Samstag, 28. Juli 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Samstagmorgende enthalten Tee. Und eine Menge Netzfunde.
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.  

Diese Woche habe ich in erster Linie mit Vorfreude verbracht: Seit Freitagabend verbringe ich das Wochenende nämlich mit dem wunderbaren Vorstandsteam des *innenAnsicht-Magazins - zum Kennenlernen, Planen, Lesen. Ich bin im feministischen Aktivismushimmel, sag ich euch. Wer gucken möchte, was wir die ganze Zeit so treiben, kann gerne mal bei Instagram vorbeischauen, dort halten wir euch auf dem Laufenden. 

Netzfunde der Woche

Damit sich diejenigen von euch, die nicht mit mir ein einem Vorstandsmeetingwochenende sitzen, trotzdem Gehirnfutter bekommen, folgen hier wie üblich die Netzfunde der Woche.

Feminismus

Kennt ihr Jess Wade? Ich bis gestern auch nicht. Aber dann bin ich auf diesen Artikel im Online-Angebot des Guardian gestoßen: "Academic writes 270 Wikipedia pages in a year to get female scientists noticed". Darin erzählt Frau Wade nicht nur, dass sie 2017 diese 270 Wikipedia-Einträge zu Naturwissenschaftlerinnen verfasst hat, sondern auch warum: Die üblichen Kampagnen mit dem Ziel, Mädchen für Naturwissenschaften zu begeistern, seien alle wirkungslos.

Im Interview "Wir haben uns zu sicher gewähnt" des Gunda-Werner-Institus mit der Migrationsforscherin Naika Foroutan geht es um Radikalität. Sie sei "ein wichtiger gesellschaftlicher Motor", sagt die Professorin und meint, genau diese Radikalität habe der Feminismus in den letzten Jahren vermissen lassen. Denn es gebe auch heute noch genügend Kämpfe, die dringend ausgefochten werden müssten - so große Themen wie #metoo, Schwangerschaftsabbrüche und die Debatte um das Kopftuchverbot.

Rechtsextremismus

Diese Woche jährte sich der Jahrestag des Anschlags auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944. Zu diesem Tag berichtet der Deutschlandfunk Kultur unter dem Titel "Anständig bleiben in schwierigen Zeiten" über den offenen Brief, den die Nachfahren der Widerstandskämpfer von damals zur "Verteidigung eines geeinten Europas" geschrieben haben. Im Interview mit der Initiatorin Christina Rahtgens geht es um die aktuelle Verrohung der Sprache, die versuchte Vereinnahmung des Tages durch die AfD sowie darum, wie man in der heutigen Situation Widerstand leisten kann. 
(Ich möchte an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass Stauffenberg, als bekannter Akteur des 20. Juli keineswegs unproblematisch ist. Das war nun nicht unbedingt das, was ich unter einem netten Menschen verstehen würde. Aber die versuchte Vereinnahmung von Widerstandskämpfern aus dem Dritten Reich durch rechte Akteur*innen ist reichlich widerlich.)

Auch am 22. Juli  jährte sich ein Ereignis - das Massaker, das der rechtsextreme Terrorist Anders Behring Breivik 2011 auf auf der norwegischen Insel Utøya verübt hat. Dabei starben 69 Menschen, vor allem Jugendliche, die an einem sozialdemokratischen Sommercamp teilnahmen. Der Freitag sprach anlässlich des Jahrestages mit dem 25-jährigen Überlebenden Erik Kursetgjerde. Im Interview "Aber Hass löst ja nichts" spricht der junge Mann über seine Erinnerungen an den Tag und sein heutiges politisches Engagement.

Habt ein schönes Wochenende!


Sonntag, 22. Juli 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Viel Tee und Liebeslektüre an diesem Sonntagnachmittag

Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.  
 
Ich hoffe, ihr hattet eine schöne Woche? Meine war gefüllt mit meinem Typo3-Kurs und weiteren Schritten in Sachen Zukunftsplanung. Ihren krönenden Abschluss fand sie am Freitagabend im Garten einer Bekannten - mit Gras unter den Zehen, Windbeuteln im Bauch und Erdbeeren in der Bowle. Diese Bowle ist auch schuld daran, dass dieser Beitrag erst heute erscheint, gestern war dann nämlich viel Rumliegen und 80er-Jahre-Actionfilmgucken angesagt...

Netzfunde der Woche

Zwischendurch und immer wieder habe ich diese Woche auch gelesen. Meine Rezension zu "Der Ursprung der Liebe" von Liv Strömquist ist ein Ergebnis davon. Online war aber noch viel mehr los. Eigentlich hätte ich schon am Dienstagvormittag genügend Material für einen ordentlich gefüllten Post gehabt, aber natürlich nicht zum selben Zeitpunkt aufgehört, Artikel zu durchforsten. Also schenkt euch ein Heißgetränk eurer Wahl nach, macht es euch gemütlich und klickt euch durch. 

Widerstand gegen Zerbröselung der Demokratie


Madeleine Albright warnt im Deutschlandfunk Kultur vor einer neuen faschistischen Gefahr. Der Faschismus sei heute eine Methode, die Gesellschaft zu spalten, nach dem Motto "Wir gegen die anderen!". Neben einem kritischen Blick in die USA geht es auch kurz um den Rechtsruck in Europa.

Bei Spiegel Online berichtet Georg Dietz unter dem Titel "Widerstand. Eine Geisteshaltung, die man einüben kann" von einer Berliner Veranstaltung zum Widerstand gegen das Hitler Regime. Von dort schlägt er einen Bogen zum aktuellen Rechtsruck in Europa und welche Bedeutung das Wort "Widerstand" darin erfährt - sowohl von Seiten derer, die Europa durch diesen Rechtsruck gefährdet sehen, als auch durch die Rechten selbst, die diesen Begriff für sich vereinnahmen wollen.

Ebenso wie den Begriff "Widerstand" versuchen die Rechten auch, sich feministische Ideen anzueignen und sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Insbesondere seit der Silvesternacht 2015/2016 in Köln soll Fremdenfeindlichkeit durch Berufung auf Frauenrechte legitimiert werden. Die Rechte der Frauen seien nämlich, so die rechte Erzählung, nur durch Männer mit Migrationshintergrund und deren rückständiges Frauenbild gefährdet. DaMigra, der Dachverband der Migrantinnenorganisationen, hat gegen diese Vereinnahmung die Aktion #ohneuns ins Leben gerufen. Bei Watson gibt es ein Interview dazu.

Widerstand sollte auch im Netz geleistet werden, befindet The Verge. Die alte Weisheit "Don't Feed The Trolls" sei falsch - Trolle unwidersprochen Hass verbreiten zu lassen, lasse die angegriffenen Menschen mit ihren Verletzungen allein.

