Mittwoch, 21. März 2018

[Tell a Story] Bäume

Ein Baum, auf dessen Borke mit pinker Sprayfarbe "Baum" geschrieben ist.
Es handelt sich hierbei um einen Baum, falls ihr es nicht erkannt haben solltet.
 Emma von Frühstück bei Emma sammelt unter dem Motto Tell a Story jeden Dienstag Fotos (und Worte) zu einem bestimmten Thema. Diese Woche sind "Bäume" dran - und angesichts einer Wohnung, die mittlerweile jede Wohnlichkeit hinter sich gelassen hat, bin ich gerne wieder mit dabei.
 
Ich mag Bäume. Im Frühling entzückt mich jedes hellgrüne Blatt. Wenn es Sommer wird, möchte ich am liebsten die ganze Zeit in ihrem Schatten verbringen. Im Herbst kicke ich raschelnde Blätter vor mir her und freue mich viel zu sehr darüber. Und im Winter? Da sehe ich endlich die hochgereckten Äste, die sonst verborgen bleiben und kann hindurch gucken, um mit etwas Glück einen Flecken blauen Himmel sehen.

Es ärgert mich, wenn andere Bäume nur als Störenfriede empfinden. Zur Geschichtensammlung meiner Familie gehört, wie ich an einem Herbsttag als Vierjährige durchs Kinderzimmerfenster einen Nachbarn anschrie. Er schlug mit einem Besen auf einen Strauch ein, damit dieser die Blätter alle auf einmal verlöre. Er wollte nur einmal kehren. Mein Zorn kannte kein Maß - der arme Baum! Die schönen bunten Blätter!

Wo meine Eltern heute wohnen, drischt niemand mehr auf wehrlose Blatttragende ein. Dort werden sie einfach gefällt. Die Erklärung ist aber oft auf ähnlichemNiveau: "Von diesem Ast scheißen die Vögel auf den Weg, der muss weg!"
Als wir dort eingezogen sind, konnte man vor lauter Bäumen die nächsten Häuser kaum sehen. Mittlerweile muss man sich nicht besonders anstrengen, um herauszufinden, was es gegenüber zum Frühstück gibt.

Deswegen bin ich sehr froh, dass in meiner Straße in Berlin einige richtig große, hohe Bäume wachsen. Der eine oder andere überragt die Häuser mit spielerischer Leichtigkeit. Ein paar Äste winken mir ins Dritter-Stock-Blickfeld. Wenn ich sie anschaue, frage ich mich, was sie schon alles erlebt haben. An meinem Haus hängt zum Beispiel eine Plakette, die einen Wiederaufbau in den Fünfzigern bestätigt. Ich finde es beeindruckend, dass der Baum wenige Meter davon entfernt offenbar Bombenangriffe, Brand und Brennholzbedürfnisse überstanden hat. Ich frage mich, was er erzählen könnte.

Das ist nicht mein Berliner Baum, sondern ein herbstliches Waldstück in Stuttgart.
Überhaupt fände ich es großartig, mit Bäumen sprechen zu können, die schon seit vielen Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhnderten ihre Umgebung beobachteten.

In "Rumo und die Wunder im Dunkeln" von Walter Moers erzählt tatsächlich ein Baum dem Titelhelden seine Lebensgeschichte. Er spricht durch die Waldtiere, die in seiner Krone und zwischen seinen Wurzeln leben - und fühlt sich dabei grundsätzlich missverstanden:

"[W]enn ich dich fragen würde, was du für das unbeweglichste Lebewesen hältst, das überhaupt existiert, was würdest du sagen? [...] Na, ein Baum würdest du wahrscheinlich sagen. Wir sind nun mal das Symbol für Standhaftigkeit. Bodenständig wie nur was! Dabei sind wir die beweglichsten Lebewesen überhaupt. Wir bewegen uns immer - in jedem Augenblick, in jede Richtung. Nach oben, nach unten, nach Norden, nach Süden, nach Osten, nach Westen. Wir ruhen nicht, wir dehnen uns aus. Ast für Ast, Blatt für Blatt, Jahresring um Jahresring. Eine Eiche ist eigentlich das beste Symbol für Beweglichkeit, aber man interpretiert uns hartnäckig falsch." (Ich zitiere hier nach dem Hörbuch, die Interpunktion stammt daher von mir.)

