samstag, 24. November 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden zu partnerschaftlicher Gewalt

Tee zum Samstagmorgen - mit Katze, für die Niedlichkeit.
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Inhaltswarnung: Es geht unter anderem um sexualisierte Gewalt.

Mitte der Woche habe ich "Female Pleasure" im Kino gesehen.Vielleicht habt ihr von diesem Film schon gehört? In meiner Blase wird er jedenfalls sehr gefeiert. "Female Pleasure" porträtiert Frauen aus den fünf Weltreligionen - und zeigt, wie Islam, Christentum, Judentum, Buddhismus und Hinduismus gleichermaßen Frauen und die weibliche Lust unterdrücken. 

Leyla kämpft mit Workshops gegen Genitalverstümmelung, Doris wurde im Kloster vergewaltigt, Deborah ist aus ihrer Zwangsehe geflüchtet, Rokudenashiko wurde wegen "3D-Unzüchtigkeit für ihre Vulvakunst verhaftet und Vithika bietet in Indien Sexualaufklärung. Da nur diese fünf Frauen über ihre oft bitteren Erfahrungen und ihren Werdegang sprechen, kann man ihrem Schmerz und ihrer Stärke ganz nah kommen.

Dass dabei aber konsequent Vulven "Vagina" genannt werden und das entscheidende Merkmal für's Frausein sind: Ganz schön bitter für einen feministischen Film. .
 

Dass gleichzeitig die weibliche Lust, von der doch der Titel erzählt, so unendlich unsichtbar bleibt, fand ich noch trauriger. Das höchste der Gefühle waren süßliche Szenen aus Heterobeziehungen mit den jeweiligen Partnern – „so muss es sein“, strahlte die Ex-Nonne.
Und so sehr ich mich freue, dass sie ihr Glück gefunden hat und der Film auf ein empowerndes Finale zusteuert: Weibliche Lust besteht dann doch aus mehr als aus dem Familiegründen mit dem Herzallerliebsten.

Das macht den Film nicht schlecht - er funktioniert gut als Portät fünf mutiger Frauen, die sich gegen religiöse Unterdrückung engagieren. Aber als Film über weibliche Lust, ist er mir definitiv zu eindimensional.


Auf jeden Fall passt "Female Pleasure" thematisch super zu den Artikeln, die ich euch diese Woche zusammengetragen habe.

Netzfunde der Woche

Morgen, am 25. November ist der Internationale Gedenktag gegen Gewalt an Frauen. Entsprechend habe ich mich bei der Auswahl der dieswöchigen Linktipps auf dieses Thema konzentriert.

Beziehungsgewalt

Wie tagesschau.de berichtet, hat Familienministerin Giffey für Opfer häuslicher Gewalt mehr Hilfe und Schutz angekündigt. Im Artikel gibt es eine Menge Zahlen und Hintergrundinformationen zum Thema, ebenso beim Deutschlandfunk.

Patricia Hecht kritisiert in der taz, dass Gewalt gegen Frauen in den Medien nur skandalisiert wird, wenn der Täter kein Deutscher ist. Beziehungstaten hingegen bekämen kaum Aufmerksamkeit.

Zeit Online hat Stefanie Leich vom Hamburger Frauenhaus interviewt. Sie meint, um Beziehungsgewalt zu reduzieren, sei Täter*innenarbeit extrem wichtig - aber es gebe dafür kaum Angebote.  

Katharina Göpner vom Frauenhilfeverband geht im Interview mit der taz unter anderem darauf ein, warum Frauen in gewalttätigen Beziehungen oft keine Hilfe suchen, welche Gruppen besonders häufig betroffen sind und wie Prävention aussehen kann. 

Hengameh Yaghoobifarah macht bei der taz darauf aufmerksam, dass besonders trans Frauen in den Statistiken zu Gewalt gegen Frauen oft unsichtbar bleiben.

Gewalt in der Beziehung betrifft auch ältere Menschen, berichtet Simone Schmollak bei der taz. In dieser Gruppe sei aber die gegenseitige Abhängigkeit besonders groß und daher auch die Chancen, aus der Beziehung auszubrechen sehr gering.

Spiegel Online erzählt die Geschichte von Thea, deren (Ex-)Partner sie isoliert und misshandelt hat und die von Anneliese, deren Ehemann sie nach fast 60 Jahren mutmaßlich ermordet hat.