Mit Trollen beschäftigt sich auch die Studie "Hass auf Knopfdruck" des Londoner Institute for Stragtegic und der Initiative #ichbinhier. In diesem Artikel auf jetzt.de warnt die Initiative vor den Folgen, die organisierte Troll-Armeen im Netz für die gesamte Gesellschaft hätten - am Ende solle nicht nur die Demokratie in den Kommentarspalten, sondern im ganzen Land ausgehebelt werden.

Sexuelle Belästigung

Frauen wird ja gerne mal gesagt, sie sollten sich sofort wehren, wenn sie sexuell belästigt werden. Dass das ziemlich fiese Folgen für die Belästigte selbst haben kann, erfährt gerade Sigi Maurer. Die ehemalige Abgeordnete der österreichischen Grünen bekam sexistische Facebook-Nachrichten und machte diese samt Absender öffentlich. Jetzt wurde sie vom Besitzer des Accounts verklagt, er habe die Nachrichten gar nicht selbst geschrieben und durch Maurers Veröffentlichung wirtschaftlichen wie immateriellen Schaden erlitten. Spiegel Online berichtete hier und in der Kolumne von Margarete Stokowski. Ich bin vor allem unangenehm überrascht, dass derartige Nachrichteninhalte in Österreich nicht strafbar sind.

In Leipzig verharmloste die Polizei derweil einen sexuellen Übergriff in einer Polizeimeldung: Der Grabscher habe sich von den "ebenmäßigen Formen" einer jungen Frau "magisch angezogen" gefühlt. Bento berichtete darüber und erläuterte die drei Hauptprobleme: Neben der Verharmlosung werde mit dieser Wortwahl auch Victim Blaming betrieben und statt nüchtern zu berichten, lieber eine unterhaltsame Geschichte erzählt.

Schwangerschaftsabbruch


Auf Bento erzählen drei Frauen von ihren Erfahrungen in der Schwangerschaftkonfliktberatung. An sich ein guter Artikel, weil sehr unterschiedliche Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergrundgeschichten und Sorgen zu Wort kommen und weil deutlich wird, dass der Wert der Konfliktberatung in hohem Maße von der beratenden Person abhängt. Ich finde es allerdings extrem schade, dass eine Frau berichtet, ihren Abbruch hinterher als "Mord" zu empfinden und die beiden anderen sich für die Fortführung der Schwangerschaft entschieden haben. Da hätte ich von Bento echt mehr erwartet. 

Überhaupt wird von Abtreibungen in den allermeisten Fällen nur mit der "Das ist alles ganz fürchterlich und schlimm"-Grundhaltung gesprochen, auch in feministischen Kreisen. Dass ein Schwangerschaftsabbruch auch ohne große Gewissensqualen geschehen und schlicht eine große Erleichterung sein kann, kommt selbst in feministischen Diskursen nur selten vor, bemängelt Claire im *innenAnsicht-Magazin.

Habt ein schönes Restwochenende!

Mittwoch, 18. Juli 2018

[Rezension] Der Ursprung der Liebe

"Der Ursprung der Liebe" - der momentane Star meines Bücheregals.
[Werbung - Rezensionsexemplar]

Kennt ihr diese Bücher, bei deren Lektüre es euch wie Schuppen von den Augen fällt und ihr plötzlich Zeug aus eurer Vergangenheit versteht? Die Bücher, auf die ihr in den Wochen nach der Lektüre immer wieder verweist und all euren Freund*innen unter die Nase haltet? "Der Ursprung der Liebe" ist so ein Buch für mich.

Auf den 136 Seiten dieses Sach-Comics beschäftigt sich die schwedische Autorin Liv Strömquist mit der Liebe. Woher sie eigentlich kommt, wie sie gesellschaftlich verankert ist und was das mit uns anstellt.

Inhalt

„Der Ursprung der Liebe“ gliedert sich grob in zwei Hauptkapitel. Im ersten Teil geht es erst einmal darum, wie Kinder ihre Geschlechterrollen ausformen und wie sich das auf heterosexuelle Liebesbeziehungen auswirkt.

Kurz zusammengefasst geschieht folgendes: Mädchen identifizieren sich mit der Mutter und lernen von ihr „wie man Frau ist“. Gleichzeitig fehlt Jungs aufgrund der Abwesenheit des Vaters eine männliche Identifikationsfigur, sei leiten ihre männliche Identität deswegen aus der Ablehnung aller „weiblichen“ Eigenschaften ab. Dabei kann nun nichts Gutes rauskommen: Frauen folgen einem Weiblichkeitsbild, das durch Fürsorge und Bindungsarbeit geprägt sind, aus dem aber kein Selbstwert aufgrund großartiger Errungenschaften entsteht. In der Folge gieren sie immerfort nach Bestätigung von außen und Nähe. Die Männer wiederum fühlen sich durch jegliche Nähe sofort eingeengt und in ihrer Männlichkeit bedroht, da ihre Vorstellung von Männlichkeit Unabhängigkeit und Eigenständigkeit voraussetzt. Ihre hochfliegenden Pläne können sie jedoch nur verwirklichen, wenn ihnen jemand zu Hause ein leckeres Abendessen kocht – die Frau nämlich, die versucht, ihrem Partner nahe zu sein. Dadurch entsteht ein Kreislauf gegenseitiger Abhängigkeit: Alle leiden und/oder sind genervt, aber ohne einander kommt auch keine*r klar.

Aus diesem Grundmodell leitet Strömquist im Folgenden ab, warum sich Frauen für ihre (Ehe-)Männer aufopfern und dies als „wahre Liebe“ glorifizieren oder welche Mechanismen Frauen in missbräuchlichen Beziehungen verharren lassen, statt bereits frühzeitig die Flucht zu ergreifen. Dabei nutzt sie konkrete Beispiele wie Nancy Reagan oder Whitney Houston.

Wichtig: Strömquist betont dabei mehrfach, dass sie sich auf Kinder in „sexistisch-heteronormativen Familien“ bezieht. Wir haben es hier also mit engen Rollenkorsetts zu tun! Wer eher in Sweatshirts großgezogen wurde, darf sich an dieser Stelle also schon mal glücklich schätzen.

Der zweite große Teil des Buches behandelt das sexuelle Eigentumsrecht – also der Vorstellung, dass innerhalb einer Beziehung Sex nur mit dem*der jeweiligen Partner*in stattzufinden hat.

