Mittwoch, 18. Juli 2018

[Rezension] Der Ursprung der Liebe

"Der Ursprung der Liebe" - der momentane Star meines Bücheregals.
[Werbung - Rezensionsexemplar]

Kennt ihr diese Bücher, bei deren Lektüre es euch wie Schuppen von den Augen fällt und ihr plötzlich Zeug aus eurer Vergangenheit versteht? Die Bücher, auf die ihr in den Wochen nach der Lektüre immer wieder verweist und all euren Freund*innen unter die Nase haltet? "Der Ursprung der Liebe" ist so ein Buch für mich.

Auf den 136 Seiten dieses Sach-Comics beschäftigt sich die schwedische Autorin Liv Strömquist mit der Liebe. Woher sie eigentlich kommt, wie sie gesellschaftlich verankert ist und was das mit uns anstellt.

Inhalt

„Der Ursprung der Liebe“ gliedert sich grob in zwei Hauptkapitel. Im ersten Teil geht es erst einmal darum, wie Kinder ihre Geschlechterrollen ausformen und wie sich das auf heterosexuelle Liebesbeziehungen auswirkt.

Kurz zusammengefasst geschieht folgendes: Mädchen identifizieren sich mit der Mutter und lernen von ihr „wie man Frau ist“. Gleichzeitig fehlt Jungs aufgrund der Abwesenheit des Vaters eine männliche Identifikationsfigur, sei leiten ihre männliche Identität deswegen aus der Ablehnung aller „weiblichen“ Eigenschaften ab. Dabei kann nun nichts Gutes rauskommen: Frauen folgen einem Weiblichkeitsbild, das durch Fürsorge und Bindungsarbeit geprägt sind, aus dem aber kein Selbstwert aufgrund großartiger Errungenschaften entsteht. In der Folge gieren sie immerfort nach Bestätigung von außen und Nähe. Die Männer wiederum fühlen sich durch jegliche Nähe sofort eingeengt und in ihrer Männlichkeit bedroht, da ihre Vorstellung von Männlichkeit Unabhängigkeit und Eigenständigkeit voraussetzt. Ihre hochfliegenden Pläne können sie jedoch nur verwirklichen, wenn ihnen jemand zu Hause ein leckeres Abendessen kocht – die Frau nämlich, die versucht, ihrem Partner nahe zu sein. Dadurch entsteht ein Kreislauf gegenseitiger Abhängigkeit: Alle leiden und/oder sind genervt, aber ohne einander kommt auch keine*r klar.

Aus diesem Grundmodell leitet Strömquist im Folgenden ab, warum sich Frauen für ihre (Ehe-)Männer aufopfern und dies als „wahre Liebe“ glorifizieren oder welche Mechanismen Frauen in missbräuchlichen Beziehungen verharren lassen, statt bereits frühzeitig die Flucht zu ergreifen. Dabei nutzt sie konkrete Beispiele wie Nancy Reagan oder Whitney Houston.

Wichtig: Strömquist betont dabei mehrfach, dass sie sich auf Kinder in „sexistisch-heteronormativen Familien“ bezieht. Wir haben es hier also mit engen Rollenkorsetts zu tun! Wer eher in Sweatshirts großgezogen wurde, darf sich an dieser Stelle also schon mal glücklich schätzen.

Der zweite große Teil des Buches behandelt das sexuelle Eigentumsrecht – also der Vorstellung, dass innerhalb einer Beziehung Sex nur mit dem*der jeweiligen Partner*in stattzufinden hat.

In unserer europäischen Kultur ist das sexuelle Eigentumsrecht seit der Einführung der Liebesheirat mit Liebe verknüpft: „Wenn du mich wirklich liebst, willst du nur mich“ lautet die Grundformel. Doch mit der Idee der ehelichen Liebe entwickelt sich leider auch ein anderes, hässlicheres Gefühl: Eifersucht. Solange arrangierte Ehen vorherrschten, war völlig klar, dass Paare einander nicht unbedingt zugetan waren und sexuelle Erfüllung eher außerhalb des Ehebettes suchten. Mit der Einführung der Liebesheirat aber entstand die Erwartung, man müsse einander alles geben können. Die Vorstellungen, die sich daraus ergaben, beeinflussen unsere Kultur zum Teil noch heute.

