Samstag, 29. September 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Die erste Tasse Tee ist schon weggetrunken. Die nächste Ladung folgt gleich!
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.   

Letzte Woche ging es mir ja nicht besonders, als ich den Blogpost schrieb. Zum Weltschmerz gesellte sich dann am Samstag auch noch eine fette Erkältung hinzu. Die hatte aber auch ihre guten Seiten: Ich wurde hingebungsvoll betüddelt, habe mich vom Internet und der Welt relativ ferngehalten und ringelmiez' Anti-Schnodder-Suppe kennengelernt. Liebe Menschen, die ihr wie ich der Erkältungssaison bereits in die laufende Nase blicken könnt: Diese Suppe ist der Hammer. Seit ihrem Verzehr geht's mir besser - und sei es nur, weil sie das erste war, das ich nach Tagen wieder schmecken konnte. Mhm!

Um die Genesung weiter zu unterstützen, werde ich es auch dieses Wochenende so halten, dass das Internet (wenigstens überwiegend) ausbleibt. Ich habe einen ganz wundervollen Bücherstapel, der gelesen werden möchte.

Netzfunde der Woche

Natürlich habe ich nicht nicht im Internet gelesen, sondern nur nicht so viel wie sonst. Und selbstverständlich teile ich gerne die Kirschen auf dem Sahnehäubchen mit euch. Aber Achtung, einige könnten euch schwer im Magen liegen...

Alte Nazis und neue Rechte


"Through the Darkest of Times" ist ein Computerspiel, in dem man eine Widerstandsgruppe in Nazi-Deutschland spielt. Deutschlandfunk Kultur hat den Designer Jörg Friedrich interviewt. Ich selbst spiele nicht, aber vielleicht ist es ja was für die eine oder andere von euch?

Auf einen Hausbesuch in einem Pflegeheim begab sich die taz. Dort lebt Dorothea Buck, die während des NS-Regimes zwangssterilisiert wurde und danach "für eine menschlichere Psychatrie" kämpft. Selbst heute noch, im stolzen Alter von 101. 

In Österreich hat eine E-Mail aus dem Innenministerium die Polizei dazu aufgefordert, nicht mehr so viel mit denjenigen Medien zu sprechen, die sich überwiegend kritisch über das Innenministerium äußern. Außerdem möge die Polizei doch bitte diejenigen Fälle sexualisierter Gewalt an die große Glocke hängen, bei denen es sich um stranger danger handelt - mit Nennung der Nationalität und des Aufenthaltsstatuses (hier ein Bericht von Zeit Online). Ich habe beim Lesen intensiv an Astrids Blogpost zum Thema Pressefreiheit gedacht. Und eventuell ganz leise geschrien.

Ebenfalls bei Astrid ist mir ein Artikel aus dem Tagesspiegel begegnet. Ausgehend von den offenbar häufiger aufgetretenen Vergleichen der Ausschreitungen in Chemnitz mit dem Umweltaktivismus im Hambacher Forst, erläutert der Autor die sogenannte Hufeisentheorie, nach der Links- und Rechtsextremismus quasi so ein bisschen das Gleiche ist - und warum diese Theorie Unfug ist. Außerdem geht's darum, aus welchen Gründen diese These eingesetzt wird und welchen Schaden sie anrichtet.

Feminismus


Die Sprach-, Islam- und Genderforscherin Reyhan Şahin, manchen vielleicht besser bekannt als Rapperin Lady Bitch Ray, hat in der taz einen differenzierten Artikel über Kopftuch und Emanzipation geschrieben.

Und noch was für's feministische Herz: Zum Erscheinungstermin von Margarete Stokowskis neuem Buch "Die letzten Tage des Patriarchats" ze.tt ein Interview mit ihr geführt. Da sagt sie dann so Sätze wie "Wir sind mittendrin in der feministischen Revolution" und entwirft Gedankenbilder für die Zeit nach den letzten Tagen des Patriarchats. Hach!

Genießt euer Wochenende!

