Samstag, 30. Juni 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Samstagmorgen mit Netzfunden und ganz viel Tee. Prost!
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.  
 
Diese Woche ist mein HTML-Kurs mit einer Prüfung zu Ende gegangen. Dass ich darin eine 1,0 geschrieben habe, hat mich sehr gefreut - da hat sich der vier Wochen lang rauchende Kopf gelohnt. Jetzt geht die Weiterbildung ohne Unterbrechung weiter mit Typo3, damit der Schädel sich gar nicht erst abkühlt.

Netzfunde der Woche

Dank Prüfungsvorbereitung und Zurechtfinden im neuen Programm ist diese Woche nicht so viel mehr passiert. Aber im Internet war ich trotzdem für euch unterwegs und habe viel gelesen und gehört. Viel Spaß damit!

Neues zu Schwangerschaftsabbrüchen

Habt ihr schon das Gefühl, ich hätte keinen Bock mehr, über Schwangerschaftsabbrüche zu schreiben? Stimmt gar nicht. Diese Woche ist auch wieder ein bisschen Schwung in den Kampf gegen §219a StGB gekommen. Im Bundestag fand nämlich die Anhörung des Rechtsausschuss statt. Dabei wurden Expert*innen zu den Anträgen der Fraktionen Die Grünen, FDP und DIE LINKE gehört. Die Meinung der Sachverständigen wie der Politiker*innen geht dabei wie erwartet weit auseinander, die taz hat die Anhörung begleitet.

Feministische Podcasts

Die Fristenlösung für Schwangerschaftsabbrüche in der DDR wird im Zusammenhang mit dem Kampf gegen §219a StGB immer wieder erwähnt. Und aus sonst gilt die DDR oft als fortschrittlicher in Sachen Frauenrechte als die BRD. Deutschlandfunk Kultur hat sich in einem Beitrag angeschaut, wie es abseits von Babyjahr, Haushaltstag und Anrechnung der Erziehungszeit auf die Rentenansprüche so aussah. Spoiler: Das Patriarchat ist auch die DDR nicht losgeworden.

Wie die Digitalisierung den Feminismus voranbringt bespricht die neu Episode des Podcasts "Our Voices Our Choices" der Heinrich-Böll-Stiftung. Dabei geht es um die große Bedeutung von Facebook für die Frauenbewegung in Pakistan , um codende Frauen und Selbstverteidigung im Netz inklusive Widerstand gegen rechte Akteur*innen. Einander finden, sich vernetzen und gemeinsam stärker werden funktioniert aber nur in einem Freuen Internet: "Ohne ein freies Internet, das gleichberechtigt Inhalte behandelt, können wir sowieso einpacken. Dann entscheiden nur noch monetäre Strukturen", heißt es zum Schluss.

Und an diesem Punkt sieht es gar nicht mal so rosig aus: Enno Parks spricht unter der Überschrift "Das Ende des Internets wie wir es kennen" über die Auswirkungen von Datenschutzgrundverordnung, das Ende der Netzneutralität sowie den drohenden Upload-Filter. "Das Ausüben der Rede- und Meinungsfreiheit wird immer schwieriger", warnt der Autor - und das bedeutet, dass vor allem diejenigen Stimmen noch leiser werden, die ohnehin schon weniger gehört werden: Frauen, People of Colour, LGBTQ-Aktivist*innen, etc. Nicht. Gut.

In eine ähnliche Kerbe haut der kleinercast in der neuesten Episode zu Hass auf Frauen im Netz, also darum, wie "die Technologien des Internets dazu benutzt werden, um insbesondere Frauen und marginalisierte Menschen mundtot zu machen". Als Beispiel dient die Schauspielerin Kelly Marie Tran, die sich aufgrund der rassistischen und sexistischen Angriffen von Star Wars-"Fans" von Instagram zurückgezogen hat.

Habt ein schönes Wochenende!

Samstag, 23. Juni 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Tee und Miezekatze. Ein guter Start ins Wochenende
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.  

Diese Woche war gut zu mir. Ich habe eine neue Gelegenheit aufgetan, Texte zu veröffentlichen, ein neues feministisches Rezensionsexemplar abgestaubt und sehr viel gelesen. Tatsächlich habe ich in den fünf Monaten in Berlin mehr gelesen als in den Jahren in Stuttgart zusammen.

Deswegen geht es hier im Blog oder bei Instagram auch kaum noch um Nadel und Faden. Damit habe ich in den letzten Monaten oft gehadert. Aber mittlerweile habe ich meinen Frieden damit gemacht - mein Leben hat sich geändert und meine Hobbys mit ihm. Das ist okay. Vermutlich wird es das noch diverse Male tun. Wie geht es euch damit? Vermisst ihr meine Hexagonprojekte?

Netzfunde der Woche

Abgesehen von Büchern habe ich auch Artikel im Internet gelesen und Podcasts gelauscht.Wie immer habe ich euch hier die wichtigsten zusammengetragen. Viel Spaß beim Schmökern und Hören!