Maja Bogojević hat auf Instagram Demotermine für morgen geteilt:
Insbruck · 14.00 · Maria-Theresien-Straße
Berlin · 15.00 · Herrmannplatz (flti* only)
Hamburg · 13.00 · Landungsbrücken
München · 14.00 · Münchener Freiheit
Köln · 18.00 · Bahnhofsvorplatz
Cottbus · 10.00 · Quasimono
Salzburg · 16.00 · Am Platz

Habt ein schönes Wochenende - und passt gut aufeinander auf!

Samstag, 17. November 2018

[Samstagstee] mit Astrid Lindgren und Frauenwahlrecht

Samstage ohne Tee wären echt traurig.
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Irgendwann diese Woche ist mir aufgefallen, dass dieses Jahr ja gar nicht mehr so lange dauert. Also habe ich mit Weihnachts- und Silvesterplanungen angefangen - gar nicht so einfach, wenn es immer noch warm genug über dünne Jäckchen ist und überall goldene Blätter an den Bäumen hängen. Zwischendurch war auch noch eine Freundin zu Besuch in Berlin und bekam meine liebsten Orte gezeigt. Und während ich das schreibe, sitze ich im Zug in den Süden, wo ich mit Freund*innen ein Festival besuchen werde. Nach ein paar Wochen, die außer Uni nicht so viel enthalten haben, also geradezu turbulent!

Netzfunde der Woche

Diese Woche habe ich mal wieder reichlich Zeit damit verbracht, im Internet zu lesen. Dank eines besonderen Jubiläums gab es aber auch wirklich viel Spannendes zur Auswahl!

Astrid Lindgren

Diese Woche hätte Astrid Lindgren ihren 111. Geburtstag gefeiert. Lange Zeit kannte ich in erster Linie nur ihre Kinderbücher, nicht aber die tolle Frau dahinter. Daher habe ich am Freitag drei Bücher über Astrid vorgestellt.

In der taz erschien 2016 ein Gespräch mit Astrids Tochter Karin Nymann. Darin geht es unter anderem um den  zweiten Weltkrieg, Astrids Verhältnis zur deutschen Sprache und Pippi Langstrumpf.


100 Jahre Frauenwahlrecht

Am 12. November 1918 veröffentlichte der Rat der Voksbeauftragten einen „Aufruf an das deutsche Volk“. Darin hieß es: „Alle Wahlen zu öffentlichen Körperschaften sind fortan nach dem gleichen, geheimen, direkten, allgemeinen Wahlrecht auf Grund des proportionalen Wahlsystems für alle mindestens 20 Jahre alten männlichen und weiblichen Personen zu vollziehen.“ Kurz darauf wurde das Wahlrecht gesetzlich fixiert und bei der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung im Januar 1919 konnten Frauen zum ersten Mal auf nationaler Ebene ihr Wahlrecht nutzen. 

Die taz porträtiert zu diesem Anlass Marie Juchacz, die als erste Abgeordnete im Parlament sprach, und ihren Kampf für das Frauenwahlrecht.

Die Süddeutsche Zeitung hat den jahrzehntelangen Kampf ums Frauenwahlrecht in einem Quiz mit 31 Fragen nacherzählt. Ganz schön knifflig!

Der Tagesspiegel errinnert zum Jubiläum daran, dass das Frauenwahlrecht erst ein Anfang war und auch heute noch viel zu tun bleibt – wie beispielsweise #metoo gezeigt hat.

Spiegel Online empfiehlt das Doku-Drama "DieHälfte der Welt gehört uns. Als Frauen das Wahlrecht erkämpften" bei Arte - vielleicht eine Idee für den Samstagabend?


Habt ein wunderschönes Wochenende!

Freitag, 16. November 2018

[Rezension] Astrid Lindgren - auf den Spuren einer Kindheitsliebe

Am Mittwoch wäre sie 111 Jahre alt geworden, die Mutter von Michel aus Lönneberga, Kalle Blomquist und Pippi Langstrumpf. Astrid Lindgren war eine der liebsten Autor*innen meiner Kindheit. Ihretwegen habe ich in der Grundschule erstmals außerhalb der Schule kreativ geschrieben: Eine Fanfiction zu "Die Kinder von Bullerbü" - mit Bleistift in einem linierten Heft. 