Samstag, 22. September 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Jetzt ham wir den Salat. Immer noch das Gefühl der Woche. Trotz Tee.
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 

Ehrlich gesagt: Ich hatte keine gute Woche. Oberflächlich betrachtet sah sie eigentlich ganz okay aus. Ich war bei der Weiterbildung, habe nachmittags für die *innenansicht recherchiert, editiert und geschrieben. Bei im gegenteil ist mein erster Text erschienen - das Porträt einer wirklich tollen Frau auf Partnersuche.

Leider ging es mir trotzdem nicht gut. Während mich die PMS ziemlich im Griff hatte (Schmerzen, Wassereinlagerungen, Nebel im Kopf - dürften einige von euch ja kennen), zeigt die Depression im nahen Umfeld an mehreren Fronten ihre scheußliche Fratze (Jule hat dazu am Donnerstag einen super Text veröffentlicht) und auch vor dem Fenster scheint, politisch betrachtet, alles den Bach runter zu gehen. 

Über's Wochenende habe ich Besuch und werde einfach das Internet ausmachen. Und so tun, als wäre damit jedes Problem einfach auch weg. Wenigstens bis Montagmorgen. Oder so.

Netzfunde

Bevor ich das Internet abschalte, habe ich trotzdem ein paar Netzfunde für euch - auch wenn ich mehr als einmal dachte, es wäre vielleicht besser, nicht so viel Berichterstattung zu konsumieren. Nur: Es wird ja auch nicht besser, wenn man sich die sprichwörtlichen Finger in die Ohren steckt und laut singt.

Verfassungsschutzdebakel

Maaßen wurde zwar als Verfassungsschutzpräsident entlassen, aber einfach zum Staatssekretär ins Innenministerium befördert. Da bekommt er jetzt nochmal mehr Geld und soll sich in Zukunft um innere Sicherheit kümmern.

Wer gerne Beiträge, kann sich bei Deutschlandfunk Kultur über eine ironische Stellenausschreibung für die freigewordene Stelle als Verfassungsschutzpräsident sowie ein pointiertes Interview mit dem Politologen Albrecht von Lucke freuen.

Bernd Ulrich hat für Zeit Online einen Kommentar darüber verfasst, was Maaßens Beförderung für die große Koalition bedeutet und die SPD scharf kritsiert.

Kritik an der eigenen Partei übt auch Politikerin Hilde Mattheis im Deutschlandfunk. Sie sieht durch die Wegbeförderung Maaßens als Bedrohung für die SPD. Ausführlich zum Nachhören gibt's das Interview hier, wer lieber liest, findet hier eine Kurzfassung in Buchstaben. Ich bin keine SPD-Wählerin, aber Sozialdemokratie halte ich grundsätzlich für wichtig. Und es tut mir weh zu sehen, wie sich diese alte Volkspartei zerlegt (und das halt auch nicht erst jetzt, ne?).

Wer jetzt immer noch nicht die Nase voll hat von Maaßen, dem Verfassungsschutz und ätzenden Skandalen, dem empfehle ich zuguterletzt noch die Analyse des Verfassungsschutzes bei Zeit Online.  Darin geht's um die (hochgradig gruselige) Entstehungsgeschichte und Entwicklung der Behörde. Fazit der Analyse: Der Verfassungsschutz richtet mehr Schaden an, als er verhindert.

Hambacher Forst

Im Hambacher-Forst starb ein 27-jähriger Journalist, der die Aktivist*innen dort begleitet hatte. Inwieweit das mit der Räumung zusammenhängt, ist unklar - Aktivist*innen und Staatanwalt haben da unterschiedliche Versionen (Zeit online berichtet hier). An der Stelle möchte ich nochmal erwähnen, dass da für fucking Braunkohle gerodet wird, die als dreckigster Energielieferant überhaupt gilt.

Lichtblick hier: Die Arbeitsbühnenvermietung Gerken hat ihre Arbeitsbühnen aus dem Hambacher Forst abgezogen, "[d]a auch wir mit der Vorgehensweise im Hambacher Forst absolut nicht einverstanden waren". Ich habe der Firma eine freundliche Nachricht über das Kontaktformular hinterlassen, weil ich finde, dass so eine klare Positionierung Lob verdient - und weil sie vermutlich auch viele wütende Nachrichten bekommen.