Das Verschwinden der Sophia L.

Am 14. Juni ist die Studentin Sophia L, 28, verschwunden. Sie wollte von Leipzig nach Nürnberg und ist getrampt. Mittlerweile wurde in Spanien eine Leiche gefunden, bei der es sich um Sophias Körper handeln soll. Weil der LKW, in den sie zuletzt gestiegen ist, ein marokkanisches Kennzeichen trägt, schlachten rechte Medien und Facebook-Kommentatoren Sophias Verschwinden für ihre Hetze aus. Victim Blaming kommt auch immer wieder vor, also die Schuldzuweisung an Sophia selbst - trampen sei schließlich gefährlich und niemand brauche sich zu wundern. dabei wird ignoriert, dass nicht das Trampen das Problem ist. Frauen werden auch in öffentlichen Verkehrsmitteln angegriffen, wenn sie zu Fuß unterwegs sind oder wenn sie schlicht zu Hause sind. Durch die Konzentration auf die Fortbewegungsart und Sophias vermeintliche Mitschuld, gerät aus dem Blick, wer tatsächlich für ihr Verschwinden und ihren Tod verantwortlich ist: der Täter.

Sophias Freund*innen wehren sich gegen diese Zuschreibungen: Im Interview mit jetzt.de wenden sie sich entschieden gegen rechte Stimmungsmache und Victim Blaming. Sophia selbst habe sich seit Jahren für geflüchtete Menschen eingesetzt und wäre wohl entsetzt über die Instrumentalisierung. Dass Sohias Freund*innenkreis sich so entschieden gegen die Berichterstattung wendet, beeindruck mich. Ob ich das angesichts des Verschwindens einer Freundin könnte, weiß ich nicht.

Auf die Ohren: Podcast-Tipps

In einer längeren Wartephase während der Weiterbildung habe ich endlich in Rice and Shine hineingehört. Im Podcast von Minh Thu Thran und Vanessa Vu sprechen die beiden von ihrem Leben als junge Vietdeutsche - da geht es um Rassismuserfahrungen, vietnamesisches Essen, ums Politisch-Sein und in Folge fünf auch um queeres Dating. Ich mag die regelmäßigen Kicherattacken und die vielen persönlichen Anekdoten der beiden, die immer wieder auch Studiugäste begrüßen. Jetzt freue ich mich auf weitere Episoden!

Schon deutlich länger am Start ist der Lila Podcast, von dem ich hier ja schon mehrfach geschrieben habe. In der 101. Folge wird gestritten - es handelt sich nämlich um die Aufzeichnung einer Podiumsdiskussion zwischen Margarete Stokowski und Svenja Flasspöhler.
Diese Folge hat mich ganz besonders gefreut, weil ich ursprünglich eigentlich die Podiumsdiskussion direkt besuchen wollte.

Deutschlandfunk Kultur berichtet hier von der Gruppe Omas gegen Rechts. Sie gelten "inzwischen zu den Galionsfiguren der Proteste gegen die konservativ/rechtspopulistische Regierung Österreichs". Innerhalb von gerade mal sieben Monaten ist die Zahl der Omas auf über 3000 angestiegen. Warum sich die älteren Damen gegen die österreichische Regierung stellen? "Die Omas haben halt a bisserl mehr Zeit manchmal, um sich um die anderen wichtigen Dinge des Lebens zu kümmern", sagen sie. Ihre Kinder hätten keine Zukunft verdient, in der sich die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts wiederholten. Ich bin hochgradig begeistert und wünsche den Omas noch eine Menge Zulauf und Erfolge.

Crowdfunding für's Missy Magazine

Das Missy Magazine feiert seinen zehnten Geburtstag. Juhu und herzlichen Glückwunsch! Allerdings ist auch dieses feministische Magazin in Gefahr, pleite zu gehen. Um weitere zwei Jahre lang Ausgaben finanzieren (und die Mitarbeiterinnen anständig bezahlen) zu können, gibt's eine Crowdfunding-Kampagne. Ich persönlich schwanke ja immer noch zwischen der Pop-Box (5 von der Redaktion ausgewählte Bücher) und dem Sugar-Mama-Abo. Ein bisschen Zeit zum Entscheiden hab ich noch: Die Kampagne läuft bis zum 30.06.

Während ihr lest und lauscht, mach ich mich erst einmal auf den Weg zu einer Gartenparty in Brandenburg. Ich freu mich auf Grillgemüse, Mais-Feta-Salat und gute Gespräche.
Was habt ihr so vor am Wochenende?

Samstag, 16. Juni 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Samstagmorgen mit Tee und mit Anne.
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Diese Woche ist die Fußball-WM in Russland gestartet - von mir wird sie rigoros wegignoriert. Meine Herausforderung für die nächsten vier Wochen besteht also für die nächsten vier Wochen darin,  Cafés und Co ohne Fußballübertragung finden. Fußball interessiert mich nämlich grundsätzlich nicht - und nein, auch dann nicht, wenn "Deutschland" spielt. Es ist mir herzlich egal, unter welcher Bezeichnung die Leute spielen: Im Endeffekt wird halt doch nur ein Ball über die Wiese gekickt. Das nur zur Information, dass ihr die nächsten Wochen hier eine fußballfreie Zone erwarten könnt.