Angestoßen von Frau Jule habe ich vor einiger Zeit dann Lust bekommen, mehr über die Autorin selbst zu erfahren. Dabei hat sich eine wahre Schatztruhe geöffnet, in der ich seitdem immer wieder herumstöbere. Anlässlich des unrunden Geburtstags möchte ich ein paar Funde mit euch teilen.

"Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939 -1945"

Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939 - 1945

„Oh! Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben." So beginnen Astrid Lindgrens Kriegstagebücher im September 1939. Den ganzen zweiten Weltkrieg hindurch, bis zum Oktober 1945 sammelt sie Zeitungssausschnitte, macht Notizen zum Weltgeschehen und berichtet über die Auswirkungen, die dieses auf Schweden hat. Angereichert sind die Tagebücher mit geheimen Informationen aus Astrids Nebenjob in der Briefzensur. Besonders spannende oder aufwühlende Stellen schreibt Astrid sich heraus. Auf diese Weise entsteht auf den knapp 600 Seiten eine Chronik, in der die private Astrid Lindgren seltsam verborgen bleibt. Ihr Inneres hält sie fern vom Tagebuch – selbst in persönlichen Krisen erreicht die Leser*innen nur eine schwache Ahnung der Stimmung, in der sich Astrid befunden haben muss.Ganz klar: Hier schreibt niemand, um sich selbst ein Denkmal zu setzen, sondern mit dem Ziel einer Chronik, geschrieben aus schwedischer Perspektive.

Diese Perspektive aus dem neutralen Land zeichnet sich einerseits aus durch die Dankbarkeit, von den direkten Auswirkungen des Krieges verschont zu bleiben - und doch andererseits in ständiger Angt zu sein, doch noch hinein gezogen zu werden. Haarklein listet Astrid beispielsweise auf, wie groß Lebensmittelrationen sind, was es an Feiertagen zu essen gab, welche Geschenke man wann wem machen kann. Als könnte man diese Dinge mit den Buchstaben aufs Papier bannen und so für immer festhalten, egal, was der Krieg noch bringen möge.

Neben dieser Mischung aus Dankbarkeit und Sorge sticht aber eines besonders hervor: Astrids Mitleid mit den kriegsgebeutelten Menschen - ganz unabhängig von ihrer Nationalität. Noch 1945 ist sie offenkundig bestützt, als sie von Annahmen berichtet, dass kein Berliner Säugling den Winter überleben würde. Wie viel Liebe ein Mensch selbst für "Feinde" in sich tragen kann, hat mich tief berührt.

Titel: Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939 - 1945
Autorin: Astrid Lindgren
Verlag: Ullstein Taschenbuch
Umfang: 598 Seiten
Erscheinung: November 2016
Preis: 14,00 €

"Astrid Lindgren. Ihr Leben" von Jens Andersen

Astrid Lindgren. Ihr Leben

Nach der Lektüre der Kriegstagebücher wollte ich endlich hinter die Fassade blicken, die Astrid in ihren Tagebüchern aufrecht erhält. Also habe ich mich der Biographie von Jens Andersen zugewandt, der ersten umfassenden Biographie, die nach Astrids Tod veröffentlicht wurde. Vielversprechend fand ich, dass die Biographie 2015 in Dänemark zum Sachbuch des Jahres gekürt wurde und  außerdem den rennomierten Politikens Litteraturpris erhielt. Leider muss ich gestehen: Ich wurde nicht warm mit dem Buch. Das liegt aber nicht an Astrid. Die ist mir nämlich spätestens jetzt so richtig ans Herz gewachsen.

Besonders berührt haben mich die Schilderungen aus Astrids jungen Jahren. Als rebellischer Teenager wird sie von ihrem verheirateten Vorgesetzten schwanger. Damit sein Ehebruch nicht allzu schnell auffällt, verschwinden Astrid und ihr Babybauch nach Stockholm. Einsam und heimlich muss sie ihren Sohn in Dänemark zur Welt bringen und dort bei einer Pflegemutter zurücklassen muss. Sie leidet sehr unter der Trennung – besonders deshalb, weil sie sich so intensiv in ihr Kind hineinversetzt und sich sorgt, wie sehr ihm die ständigen Abschiede zu schaffen machen. Wie sehr sie die Welt schon damals aus Kinderaugen betrachten kann, lässt verstehen, warum sie das anschließend Zeit ihres Lebens getan hat.