Schwangerschaftsabbruch

"Die Anti-Choice-Bewegung zeigt sich stark wie lange nicht mehr", schreibt das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung im Aufruf zum heutigen Aktionstag unter dem Motto "219a ist erst der Anfang! Leben schützen heißt Schwangerschaftsabbruch legalisieren!"

Heute findet in Berlin nämlich der sogenannte "Marsch für das Leben" statt, eine Demo von Abtreibungsgeger*innen. Ich hoffe, die Gegendemo wird groß, laut und bunt sein!

Habt ein schönes Wochenende!

Samstag, 15. September 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Jetzt ist es wieder kalt genug, um morgens heißen Tee zu schlürfen. Jippieh!
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Heute findet in Berlin die Feministische Sommer-Uni statt. Wenn ihr das lest, bin ich schon auf dem Sprung, um Vorträge, Workshops und Podiumsdiskussionen zu besuchen. Unter anderem zu Feminismus und Sprache, Schwangerschaftsabbruch und Rassismuskritik. Ich freu mich riesig drauf!

Netzfunde der Woche


Diese Woche habe ich wenig im Internet gelesen. Zwei zeitlose Artikel habe ich euch aber trotzdem mitgebracht.

Rassismus


"Die meisten Weißen sehen nur expliziten Rassismus", sagt die Soziologin Robin DiAngelo im gleichnamigen Artikel bei Zeit Campus. Der Artikel aus dem August ist ziemlich lang und wird in meiner Bubble seitdem wöchentich geteilt. Verdient, finde ich!

Gut gefallen hat mir auch "Wir sind alle rassistisch sozialisiert - und das zu erkennen ist essenziell" der Huffington Post. Darin spricht die Aktivistin Tupoka Ogette über ihre Arbeit in antirassistischen Workshops.

Habt ein schönes Wochenende!

Samstag, 8. September 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Hilft Tee am frühen Morgen eigentlich dabei, die Nerven zu beruhigen? Bei meinen Netzfunden isses nötig.
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Ich habe die Woche gefühlt komplett vor Bildschirmen verbracht. Neben der frisch veröffentlichten Rezension zu "Unerschrocken 2 - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen" hat mich einmal mehr das Sammeln von Artikeln, Podcasts und Stimmen aus den sozialen Medien beschäftigt - insbesondere für das Instagram-Profil der *innenAnsicht. Natürlich wieder zu Chemnitz. Ich weiß nicht, wie das bei euch ist, aber in meinem virtuellen Umfeld gibt es gerade kaum ein anderes Thema. Deswegen lasst uns gleich in die Netzfunde springen.

Netzfunde der Woche

Chemnitz

Die New York Times berichtet über die Studie zweier Forscher der Universität Warwick. Die spricht nicht gerade für die Inhalte von Social Media: "Their reams of data converged on a breathtaking statistic: Wherever per-person Facebook use rose to one standard deviation above the national average, attacks on refugees increased by about 50 percent." Wohlgemerkt: Es ging in der Studie nicht um die Nutzung flüchtlingsfeindlicher Gruppen innerhalb Facebooks oder so. Sondern wirklich die allgemeine Facebook-Nutzung an sich. 

Vergangenen Sonntag schon gab es bei Volksverpetzer eine Auflistung der Lügen, welche die AfD zu Chemnitz verbreitet.

Im Podcast "Stimmenfang" von Spiegel Online steht die aktuelle Episode unter der Überschrift "Sachsen, wir müssen reden!" Darin geht's um den Vorwurf des Sachsen-Bashings, den real existierenen Rechtsradikalismus und die Frage, warum die Politik sich da seit der Wiedervereinigung so bedeckt hält.

