Dienstag, 12. Juni 2018

[Rezension] Das Leben von Anne Frank. Eine Biographie

Anne Franks Leben als Graphic Novel
Anne Frank: Heute wäre sie 89 Jahre alt geworden. Zu ihrem Geburtstag habe ich eine neue Biografie gelesen.
Heute hätte sie ihren 89. Geburtstag gefeiert: Anne Frank, das jüdische Mädchen, dessen Tagebuch heute weltberühmt ist.

Eleanor Roosevelt schrieb in der Einleitung zur ersten Ausgabe in den USA, das Tagebuch sei einer der "weisesten und bewegendsten Kommentare zum Krieg und seinen Auswirkungen auf die Menschen, den ich jemals gelesen habe“. Nelson Mandela erzählte, er habe Annes Tagebuch während seiner Haft gelesen und "daraus viel Mut gewonnen" für seinen Kampf gegen die Apartheid in Südafrika.

"Das Leben von Anne Frank. Eine graphische Biographie" von Ernie Colon und Sid Jacobson tritt also ein schweres Erbe an. Umso gespannter war ich, ob die Graphic Novel es schafft, Anne Frank gerecht zu werden.

Das Buch wurde mir vom Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt, meine Meinung hat das nicht beeinträchtigt.

Zusammenfassung

Wahrscheinlich kennen die meisten von euch Annes Geschichte. Denjenigen, die noch nicht damit vertraut ist, möchte ich aber eine kurze Zusammenfassung nicht vorenthalten: Anne Frank wandert 1934 mit ihrer Schwester Margot und ihren Eltern in die Niederlande aus. Auf diese Weise hofft die jüdische Familie, aus dem Einflussbereich der Nationalsozialisten zu entkommen. Doch in Folge des Kriegsausbruchs und der Besetzung der Niederlande muss die Familie im Juli 1942 untertauchen: Zusammen mit anderen Verfolgten versteckt sich die Familie in einem Hinterhaus in Amsterdam.

Dort schreibt Anne Frank weite Teile ihres berühmten Tagebuchs. Die Untergetauchten werden aber schließlich verraten und in verschiedene Konzentrationslager verschleppt. Zusammen mit Margot kommt Anne so nach Bergen-Belsen und stirbt dort kurz vor Kriegsende an Typhus. Ihr Vater Otto Frank überlebt als einziger der Untergetauchten den Holocaust und veröffentlicht 1947 Annes Tagebuch.

In insgesamt drei Bänden beschreibt Anne den Alltag im Versteck: die Eigenheiten der einzelnen Untergetauchten, welche Konflikte durch die Enge entstehen und auch ihre zarte Beziehung mit dem ungefähr gleichaltrigen, ebenfalls versteckten Peter van Pels. Dabei macht sie sich Gedanken darüber, was sie an dieser Beziehung stört und was sie sich eigentlich wünschen würde.

Überhaupt reichen ihre Gedanken auch oft über das Hinterhaus in der Prinsengracht hinaus: Anne denkt über Frauenrechte nach und schmiedet Zukunftspläne. Wenn der Krieg überstanden erst überstanden sei, wolle sie Sprachen studieren, Journalistin werden und Bücher veröffentlichen. Neben einem Augenzeugenbericht ist dieses Tagebuch auch die Geschichte eines Teenagers, der seinen Platz in der Welt sucht.

Die Graphic Novel hält sich nicht an die zeitlichen und räumlichen Grenzen, die Annes Tagebuch setzt. So beginnt doe Erzählung bereits vor Annes Geburt, enthält Hintergründe zur Familiensituation und führt auf diese Weise zum Tagebuchinhalt hin. Zwischendurch wird der Lauf der Handlung unterbrochen durch Hintergrundinformationen: Beispielsweise werden die Nürnberger Rassegesetze und ihre Auswirkungen auf die jüdische Bevölkerung erläutert, die sogenannte „Reichskristallnacht“ oder auch die Inhalte der Wannseekonferenz. Auf diese Weise können auch Menschen, die mit der Geschichte des Holocaust nicht vertraut sind, der Geschichte gut folgen. Diese endet auch nicht, wie Annes Tagebuch, kurz vor der Verhaftung. Stattdessen verfolgt sie das Leben (und Sterben) der Menschen über die Tagebucheintragungen hinaus, bis zur Veröffentlichung des Buches.


Anne Franks Leben als Graphic Novel
Seite 70: Hier bekommt Anne endlich ihr heißersehntes Tagebuch.