Soweit, so wunderbar. Nur leider schlingert Andersens Erzählweise in Astrids Leben nur so herum. Da wird eine Episode anerzählt, geht in eine andere über, kehrt zur ersten zurück - und erzählt deswegen noch einmal dasselbe Detail. Da das häufiger passiert und ich mir Einzelheiten üblicherweise ein paar Seiten lang merken kann, muss ich gestehen: Das nervt. Deswegen würde ich mich tatsächlich noch nach weiteren Biographien umsehen wollen. Vielleicht hat eine*r von euch einen Tipp für mich?

Titel: Astrid Lindgren. Ihr Leben
Autorin: Jens Andersen
Verlag: Pantheon Verlag
Umfang: 448 Seiten
Erscheinung: März 2017 (2. Auflage)
Preis: 16,99 €

"Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft" von Astrid Lindgren und Louise Hartung

Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft

Astrid Lindgren und Louise Hartung lernen sich 1953 bei einer Veranstaltung des Hauptjugendamts in Berlin kennen - und sind sich sofort sympathisch. Die Berlinerin fährt mit der schwedischen Autorin ins völlig zerstörte Ostberlin und steht weinend zwischen den Ruinen. Aus diesen emotionalen Momenten wächst eine elf Jahre währende Freundschaft, die sich in über 600 Briefen niederschlägt.

Dabei gibt es gleich zu Beginn ein großes Hindernis: Denn Louise verliebt sich Hals über Kopf in Astrid und verschreckt die scheue Schwedin damit sehr. Es dauert viele Briefe und einige Jahre, bis das romantische Drängen langsam schwindet. In dem Maße, in dem Louise Astrid nicht mehr mit Liebesbekundungen bestürmt, taut Astrid auf.

Aber weil Astrid sich im Laufe der Jahre so öffnet, hatte ich in diesem Briefwechsel erstmals das Gefühl, Astrid so richtig fassen zu können. Erstmals kommen ihre ganze Melancholie und der stetige Widerstreit zwischen ihrem Wunsch nach Einsamkeit und den Ansprüchen anderer zum Vorschein.

Trotzdem muss ich gestehen, dass estatsächlich Louise Hartung war, die mein Herz erobert hat: Eine deutsche Frau in den Fünfzigern und frühen Sechzigern, die so gar nicht den Vorstellungen entspricht, die man sich von dieser Zeit macht. Die stattdessen viel und in leitender Position arbeitet, überall mit dem Auto hinreist, Häuser kauft und von widerständischen Handlungen aus dem Dritten Reich berichtet, wo sie jüdische Freund*innen versteckte und jüdisches Kulturgut vor der Vernichtung rettete. 

Ich muss es so sagen: Dieser Briefwechsel ist mein bisheriger Favorit unter den Büchern über Astrid Lindgren. Trotzdem haben mich ein paar Aspekte an diesem wunderbaren Schmöker gestört. Herr Andersen und ich können einfach nicht so gut miteinander, fürchte ich.

Dass bei über 600 Briefen eine Auswahl getroffen und darin zusätzlich gekürzt werden musste, nehme ich zähneknirschend hin. Aber leider, leider sind die Kürzungen oft an den Stellen, wo ich gerade neugierig geworden bin und gerne weiterlesen wollte. Teilweise kommt so auch zustande, dass eine der Frauen sich auf einen vorhergegangenen Brief bezieht, der aber nicht abgedruckt wurde - da fehlt dann schon mal der Beginn einer Unterhaltung und lässt mich etwas orientierungslos zurück.

Noch ärgerlicher fand ich, dass Getraud Lemke in den Endnoten als "langjährige, enge Freundin" Louise Hartungs bezeichnet wird. Tatsächlich war es deren Lebensgefährtin. Was diese Unsichtbarmachung einer gleichgeschlechtlichen Beziehung sollte, kann ich mir nicht erklären. Denn dass Louise Hartung (auch) sexuelles Interesse an Frauen hatte, wird im Text doch ohnehin mehr als deutlich. Es besteht also kein Grund, ihre Beziehung kleinzuschreiben.