Sibel Schick fordert im Missy Magazine eine Positionierung gegen Nazis - denn die Mitte der Gesellschaft verhalte sich abwägend: "Deutschland hat sich nicht darum gekümmert, die Kinder und die Enkelkinder von Nazis zu integrieren und zu rehabilitieren, und jetzt haben wir schon wieder Nazis am Hals, die wachsen wie Pilze vor unserer Nase. Es ist verdammt viel zu tun. Zu Hause, auf der Straße, bei der Arbeit und nachts, wenn man den Kopf auf das Kissen legt, ist ganz viel zu tun. Noch ist aber Zeit. Überlegt euch also noch einmal und zwar ganz genau, wo ihr euch positionieren möchtet. Bevor es zu spät ist."

Margarete Stokowski schrieb in ihrer Spiegel Online-Kolumne: "Widerstand gegen Rechtsradikale muss radikal sein, es geht nicht anders. Radikal heißt in diesem Fall: breit aufgestellt, unnachgiebig, keine Menschenfeindlichkeit duldend. Die Nachrichten aus Chemnitz zeigen, dass Nazis in diesem Land zu wenig Angst haben." 

Joah. Und dann hat Herr Seehofer sich nach fast zehn Tagen auch mal entschieden, etwas zu Chemnitz zu sagen. Im Anschluss habe ich mir sehr heftig gewünscht, er wäre bei seinem letzten Rücktrittsversprechen auch wirklich zurückgetreten. Was Herr Seehofer nämlich sagte, war folgender Satz: "Migration ist die Mutter aller Probleme." Im verlinkten Artikel drückt er ausfühlich sein Verständnis mit den Demonstrierenden in Chemnitz aus.  Und damit meine ich die Typen, die unter anderem Hitlergrüße gezeigt und Menschen angegriffen haben, die für ihre Augen "nicht deutsch" ausgesehen haben. Just wow.

Axel Vornbäumen schrieb einen lesenswerten Kommentar im Stern: "Horst Seehofer hat für das, was dort passiert ist, Verständnis geäußert – für das ganze Krakele und Geschrei, die Pöbeleien und die demokratiefeindlichen Sprechchöre inklusive. Die zum Hitlergruß ausgetreckten Arme? Keine Erwähnung wert! Der Schulterschluss der ach so "besorgten" Bürger mit Neonazis? Auch nicht! Stattdessen war es Seehofer in diesem Zusammenhang wichtig, die Migration  als "Mutter aller Probleme" zu bezeichnen. Horst Seehofer ist damit entweder ein großer Verharmloser. Oder ein überhaupt nicht mehr heimlicher Sympathisant. Wahrscheinlich ist er beides."

Die Autorin Svenja Gräfen hat in Reaktion darauf in ihren Instagram-Storys folgendes geschrieben: "Die 'Mutter aller Probleme' ist eine in Deutschland alles beherrschende Angst, die Dinge beim Namen zu nennen. Anzuerkennen, dass es strukturellen Rassismus gibt. [...] Die 'Mutter aller Probleme' sind in diesem Falle jedenfalls: Nazis. Faschos.Gewaltbereite Rechte, radikalisierte Rassist*innen, die alles und jede*n für ihre Zwecke instrumentalisieren., die genau wissen, was sie tun und konsequenzlos tun können, weil der fucking Innenminister sie dann auch noch in Schutz nimmt. So ein Klima herrscht nämlich in Deutschland."

Anne Wizorek ergänzt, ebenfalls auf Instagram, dass es sich bei der Wortwahl "Mutter" um eine "absolut bewusste dog whistle" handele, "also eine zunächst unterschwellige aber eindeutige botschaft an seine "merkel muss weg!"-fans".

Aber Horst Seehofer war auch nicht der letzte, der sich zu Chemnitz geäußert hat: Hans-Georg Maaßen, seines Zeichens Verfassungsschutzpräsident, bezweifelt wie der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer, dass es überhaupt Hetzjagden in Chemnitz gegeben habe. Bei Deutschlandfunk Kultur wundert sich Frank Cappelan, "wieso Maaßen der Kanzlerin mit solchen Äußerungen in den Rücken fällt" und weist im Folgenden auf die bereits mehrfach vermutete Nähe Maaßens zur AfD hin. (Übrigens auch der Punkt, weshalb ich einer potenziellen Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz skeptisch gegenüberstehe. Ich sehe unter diesen Vorzeichen nicht, wie dabei was Gutes rauskommen soll.)