In unserer europäischen Kultur ist das sexuelle Eigentumsrecht seit der Einführung der Liebesheirat mit Liebe verknüpft: „Wenn du mich wirklich liebst, willst du nur mich“ lautet die Grundformel. Doch mit der Idee der ehelichen Liebe entwickelt sich leider auch ein anderes, hässlicheres Gefühl: Eifersucht. Solange arrangierte Ehen vorherrschten, war völlig klar, dass Paare einander nicht unbedingt zugetan waren und sexuelle Erfüllung eher außerhalb des Ehebettes suchten. Mit der Einführung der Liebesheirat aber entstand die Erwartung, man müsse einander alles geben können. Die Vorstellungen, die sich daraus ergaben, beeinflussen unsere Kultur zum Teil noch heute.

Beispielsweise die Vorstellung, dass Männer sexuell unersättlich wären, während Frauen eigentlich gar kein eigenes Interesse an Sex hätten. Das kommt daher, dass Menschen mit dem Verschwinden der arrangierten Ehen plötzlich auf einer Art Heiratsmarkt miteinander konkurrierten und es eiskalt um Ressourcen ging. Aufgrund der patriarchalischen Grundstruktur hatten Männer eine Menge davon – Geld, Beruf, etc. Frauen hatten dagegen nur eine einzige Ressource: Ihren Körper – oder vielmehr Zugang zu ihren Genitalien. Wer nur eine Ressource hat, muss damit krass haushalten – das heißt: nicht vor der Ehe rumvögeln, denn sonst hätte der Mann ja keinen Grund mehr, sie zu heiraten. Weil Männer unabhängig von ihrem Familienstand immer noch zu Prostituierten gehen konnten und dabei keine Einbußen auf dem Heiratsmarkt erlebten, gelten sie seitdem als immer könnende, immer wollende Hengste und Frauen als frigide.

Als ob das noch nicht reicht, wird damit die Grundlage für Slut Shaming gelegt: Eine Frau, die auch außerhalb einer Ehe Sex hat (eben beispielsweise eine Prosituierte), wird von anderen Frauen als Bedrohung empfunden: Die „Ware“, die sie alle für Ehe und Versorgung „verkaufen“ möchten, geben andere für weniger her. Das senkt den Wert und schwächt die Verhandlungsposition. Eine Möglichkeit damit umzugehen ist die gesellschaftliche Herabsetzung der sexuell freizügigeren Frau.

Obwohl die Vorstellung des sexuellen Eigentumsrechts in der westlichen Kultur so prägend ist, ist es keineswegs die einzige Option. In kurzen Schlaglichtern zeigt Liv Strömquist, dass es auch ganz anders gehen kann. So waren in Tibet lange Zeit polyandrische Beziehungsstrukturen üblich, also dass eine Frau mehrere Männer heiratete. Bei den Inuit wiederum galt es ein Zeichen der Gastfreundschaft, dass der Gast Sex mit der Ehefrau des Gastgebers haben durfte.

Bei diesen beiden Schlaglichtern bleibt es auch, abgesehen davon bleibt der Comic auf die europäisch-nordamerikanische Kultur fixiert. Gleichzeitig verlässt er kaum die Betrachtung heterosexueller Partner*innenschaften, auch wenn in einzelnen Bildern durchaus gleichgeschlechtliche Paare zu sehen sind.

Nun erwarte ich von einer schwedischen Autorin nicht zwingenderweise tiefe Einblicke in weltweite Kulturgeschichte. Und sicherlich gibt es wesentlich mehr Material zur Kulturgeschichte der Heterobeziehungen. Dennoch hätte ich es spannend gefunden, auch Blicke über diesen Tellerrand hinaus zu lesen – Beziehungsformen und Geschlechterrollen außerhalb der sogenannten westlichen Welt beziehungsweise des globalen Nordens nicht nur als Kontrapunkte, sondern als eigenständig zu untersuchende Möglichkeiten; Ausformung von Geschlechter- und Beziehungsrrollen außerhalb des heterosexuellen Konstrukts; der kulturelle Umgang mit Homosexualität zu verschiedenen Zeiten. Mir ist klar, dass auf 136 Seiten nur begrenzter Platz ist, aber vielleicht wäre das Stoff für weitere Bände…?

"Der Ursprung der Welt": Hier mit Prinzessin Diana und ihrem damaligen Gatten Prinz Charles.

Zeichen- & Schreibstil


Kann ein Sachbuch mit derart komplexen Themen als Comic überhaupt funktionieren? Ja, das kann es definitiv! Dabei muss ich zugeben, dass mir Liv Strömquists (Zeichen-)Stil auf den ersten Blick eigentlich gar nicht so zusagt. Das Cover finde ich noch absolut hinreißend mit seinem Mix aus Fotoschnipseln, geschichtetem und aufgenähtem Papier und den metallisch schimmernden Blitzen. Die Zeichnungen im Inneren sind mir aber eigentlich zu schematisch, zu wenig detailreich, zu flach. Die porträtierten Personen erkenne ich nur mit Mühe (zum Beispiel Prinzessin Diana) oder auch gar nicht (beispielsweise Prince Charles).

Aber! Diese Bilder spitzen zu, wo Sätze womöglich mäandern würden. Die lakonischen Sprechblasen machen Liv Strömquists Aussagen so treffend - und zwar mitten ins Herz, wenn sie beispielsweise mit wenigen Worten die Liebesbeziehung als private Mini-Religion entlarvt, deren Rituale alles andere als individuell sind. Zu dieser These zeigt Strömquist vier kuschelnde Heteropärchen auf einem Konzert. Die Männer stehen hinter den Frauen und umarmen sie in identischer Art und Weise. Ihr wisst ganz genau, welche Haltung gemeint ist, gebt’s zu! Gleichzeitig sind alle Paare sehr überzeugt davon, keinen Mustern zu folgen: Männer seien halt meistens größer als Frauen, meckern sie. Sie würden das halt so mögen! Ich fühle mich ertappt.

In Konzertkuscheleien Muster zu finden, ist eine Sache. Noch mehr an die Substanz geht es aber, wenn Liv Strömquist in gerademal zwei Bildern die Absurdität des oben erläuterten sexuellen Eigentumsrechts zum Ausdruck bringt: Im ersten Bild erzählt eine Frau ihrem Partner, sie habe vor ihrer Beziehung mit jemand anderem geschlafen – und alles ist okay. Im nächsten Bild ändert sich, dass die Frau meint, sie habe während der Beziehung mit jemand anderem geschlafen, was ihren Partner in ein „schlimmes Gefühl von Wut, Hass, Minderwertigkeit, völliger Bedeutungslosigkeit und schlimmer Kränkung“ stürzt. Das ist so kurz, so knapp, so gnadenlos, wie es ein Fließtext kaum sein könnte.

Nun könnte man kräftig durch die Nase schnauben und erklären, die Autorin hätte einfach keine bisher einfach nur doofe Beziehungen gehabt. Oder erklären, ein derart zynischer Mensch könne ja gar nicht die Freuden der monogamen Paarbeziehung erkennen und überhaupt habe sie offenkundig keine Ahnung.