Schreib- und Zeichenstil

Die Graphic Novel gibt den Menschen um Anne herum ein Gesicht: Die Illustrationen sind anhand von Fotografien entstanden und sehen den echten Personen tatsächlich recht ähnlich. Ich hatte bisher in erster Linie Annes Gesicht vor Augen. Durch die Illustrationen kam ich nun auch den Menschen um sie herum näher.

Gleichzeitig wird auch der räumliche Eindruck des Verstecks im Hinterhaus viel stärker. Man bekommt eine viel bessere Vorstellung von den räumlichen Dimensionen, der Enge, in der die Versteckten zusammenleben. Akribisch sind neben den Illustrationen die zentimetergenauen Abmessungen der Zimmer vermerkt, inklusive ihrer Höhe. Auch wurde mir zum ersten Mal so recht klar, auf welche Weise das Versteck baulich von der Außenwelt abgeschirmt war - und wie nah trotzdem die Leute außerhalb waren.

Auch der Zeichenstil trägt überwiegend dazu bei, mich der Zeit zu nähern und die Stimmung zu unterstreichen. Die kantigen Gesichter sind mit dunklen Schraffuren beschattet, die Umgebung wirkt durch die schwarzen Konturen und zurückhaltend eingesetzten Details oft sehr karg und kalt. Besonders eindrücklich wird diese zeichnerische Härte bei den ausgemergelten Menschen im KZ. Einen weicheren Strich oder gar einen mangaartigen Stil könnte ich viel schwerer mit der Geschichte in Einklang bringen.

Allerdings ergeben sich dadurch auch Probleme: Dieser Zeichenstil ist offenbar wenig geeignet, um Kinder darzustellen – sie wirken auf mich oft wie seltsam proportionierte Erwachsene oder Kobolde. Teils wird ganz auf einen Hintergrund verzichtet und die perspektivisch angeordneten Personen schweben auf einem Hintergrund aus ungesund wirkenden Farbverläufen. Das ist mir dann doch ein bisschen zu minimalistisch.

Trotzdem: Insgesamt helfen mir die Zeichnungen, mich dem Geschehen im Versteck zu nähern. (Natürlich werde ich nie wirklich nachfühlen können, wie es sich anfühlt, auf so engem Raum in fast ständiger Angst zu leben. Das ist nicht möglich. Aber Bilder vor Augen zu haben, hilft, das zumindest kognitiv zu verstehen.)

Während sich durch Zeichnungen und Informationen um den Tagebuchtext herum der Blick weitet und einen breiteren Blick auf die Untergetauchten ermöglicht, verliert die Graphic Novel im Vergleich zu Annes reinem Tagebuch an Intimität. Während ich mich dem Außenrum besser nähern kann, wächst der Abstand zu Anne selbst: Als Leser*in stecke ich nicht mehr direkt in ihrem Kopf, sondern bekomme ihre Geschichte von einem Dritten erzählt, dessen Erzählstimme sehr erwachsen ist. Nur noch ausschnittweise ist der Text dem Tagebuch entnommen, das erst im sechsten Kapitel, nach 70 Seiten, auftaucht. Dadurch ergeben sich Kürzungen.

Beispielsweise schrieb Anne Frank in ihrem Tagebuch sehr offen über körperliche Themen, so beschreibt sie etwa die Veränderungen ihres eigenen Körpers sehr genau und vergleicht ihn mit denen ihrer liebsten Filstarts. Sie berichtet über ihre Menstruation oder Gespräche über Sexualität. Auch schreibt Anne sehr ausführlich über die Konflikte mit ihrer Mutter, für die sie wenig "kindliche Liebe" zu empfinden vermag. All das findet sich in der Graphic Novel nur noch in Andeutungen. Kurze Zitate treten an die Stelle seitenlanger Abhandlungen. Insgesamt verflacht sich dadurch der Eindruck Annes, ihre Gedankengänge sind schwerer nachzuvollziehen und es fällt schwerer, ihr als Person nahe zu kommen.

Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass Annes Vater Otto den Autoren, ebenfalls Väter von Töchtern, viel näher war – nicht zuletzt vermutlich auch, weil seine Geschichte die von Anne rahmt: Ausgangspunkt der Handlung ist seine Familiengeschichte, Ende derselben sind seine letzten Lebensjahre. Selbst innerhalb der Tagebuchpassagen nimmt Otto Frank eine sehr wichtige Stellung ein. Anne schreibt an einer Stelle sogar, sie liebe niemanden auf der Welt, außer ihren Vater.