Auch wenn Äußerunge wie die von Seehofer und Maaßen immer häufiger und ungenierter in die Welt geblasen werden und man den Eindruck gewinnen könnte, das sei irgendwie normal: Stay angry.


Mittwoch, 5. September 2018

[Rezension] Unerschrocken 2 - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen

"Unerschrocken 2" von Pénélope Bagieu hatte ich sehnsüchtig erwartet.
Werbung: "Unerschrocken 2" wurde mir freundlicherweise vom Reprodukt-Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 

Triggerwarnung: Sexualisierte Gewalt 

Nachdem ich im März "Unerschrocken - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen" rezensiert hatte, blieb ich mit gemischten Gefühlen zurück: Einerseits hatte mich das Buch sehr bezaubert, andererseits sind 15 Frauen einfach unheimlich wenig! Ich wollte mehr. Und glücklichweise hatte die Autorin Pénélope Bagieu ein Einsehen: Band 2 ist seit Mai auf dem Markt. Grund genug, endlich einen Blick hineinzuwerfen und neue Frauen kennenzulernen!

Inhalt

Wie im ersten Band werden hier erneut 15 Frauen vorgestellt. Wieder ist es eine bunte Mischung: Beispielsweise kämpft die Autistin Temple Grandin für bessere Haltungsbedingungen für Nutztiere, Katia Krafft erforscht 23 Jahre lang Vulkane und Frances Glessner Lee bringt anhand von Puppenstuben Polizist*innen und Mediziner*innen bei, wie man Tatorte lesen kann.

Die fünfzehn Frauen stammen aus dem 19. bis 21. Jahrhundert sind unterschiedlich alt und haben ganz unterschiedliche Berufe mit unterschiedlichen Niveaus formaler Bildung. Für weitere Diversität sorgen die erwähnte Autistin, eine queere Frau und eine Kopftuchträgerin. Leider stammen gleichzeitig neun Frauen - also fast zwei Drittel! - aus den USA und nur ein Drittel ist nicht weiß. In dem Punkt hätte ich mir eine größere Vielfalt gewünscht.

Zum Vergleich: Im ersten Band gab es lediglich vier US-Amerikanerinnen und wenigstens sechs nicht-weiße Frauen, während sich die zeitliche Bandbreite von der Antike bis heute erstreckte. Band 1 war also in mancherlei Hinsicht diverser und ich hätte mich gefreut, wenn Band 2 das weiter ausgebaut hätte, statt es zurückzufahren.

Trotzdem: Insgesamt vermittelt Pénélope Bagieu mir erneut das Gefühl, dass jede Frau in ihrer Situation, an ihrem Ort und in ihrem Bereich Außergewöhnliches tun kann - und dass alles Aufmerksamkeit und Bewunderung verdient.

Dabei geht nicht jede Geschichte gut aus, nicht immer sind die außergewöhnlichen Frauen am Ende glücklich oder auch nur unversehrt: Die Geschichte von Phoolang Devi, im Inhaltsverzeichnis als "Banditenkönigin" bezeichnet, ist beispielsweise gezeichnet von sexualisierter Gewalt, bevor sie mit gerade mal 38 Jahren ermordet wird. Dieses Porträt enthält zwar keine grafischen Darstellungen der Übergriffe, aber dennoch die blutigsten Bilder im ganzen Buch und recht deutliche Worte. Hier hätte ich mich über eine Trigger-Warnung in irgendeiner Form gefreut - mit einem so unverblümten Auftauchen (sexualisierter) Gewalt hatte ich nämlich nicht gerechnet.