Ich hab mich nämlich lieber mit anderem beschäftigt - zum Beispiel mit meinem eigenem Geburtstag und auch dem von Anne Frank. Sie wäre am Dienstag 89 Jahre alt geworden. Zu diesem Zweck habe ich eine Graphic Novel rezensiert, die ihre Biographie unter anderem anhand ihres berühmten Tagebuchs nachzeichnet.

Und damit sind wir eigentlich schon mittendrin in den dieswöchigen Netzfunden. Denn selbstverständlich habe ich nicht nur gefeiert und geschrieben, sondern auch gelesen!

Netzfunde der Woche

Meine Vorstandskollegin Alica von der *innenAnsicht hat eine Broschüre über Vulven und die Sexualität von Menschen mit Vulven geschrieben und veröffentlicht "Da unten" behandelt neben anatomischen Themen ("Was ist eigentlich eine Vulva?") unter anderem auch positives Körperbild, Lust an Masturbation und Sex und Consent. Insgesamt empfand ich die Broschüre als sehr positiv gegenüber Körpern und Lust - etwas, das mir bei meiner Aufklärung ehrlich gesagt rückblickend ziemlich zu kurz vorkam. Unter diesem Link könnt ihr euch die Broschüre kostenlos herunterladen.Gelobt wurde die Broschüre unter anderem von Protestorganisation Pinkstinks und dem YouTube-Kanal Auf Klo - eine große Ehre für unser kleines Online-Magazin.

Nächste Woche startet in Berlin die Ausstellung "Where Love Is Illegal". Sie umfasst Porträts von Menschen, die für ihre Beziehungen verfolgt werden und deren Geschichte. Zum Beispiel die von Darya, die zusammengeschlagen wird und im Krankenhaus hört: "Du hast bekommen, was du verdienst, Lesben bedienen wir hier nicht." Oder die von Wolfheart, der mitanhören muss, wie sein Partner gefoltert wird.
Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf die 72 Staaten dieser Welt die Menschen immer noch für ihre sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität strafrechtlich verfolgen. Dabei gehen diese Staaten sehr brutal vor: Von Geldstrafen über Gefängnis und Folter bis hin zur Todesstrafe reicht die Bestrafungsbandbreite. zett hat hier über die Ausstellung berichtet und einige Fotos gezeigt, falls ihr nicht in Berlin seid und trotzdem nicht alles verpassen mögt. 

Macht euch ein schönes Wochenende!

Dienstag, 12. Juni 2018

[Rezension] Das Leben von Anne Frank. Eine Biographie

Anne Franks Leben als Graphic Novel
Anne Frank: Heute wäre sie 89 Jahre alt geworden. Zu ihrem Geburtstag habe ich eine neue Biografie gelesen.
Heute hätte sie ihren 89. Geburtstag gefeiert: Anne Frank, das jüdische Mädchen, dessen Tagebuch heute weltberühmt ist.

Eleanor Roosevelt schrieb in der Einleitung zur ersten Ausgabe in den USA, das Tagebuch sei einer der "weisesten und bewegendsten Kommentare zum Krieg und seinen Auswirkungen auf die Menschen, den ich jemals gelesen habe“. Nelson Mandela erzählte, er habe Annes Tagebuch während seiner Haft gelesen und "daraus viel Mut gewonnen" für seinen Kampf gegen die Apartheid in Südafrika.

"Das Leben von Anne Frank. Eine graphische Biographie" von Ernie Colon und Sid Jacobson tritt also ein schweres Erbe an. Umso gespannter war ich, ob die Graphic Novel es schafft, Anne Frank gerecht zu werden.

Das Buch wurde mir vom Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt, meine Meinung hat das nicht beeinträchtigt.

Zusammenfassung

Wahrscheinlich kennen die meisten von euch Annes Geschichte. Denjenigen, die noch nicht damit vertraut ist, möchte ich aber eine kurze Zusammenfassung nicht vorenthalten: Anne Frank wandert 1934 mit ihrer Schwester Margot und ihren Eltern in die Niederlande aus. Auf diese Weise hofft die jüdische Familie, aus dem Einflussbereich der Nationalsozialisten zu entkommen. Doch in Folge des Kriegsausbruchs und der Besetzung der Niederlande muss die Familie im Juli 1942 untertauchen: Zusammen mit anderen Verfolgten versteckt sich die Familie in einem Hinterhaus in Amsterdam.

Dort schreibt Anne Frank weite Teile ihres berühmten Tagebuchs. Die Untergetauchten werden aber schließlich verraten und in verschiedene Konzentrationslager verschleppt. Zusammen mit Margot kommt Anne so nach Bergen-Belsen und stirbt dort kurz vor Kriegsende an Typhus. Ihr Vater Otto Frank überlebt als einziger der Untergetauchten den Holocaust und veröffentlicht 1947 Annes Tagebuch.