Und: Sagte ich Endnoten? Da diese nach Jahren aufgeteilt immer wieder bei "1" beginnen, führen sie zu einer elendigen Blätterei oder doppelten Lesezeichnen. Mir persönlich nimmt das grundsätzlich die Lust, konsequent nachzuschlagen und Bezüge zu klären.

Trotzdem: Wer Astrid Lindgren (oder Louise Hartung!) näher kommen möchte, dem sei ganz entschieden dieses Buch ans Herz gepresst. In ihren eigenen Worten schaffen es die beiden einfach am besten, den Kern ihres Wesens zu vermitteln.

Titel: Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft
Autorin: Jens Andersen, Jette Glaargard
Verlag: Ullstein Taschenbuch
Umfang: 592 Seiten
Erscheinung: November 2017
Preis: 14,00 €

Viel Spaß beim Schmökern!

Samstag, 10. November 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Netzfunde mit viel Tee sind die besseren Netzfunde.
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Erneut: Eine Woche voller Studiumsliebe. Es tut mir ja fast leid, dass ich euch derzeit keine aufregenden Anekdoten aus meinem Leben erzählen kann, aber es besteht wirklich in erster Linie aus U-Bahnfahren, Seminardiskussionen und vielen, vielen Texten. Alles andere tritt derzeit einen halben Schritt in den Hintergrund und darf da meiner Meinung nach auch noch ein wenig verweilen.

Netzfunde der Woche 

Diese Woche habe ich etwas mehr Zeit mit Lesen im Internet verbracht und kann euch deswegen mal wieder eine ordentliche Linksammlung präsentieren.

Feminismus


Aufgehängt an der Geschichte einer unerfreulichen Bahnfahrt überlegt Freitag-Autorin Elsa Koester, warum eigentlich die Männer, die unter dem Patriarchat leiden, sich nicht dagegen auflehnen. Ihre bittere Schlussfolgerung: Ihnen bliebe die Hoffnung, doch noch irgendwann die Weihen des Patriarchats zu erfahren - und die könnten sie nur durch die Rudelführer bekommen, nicht durch Feminist*innen.

Dass Migration der Gleichberechtigung von Frauen schade, ist ja ein häufiges Argument (nicht zuletzt von Leuten, sie mit Gleichberechtigung sonst gar nichts am Hut haben). Für Geschichte der Gegenwart analysiert die Historikerin Franceska Falk, wie sich die Migration in die Schweiz auf die dortige Emanzipation ausgewirkt hat (Spoiler: positiv). Besonders spannend fand ich, dass die gleichen Vorurteile, die heute Menschen muslimischen Glaubens gegenüber geäußert werden, vor wenigen Jahrzehnten noch auf Italiener*innen angewandt wurden.

Auf Zeit Online berichtet eine hochgewichtige Rechtsanwältin über die Diskriminierungserfahrungen, die sie aufgrund ihres Gewichts bei der Arbeitssuche, im ersten Job und in der täglichen Ausübung ihres Berufs erfahren hat und immer noch erfährt.

Margarete Stokowski liest nicht neben rechten Büchern

Meine Liebe zu Margarete Stokowksi ist hier ja bekannt, denke ich. Kürzlich hat sie eine Lesung in München abgesagt - zunächst ohne genauer auf die Gründe einzugehen. Nachdem der Buchhändler sich dann aber doch öffentlich geäußert hat und Margarete Stokowski darauf antwortete, ist ihre Absage plötzlich ein riesiges Thema, zu dem alle Medien was sagen wollen. Lesenwert finde ich Margaretes Stellungnahme, auch wenn man nicht in München wohnt und nicht zu der Lesung gehen wollte. Weil es ein schönes Beispiel für Prinzipientreue ist, für Eloquenz und Geradlinigkeit.

Im Deutschlandfunk Kultur gibt es auch ein hörenswertes Interview mit ihr, in dem sie sich auch dagegen wehrt, aus ihrer Entscheidung irgendwelche allgemeinen Forderungen abzuleiten.

Und wenn wir schon dabei sind: In der dieswöchtigen Kolumne hat sie erklärt, warum "reverse racism" und umgekehrter Sexismus einfach nicht existieren. Ist vielleicht gut für die Linksammlung in der Hinterhand, wenn man es mal wieder jemandem erklären kann/muss/sollte.

