Samstag, 17. März 2018

[Samstagstee] mit generischem Maskulinum

Wochenrückblick mit einer Tasse Tee - und einer neuen Heldin
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 

Ich bin ein großer Fan dieser Woche, denn ich habe Besuch. Eine meiner besten Freundinnen ist hier in Berlin. Als ich verkündet hatte,in die Hauptstadt zu ziehen, hatten wir befürchtet, unser Besuchsrhythmus könnte leiden, aber im Moment sieht es eher danach aus, als könnte der seine Schlagzahl erweitern. Super - das bedeutet nämlich mehr feministische Grundsatzdiskussionen, Konzertgänge und Lingerieeinkäufe.

Trotz Besuch hatte ich zumindest ein bisschen Zeit, im Internet zu stöbern und dabei Marlies Krämer zu meiner feministischen Heldin der Woche (mindestens!) zu erklären. Dabei hat Frau Krämer im Laufe der Woche einen Rückschlag eingesteckt: Der Bundesgerichtshof ist anders als sie nicht der Meinung, dass die Sparkasse von einer "Kundin" oder "Kontoinhaberin" sprechen müsse. Das generische Maskulinum meine ja schließlich "seit 2000 Jahren" Frauen mit. (Dass man mit diesem grandiosen Argument Frauen auch das Wahlrecht, das Recht zu studieren usw. wieder aberkennen könnte... was soll's.)

Das Medienecho ist ziemlich groß. Und während ich wirklichwirklichwirklich keine Kommentare irgendwo lesen sollte, habe ich auch stellenweise heftig gekichert. Etwa über Vorschläge, die nächsten zweitausend Jahre einfach konsequent das generische Femininum zu nutzen, wenn es doch angeblich eh wurscht ist.


Auch diese 16 Tweets, die Buzzfeed zum Thema eingesammelt hat, fand ich ziemlich witzig. Besonders gefreut habe ich mich über folgenden:
Screenshot eines Tweets: "Für die paar männlichen Hebammen wurde extra die Berufsbezeichnung Entbindungspfleger geschaffen, aber für Millionen Frauen ist "Kundin" nicht möglich. Spannend."Jana Friedrich vom Hebammenblog.
Jana Friedrich vom Hebammenblog - wunderschön. (Screenshot: Twitter)
Unter anderem habe ich mich gefreut, weil ich jetzt weiß, dass es da tatsächlich eine männliche Form gibt und dass sie nicht "Hebammerich" lautet. (Ja, darüber habe ich kürzlich wirklich nachgedacht.)

Ich finde es übrigens schön, dass eine männliche Form für diese vereinzelten Fälle geschaffen wurde. Ich finde es gut, sprachlich sensibel vorzugehen und sich um Inklusion zu bemühen, statt den Nicht-Angesprochenen die Bürde aufzuerlegen, sich bitteschön gemeint zu fühlen.* Allerdings erstaunt es mich schon, wenn für Männer neue Wörter erfunden werden können, während in die andere Richtung massive Widerstände gegen ein bloßes Suffix herrschen.

Für die Frage, warum es diesen Widerstand in diesem Ausmaß gibt, fand ich diesen Post von Antje Schrupp besonders erhellend. Er geht weit über die immer gleiche Diskussion des Mitgemeintseins hinaus.Vielmehr sei das Beharren auf das generische Maskulinum Ausdruck des Beharrens weiter Menschen und Männer sprachlich gleichzusetzen und dadurch Männlichkeit als Standard (und alles andere als Abweichung) zu setzen. Genau dagegen wehre sich ein Feminismus, der sich für geschlechtergerechte Sprache engagiere: "Wir bestreiten den Anspruch von Männern und Männlichkeit, das Allgemeine zu respräsentieren, und uns den Status des Partikularen zuzuweisen. Männer sind nur ein Teil der Menschheit, und zwar ein spezifischer Teil, der nicht den Anspruch erheben kann, für uns zu sprechen." Und an dem Punkt geht es wirklich nicht mehr darum, ob ich beim Lesen eine Transferleistung hinbekomme, sondern um gesellschaftliche Deutungshoheit und Macht.