In insgesamt drei Bänden beschreibt Anne den Alltag im Versteck: die Eigenheiten der einzelnen Untergetauchten, welche Konflikte durch die Enge entstehen und auch ihre zarte Beziehung mit dem ungefähr gleichaltrigen, ebenfalls versteckten Peter van Pels. Dabei macht sie sich Gedanken darüber, was sie an dieser Beziehung stört und was sie sich eigentlich wünschen würde.

Überhaupt reichen ihre Gedanken auch oft über das Hinterhaus in der Prinsengracht hinaus: Anne denkt über Frauenrechte nach und schmiedet Zukunftspläne. Wenn der Krieg überstanden erst überstanden sei, wolle sie Sprachen studieren, Journalistin werden und Bücher veröffentlichen. Neben einem Augenzeugenbericht ist dieses Tagebuch auch die Geschichte eines Teenagers, der seinen Platz in der Welt sucht.

Die Graphic Novel hält sich nicht an die zeitlichen und räumlichen Grenzen, die Annes Tagebuch setzt. So beginnt doe Erzählung bereits vor Annes Geburt, enthält Hintergründe zur Familiensituation und führt auf diese Weise zum Tagebuchinhalt hin. Zwischendurch wird der Lauf der Handlung unterbrochen durch Hintergrundinformationen: Beispielsweise werden die Nürnberger Rassegesetze und ihre Auswirkungen auf die jüdische Bevölkerung erläutert, die sogenannte „Reichskristallnacht“ oder auch die Inhalte der Wannseekonferenz. Auf diese Weise können auch Menschen, die mit der Geschichte des Holocaust nicht vertraut sind, der Geschichte gut folgen. Diese endet auch nicht, wie Annes Tagebuch, kurz vor der Verhaftung. Stattdessen verfolgt sie das Leben (und Sterben) der Menschen über die Tagebucheintragungen hinaus, bis zur Veröffentlichung des Buches.


Anne Franks Leben als Graphic Novel
Seite 70: Hier bekommt Anne endlich ihr heißersehntes Tagebuch.

Schreib- und Zeichenstil

Die Graphic Novel gibt den Menschen um Anne herum ein Gesicht: Die Illustrationen sind anhand von Fotografien entstanden und sehen den echten Personen tatsächlich recht ähnlich. Ich hatte bisher in erster Linie Annes Gesicht vor Augen. Durch die Illustrationen kam ich nun auch den Menschen um sie herum näher.

Gleichzeitig wird auch der räumliche Eindruck des Verstecks im Hinterhaus viel stärker. Man bekommt eine viel bessere Vorstellung von den räumlichen Dimensionen, der Enge, in der die Versteckten zusammenleben. Akribisch sind neben den Illustrationen die zentimetergenauen Abmessungen der Zimmer vermerkt, inklusive ihrer Höhe. Auch wurde mir zum ersten Mal so recht klar, auf welche Weise das Versteck baulich von der Außenwelt abgeschirmt war - und wie nah trotzdem die Leute außerhalb waren.

Auch der Zeichenstil trägt überwiegend dazu bei, mich der Zeit zu nähern und die Stimmung zu unterstreichen. Die kantigen Gesichter sind mit dunklen Schraffuren beschattet, die Umgebung wirkt durch die schwarzen Konturen und zurückhaltend eingesetzten Details oft sehr karg und kalt. Besonders eindrücklich wird diese zeichnerische Härte bei den ausgemergelten Menschen im KZ. Einen weicheren Strich oder gar einen mangaartigen Stil könnte ich viel schwerer mit der Geschichte in Einklang bringen.

Allerdings ergeben sich dadurch auch Probleme: Dieser Zeichenstil ist offenbar wenig geeignet, um Kinder darzustellen – sie wirken auf mich oft wie seltsam proportionierte Erwachsene oder Kobolde. Teils wird ganz auf einen Hintergrund verzichtet und die perspektivisch angeordneten Personen schweben auf einem Hintergrund aus ungesund wirkenden Farbverläufen. Das ist mir dann doch ein bisschen zu minimalistisch.

Trotzdem: Insgesamt helfen mir die Zeichnungen, mich dem Geschehen im Versteck zu nähern. (Natürlich werde ich nie wirklich nachfühlen können, wie es sich anfühlt, auf so engem Raum in fast ständiger Angst zu leben. Das ist nicht möglich. Aber Bilder vor Augen zu haben, hilft, das zumindest kognitiv zu verstehen.)