Ohrfeige für Nazi-Vergangenheit

Am Mittwoch feierte eine der berühmtesten Ohrfeigen der deutschen Geschichte ihr fünfzigstes Jubiläum: Am 07.11.1969 schlug Beate Klarsfeld Bundeskanzler Kiesinger aufgrund seiner NSDAP-Vergangenheit ins Gesicht. Deutschlandfunk Kultur hat die Hintergründe von Beate Klarsfelds Geschichte noch einmal aufgerollt und auch  ZDF heute hat mit ihr über diese Ohrfeige gesprochen - und mit ihrer Sorge angesichts des Wiedererstarkens des rechten Rands.

Maaßen ist weg

Im Laufe der Woche wurde bekannt, dass Herr Maaßen (ihr wisst schon, der Verfassungsschutzmensch) doch seinen Hut nehmen muss. Dafür hat er bereits Schuldige ausgemacht, nämlich die Linksradikalen in der SPD. Kai Biermann hat diese Behauptungen für Zeit Online mit der Dolchstoßlegende verglichen.

Sascha Lobo hat in seiner Spiegel-Online-Kolumne die Idee der Dolchstoßlegende von Biermann aufgegriffen und sie mit Donald Trump in Verbindung gebracht. Unter dem vereinenden Mantel der Verschwörungsideologie nämlich. 

Lesenswert finde ich in diesem Zusammenhang aber auch das Manuskript der Rede Maaßens (hier veröffentlicht bei Spiegel Online), in der dann auch Horst Seehofer "inakzeptable" Sätze gefunden hat. Aus mehreren Gründen haarsträubende Lektüre.

Faschismus in Brasilien

Bei Zeit Campus berichtet eine Exil-Brasilanerin von der Stimmung in ihrem Land, nachdem der Rechtsextreme Jair Bolsonaro Ende Oktober zum Präsidenten gewählt worden ist. Immer wieder wird von Übergriffen auf Schwarze, Frauen und LGBT-Personen berichtet. (Problematisch finde ich ja mal wieder den Satz "bald ging es nicht mehr nur um Politik, sondern um Grundsätzliches" - bei einem Kandidaten, der gegen Frauen, Schwarze und LGBTs hetzt, sind wir halt bei grundsätzlichen Fragen.)

Für Geschichte der Gegenwart wägt der Historiker Antoine Acker ab, inwieweit die Bezeichnung "Faschist" auf Bolsonaro zutrifft und untersucht die Rolle digitaler Medien für seinen ebenso überraschenden wie rasanten Aufstieg.

Habt ein schönes Wochenende!

Samstag, 3. November 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Samstagmorgen. Der richtige Zeitpunkt für Tee und Netzfunde.
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Zwei Wochen dauert mein neues Studium jetzt schon - und nach wie vor schwirrt mir der Kopf vor lauter guten, neuen Gedanken. Ich bin immer noch hin und weg davon, wie gut es mir tut, mich wieder in wissenschaftlichen Texten zu vergraben. Nicht zuletzt, weil die Texte, die ich aktuell lese voller feministischer Bezüge sind. Verschiedene Formen politischer Diskurse? Werden anhand der Abtreibungsdebatte erklärt. Die Unterschiede verschiedener Demokratiemodelle? Teilweise beeinflusst durch feministische Theorie. Der aktuelle weltweite Rechtsruck? Antrieb vieler Studien und Theorietexte.

Genau hier möchte ich gerade sein. Der Weg hierher war nicht gerade und ja, auf ein paar Schlenker hätte ich gerne verzichtet. Aber sie haben mich genau an diesen Punkt geführt, meinen Kopf mit genau diesen Gedanken und Fragen gefüllt - und dafür gesorgt, dass ich das jetzt so sehr wertschätzen kann.

Während ihr das lest, stecke ich vermutlich wieder in der Einführung zu "Gender Media Studies". Oder einer Studie zu politischer Kommunikation. (Alternativ schreibe ich an einer Rezension, denn hier liegt einiges, was ich euch zeigen möchte...)