Nun ist Otto Frank zweifellos ebenso sehr wie seine Tochter geeignet, um anhand eines Einzelschicksals die Auswirkungen der Naziherrschaft auf jüdische Menschen zu zeigen. Allerdings ist ein solcher Schwerpunkt auf den Vater nicht das, was ich erwarte, wenn ich eine Biographie der Tochter lese.

Hinzu kommen einige Punkte, die mich irritieren: Teils wirken Textkästen und Sprechblasen als sei ihre Reihenfolge durcheinander gekommen. Dabei mag es sich um Folgen der Übersetzung handeln. Zwei weitere Stellen wirken aus der Zeit gefallen. So vermerkt eine Freundin Annes, sie müsse ihre Eltern anrufen. Wie verbreitet waren Telefone zu dieser Zeit in den von Deutschen besetzten Niederlanden in Privathaushalten? Ich konnte dazu keine Informationen finden, weiß aber von meiner Familie, dass sie bis weit in die 60er, 70er keinen eigenen Anschluss hatten und über öffentliche Telefone oder Nachbarn telefonieren mussten. Ähnlich verhält es sich mit der Szene, in der den Neuankömmlingen im KZ die Haare abrasiert werden. Im Bild zu sehen ist ein elektrischer Langhaarschneider, der in seiner Optik der in meinem Badezimmer gleicht. Ich kann mich hier irren und genau diese wurden in den KZs flächendeckend eingesetzt. Dennoch erscheint mir das aus der Zeit gefallen.

Unabhängig davon, ob ich ein verzerrtes Bild technischer Entwicklungen habe oder es sich tatsächlich um historische Ungenauigkeiten handelt: Es sind Kleinigkeiten und schmälern den Gesamteindruck der Geschichte kaum.

Anne Franks Leben als Graphic Novel
In der Zeittafel kann man Ereignisse noch einmal knapp nachlesen.

Fazit

Insgesamt hat mir die Graphic Novel einen erweiterten Einblick in Annes Geschichte ermöglicht. Diese Biographie löst sich vom reinen Text des Tagebuchs und betrachtet auch die Menschen um Anne sowie die geopolitischen Entwicklungen. Dadurch wirkt die Graphic Novel etwas objektiver, baut aber auch eine gewisse Distanz auf. Anne Frank als Person tritt einen Schritt zurück - und eigentlich ist ja gerade das die Stärke des Tagebuchs als Zeitdokument: Ein quasi unverfälschter Blick durch die Augen eines Kindes, das die Auswirkungen des Holocaust selbst miterlebt.

Daher kann die Graphic Novel das eigentliche Tagebuch keineswegs ersetzen. Nur damit kann man einen direkten Blick auf Anne Frank bekommen. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Graphic Novel eine gute Hinführung darstellt: Gerade für Menschen, die sich mit der Geschichte des Holocaust nicht so gut auskennen, sind die Hintergrundinformationen sehr wertvoll, um das Tagebuch selbst besser einordnen zu können.

Dieses Tagebuch hat auch nach siebzig Jahren noch nichts an Faszinationsvermögen eingebüßt: Erst im Mai war es in den Schlagzeilen, da Wissenschaftler auf zwei zusammengeklebten Seiten neue Texte entdeckte. Neben derben Witzen aus dem Kriegsalltag findet sich dort auch eine Passage über Sexualität, in der Anne laut verschiedener Quellen wohl über Prostitution und sexuelle Aufklärung geschrieben hat. Spannenderweise finde ich dazu immer wieder einen sexistischen Witz zitiert („Wissen Sie, wozu die deutschen Wehrmachtsmädchen in den Niederlanden sind? Als Matratzen für die Soldaten."), während Annes Überlegungen zur Aufklärung nicht wiedergegeben werden. Spannend, oder? Für 2019 ist eine neue wissenschaftliche Ausgabe der Tagebücher geplant, dort sollen all diese Passagen aufgenommen werden.

Für lesenswert halte ich Annes Tagebuch auch angesichts der aktuellen politischen Diskussion. In einer Gesellschaft, in der Menschen verstärkt für ihre Religionszugehörigkeit verbal wie körperlich attackiert werden (sowohl Islamfeindlichkeit als auch Antisemitismus treten verstärkt auf), halte ich es für wertvoll, einzelnen Menschen innerhalb dieser Gruppen direkt ins Gesicht zu blicken – und auch ins gezeichnete Abbild.