Blöd nur, dass Liv Strömquist hier nicht einfach nur persönlichen Frust über verkackte Liebschaften zu Papier gebracht hat. Stattdessen finden sich auf jeder Seite Fußnoten, die auf wissenschaftliche Texte verweisen. Ich liebe das! Nicht nur, weil damit klar wird, dass die Informationen nicht allein Liv Strömquists Hirn entspringen. Sondern auch, weil ich direkt weiß, wo ich weiterrecherchieren könnte. Das lässt mein sozialwissenschaftlich sozialisiertes Herz höher schlagen. Wer schon länger meine Rezensionen liest, kennt mein immerwährendes Bedürfnis nach Tipps zum Weiterlesen und Vertiefen.

Wissenschaftlich legitimierte Hoffnungslosigkeit in Sachen monogame Paarbeziehung ist ja nun eher desillusionierend. Dass die Lektüre von „Der Ursprung der Liebe“ nicht einfach ohne Ende deprimiert, liegt an Liv Strömquists Witz. Bitterböse erfindet sie beispielsweise die „Männer-Pflege-WM“, bei der Ehefrauen darum konkurrieren, welche sich am meisten für ihren (häufig deutlich älteren) Mann aufopfert.

Für die Bespaßung der Leser*innenschaft gibt es auch diverse Running Gags. Okay, manch einer rennt so häufig durchs Bild, dass er am Ende ein wenig schlapp daherkommt. Statt sich johlend auf dem Boden zu wälzen, möchte man ihn ein schattiges Sitzplätzchen anbieten. Dennoch: Es tut gut zu sehen wie unverzagt die Running Gags angesichts der potenziell hoffnungsvernichtenden Lektüre bleiben. „Es ist noch nicht vorbei!“, röcheln sie im Vorbeiwanken. „Wir können wenigstens müde über diesen patriarchalen Unfug lächeln!“

Und so hat mich der Schreibstil innerhalb kürzester Zeit mit dem Zeichenstil versöhnt: Ein derart unkuscheliger Inhalt braucht keine lieblichen Zeichnungen. Ein Text, der so unverhohlen gegen die Grundpfeiler westlicher Heterobeziehungen tritt, braucht keine grafischen Schnörkel. Schmackes, auch in der Optik tut ihm verdammt gut.

"Der Ursprung der Liebe": Knapp, präzise und ohne jeden Zuckerguss.

Fazit


Auf 136 Seiten erklärt Liv Strömquist detailreich und fundiert, warum die monogame heterosexuelle Liebesbeziehung mit sexuellem Eigentumsrecht eine ziemliche Scheißidee ist und eigentlich nur aufgrund von rigiden Geschlechterrollen und daraus resultierenden Abhängigkeiten „funktionieren“ kann. Ganz ehrlich? Das ist nicht gerade aufbauend. Das ist sogar potenziell niederschmetternd. Also, falls ihr Schmetterlinge im Bauch habt und die possierlichen Tiere behalten wollt: Nähert euch diesem Buch nur mit einer großen Portion Pralinen in Herzchenform.

Das ist kein Buch, in das du dich einhüllen kannst, wie in eine fluffige Kuscheldecke. Aber: Es ist ein Werkzeugkasten, der hilft zu verstehen, wie um Himmels Willen diese vollkommen verkorkste(n) Beziehung(en) in der eigenen Vergangenheit zustande gekommen ist (sind) und warum ihr sie viel zu lange aufrechterhalten habt, taugt dieses Buch verdammt gut. Mit etwas Glück ist es sogar ein Werkzeugkasten, der euch dabei hilft, in Zukunft was anderes zusammenzuzimmern.

Mich bestätigt „Der Ursprung der Welt“ zum Beispiel darin, weiterhin Menschen mit starren Geschlechterrollen möglichst aus meinem (Liebes-)Leben rauszuhalten und kulturelle Normen immer erst einmal auf ihre Tauglichkeit für mich persönlich (!) hin zu untersuchen.

Danach bleibt einem eigentlich nur noch, den eigenen Bauchschmetterlingen Knieschützer anziehen und Sturzhelme aufsetzen. Zu akzeptieren, dass die Liebe nicht nur aus duftenden Blümchen und glitzernden Regenbögen besteht. Weiterzugehen und versuchen, den größten Dunghaufen auszuweichen. It’s a bumpy ride, aber… verdammt, kuscheln auf Konzerten ist trotzdem schön!

Harte Fakten


Verlag: avant-verlag
Autorin: Liv Strömquist
Erscheinungsdatum: 01. Februar 2018
Sprache: Deutsch (aus dem Schwedischen übersetzt von Katharina Erben)
Format: Taschenbuch
Seitenanzahl: 136 Seiten
ISBN-13: 978-394503489
Preis: 20,00 Euro

Samstag, 14. Juli 2018

[Samstagstee] mit feministischen Netzfunden

Erst mal eine Tasse Tee, dann reden wir weiter!
 Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.  

Diese Woche war eine gute Woche. Am Dienstag erreichte mich eine Mail, welche die Weichen für die nächsten Jahre gestellt hat. Ich freue mich unheimlich darüber und habe einen beträchtlichen Teil dieser Woche mit den entsprechenden Vorbereitungen verbracht. (Mehr Infos gibt's dann, wenn alles in trockenen Tüchern ist.)

Abgesehen von Freudentränen und Bürokratie habe ich viel gelesen, um bald wieder eine Rezension veröffentlichen zu können und euch heute wieder ein paar Netzfunde zuspielen zu können.

Feministische Netzfunde der Woche

"Danke, es hat Taschen!" von Wepsert beschreibt die Entwicklung der Frauenkleidung in Sachen Taschen und warum diese so wichtig für die Emanzipation sind: "Frauenbekleidung ohne Taschen zu konstruieren, ist bis heute eine Entscheidung, die auf den Annahmen fußen könnte, dass Frauen nicht bauen und erschaffen und keine Werkzeuge mit sich herumtragen und dass Frauenbekleidung (und der Mensch darin), in erster Linie gut aussehen muss. Funktionalität hinten angestellt. Was natürlich großer Quark ist (...)"