Versteht mich nicht falsch: Ich finde es gut, dass Pénélope Bagieu und der Verlag nicht vor solch bitteren Geschichten zurückschrecken. Frauenleben sind nicht immer rosarot und wattebauschig. Es ist wichtig, über Kinderehen, häusliche und sexualisierte Gewalt zu sprechen, weil nur so etwas dagegen getan werden kann. Ich wüsste es nur gerne vorher, dass mch das erwartet. Und für Menschen mit Traumata kann das noch wesentlich wichtiger sein als für mich. Gleichzeitig möchte ich aufgrund dieser Geschichte auch Eltern jüngerer Leser*innen bitten, das Buch nicht ungesehen weiterzugeben. (Wenn einer der Punkte für euch von Belang sein sollte, überspringt diese Seiten einfach bzw. verschenkt das Buch, wenn der*die Leser*in etwas älter ist, ja? Und alle anderen verzeihen mir hoffentlich den Spoiler.)

Betty Davis' Porträt mit seinen leuchtenden Lilatönen fand ich ganz zauberhaft.

Zeichen- und Schreibstil

"Unerschrocken 2" ist unübersehbar. Während ich diese Worte tippe, leuchtet das orangene Cover vom Bücherregal zu mir herüber. Die blaue Glanzfolie lässt es funkeln. "Lies! Mich! Jetzt!" ruft es. Und da meine Buchauswahl ganz stark über's Cover läuft, hat das Cover schon mal mein Herz erobert. Ist klar, ne?

Die Innenseiten rennen also schon offene Türen ein - und sind dann noch toller als das Cover. Auf den hellen, aufgeräumten Seiten liegen jeweils neun verspielte Zeichnungen mit schnörkeligem Handlettering. Ich mag diese Mischung sehr!

Jedes Kapitel hat - wie bereits im ersten Band - seine eigene reduzierte Farbwelt, abgestimmt auf die dargestellte Persönlichkeit. Besonders in den Bann gezogen haben mich einmal mehr die Doppelseiten am Ende jedes Porträts, wo ein großformatiges Motiv eine ikonische Szene aus dem Leben der jeweiligen Frau präsentiert - etwa die Weltumrundung der Journalistin Nelly Bly, der Blick durch ein Puppenstubenfenster von Frances Glessner Lee oder ein Weltraum voller Aliens und Raketen rund um die Astronautin Mae Jemison. Davon hätte ich gerne Poster. Oder wenigstens Postkarten. Definitiv sind diese Motive viel zu schade, nur in einem zugeklappten Buch zu existieren!

Inklusive dieser Doppelseiten umfasst jedes Porträt - wie schon im ersten Band - etwa zehn Seiten. Darauf ein ganzes Leben in all seinen Facetten und Verzweigungen darzustellen, ist natürlich unmöglich. Pénélope Bagieu gelingt es dennoch, die Frauen erfassbar zu machen und eine zusammenhängende Geschichte über ihr Leben zu erzählen. Dafür müssen die einzelnen Biographien oft weite Sprünge durch das Leben der Protagonistinnen machen und können manches nur streichen: Betty Davis etwa wird in der Modeschule gezeigt, wie sie ihre ausschließlich weißen Mitschülerinnen unbehaglich mustert. Ihre Locken versperren einer gereizt wirkenden Weißen den Blick. In welchem Ausmaß Betty Davis' Schulzeit von Rassismus geprägt war, wird abseits dieses Bildes nicht weiter thematisiert. Die Lebensgefährtin der französischen Aktivistin Thérèse Clerc taucht plötzlich auf - kein Wort über ihr Kennenlernen, über ein Coming-Out nach langjähriger Hetero-Ehe. An einigen Stellen stolpert die Landung also ein wenig.

Die Offenheit, mit der sich Pénélope Bagieu ihren Protagonist*innen widmet, macht das für mich aber mehr als wett. In all ihren Unterschieden wirkt jede Frau absolut liebenswert. Mit jeder einzelnen hätte ich Lust auf eine spontane Tasse Tee. Und das ist doch ein ziemlich gutes Ergebnis, oder?

Frances Glessner Lee hat unendlich detailierte Puppenstuben gebaut - inklusive Mordszenen.

Fazit

Pénélope Bagieu hat es auch mit dem zweiten Band von "Unerschrocken - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen" geschafft, mich neugierig zu machen und mich zu motivieren, die Augen offen zu halten - nach diesen und anderen tollen Frauen.