Beispielsweise die Vorstellung, dass Männer sexuell unersättlich wären, während Frauen eigentlich gar kein eigenes Interesse an Sex hätten. Das kommt daher, dass Menschen mit dem Verschwinden der arrangierten Ehen plötzlich auf einer Art Heiratsmarkt miteinander konkurrierten und es eiskalt um Ressourcen ging. Aufgrund der patriarchalischen Grundstruktur hatten Männer eine Menge davon – Geld, Beruf, etc. Frauen hatten dagegen nur eine einzige Ressource: Ihren Körper – oder vielmehr Zugang zu ihren Genitalien. Wer nur eine Ressource hat, muss damit krass haushalten – das heißt: nicht vor der Ehe rumvögeln, denn sonst hätte der Mann ja keinen Grund mehr, sie zu heiraten. Weil Männer unabhängig von ihrem Familienstand immer noch zu Prostituierten gehen konnten und dabei keine Einbußen auf dem Heiratsmarkt erlebten, gelten sie seitdem als immer könnende, immer wollende Hengste und Frauen als frigide.

Als ob das noch nicht reicht, wird damit die Grundlage für Slut Shaming gelegt: Eine Frau, die auch außerhalb einer Ehe Sex hat (eben beispielsweise eine Prosituierte), wird von anderen Frauen als Bedrohung empfunden: Die „Ware“, die sie alle für Ehe und Versorgung „verkaufen“ möchten, geben andere für weniger her. Das senkt den Wert und schwächt die Verhandlungsposition. Eine Möglichkeit damit umzugehen ist die gesellschaftliche Herabsetzung der sexuell freizügigeren Frau.

Obwohl die Vorstellung des sexuellen Eigentumsrechts in der westlichen Kultur so prägend ist, ist es keineswegs die einzige Option. In kurzen Schlaglichtern zeigt Liv Strömquist, dass es auch ganz anders gehen kann. So waren in Tibet lange Zeit polyandrische Beziehungsstrukturen üblich, also dass eine Frau mehrere Männer heiratete. Bei den Inuit wiederum galt es ein Zeichen der Gastfreundschaft, dass der Gast Sex mit der Ehefrau des Gastgebers haben durfte.

Bei diesen beiden Schlaglichtern bleibt es auch, abgesehen davon bleibt der Comic auf die europäisch-nordamerikanische Kultur fixiert. Gleichzeitig verlässt er kaum die Betrachtung heterosexueller Partner*innenschaften, auch wenn in einzelnen Bildern durchaus gleichgeschlechtliche Paare zu sehen sind.

Nun erwarte ich von einer schwedischen Autorin nicht zwingenderweise tiefe Einblicke in weltweite Kulturgeschichte. Und sicherlich gibt es wesentlich mehr Material zur Kulturgeschichte der Heterobeziehungen. Dennoch hätte ich es spannend gefunden, auch Blicke über diesen Tellerrand hinaus zu lesen – Beziehungsformen und Geschlechterrollen außerhalb der sogenannten westlichen Welt beziehungsweise des globalen Nordens nicht nur als Kontrapunkte, sondern als eigenständig zu untersuchende Möglichkeiten; Ausformung von Geschlechter- und Beziehungsrrollen außerhalb des heterosexuellen Konstrukts; der kulturelle Umgang mit Homosexualität zu verschiedenen Zeiten. Mir ist klar, dass auf 136 Seiten nur begrenzter Platz ist, aber vielleicht wäre das Stoff für weitere Bände…?

"Der Ursprung der Welt": Hier mit Prinzessin Diana und ihrem damaligen Gatten Prinz Charles.

Zeichen- & Schreibstil


Kann ein Sachbuch mit derart komplexen Themen als Comic überhaupt funktionieren? Ja, das kann es definitiv! Dabei muss ich zugeben, dass mir Liv Strömquists (Zeichen-)Stil auf den ersten Blick eigentlich gar nicht so zusagt. Das Cover finde ich noch absolut hinreißend mit seinem Mix aus Fotoschnipseln, geschichtetem und aufgenähtem Papier und den metallisch schimmernden Blitzen. Die Zeichnungen im Inneren sind mir aber eigentlich zu schematisch, zu wenig detailreich, zu flach. Die porträtierten Personen erkenne ich nur mit Mühe (zum Beispiel Prinzessin Diana) oder auch gar nicht (beispielsweise Prince Charles).