Während sich durch Zeichnungen und Informationen um den Tagebuchtext herum der Blick weitet und einen breiteren Blick auf die Untergetauchten ermöglicht, verliert die Graphic Novel im Vergleich zu Annes reinem Tagebuch an Intimität. Während ich mich dem Außenrum besser nähern kann, wächst der Abstand zu Anne selbst: Als Leser*in stecke ich nicht mehr direkt in ihrem Kopf, sondern bekomme ihre Geschichte von einem Dritten erzählt, dessen Erzählstimme sehr erwachsen ist. Nur noch ausschnittweise ist der Text dem Tagebuch entnommen, das erst im sechsten Kapitel, nach 70 Seiten, auftaucht. Dadurch ergeben sich Kürzungen.

Beispielsweise schrieb Anne Frank in ihrem Tagebuch sehr offen über körperliche Themen, so beschreibt sie etwa die Veränderungen ihres eigenen Körpers sehr genau und vergleicht ihn mit denen ihrer liebsten Filstarts. Sie berichtet über ihre Menstruation oder Gespräche über Sexualität. Auch schreibt Anne sehr ausführlich über die Konflikte mit ihrer Mutter, für die sie wenig "kindliche Liebe" zu empfinden vermag. All das findet sich in der Graphic Novel nur noch in Andeutungen. Kurze Zitate treten an die Stelle seitenlanger Abhandlungen. Insgesamt verflacht sich dadurch der Eindruck Annes, ihre Gedankengänge sind schwerer nachzuvollziehen und es fällt schwerer, ihr als Person nahe zu kommen.

Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass Annes Vater Otto den Autoren, ebenfalls Väter von Töchtern, viel näher war – nicht zuletzt vermutlich auch, weil seine Geschichte die von Anne rahmt: Ausgangspunkt der Handlung ist seine Familiengeschichte, Ende derselben sind seine letzten Lebensjahre. Selbst innerhalb der Tagebuchpassagen nimmt Otto Frank eine sehr wichtige Stellung ein. Anne schreibt an einer Stelle sogar, sie liebe niemanden auf der Welt, außer ihren Vater.

Nun ist Otto Frank zweifellos ebenso sehr wie seine Tochter geeignet, um anhand eines Einzelschicksals die Auswirkungen der Naziherrschaft auf jüdische Menschen zu zeigen. Allerdings ist ein solcher Schwerpunkt auf den Vater nicht das, was ich erwarte, wenn ich eine Biographie der Tochter lese.

Hinzu kommen einige Punkte, die mich irritieren: Teils wirken Textkästen und Sprechblasen als sei ihre Reihenfolge durcheinander gekommen. Dabei mag es sich um Folgen der Übersetzung handeln. Zwei weitere Stellen wirken aus der Zeit gefallen. So vermerkt eine Freundin Annes, sie müsse ihre Eltern anrufen. Wie verbreitet waren Telefone zu dieser Zeit in den von Deutschen besetzten Niederlanden in Privathaushalten? Ich konnte dazu keine Informationen finden, weiß aber von meiner Familie, dass sie bis weit in die 60er, 70er keinen eigenen Anschluss hatten und über öffentliche Telefone oder Nachbarn telefonieren mussten. Ähnlich verhält es sich mit der Szene, in der den Neuankömmlingen im KZ die Haare abrasiert werden. Im Bild zu sehen ist ein elektrischer Langhaarschneider, der in seiner Optik der in meinem Badezimmer gleicht. Ich kann mich hier irren und genau diese wurden in den KZs flächendeckend eingesetzt. Dennoch erscheint mir das aus der Zeit gefallen.

Unabhängig davon, ob ich ein verzerrtes Bild technischer Entwicklungen habe oder es sich tatsächlich um historische Ungenauigkeiten handelt: Es sind Kleinigkeiten und schmälern den Gesamteindruck der Geschichte kaum.

Anne Franks Leben als Graphic Novel
In der Zeittafel kann man Ereignisse noch einmal knapp nachlesen.

Fazit

Insgesamt hat mir die Graphic Novel einen erweiterten Einblick in Annes Geschichte ermöglicht. Diese Biographie löst sich vom reinen Text des Tagebuchs und betrachtet auch die Menschen um Anne sowie die geopolitischen Entwicklungen. Dadurch wirkt die Graphic Novel etwas objektiver, baut aber auch eine gewisse Distanz auf. Anne Frank als Person tritt einen Schritt zurück - und eigentlich ist ja gerade das die Stärke des Tagebuchs als Zeitdokument: Ein quasi unverfälschter Blick durch die Augen eines Kindes, das die Auswirkungen des Holocaust selbst miterlebt.

Daher kann die Graphic Novel das eigentliche Tagebuch keineswegs ersetzen. Nur damit kann man einen direkten Blick auf Anne Frank bekommen. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Graphic Novel eine gute Hinführung darstellt: Gerade für Menschen, die sich mit der Geschichte des Holocaust nicht so gut auskennen, sind die Hintergrundinformationen sehr wertvoll, um das Tagebuch selbst besser einordnen zu können.