"Wenn der Zyklus Achterbahn fährt" im Tagesspiegel berichtet über PMDS, die prämenstruelle dysphorische Störung. So wird ein die schwere Form des prämenstruellen Syndroms bezeichnet, die einige aufklären, das Menschen mit Uterus vor der Menstruation quält. Neben körperlichen Symptomen (Krämpfe, schmerzende Brüste, etc.) treten dabei auch psychische Symptome auf (emotionale Labilität, Angstzustände, etc.). Beschrieben wird im Artikel, was während des Zyklus' in hormoneller Hinsicht so passiert und dass ein Zyklustagebuch helfen kann, dem auf den Grund zu kommen. Außerdem gibt es ein paar Tipps, wie die Beschwerden gelindert werden können. Soweit so super. Was mich aber trotzdem nervt: Schon im Teaser wird angesprochen, dass auch die Partner unter der PMDS zu leiden haben. Zwei Fragen: Soll das ein generisches Maskulinum sein? Oder gehen wir einfach hier mal davon aus, dass nur Heteras PMDS haben? Eine dritte Frage schließt sich für mich an: Warum muss in einem Artikel über krasse Beschwerden von Menschen mit Uterus schon gleich zu Beginn darauf verwiesen werden, dass auch die armen Menschen ohne Uterus darunter leiden müssen? (Der Artikel verwendet übrigens wenig überraschend "Frauen" und "Männer".)

Für diejenigen von euch, die auch "The Handmaid's Tale" ("Der Report der Magd") von Margaret Atwood gelesen oder die Serie gesehen haben, könnte dieses Interview der Autorin mit Penguin interessant sein. Sie spricht darin unter anderem über ihre Überlegungen zum Plot, über ihr Leben in Berlin während der Niederschrift und über die Rezeption des Romans in den 1980ern und heute.

Außerdem bin ich bei Good Impact auf ein Interview mit Mithu Sanyal gestoßen. Die Kulturwissenschaftlerin und Autorin wünscht sich ein "verpflichtendes Gendertraining in Kindergärten und Schulen", das allerdings Erzieher*innen und Lehrer*innen als Zielgruppe hat, nicht die Kinder. Es soll dabei helfen, dass Kinder nicht mehr nach Geschlechtsstereotypen erzogen werden. Diese Abkehr von Stereotypen soll präventiv gegen Sexismus und sexuelle Gewalt helfen. Wenn Mädchen auf der einen Seite nicht mehr beigebracht würde, still und lieb zu sein und Jungs Emotionen nicht nur haben, sondern auch darüber sprechen dürften, sei es für alle einfacher, Grenzen zu formulieren.

Zuletzt muss ich doch noch was zum Thema Fußball-WM sagen. Ich hatte euch vor vier Wochen zwar eine ballfreie Zone versprochen, aber diese beiden Themen sind mir dann doch wichtig:
In Großbritannien wurde eine Studie durchgeführt, laut der es während Fußballturnieren häufiger zu häuslicher Gewalt kommt. Der Artikel bei ze.tt meint, dieses Ergebnis ließe sich vermutlich auch auf andere Länder übertragen. Zahlen für die häusliche Gewalt in Deutschland gibt es also (noch) nicht.
Ein Sündenbock unter den Spielern ist allerdings ausgemacht worden und der bekommt zumindest verbal einiges ab: Mesut Özil. Übermedien untersuchte den Sturz vom "Integrationsmaskottchen zum Buhmann". Der Artikel "Die Unerwünschten" bei ZEIT Online kritisiert die symbolische Opferung des Spielers, zieht den Rahmen dann jedoch weiter auf. Dort geht es dann um den "Fremden" als Sündenbock im Allgemeinen, mit Mesut Özil und Geflüchteten als Beispiele.

Genießt euer Wochenende!

Samstag, 7. Juli 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Mit einem Stapel Bücher und Tee ins Wochenende. Jippieh!
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.  
 
Wie war eure Woche? Meine war gut, jedenfalls in privater Hinsicht. Ich habe gleich zum Wochenstart ein Exemplar der neuen brav_a erhalten. Die brav_a ist ein queer-feministisches Zine, in dessen aktueller Ausgabe auch ein Artikel von mir drin ist. Dieser handelt von den Reaktionen, die ich bekommen habe, als ich mir vor vier Jahren die langen Haare hab absäbeln lassen ("Dann fasst dich doch nie wieder ein Mann an!!1elf"), Geschlechterrollen und Schönheit. Yay!

Am Donnerstag ging es gleich toll weiter, denn da fand in Berlin der Salon der Graphischen Literatur statt. Mehrere Verlage zeigten hier ihre Graphic Novels - Neuerscheinungen und Bestseller. Die Ausbeute: Mehrere Rezensionsexemplare direkt in meine Tasche gewandert, weitere spannende Bücher erscheinen im September. Ich bin jetzt schon voller Vorfreude und kann euch versichern, dass ihr hier noch diverse Rezensionen zu lesen bekommen werdet. 

Unter anderem auch, weil ich beim Bibliotheksbesuch am Freitag nochmal so viele Bücher mitgenommen habe, dass ich jetzt Türme damit bauen könnte. Mit ein wenig Mühe könnte es sogar eine kleine Burg werden. Super!

Aber gleichzeitig ist in dieser Woche politisch so viel passiert, dass ich mir tatsächlich gerne eine kleine Bücherburg bauen würde, aus der ich erst wieder rauskäme, wenn die Welt wieder ein netterer Ort ist: In den USA sind immer noch kleine Kinder getrennt von ihren Eltern eingesperrt, unser Heimatminister ist mit großem Getöse doch-nicht-zurückgetreten und bekommt seinen Willen in Sachen Flüchtlingspolitik, in Österreicht gibt's jetzt die total freiwilligen 12-Stunden-Tage und im Mittelmeer ertrinken hunderte von Menschen.

Weil vom Buchburgbauen aber bekanntermaßen nichts besser wird, mach ich mich nachher auf den Weg zum Neptunbrunnen. Hier beginnt um 13 Uhr die Demo "Seebrücke - Schafft sichere Häfen". Gefordert werden sichere Fluchtwege, eine Entkriminalisierung der Seenotrettung und eine menschenwürdige Unterbringung geflüchteter Menschen. Also wenn ihr in Berlin seid und noch nichts vorhabt...

Weitere Seebrücke-Demos gibt's in vielen deutschen Städten, darunter Gießen, München und Leipzig. Für diejenigen von euch, bei denen es keine Demos gibt oder die aus anderen Gründen nicht dabei sein werden, habe ich auch in dieser Woche wieder einige Netzfunde zusammengetragen.

Netzfunde der Woche

Im Süddeutsche Zeitung Magazin schreibt Wolfgang Luef, es sei der "erste Schritt in die Barbarei", wenn es geteilte Meinungen darüber gebe, ob man ertrinkenden Menschen helfen solle oder nicht. Dass aber genau das so großflächig geschehe, sei "der Anfang vom Ende der europäischen Idee".