Aber! Diese Bilder spitzen zu, wo Sätze womöglich mäandern würden. Die lakonischen Sprechblasen machen Liv Strömquists Aussagen so treffend - und zwar mitten ins Herz, wenn sie beispielsweise mit wenigen Worten die Liebesbeziehung als private Mini-Religion entlarvt, deren Rituale alles andere als individuell sind. Zu dieser These zeigt Strömquist vier kuschelnde Heteropärchen auf einem Konzert. Die Männer stehen hinter den Frauen und umarmen sie in identischer Art und Weise. Ihr wisst ganz genau, welche Haltung gemeint ist, gebt’s zu! Gleichzeitig sind alle Paare sehr überzeugt davon, keinen Mustern zu folgen: Männer seien halt meistens größer als Frauen, meckern sie. Sie würden das halt so mögen! Ich fühle mich ertappt.

In Konzertkuscheleien Muster zu finden, ist eine Sache. Noch mehr an die Substanz geht es aber, wenn Liv Strömquist in gerademal zwei Bildern die Absurdität des oben erläuterten sexuellen Eigentumsrechts zum Ausdruck bringt: Im ersten Bild erzählt eine Frau ihrem Partner, sie habe vor ihrer Beziehung mit jemand anderem geschlafen – und alles ist okay. Im nächsten Bild ändert sich, dass die Frau meint, sie habe während der Beziehung mit jemand anderem geschlafen, was ihren Partner in ein „schlimmes Gefühl von Wut, Hass, Minderwertigkeit, völliger Bedeutungslosigkeit und schlimmer Kränkung“ stürzt. Das ist so kurz, so knapp, so gnadenlos, wie es ein Fließtext kaum sein könnte.

Nun könnte man kräftig durch die Nase schnauben und erklären, die Autorin hätte einfach keine bisher einfach nur doofe Beziehungen gehabt. Oder erklären, ein derart zynischer Mensch könne ja gar nicht die Freuden der monogamen Paarbeziehung erkennen und überhaupt habe sie offenkundig keine Ahnung.

Blöd nur, dass Liv Strömquist hier nicht einfach nur persönlichen Frust über verkackte Liebschaften zu Papier gebracht hat. Stattdessen finden sich auf jeder Seite Fußnoten, die auf wissenschaftliche Texte verweisen. Ich liebe das! Nicht nur, weil damit klar wird, dass die Informationen nicht allein Liv Strömquists Hirn entspringen. Sondern auch, weil ich direkt weiß, wo ich weiterrecherchieren könnte. Das lässt mein sozialwissenschaftlich sozialisiertes Herz höher schlagen. Wer schon länger meine Rezensionen liest, kennt mein immerwährendes Bedürfnis nach Tipps zum Weiterlesen und Vertiefen.

Wissenschaftlich legitimierte Hoffnungslosigkeit in Sachen monogame Paarbeziehung ist ja nun eher desillusionierend. Dass die Lektüre von „Der Ursprung der Liebe“ nicht einfach ohne Ende deprimiert, liegt an Liv Strömquists Witz. Bitterböse erfindet sie beispielsweise die „Männer-Pflege-WM“, bei der Ehefrauen darum konkurrieren, welche sich am meisten für ihren (häufig deutlich älteren) Mann aufopfert.

Für die Bespaßung der Leser*innenschaft gibt es auch diverse Running Gags. Okay, manch einer rennt so häufig durchs Bild, dass er am Ende ein wenig schlapp daherkommt. Statt sich johlend auf dem Boden zu wälzen, möchte man ihn ein schattiges Sitzplätzchen anbieten. Dennoch: Es tut gut zu sehen wie unverzagt die Running Gags angesichts der potenziell hoffnungsvernichtenden Lektüre bleiben. „Es ist noch nicht vorbei!“, röcheln sie im Vorbeiwanken. „Wir können wenigstens müde über diesen patriarchalen Unfug lächeln!“

Und so hat mich der Schreibstil innerhalb kürzester Zeit mit dem Zeichenstil versöhnt: Ein derart unkuscheliger Inhalt braucht keine lieblichen Zeichnungen. Ein Text, der so unverhohlen gegen die Grundpfeiler westlicher Heterobeziehungen tritt, braucht keine grafischen Schnörkel. Schmackes, auch in der Optik tut ihm verdammt gut.

"Der Ursprung der Liebe": Knapp, präzise und ohne jeden Zuckerguss.