Dieses Tagebuch hat auch nach siebzig Jahren noch nichts an Faszinationsvermögen eingebüßt: Erst im Mai war es in den Schlagzeilen, da Wissenschaftler auf zwei zusammengeklebten Seiten neue Texte entdeckte. Neben derben Witzen aus dem Kriegsalltag findet sich dort auch eine Passage über Sexualität, in der Anne laut verschiedener Quellen wohl über Prostitution und sexuelle Aufklärung geschrieben hat. Spannenderweise finde ich dazu immer wieder einen sexistischen Witz zitiert („Wissen Sie, wozu die deutschen Wehrmachtsmädchen in den Niederlanden sind? Als Matratzen für die Soldaten."), während Annes Überlegungen zur Aufklärung nicht wiedergegeben werden. Spannend, oder? Für 2019 ist eine neue wissenschaftliche Ausgabe der Tagebücher geplant, dort sollen all diese Passagen aufgenommen werden.

Für lesenswert halte ich Annes Tagebuch auch angesichts der aktuellen politischen Diskussion. In einer Gesellschaft, in der Menschen verstärkt für ihre Religionszugehörigkeit verbal wie körperlich attackiert werden (sowohl Islamfeindlichkeit als auch Antisemitismus treten verstärkt auf), halte ich es für wertvoll, einzelnen Menschen innerhalb dieser Gruppen direkt ins Gesicht zu blicken – und auch ins gezeichnete Abbild.

Die harten Fakten

Verlag: Carlsen
Autoren: Ernie Colon & Sid Jacobson, aus dem Englischen übersetzt von Kai Wilksen
Erscheinungsdatum: 20. März 2018
Sprache: Deutsch
Format: Taschenbuch
Seitenanzahl: 160
ISBN: 978-3551713872
Preis: 12,00 EUR

Samstag, 9. Juni 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Zum Start ins Wochenende gibt es Tee.

Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 

Wahrscheinlich glaubt ihr mittlerweile, ich würde unter der Woche nur Däumchen drehen (und schwitzen). In Wirklichkeit lerne ich immer noch HTML/CSS, lektoriere den Fantasy-Roman einer Bekannten, schreibe und editiere Texte für das *innenAnsicht-Magazin, deren Instagram-Account ich auch pflege. Es gibt also eine Menge zu tun - und ich liebe es. Netzfunde habe ich trotzdem für euch zusammengetragen. Viel Spaß beim Lesen!

Netzfunde der Woche


Die Heinrich-Böll-Stiftung hat einen neuen geschlechterpolitischen Podcast, "Our Voices, Our Choices". Geplant sind insgesamt sechs Folgen, in der ersten geht es um "Frauenproteste weltweit": für Abtreibungsrechte in Polen, für das Recht auf Frieden in Kolumbien und für das Recht auf selbstbestimmte Bekleidung in Kenia - also abseits der deutschen und US-amerikanischen Stimmen, die wir sowieso mitbekommen.
Ein bisschen toller fände ich es noch, wenn der Podcast nicht von einem Mann eingesprochen würde (Männer sind insgesamt deutlich überrepräsentiert in der Podcast-Szene), gleichzeitig weiß ich natürlich nicht, welche Gründe es für diese Entscheidung gibt. Ich freu mich auf weitere Folgen.

Die einen wollen, dass sich alles ändert, die anderen wollen, dass alles bleibt, wie es ist. In der bisherigen politischen Geschichte war es meistens so, dass die Linken den Aufbruch zu neuen Ufern verlangen, während die Rechten bewahren möchte. Jetzt kommt der Protest gegen das Bestehende aber auf einmal von rechts, eine rechte "Alternative" träumt utopisch von Heimat. Gleichzeitig wird die Linke als staatstragend empfunden und versucht, die Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte zu verteidigen. Wie es dazu kommt und was das für "links" und "rechts" heute bedeutet, erläutert Deutschlandfunk Kultur in diesem Beitrag.

Bitte verständlich!


Der Tagesspiegel hat Sophie Passmann "über unerwünschte Penisbilder, alte weiße Männer und Remoulade" interviewt. Mir hat imponiert, wie wenig Standesdünkel dabei zum Ausdruck kommt - natürlich breche sie politische Infos für ihre Fans auf Instagram herunter. Klar fände sie es okay, in der Jolie zu veröffentlichen - sie wolle schließlich "keine Systemkritik üben, sondern nur, dass junge Frauen ab und zu, wenn sie im Schwimmbad die Sommertrends durchblättern, einen klugen Gedanken abbekommen." Das sei manchmal wertvoller als ein komplexer Text, der nicht gelesen werde. "Ich finde es sinnvoll, Leute, die sich eher für ihre eigene Lebenswelt interessieren, da abzuholen", erklärt sie und ich halte das für sehr sinnvoll.