Kommentare:

  1. "Es handelt sich hierbei um einen Baum, falls ihr es nicht erkannt haben solltet." So kann der Morgen gern anfangen. :D
    Die eifrige Fällerei ist echt scheußlich, mich macht das auch oft wütend und traurig. Gerade hat es meine alte Lieblingstanne erwischt, die neben meinem Elternhaus stand, allerdings wurde die vom Sturm gefällt, das ist ja was anderes. Trotzdem fürchte ich mich richtig davor, es demnächst zum ersten Mal mit eigenen Augen zu sehen. Dieser Baum war seit meiner Kindheit immer da, und ich habe ihm so viel erzählt (man kann nur für ihn hoffen, dass er sich dafür interessiert hat oder gut weghören konnte), so oft über seine Rinde gestrichen oder bei Regen in der fast regendichten Höhle unter den Zweigen gesessen. Und jetzt ist er weg, zu Kleinholz zerlegt, das vor der Garage gestapelt auf Abholung wartet. Das tut richtig arg weh. Ich wüsste gern mehr darüber, wie Bäume die Welt wahrnehmen.

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    1. Ich stand da auch laut lachend im Wald, als ich das gesehen hatte. :D

      Dass deine alte Lieblingstanne nicht mehr steht, tut mir leid. Dass ein Sturm sie umgehauen hat, macht es vielleicht ein kleines bisschen besser, weil das wenigstens kein Scheißgrund ist (im wahrsten Sinne). Trotzdem reißt das Verschwinden eines Baums einfach optisch eine krasse Lücke, die sich nicht mehr füllt. Und wenn dann auch noch haptische Erinnerungen da sind, die sich jetzt nicht mehr auffrischen lassen, ja noch mehr. Vielleicht kann wenigstens eine kleine, frische Gedenktanne gepflanzt werden? Das ist natürlich nicht dasselbe, aber dann bleibt da zumindest kein Loch?

      Liebe Grüße
      Sabrina

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  2. Du Glückliche! In Berlin große Bäume vor dem Fenster zu haben - das ist ein großes Glück! Vor kuzem war ich in Berlin in meiner "alten" Strasse...Damals (vor 28 Jahren) waren es auf der Strasse und vor allem auf dem Hof Bäumchen. Wie habe ich gestaunt, dass nun die Strasse und vor allem der Hof ganz toll begrünt sind (Heinestrasse/Ecke Köpenicker Strasse). Es gibt sie, die positiven geschichten! Hab ein schönes Wochenende, LG Petra

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    1. Ja, es gibt sie. Und ich glaube, es ist auch wichtig, diese positiven Geschichten zu erzählen. Nicht, um die negativen wegzuschieben oder zu unterbuttern, sondern um dafür zu sorgen, dass es auch Hoffnung gibt - und ein mögliches Ziel, auf das sich hinarbeiten lässt. (Positive Geschichten insgesamt, nicht nur auf Bäume bezogen.)

      Liebe Grüße
      Sabrina

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  3. Soo schön geschrieben, liebe Sabrina! Auch ich mag Bäume jeglicher Art. - Ein Post pro Bäume! Es werden viel zu viele gefällt, noch schlimmer, viel zu viele gerodet. Ich würde auch gerne manchen Baum fragen, was er zu erzählen hat :-).
    Wünsche dir ein schönes Wochenende und grüße herzlich
    Ingrid

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    1. Das wünsche ich dir auch, liebe Ingrid! Ich hoffe, du kriegst währenddessen auch ein paar schöne Bäume zu Gesicht! :)

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  4. Krass der Typ der auf den Strauch einhaut... unglaublich, solche Menschen gibts... ich bin so oft sprachlos... hmmmm... aber danke fürs Mitmachen und für die Worte.. und Gedanken... alles Liebe emma

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    1. Ja, sprachlos bin ich auch oft.

      Liebe Grüße
      Sabrina

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Hey! Schön, dass ihr da seid. Dank eurer lieben Worte macht's dreifach Spaß!

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