Netzfunde der Woche

Ehrlich gesagt: Ich lese tatsächlich hauptsächlich Unitexte und Bücher, die ich für den Blog rezensieren möchte. Viel Zeit für das Internet bleibt gerade einfach nicht. Trotzdem möchte ich euch wenigstens auf ein paar Dinge hinweisen, die mir online begegnet sind:

Die selbsterklärte Alternativ-Partei hat seit einiger Zeit Lehrerpranger in verschiedenen Städten errichtet, wo Schüler*innen Lehrende anschwärzen sollen, die angeblich nicht "politisch neutral" seien (im Sinne der Partei, versteht sich). Seitdem werden in meiner Bubble Screenshots geteilt, die Spam-Nachrichten zeigen, mit denen das Prangertool verstopft werden soll. Geschichte der Gegenwart hat sich ganz besonderer Nachrichten angenommen: Jenen von Lehrer*innen, die sich selbst denunziert haben. Daneben wird auch die Geschichte der Selbstdenunziation in der Sowjetunion und der Ursprung der Lehrerpranger erläutert. (Vielleicht beruhigend: In der Schweiz gelten diese Pranger mittlerweile "nur noch als Lachnummer". Hoffen wir, dass es bei uns auch schnell soweit ist.)

Noch nicht gehört habe ich folgenden Podcast des National Public Radio: "'Man Up': How A Fear Of Appearing Feminine Restricts Men, And Affects Us All" Darin geht es darum, welche Verhaltensweisen bei Männern als "zu feminin" gelten, um sie selbst zu zeigen - und darum, wie man Männer dazu bekommen kann, diese Grenzen zu hinterfragen.

Den Podcast nehme ich nachher eventuell mit auf einen Spaziergang, falls das Wetter sich kooperativ zeigt. Nochmal Sonnenstrahlen tanken, bevor der Herbst endgültig übernimmt.

Habt ein schönes Wochenende!

Donnerstag, 1. November 2018

[Lieblingsplatz] Glaube, Liebe, Hoffnung

Trauernde Figur
Vor zwei Jahren hatte Astrid eine Linkparty zu Friedhöfen. Damals bin ich extra an einem Samstagnachmittag mit meiner Kamera an einem meiner liebsten Stuttgarter Orte: dem Pragfriedhof. Und dann... lag dieser Entwurf hier herum. Weil es ein November-Post ist, der nur an Allerheiligen veröffentlicht werden kann. Deswegen kommt er jetzt - gut abgehangen.

Friedhöfe sind für mich ein Ort der Ruhe. Ich gehe da gerne spazieren, weil sie inmitten des Gewusels der Stadt eine kleine Blase bilden, in der ich nachdenken kann. Zum Beispiel über den Dreiklang aus Glaube, Liebe und Hoffnung.

Trauernde Figur auf dem Friedhof
Engel auf dem FriedhofEngelfigur auf dem Friedhof
Trauernde Figur auf dem Friedhof

Glaube ist klar, ne? Die ganzen Kreuze auf den Gräbern sind klarer Verweis auf die hierzulande vorherrschende Religion. Ich hoffe, dass viele Leute Trost in den Paradies-Vorstellungen des christlichen Glaubens gefunden haben, während sie ihre Lieben zu Grabe getragen haben.

Die Trauer, die durch all die weinenden, zusammengesunkenen, melancholischen Figuren zum Ausdruck kommt, die jemanden verloren haben, der ihnen wichtig war. Aufschriften wie "meiner geliebten Gattin". Sie alle sind nicht nur Ausdruck des Schmerzes der Zurückbleibenden, sondern auch ihrer Liebe für die Verstorbenen. Eine Liebe, die nicht einfach aufhört, nur weil die geliebte Person nicht mehr da ist.

Das Vertrauen darauf, dass der Abschied am Grab nicht für immer ist, die Hoffnung findet auch auf vielen Grabsteinen Ausdruck, auf denen "Auf Wiedersehen" steht. Nun bin ich kein sonderlich spiritueller Mensch, aber ich freue mich für all diejenigen Menschen, die daraus Kraft schöpfen können.

Engel auf dem Friedhof
Engel auf dem Friedhof
Engel auf dem Friedhof
Engel auf dem Friedhof
Engel auf dem Friedhof in Stuttgart

Erreichbar ist der Pragfriedhof vom Stuttgarter Hauptbahnhof aus mit der U12 (Richtung Hallschlag) bis zur Haltestelle Pragfriedhof oder mit der U5 (Richtung Killesberg), U6 (Richtung Gerlingen), U7 (Richtung Ostfildern) oder U15 (Richtung Ruhbank (Fernsehturm)) bis zur Haltestelle Eckartshaldenweg.