Als ich ganz zart angefangen habe, mich für Feminismus zu interessieren, kam ich an Artikel der Mädchenmannschaft oder des Missy Magazine nicht ran. Da wimmelte es von Begriffen, die ich damals noch nicht kannte und von Themen über die ich mir nie intensiv Gedanken gemacht hatte. "Toxic Masculinity"? "Intersektionalität"? Ich hatte keine Ahnung. Und ich brauchte niederschwelligere Angebote, um da irgendwie reinzukommen. Heute ertappe ich mich dabei, dass ich selbst auch fröhlich mit diesen Begriffen um mich schmeiße, weil sie mir so vertraut sind wie "Hawaii Toast" und "Laptop". Bei meinen Artikeln für das *innenAnsicht-Magazin steht regelmäßig "Erklär das mal, um niederschwellig zu sein" in der Edition. Ähem. Ich glaube, von Frau Passmann kann auch ich mir eine Scheibe abschneiden.

Apropos *innenAnsicht: Gestern diskutierte der Rat der Deutschen Rechtschreibung erstmals über geschlechtergerechtes Schreiben (hier die taz zu den Hintergründen). Zu diesem Anlass habe ich einen Artikel veröffentlicht, in dem ich 5 Gründe für eine geschlechtergerechte Sprache erläutert habe.

"Intersektionalität" ist wie gesagt einer der Fachbegriffe, die ständig benutzt werden. Seit den 90ern beschreibt er eine Ausprägungsform des Feminismus. Bei Daily Dot habe ich einen Artikel gefunden, der den Begriff definiert und mit einem entzückenden Sop-Motion-Video veranschaulicht.

Geschlechterklischees in Printmedien


In Comics sind diese Geschlechterklischees sind immer noch verbreitet: Ungesund verdrehte sexy Babes, die gleichzeitig Po und Brüste zeigen, stehen Muskelmännern in Ganzkörperstrumpfhose zur Seite. Deutschlandfunk Kultur hat hier mit den  Comiczeichnerinnen Katja Klengel und Lisa Frühbeis gesprochen. Die beiden fordern unter anderem mehr Frauen in den Jurys - und mehr authentische Frauenfiguren.

Dass Frauen für's Herz schreiben und Männer für's Hirn ist ja auch so ein beliebtes Klischee. Laut diesem Artikel von EditionF ist es aber bei weitem nicht das einzige. Gemeinsam sorgen sie für eine strukturelle Schlechterstellung von Autorinnen, die sich in weniger Rezensionen, weniger Hardcoververöffentlichungen und schlussendlich weniger Geld niederschlagen. Im Artikel kommen zwei Schriftstellerinnen und eine Kulturjournalistin zu Wort, die die Probleme auseinanderfriemeln und Lösungsmöglichkeiten aufzeigen.

Habt ein zauberhaftes Wochenende!

Samstag, 2. Juni 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Wochenende. Jetzt erstmal 'nen Tee!
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 

Nach wie vor hält mich meine Weiterbildung ziemlich auf Trab: Ich lerne gerade die Grundlagen von HTML und CSS und ich kann euch sagen, da schwirrt mir manchmal sehr der Kopf. Mein Dozent flitzt nämlich nur so durch die einzelnen Inhalte, so dass ich mit fliegenden Fingern mittippen muss, um nicht den Anschluss zu verlieren. Zum Glück ist mein Dozent großartig und immer bereit, den selbstgeschriebenen Code anzuschauen und den Tippfehler auszuspähen. (Wenn ich ihn selbst entdecke, bin ich aber natürlich sehr stolz.) Es macht unheimlich Spaß, so schnell so viel zu lernen, bindet aber gleichzeitig auch reichlich geistige Kapazitäten. Deswegen für den Moment weiterhin nur Netzfunde. Da gibt's aber auch genug nachzulesen!

(Nicht-)Mütter

Katja Grach hat auf kleinerdrei ein Interview zum Thema MILF ("mom I'd like to f*ck") gegeben. Darin spricht sie über ihr kürzlich veröffentlichtes Buch "MILF-MÄDCHENRECHNUNG – Wie sich Frauen heute zwischen Fuckability-Zwang und Kinderstress aufreiben". Wenig überraschend geht es dann auch im Interview darum, wie in den letzten Jahren ganz neue Schönheitsnormen für Mütter entstanden sind, was das mit Neoliberalität und Patriarchat zu tun hat und wie der Kack überwunden werden kann. Ich stelle mir vor, dass das eine erleichternde Lektüre für Mütter sein kann.

"Nicht nur Mütter waren schwanger" ist der Titel eines Sammelbandes, der gerade auf Startnext (unter anderem von mir) gecrowdfunded wird. Er vereint über zwanzig "Erfahrungsberichte, Visionen und Bilder" zu "oft überhörten Geschichten rund um Kinderwunsch, Schwangerschaft und Elternsein Raum. Es geht um Fehlgeburt, Abtreibung, Pränataldiagnostik und Repro-Medizin, um altersuntypische oder queere Kinderwünsche, um trans-Schwangerschaften, p.o.c.-Perspektiven und Entscheidungen gegen Mutterschaft." (Zitate habe ich aus der Crowdfunding-Beschreibung entnommen.)