Ein flammendes Plädoyer für Europa von Wolfgang Tillmans bei Zeit Online hat Astrid gestern schon geteilt. Ich möchte aber, dass so viele wie möglich es wirklich lesen, denn es steht eine Menge auf dem Spiel. Die zwei Generationen Friedensjahre, die die Bundesrepublik erlebt hat, sind nicht vom Himmel gefallen. Und das dritte Reich zuvor ebenfalls nicht. Die industrielle Vernichtung jüdischer (und anderer) Menschen kam nicht von einem Tag auf den anderen, sondern begann mit dem Schüren von Ressentiments, mit dem Köcheln eines ekligen Süppchens aus Nationalismus, Neid und der Abwertung anderer. Das sind Dinge, die ich auch heute beobachte - und gerade aufgrund dieser Sorgen verstärkt zurück blicke.

Am Mittwoch habe ich meine Rezension zu "Die Frauen der Nazis" veröffentlicht und kurz darauf bei Spiegel Online einen Artikel zu Heinrich Himmlers Tochter Gudrun gefunden. Sie hätte auch toll in diese Reihe gepasst, denn auch sie trug, wie ihre Mutter, die Ansichten des Nazi-Regimes noch lange nach dem Krieg weiter.

Weil die Verbreitung menschenverachtender Ansichten so abhängig von Sprache sind, möchte ich euch die Broschüre 24 Fragen und Antworten zu  Hate Speech und Fake News der Belltower News ans Herz legen.  

Habt ein schönes Wochenende!

Mittwoch, 4. Juli 2018

[Rezension] Die Frauen der Nazis

Buchcover
"Die Frauen der Nazis" von Anna Maria Sigmund: Zum richtigen Zeitpunkt gefunden.
Vor einiger Zeit las ich in einer feministischen Facebook-Gruppe folgende Sätze: "Ich fühle mich als Frau irgendwie fälschlich beschuldigt, wenn die Verfolgung und Ermordung Homosexueller durch “die Deutschen” oder “Deutschland” beklagt wird. So furchtbar das Geschehen war, für mich waren es deutsche Männer, die diese Vernichtungstaten initiierten. [..] Sollen wir die Schuld also brav mittragen oder Täterschaft präziser benennen?"

Der Gegenwind kam (glücklicherweise) schnell und heftig. Die NSDAP sei schließlich nicht nur von Männern gewählt, die KZs nicht ausschließlich von Männern bewacht worden, etc. Es gehe in der Diskussion um das Dritte Reich doch auch längst nicht mehr um eine kollektive Schuld, sondern um eine Verantwortung für die Zukunft - und die sei nun wirklich unabhängig vom Geschlecht.

Im Nachhall dieser hitzigen Diskussion bin ich in der Spandauer Stadtbücherei auf "Die Frauen der Nazis" von Anna Maria Sigmund gestoßen. In diesem Band zeigt die Autorin anhand von acht Porträts, welchen Rolle einzelne Frauen tatsächlich im Nazi-Regime spielten.

Achtung: Die folgende Rezension bezieht sich auf die Taschenbuchausgabe von 2000. 2013 ist eine vollständig überarbeitete Neuauflage erschienen. Welche Anpassungen dabei vorgenommen wurden und welche Kritikpunkte für die neue Ausgabe vielleicht gar nicht mehr zutreffen, kann ich nicht sagen.

Inhalt


Passend zur oben zitierten Diskussion erläutert Anna Maria Sigmund gleich im ersten Kapitel, in welcher Weise die Nationalsozialisten und besonders auch Adolf Hitler als Person von Frauen profitiert haben: Sie knüpften Kontakte, überließen ihm Häuser, schenkten ihm Autos - über wohlhabende Frauen bekam die NSDAP in den zwanziger Jahren Zugang zu einer neuen, reicheren Mitgliederschaft. Dass Hitler Frauen aus der Politik raushalten wollte, hat ihn nicht davon abgehalten, ihr Kapital zu nutzen.

Erst nach dieser allgemeinen Einführung zum Thema wendet sich Anna Maria Sigmund den Biographien einzelner prominenter Frauen zu. Acht sind in ihrem Buch versammelt: Carin und Emmy Göring (die beiden Gattinnen von Hermann Göring), Magda Goebbels (Ehefrau des Propaganda-Ministers Josef Goebbels), Leni Riefenstahl (Regisseurin und Verantwortliche hinter dem Olympia-Film), Getrud Scholz-Klink (die NS-Reichsfrauenführerin), Geli Raubal (Adolf Hitlers Nichte), Eva Braun (heimliche Geliebte und kurzzeitige Ehefrau Adolf Hitlers) und Henriette von Schirach (Tochter von Hitlers Leibfotograf und Ehefrau des Gauleiters in Wien).

Innerhalb dieser Biografien kommt erneut zum Ausdruck, wie groß die Diskrepanz zwischen dem Frauenbild der Nazis und dem tatsächlichen Engagement der Frauen war. So lässt sich beispielsweise die NS-Reichsfrauenführerin Getrud Scholtz-Klink von ihrem Mann scheiden, weil dieser findet, sie fahre auf zu viele Kongresse - wo sie dann darüber spricht, dass sich Frauen gefälligst ins Private zurückzuziehen hätten und sich dem Manne unterzuordnen hätten. Die ganze Absurdität des NS-Frauenbildes tritt mit dem Fortgang des Krieges zutage, als Scholtz-Klink eine argumentative Kehrtwende vollzieht: Jetzt schickt sie Frauen nicht mehr heim an den Herd, sondern in die Fabriken.

Auch die anderen Frauen entsprechen nicht unbedingt dem faschistischen Ideal: Sie kümmern sich nicht um die verordnete Biederkeit und treten stets geschminkt und gut gekleidet an die Öffentlichkeit, allen voran Emmy Göring. Die ehemalige Schauspielerin genießt den Protz und Prunk, den ihr Mann so gerne um sich hat.

Leni Riefenstahl wiederum ist als Regisseurin international bekannt. Mit ihren Spezialeffekten revoluzioniert sie den Dokumentarfilm; ihr Film über den NSDAP-Parteitag gilt als "bester Propagandafilm aller Zeiten". Von einem Leben im Privaten, mit großer Kinderschar, ist die ehrgeizige und hart arbeitende Filmemacherin weit entfernt.

Magda Goebbels wieder ist zwar innerhalb von 19 Jahren mindestens zehnmal schwanger und bringt sieben Kinder zur Welt. Aber gleichzeitig sind ihre politischen Einstellungen durchaus wechselnd. So gilt ihre erste große Liebe Chaim Arlosoroff als einer der Gründerväter Israels - und Magda begeistert sich durchaus für seine Ideen. Dass sie parallel eine Beziehung mit Joseph Goebbels beginnt, mag da erstaunen. An seiner Seite zeigt sie eine derart tiefe nationalsozialistische Überzeugung, dass sie ihren Joseph sogar übertrumpft haben soll.