Obwohl die Vielfalt im Vergleich zum ersten Band etwas nachgelassen hat, zeigt das Buch trotzdem eine große Bandbreite an Möglichkeiten, auf welch unterschiedliche Weise Lebenswege über das Mittelmaß hinausragen können. Ob Raps gegen Zwangsverheiratung, Wohnprojekte für mittellose Seniorinnen oder Aufsehen erregende Reisen - es gibt nicht das Rezept für ein außergewöhnliches Leben. Ganz schön empowernd und toll!

Harte Fakten

Titel: Unerschrocken - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen 2
Autorin: Pénélope Bagieu (aus dem Französischen von Claudia Sandberg und Heike Drescher)
Verlag: Reprodukt
Umfang: 168 Seiten 
Preis: 24 €

Samstag, 1. September 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

... und mit Salat meine ich Pogromstimmung. Kein fröhlicher Samstag hier.
 Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Privat war die Woche gut zu mir. Ich habe meine Campuscard abgeholt und kann hiermit ganz offiziell mitteilen: Die Freie Universität Berlin hat  mich für den Master-Studiengang "Medien und Politische Kommunikation" zugelassen und ich werde ab Oktober wieder studieren.
Nachdem ich Akademia fast drei Jahre lang schmerzlich vermisst habe, ist die Vorfreude riesig.

Netzfunde

Während mein Privatleben diese Woche also ziemlich Bombe war, war der Blick auf die Welt außerhalb meiner kleinen Welt mehr als schmerzhaft. Und weil es nichts bringt, sich in der eigenen Zuckerwatte zu wälzen, habe ich euch Artikel und Podcasts mitgebracht, die ich diese Woche relevant fand. Fette Triggerwarnung: Rassismus, sexualisierte Gewalt und Suizid.

 

Chemnitz

In der Nacht zum vergangenen Sonntag kam es in Chemnitz zu einem Streit zwischen einigen Männern, einer von ihnen starb an seinen Verletzungen. Weil die mutmaßlichen Täter aus Syrien und dem Irak stammen, wurde dieser Todesfall durch rechte Gruppen instrumentalisiert: Am Sonntag zogen rund 800 Menschen, darunter reichlich Rechtsextreme durch die Stadt, am Montag waren es dann mehrere tausend. Dabei wurden nicht nur Parolen gegröhlt ("Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!"), sondern auch Menschen angegriffen, die "nicht deutsch" aussahen. (Funfact: Nationalität ist nichts, was man Menschen ansehen kann. Nationalität steht im Pass. Und sagt abgesehen davon einen Scheiß über den Menschen aus.)

Die Vorstellung, dass Tausende durch eine Stadt marodieren und Jagd auf Menschen machen - diese Vorstellung verträgt sich absolut nicht mit meiner Vorstellung von einem Land, in dem wir "gut und gerne leben" (können).

Der Faktenfinder der Tagesschau informiert über die Fake News, die in Umlauf gebracht wurden.

Die Konfliktforscherin Beate Küpper hat im Deutschlandfunk die Ausschreitungen von Chemnitz historisch verortet, den Umgang Sachsens mit Rechtsextremismus als "Herumeierei" kritisiert und verharmlosende Formulierungen kritisiert.

Auf Twitter schrieb Berlins Staatssekretärin Sawsan Chebli, "wir" seien "zu wenig radikal" gegen Rechts. Im Tagesspiegel erklärte sie, was sie damit meint: "Mir geht es darum, dass wir uns auf die Wurzeln unserer Demokratie besinnen. Dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Dass der Rechtsstaat eine historische Errungenschaft ist, um alle zu schützen und das Recht des Stärkeren abgelöst hat."

Thomas Laschyk von der Initiative "Volksverpetzer" kritisiert im Deutschlandfunk die Berichterstattung:  "Wenn man auf der einen Seite Menschen hat, die den Tod anderer Menschen fordern, und auf der anderen Menschen, die sich dagegen positionieren, ist es fatal zu sagen: 'Ok, dann muss ich mich jetzt in der Mitte positionieren'." Außerdem geht's um Falschmeldungen, Filterblasen und Framing.