Ich find das ja immer spannend, Familie(n) auch außerhalb der Friede-Freude-Eierkuchen-Mama-Papa-Kind(er)-Normativität zu betrachten und dahin zu gucken, wo es schwierig oder auch einfach nur außergewöhnlicher ist. Deswegen freue ich mich sehr auf meine Ausgabe.

Das erste Funding-Ziel ist bereits erreicht, das Projekt wird also auf jeden Fall verwirklicht. Aber da während des Crowdfundings weitere unvorhergesehene Kosten aufgetreten sind, wären die Initiator*innen sehr dankbar, wenn auch das zweite Ziel geschafft werden könnte. Vielleicht ist das Thema ja auch für euch von Interesse?

Schwangerschaftsabbrüche, again

Wer hier schon länger mitliest, weiß ja, dass mich das Thema Schwangerschaftsabbruch dieses Jahr schon mehrmals beschäftigt hat. Wer nachlesen möchte, findet hier Posts dazu. Momentan ist da auch noch kein Ende in Sicht, denn noch hat sich an der deutschen Gesetzgebung nichts geändert. In Irland gab's dafür Grund zu feiern!

Repeal the 8th

Letzte Woche haben die Ir*innen am Freitag über das 8th Amendment, also die achte Verfassungserweiterung abgestimmt. Diese setzte das Recht auf Leben des Fötus ab dem Zeitpunkt der Zeugung mit dem Recht auf Leben der schwangeren Person gleich und verbot damit faktisch alle Schwangerschaftsabbrüche - auch in Fällen von Vergewaltigung, Inzest und (bis 2013) nicht lebensfähigen Föten.

2012 kostete dieser letzte Punkt das Leben einer Frau: Savita Halappanavar wurde in der 17. Schwangerschaftswoche ins Krankenhaus eingeliefert. Die Ärzt*innen diagnostizierten eine beginnende Fehlgeburt, weigerten sich aber, den Fötus zu entfernen, da dessen Herz noch schlug. Erst als die Herztöne verschwunden waren, nahmen die Ärzt*innen den Eingriff vor. Zu spät für Savita Halappanavar - sie hatte sich eine Blutvergiftung zugezogen und verstarb kurz nach der Entbindung des toten Fötus. 2013 wurde das 8th Amendment aufgrund ihres Falles so gelockert, dass zumindest im Falle tödlicher Anomalien des Fötus ein Schwangerschaftsabbruch möglich wurde.

Seit dem vergangenen Wochenende ist dieses Amendment nun Geschichte: Zwei Drittel der Wähler*innen stimmten gegen das Abtreibungsverbot in der Verfassung. Die Regierung hat angekündigt, das Parlament werde bis zum Ende des Jahres eine Neuregelung ausarbeiten. Offenbar soll es sich dann um eine Fristenregelung handeln, die Abbrüche bis zur zwölften Schwangerschaftswoche erlaubt.

Das allein freut mich schon unheimlich. Es gibt aber einen Aspekt, der mich noch mehr freut und der hat mit Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit zu tun. Irland hat bis auf wenige Ausnahmen offenbar kein Briefwahlrecht und so mussten Stimmberechtigte von außerhalb nach Irland reisen, um sich gegen das 8th Amendment zu stellen. Je nach dem, wo sie sich aufhielten und wie spontan sie reisen wollten, konnte das ziemlich teuer werden. Zur Unterstützung haben drei junge Irinnen unter dem Titel "Abroad for Yes" eine Facebookseite gestartet, die Reisewillige und Spender*innen zusammenbrachte - und insgesamt rund 30.000 Euro auftat. Teilweise sind Menschen wohl bis kurz vor knapp in den Wahlkabinen angekommen. Daily Dot hat hier darüber berichtet.

... und was ist mit Deutschland?

Die Mädchenmannschaft kritisiert, dass wir in Deutschland seit 25 Jahren in der Kompromisslösung stecken, die da lautet: "Schwangerschaftsabbrüche sind illegal, aber unter bestimmten Bedingungen straffrei." Sie zitiert aus dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts, in dem sich so schöne Begrife finden wie "die grundsätzliche Pflicht zum Austragen des Kindes". Das ist die Grundlage des Paragraphen §218 StGB, daher sei es nicht genug, §219a StGB loszuwerden. Die Mädchenmannschaft schreibt: "Wir wollen an § 218 ran. Wir wollen legalisierte Schwangerschaftsabbrüche, guten Zugang unabhängig von Ort, Pass, race, Gender und finanziellen Mitteln, eine Abschaffung der Beratungspflicht und eine Diskursveränderung zu Abtreibungen."
Ich für meinen Teil bin mir ziemlich sicher, dass ich zu diesem Thema in den nächsten Monaten noch ziemlich oft auf die Straße gehen werde.

Aber jetzt trinke ich erstmal meinen Tee aus und genieße, dass der nächtliche Regen die Hitze aus Berlin vertrieben hat. Puh! Und dann schnappe ich mir ein Buch und bereite eine Rezension für euch vor.

Genießt das Wochenende!