Derartige Brüche und Unstimmigkeiten finden sich in nahezu allen acht Biografien. Diese sind in chronologischer Reihenfolge nach dem Geburtsjahr der Frauen angeordnet, was gleichzeitig eine zeitlich geordnete Darstellung der Ereignisse rund um die NSDAP ermöglicht. Das Leben der Frauen wird jeweils von ihrer Kindheit bis zum Tod (beziehungsweise im Falle von Riefenstahl und Scholtz-Klink bis zum Erscheinen des Buches 1998) nachgezeichnet.

Natürlich kann ein derart dünnes Buch mit gerade einmal acht Porträts nicht alle relevanten Frauen porträtieren oder gar ein umfassendes Bild bieten. Daher handelt es sich bei "Die Frauen der Nazis" um den ersten Band einer dreiteiligen Reihe ist. Im zweiten Band werden Gerda Bormann, Karole Rascher, Lina Heydrich, Unity Mitford, Hanna Reitsch sowie Winifred Wagner vorgestellt; im dritten Band finden sich Maria Reiter, Ilse Hess, Annelies von Ribbentrop, Thea von Harbou, Zarah Leander und Eleonore Baur.
Buchcover
"Die Frauen der Nazis" - der besitzanzeigende Genitiv nervt mich. Und einiges andere auch.

Schreibstil


Während ich den Inhalt mit großem Interesse und Neugier aufgesogen habe und die geballte Informationsdichte auf 318 Seiten sehr schätzte, habe ich auf sprachlicher Ebene einige Kritikpunkte.

Irritiert haben mich einige Stellen im Vorwort und im ersten Kapitel - dort wird von "weiblichen Mitspielern" und "weiblichen Mäzenen" gesprochen. Warum nicht von Mitspielerinnen und Mäzeninnen? Dass der feminine Plural Anna Maria Sigmund durchaus vertraut ist, zeigen die "Künstlerinnen", "Politikerinnen" und "Lebensgefährtinnen", die auf derselben Seite genannt werden. Während ich das schulterzuckend hinnehmen kann, haben mich andere Aspekte weitaus stärker verärgert.

Die porträtierten Frauen als "die Frauen der Nazis" zu bezeichnen, wird ihnen meiner Meinung nach nicht (in allen Fällen) gerecht. Sicher, einige der Porträtierten waren mit Nazigrößen verwandt oder verheiratet. Eva Braun und Emmy Göring werden als bis zur Ignoranz naive, unpolitische Frauen gezeigt. Auch Magda Goebbels war unzweifelhaft Frau eines Nazis - aber wie oben bereits erwähnt, war sie ebenso ehrgeizig wie Leni Riefenstahl, die aus eigenem Antrieb hart an ihren berühmten Filmen gearbeitet hat. Getrud Scholz-Klink opferte ihrem politischen Engagement gar ihre Ehe und war eigenständige Akteurin des Nazi-Regimes.

Durch den besitzanzeigenden Genitiv werden die acht Frauen erneut in die zweite Reihe gestellt - nicht mehr nur durch die Nazi-Ideologie, welche Frauen bei Heim und Kindern sehen wollte, sondern auch von der Autorin - und das, nachdem diese auf über 300 Seiten zeigt, wie engagiert viele der Frauen eigene Ziele verfolgt haben.

Geärgert habe ich mich darüber, dass Sigmund Geli Raubal mehrfach als "Mädchen" bezeichnet, auch als sie bereits volljährig war. Natürlich war die Nichte Adolf Hitlers noch sehr jung, sie starb mit gerade mal 23 Jahren. Dennoch ist man mit 23 kein Mädchen mehr, sondern eine erwachsene Person. Als "Mädchen" bezeichnet verharrt Geli in kindlicher Position, deren Selbstmord eher wie eine pubertäre Laune wirkt.

Das gleiche Muster zeigt sich auch bei Eva Braun. Diese unternimmt, verzweifelt über Adolf Hiltlers Distanz zwei Suizidversuche. Beim zweiten ist sie wie Geli 23 Jahre alt und auch hier verwendet Anna Maria Sigmund die Bezeichnung "Mädchen", flankiert von der Anmerkung, Eva Brauns Briefe seien "[o]hne Interpunktion, ungelenk im Ausdruck und mit der Diktion eines Teenagers" geschrieben. Aber auch Menschen, deren schriftliches Ausdrucksvermögen zu wünschen übrig lässt und deren Handlungen hilflos und unreif wirken mögen, sind mit 23 Jahren erwachsen - und sollten meiner Ansicht nach auch so beschrieben werden.

Meinem Empfinden nach kommt in dieser Verkindlichung eine gewisse Verachtung zum Ausdruck. Und auch sonst finde ich in einigen Porträts eine gewisse Abneigung. Besonders deutlich meine ich diese im Porträt Magda Goebbels' zu erkennen.

Magda Goebbels' Liebesleben war, wie bereits angedeutet, durchaus bewegt. Die zeitgleichen Beziehungen mit einem Gründervater Israels und Hitlers Propagandaminister war nicht die einzige Überschneidung, stattdessen seien diese laut Anna Maria Sigmund "ein roter Faden". Entsprechend erwähnt die Autorin sie nicht einfach nur an der jeweiligen Stelle innerhalb der zeitlichen Abfolge, sondern widmet den amourösen Verwicklungen einen eigenen Absatz, der mit dem Satz endet: "Eine Zeit lang hat es auch Hanke-Goebbels-Hitler gegeben!" (Karl Hanke war unter anderem Staatssekretär im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda.) Die geballte Aufzählung dieser parallelen Beziehungen erwecken in mir einen Eindruck moralischer Entrüstung, insbesondere durch das Ausrufezeichen am Ende. Ich bekomme hier den Eindruck, dass Magda Goebbels' Affären viel stärkere Beachtung finden, als die der Männer um sie herum: Auf Goebbels' und Hitlers (außereheliche) Liebschaften wird verstreut und meinem Empfinden nach weniger skandalisierend hingewiesen. Ich argwöhne leichtes Slut-Shaming.

In einer weiteren Szene wird angedeutet, dass in der Ehe von Madga und Joseph Goebbels Gewalt eine Rolle gespielt haben mag: Magda hält ihren Mann fest, als er beinahe stürzt. Daraufhin "packte er sie, zwang sie nieder und zwischte mit einem Wahnsinnslachen: 'Das hätte dir ja gepasst, als meine Retterin dazustehen.'" Eine Einordnung dieser Szene erfolgt nicht, stattdessen geht es im nächsten Satz weiter mit dem "recht feudal[en]" Lebensstil der Familie. Auch im weiteren Verlauf der Biografie wird zwar über außereheliche Aktivitäten Josephs und emotionale Schieflagen berichtet. Doch Gewalt findet einfach keine Erwähnung mehr.