Ganz viel Liebe auch diese Woche wieder für Sascha Lobo - noch mehr davon weiter unten. In der aktuellen Kolumne wünscht Lobo sich, dass die Geschehnisse in Chemnitz zu einer Zäsur werden - wie die berüchtigte Silvesternacht in Köln. Aber Politik, Polizei und Medien verhinderten dies im Chemnitzer Fall massiv: "Denn hier wird ein strukturelles, gesellschaftliches Naziproblem systematisch verharmlost." 

"Viele Menschen trauen sich nicht einmal mehr mit dem Zug durch ostdeutsche Bundesländer zu fahren - und das nicht erst seit Chemnitz. Hört diesen Menschen endlich zu. Und handelt", fordert Margarete Stokowski in ihrer aktuellen Kolumne bei Spiegel Online. Ihr beißender Witz hat mich wenigstens mal zum Lachen gebracht. Das tat gut.

Einige Beobachter*innen fühlten sich an die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen erinnert. Damals hatten mehrere hundert Randalierer(*innen? - ich weiß es nicht, weil Wikipedia nicht gendert) unter dem Applaus tausender Anwohner*innen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter angegriffen. Noch ein Funfact: Diese Übergriffe jährten sich am vergangenen Wochenende zum 26. Mal.

Ich könnte hier locker noch ein Dutzend weitere Quellen empfehlen - im Instagram-Profil des *innenAnsicht-Magazins sammle ich neben Artikeln auch Stimmen von Rassismus betroffener Menschen und Aktivist*innen und Demotermine. Also, falls ihr Instagram nutzt, guckt gerne mal vorbei.

Demokratie

Deutschlandfunk Kultur berichtet unter der Überschrift "Gegen den Rechtsruck. Rezepte zum Erhalt der Demokratie" von den Forschungen der Harvard-Professoren Daniel Ziblatt und Steven Levitsky. Die beiden haben in ihrem Buch "Wie Demokratien sterben" herausgearbeitet, dass Demokratien heute weniger an Militärputschen scheiterten, sondern daran, dass verfassungsfeindliche Akteur*innen gewählt würden. Der größte Fehler sei es, solche Akteur*innen zu normalisieren, sagt Ziblatt und geht dabei auch explizit auf die AfD ein.

Geflüchtete

In Thüringen hat eine junge Mutter aus Eritrea sich selbst und ihr Baby in einem Flüchtlingsheim getötet. Ein Artikel in der Thüringer Allgemeinen rekapituliert ihr kurzes Leben und kritisiert die "fehlenden Hilfsstrukturen für geflüchtete Menschen in seelischen Notlagen".

Letzte Woche habe ich Sascha Lobos Kolumne zur Seenotrettung und Rassismus schon sehr gelobt. Am Sonntag erschien der Reflexionspodcast zur Kolumne, in dem Sascha Lobo Stellung zu den Kommentaren zur Kolumne bezieht. Neben weiteren klugen Erläuterungen und entschiedenen Stellungnahmen zu Rassismus hat mich besonders der folgende Satz angesprochen:
"Ich bin noch immer davon überzeugt, dass ein Beharren auf den Rechten aller Menschen, jedes einzelnen, die Grundlage unserer Zivilisation ist. Ich bin überzeugt, dass der ganze Krempel, den wir uns in den letzten 70 Jahren in Europa ausgedacht haben, der dazu dienen sollte, einen erneuten Weltkrieg, den erneuten Faschismus, den erneuten Nationalsozialismus zu verhindern, nur Bestand haben kann, wenn er sich aggressiv und offensiv auf Grundrechte stützt."

So. Ich gehe jetzt meine nächsten Demoaktivitäten zur Unterstützung dieses "Krempels" planen und möchte euch bitten - tut auch irgendwas dafür. Positioniert euch. Macht den Mund auf für unsere Demokratie. Seid laut - auch für die, die vielleicht gerade nicht laut sein können, weil sie aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Kopftuchs oder oder oder die ersten sind, die rassistische Gewalt abbekommen und Angst haben. Das hier ist größer als Chemnitz und geht uns alle an.