Fazit


Auf 136 Seiten erklärt Liv Strömquist detailreich und fundiert, warum die monogame heterosexuelle Liebesbeziehung mit sexuellem Eigentumsrecht eine ziemliche Scheißidee ist und eigentlich nur aufgrund von rigiden Geschlechterrollen und daraus resultierenden Abhängigkeiten „funktionieren“ kann. Ganz ehrlich? Das ist nicht gerade aufbauend. Das ist sogar potenziell niederschmetternd. Also, falls ihr Schmetterlinge im Bauch habt und die possierlichen Tiere behalten wollt: Nähert euch diesem Buch nur mit einer großen Portion Pralinen in Herzchenform.

Das ist kein Buch, in das du dich einhüllen kannst, wie in eine fluffige Kuscheldecke. Aber: Es ist ein Werkzeugkasten, der hilft zu verstehen, wie um Himmels Willen diese vollkommen verkorkste(n) Beziehung(en) in der eigenen Vergangenheit zustande gekommen ist (sind) und warum ihr sie viel zu lange aufrechterhalten habt, taugt dieses Buch verdammt gut. Mit etwas Glück ist es sogar ein Werkzeugkasten, der euch dabei hilft, in Zukunft was anderes zusammenzuzimmern.

Mich bestätigt „Der Ursprung der Welt“ zum Beispiel darin, weiterhin Menschen mit starren Geschlechterrollen möglichst aus meinem (Liebes-)Leben rauszuhalten und kulturelle Normen immer erst einmal auf ihre Tauglichkeit für mich persönlich (!) hin zu untersuchen.

Danach bleibt einem eigentlich nur noch, den eigenen Bauchschmetterlingen Knieschützer anziehen und Sturzhelme aufsetzen. Zu akzeptieren, dass die Liebe nicht nur aus duftenden Blümchen und glitzernden Regenbögen besteht. Weiterzugehen und versuchen, den größten Dunghaufen auszuweichen. It’s a bumpy ride, aber… verdammt, kuscheln auf Konzerten ist trotzdem schön!

Harte Fakten


Verlag: avant-verlag
Autorin: Liv Strömquist
Erscheinungsdatum: 01. Februar 2018
Sprache: Deutsch (aus dem Schwedischen übersetzt von Katharina Erben)
Format: Taschenbuch
Seitenanzahl: 136 Seiten
ISBN-13: 978-394503489
Preis: 20,00 Euro

Kommentare:

  1. Juhu! Ich sehe deine Rezension in großen teilen ähnlich. Dass es sich nur auf heterobeziehungen bezieht, ist mir auch sauer aufgestoßen. Den wissenschaftsbezug fand ich (wie beim ersten Buch) großartig. Allerdings teile ich deine Meinung zum Zeichenstil nicht. Ich lese viele zines im ähnlichen Stil. Künstlerisches können steht da auch auf einem anderen Blatt, aber darum geht es nicht. Die simplen zeichnungen zu einem solch vielschichtigen thema finde ich sehr passend. Mit den Zeichnungen werden ganz andere lesendenschaften erreicht, als mit noch einem wissenschaftlichen Buch. Im letzten missy magazin hatte liv sich dazu auch sehr passend zu ihrer Zeichenkunst geäußert.
    Ansonsten: ein hoch auf die liebe, was und wo auch immer das ist.
    Liebst,
    jule*

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    1. Uh, dann muss ich mal gucken, ob ich das Missy Magazine noch ergattern kann, der Artikel würde mich sehr interessieren.
      Und: Die Bilder *gefallen* mir nicht. Sie treffen nicht meine ästhetischen Bedürfnisse. Darüber hinaus finde ich sie aber sehr geil! Gerade auch aus dem Grund, den du angesprochen hast - dass ein Text mit so vielen wissenschaftlichen Bezügen halt normalerweise bestimmten gesellschaftlichen Gruppen vorbehalten bleibt und die Bebilderung das nun aufbricht.

      Abgesehen davon: Muss mehr Zines lesen. Danke für die Erinnerung! :)

      Liebe Grüße
      Sabrina

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    2. falls du sie nicht findest, schick mir ne mail, dann schicke ich sie dir, bevor sie im altpapier landet.
      liebst,
      jule*

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    3. Ich halte die nächsten Tage Ausschau und melde mich dann gegebenenfalls.
      Danke schonmal! <3

      Liebe Grüße
      Sabrina

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