Insgesamt freue ich mich unheimlich, dass Marlies Krämer mir nun bekannt ist. Dass ich weiß, dass ich es ihr verdanke, dass auf meinem Pass "Inhaberin" steht und dass Tiefdruckgebiete nicht mehr nur weibliche Namen haben. Dass sie mir beweist, dass man auch als alte Frau verdammt großartig und kämpferisch sein kann - solche Vorbilder sehe ich viel zu selten. Die Mädchenmannschaft scheint zum selben Ergebnis gekommen sein. Unter der Überschrift "Smash the Patriarchy mit 80" hat sie fünf Dinge aufgelistet, die wir alle von Marlies Krämer lernen können.

Übrigens finde ich, dass Marlies Krämer mit ihrem beharrlichen Widerstand gegen sprachliche Ungerechtigkeit ganz wunderbar in die Reihe "Unerschrocken" von Pénélope Bagieu passen würde. Deren ersten Band habe ich am Mittwoch rezensiert. Er ist voller Frauen, die ihr Ding gemacht haben und ihre Vorstellungen vom Leben durchgesetzt haben - mal im großen, politischen und mal im kleinen, privaten Raum.

Ich trinke jetzt meinen Tee aus und mache mich dann auf zu Tight Laced, einem Berliner Wäschelabel mit feministischen und body-positiven Grundsätzen. Große Lingerie-Liebe! (Nein, ich bekomme kein Geld für schamlose Werbung - das hier ist reine Vorfreude.)

Habt ein wunderschönes Wochenende!



*Apropos Inklusion: Die Diskussion ist immer noch verdammt verhaftet in einer binären Geschlechterkonstruktion - und dadurch bedingt ist es auch dieser Blogpost wesentlich mehr als mir gefällt. Selbst wenn endlich mal die weibliche Form mitgeschrieben statt nur -gemeint wird, schließt damit immer noch diverse Menschen aus. Mittel- bis langfristig wünsche ich mir da noch eine Menge mehr!

Kommentare:

  1. Ich finde es auch wunderbar, wie energisch sich Marlies Krämer einsetzt. Und recht hat sie! Die Sprache beeinflusst unser Denken, also wird es doch Zeit, sie auf den aktuellen Stand zu setzen.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  2. Hoffentlich bleibt es weiterhin so, dass die gemeinsamen Besuche nicht an der Distanz scheitern.
    L G Pia

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    1. Ergebnis des Wochenendes: Eventuell zieht sie im Sommer sogar her! :D

      Liebe Grüße
      Sabrina

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  3. Ich hab auch die Woche erst von dieser Heldin erfahren und mich gerade dank deiner Links durch die ganzen Beiträge gelesen. Danke dafür. Ist schon kompliziert die deutsche Sprache. Die Weiterentwicklung wird dauern, bleibt aber spannend. Ich erinnere mich noch wie mein Botanik-Professor so vor 15 Jahren immer "Liebe Studierende" gesagt hat, um alle mit einzuschliessen. :)
    Liebe Grüße
    Janina

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    1. Das find ich ja super, dass dein Professor da schon vor ziemlich langer Zeit so achtsam war! Und ich freu mich riesig, dass ich dir da ein paar gute Links zur Verfügung stellen konnte. :)

      Liebe Grüße
      Sabrina

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  4. Heejoo, schöne Grüße zu Dir,
    ich hab grad so geschmunzelt das Wort : Hebammerich...
    ich kann nich mehr, Lachen am Abend ist erholsam und labend.

    Meine Ohren haben Besuch von den Mundwinkeln bekommen...
    Ahoi und gute Nacht
    Brigitte aus Waldmitte

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    1. Haha, das freut mich aber, dass ich dich zum Lachen gebracht habe. Lachen ist wichtig. :)

      Liebe Grüße
      Sabrina

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