Die harten Fakten

Verlag: Carlsen
Autoren: Ernie Colon & Sid Jacobson, aus dem Englischen übersetzt von Kai Wilksen
Erscheinungsdatum: 20. März 2018
Sprache: Deutsch
Format: Taschenbuch
Seitenanzahl: 160
ISBN: 978-3551713872
Preis: 12,00 EUR

Kommentare:

  1. Oh, das ist ein schöner Tipp! Der Herr K. liest gerne Comics.-
    Heute hätte sie also Geburtstag! Da steigt vor meinem inneren Auge der Blick auf die Kastanie auf, die sie von ihrem Versteck sehen konnte. Damals habe ich mich auch gefragt, was aus ihr geworden wäre, wenn...
    Unsere Vergangenheit kann mich immer wieder niederdrücken.
    GLG
    Astrid

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    1. Oh, das würde mich aber freuen, wenn Herr K. quasi durch mich zu neuem Lesestoff käme. Falls er tatsächlich einen Blick reinwerfen mag, drück ich die Daumen, dass es ihm tatsächlich gefällt.

      Die Kastanie gehört übrigens zu den Dingen, die in dieser Biographie nicht erwähnt werden. Interessant, dass das für dich so ein wichtiges Detail ist und für die Autoren offenbar nicht so sehr...

      Ich glaube, wir könnten heute noch wesentlich mehr von ihr lesen. Sie hat sich so viele Gedanken gemacht und war nach eigenem Bekunden so energisch und outgoing, dass wir mit ihr sicherlich eine Autorin bekommen hätten, die sich regelmäßig und lautstark zu Antiseminismus, Rassismus und Misogynie geäußert hätte. Durch ihren Tod ist uns einiges entgangen, glaube ich.

      Das ist auch so ein Gedanke, der mir oft zu schaffen macht - wie viel Leben, wie viel Potenzial für Wunderbares zerstört wird, wenn Menschen andere Menschen (besonders in so großer Zahl) vernichten.

      Liebe Grüße
      Sabrina

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  2. "Ich glaube, wir könnten heute noch wesentlich mehr von ihr lesen. Sie hat sich so viele Gedanken gemacht und war nach eigenem Bekunden so energisch und outgoing, dass wir mit ihr sicherlich eine Autorin bekommen hätten, die sich regelmäßig und lautstark zu Antiseminismus, Rassismus und Misogynie geäußert hätte. Durch ihren Tod ist uns einiges entgangen, glaube ich."

    Ich habe tatsächlich vor gerade mal zwei Jahren das Tagebuch das erste Mal gelesen und hatte danach ganz ähnliche Gedanken. Ihr Schreibstil und ihre Denkweise haben mich zutiefst beeindruckt, insbesondere mit Hinblick auf ihr Alter. Mich hat es auch unglaublich traurig gemacht, dass so viel Potential einfach vernichtet wurde. Ebenfalls sehr beeindruckt hat mich auch, dass sie bis zur letzten Seite die Hoffnung nicht aufgegeben und Träume gehabt hat. Ich weiß nicht, ob ich in ihrer Situation nicht in Verzweifelung versunken wäre.

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    1. Ja, definitiv! Ich hoffe ja, dass wir das nie rausfinden müssen.
      Aber das ist auf jeden Fall auch einer der Aspekte, die das Tagebuch so lesenswert sind.

      Liebe Grüße
      Sabrina

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  3. Danke für diese fundierte und wirklich interessant geschriebene Rezension.
    In meiner Jugend war Anne Franks Tagebuch noch kein Schulstoff, so habe ich es für mich selber entdeckt, als ich mich mit der Thematik des Holocausts als Jugendliche beschäftigte (ich hatte das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, die da keine braunen Flecke auf der Weste hatte). Ich weiß noch, dass mich das Tagebuch lange beschäftigt hat. Deine Rezension macht mich neugierig auf die Graphic Novel.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Liebe Andrea,

      vielen Dank für deine lieben Worte! Ich glaube, mir ist Anne tatsächlich im Deutschunterricht begegnet, aber beschwören kann ich's nicht - ich habe in der Zeit einfach *alles* gelesen, was mit Buchstaben bedruckt war und nicht weglaufen konnte.

      Falls du die Graphic Novel irgendwann tatsächlich lesen wirst, hoffe ich, dass sie auch dir gefällt!

      Liebe Grüße
      Sabrina

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