Nun muss ich gestehen, dass ich Magda Goebbels von allen acht Frauen wahrscheinlich am unangenehmsten, ja verstörendsten finde. Wenn es Anna Maria Sigmund ähnlich gegangen sein mag, könnte ich das durchaus verstehen. Trotzdem: Slut-Shaming ist scheiße. Häusliche Gewalt ist fürchterlich. Das gilt immer und für jede Person.

Warum mich das so sehr stört, dass ich darüber mehrere Absätze schreibe? Es liegt nicht daran, dass ich mir einen milderen Blick auf diese Frauen wünsche. Sie können (und müssen!) für so viele Dinge kritisiert werden. Die einen für ihre betonte Naivität, ihr ignorantes Nutznießerinnentum. Die anderen für ihre faschistischen, menschenverachtenden Überzeugungen. Aber dieser Kritik typisch frauenfeindliche Mechanismen zur Seite zu stellen, widerspricht so ziemlich allem, woran ich glaube - und verwässert in meinen Augen auch die Kritik. Das Problem an Eva Braun und Magda Goebbels ist doch nicht, dass sie sich schriftlich nicht ausdrucken konnten/ unreife Entscheidungen trafen/ mit mehren Männern gleichzeitig liiert waren, sondern ihre Verwobenheit mit dem NS-Regime.

Übrigens: Die Abneigung gegenüber den porträtierten Frauen findet sich nicht durchgängig. So zeigt sich Anna Maria Sigmund durchaus anerkennend gegenüber Leni Riefenstahls Verdienste als Regisseurin. Dass Geli Raubals Tod von Hitler in hohem Maße instrumentalisiert hat und dass er dennoch gleichzeitig nie für ein ordentliches Begräbnis gesorgt hat, scheint sie empörend zu finden. So ganz einheitlich ist ihre Haltung den Frauen gegenüber also nicht.

Neben sprachlichen Aspekten fand ich auch problematisch, dass die Frauen zu großen Teilen aus der Perspektive Joseph Goebbels' charakterisiert werden: Immer wieder wird sein Tagebuch zitiert. Daneben wird zwar auch immer wieder Bezug genommen auf Briefe oder Veröffentlichungen der Frauen selbst, auf Protokolle ihrer Verhandlungen, oder Aussagen anderer Zeitgenoss*innen. Doch Joseph Goebbels' Einschätzungen finden Eingang in jedes einzelne Porträt und prägen das Buch dadurch in besonderem Maße. Natürlich sind Goebbels' Tagebücher sicher eine gute Quelle, da er nah an Hitler dran war und dadurch mittelbar auch sagen kann, wie die Damen auf den "Führer" wirkten. Trotzdem finde ich es problematisch. Zum Einen Goebbels' Blick nicht gerade objektiv, weswegen ich mir manchmal gewünscht hätte, dass seine Aussagen nicht allein stehen. Zum anderen hat sein abgehackter Tagebuchstil auch keinen sprachlichen Reiz - besonders, wenn absatzweise daraus zitiert wird. Auch der Erkenntnisgewinn ist für mich persönlich gering, wenn wiederholt Satzfetzen gemeinsamer Mahlzeiten zitiert werden. Geradezu skurril wird es, wenn auch seine Anmerkungen zum Wetter mitzitiert werden. Ich sehe nicht, inwieweit das Wetter an irgendeinem Tag X mir die porträtierte Frau näher bringen soll. An solchen Stellen hätte ich mir Kürzungen gewünscht. So habe ich teilweise den Eindruck, dass einfach jede Textstelle zitiert wurde, in der Goebbels irgendwelche Anmerkungen zur betreffenden Frau gemacht hat.

Trotz dieser Kritikpunkte handelt es sich bei "Die Frauen der Nazis" um einen angenehm und flüssig zu lesenden Band. Da die einzelnen Portäts mit meist um die vierzig Seiten recht kurz sind, schafft man sie in einem Schwung. Der überwiegende Teil der Quellen - abgesehen von einigen Zitatwüsten aus Goebbels' Tagebüchern - ist so eingearbeitet, dass sie den Lesefluss nicht hemmen. Gleichzeitig vermitteln sie einen lebendigen, authentisch wirkenden Eindruck der porträtierten Frauen. Überhaupt zeigen die vielen Quellennachweise, die knapp 30 winzig bedruckte Seiten füllen, den Aufwand der Recherche. Dass es sich um Endnoten handelt, die auch noch kapitelweise gewordnet sind, schmälert allerdings meine Begeisterung dafür ein wenig - ich hasse es, wie schon öfter erwähnt, zu blättern und dann doch erst bei der falschen 1 zu landen.

Buchcover
"Die Frauen der Nazis" von Anna Maria Sigmund: trotz Kritikpunkten unbedingt lesenswert.

Fazit


Ich halte "Die Frauen der Nazis" von Anna Maria Sigmund unbedingt für lesenswert. Insbesondere, um zu zeigen, dass Frauen definitiv einen Anteil am Nazi-Regime hatten und nicht wegen ihres bloßen Geschlechts die personifizierte Unschuld waren. Im Gegenteil - dass die Nazis ohne Frauen nicht weit gekommen wären, wird sehr deutlich. Im Zuge dessen zeigt das Buch auch wiederholt auf, wie absurd das Frauenbild der Nationalsozialisten war und wie wenig selbst die Frauen im engeren Kreis den Vorgaben entsprachen. Aufgrund der eingangs zitierten Facebook-Diskussion halte ich es für sehr wichtig, diesen Bruch zwischen Nazi-Rhetorik und tatsächlicher Frauen zu zeigen.

Gleichzeitig erlaubt der Blick auf die (Ehe-)Frauen, Sekretärinnen und Verwandten auch einen privateren Blick auf die zugehörigen Männer bietet. Dadurch werden Hitler, Göring, Goebbels und Konsorten mit Facetten gezeigt, die sonst eher kurz kommen, zugunsten politischer Aspekte. Um zu verstehen, wie die Nazi-Elite war, finde ich das durchaus bedeutsam.

Aus diesen Gründen würde ich gerne auch den einen oder anderen Blick in die beiden weiteren Bände werfen. Tatsächlich interessiert mich auch die Neuauflage dieses Bandes. Denn auch wenn ich Anna Maria Sigmund nicht gerade eine Medaille für feministischen Stil verleihen möchte, hat mir die Lektüre viel neues Wissen vermittelt. Und eventuell haben sich innerhalb der 15 Jahre, die zwischen meiner und der neuesten Ausgabe liegen, ja sogar einige meiner Kritikpunkte erledigt.

Die harten Fakten


Verlag: Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co, KG
Autorin: Anna Maria Sigmund
Erscheinungsjahr: 2000
Sprache: Deutsch
Format: Taschenbuch
Seitenanzahl: 352
ISBN: 3-453-17262-0
Preis: 9,99 EUR (Preis der aktuellsten Ausgabe bei Amazon)