Samstag, 24. März 2018

[Samstagstee] mit feministischen Netzfunden

Tee für den Wochenendstart! Auf der Tasse ist das Michelskloster von Bamberg abgebildet.

Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 

Es hat mich auch in dieser Woche wieder auf die Straße getrieben, wieder wegen Schwangerschaftsabbrüchen. Dieses Mal habe ich nicht direkt gegen §219a StGB demonstriert, nicht mal für die Selbstbestimmung deutscher Schwangerer. Stattdessen ging's zur Solidaritätsbekundung mit ungewollt Schwangeren in Polen. Dort gibt's schon heute das schärfste Schwangerschaftsabbruchsrecht in Europa. Abbrüche sind nur erlaubt, wenn die Schwangerschaft durch Vergewaltigung oder Inzest entstanden ist oder wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist. Bisher gelten auch schwerste Missbildungen, zu erwartende schwere Behinderungen oder geringe Lebenserwartung der Föten als rechtlich zulässige Gründe. Das soll sich aber jetzt ändern - und das stößt auf Widerstand. Die Demo in Berlin war recht klein, aber die Bilder aus Warschau waren ziemlich beeindruckend.

Netzfunde zum Schwangerschaftsabbruch


Im Tagesspiegel fand ich diese Reportage über Pol*innen, die für Schwangerschaftsabbrüche nach Berlin kommen. Eine Gruppe namens "Tante Barbara" hilft ihnen bei den vorgeschriebenen Beratungsgesprächen, sorgt für private Unterkünfte und finanzielle Mittel. Mich beeindruckt dieser Wille zu helfen, obwohl Unterstützende bei - nach polnischem Recht illegale - Schwangerschaftsabbrüchen mit Strafverfolgung zu rechnen haben, auch wenn sie im Ausland leben. Wer nach der Lektüre helfen möchte: Tante Barbara führt hier gerade eine Fundraising-Kampagne.

Bei Spiegel Online bin ich auf ein Interview mit der Frauenärztin Nora Szasz gestoßen. Wie Kristina Hänel ist sie wegen eines Verstoßes gegen §219a StGB angeklagt: Auf der Webseite ihrer Praxis findet sich der Hinweis, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Warum sie das trotz Widerständen tut? "Weil es die Frauen nun mal gibt, die zu mir kommen und ungewollt schwanger sind. Sie befinden sich in einer Notsituation und brauchen Hilfe. [...] ich sehe uns Ärztinnen in der Pflicht, Frauen in ihrem eigenen Weg zu unterstützen und durch Notsituationen hindurch zu helfen", sagt Frau Szasz. Und ich bin unendlich dankbar, dass es Ärzt*innen wie sie gibt.

Die neueste Episode des Podcasts "Stimmenfang" (ebenfalls von Spiegel Online) dreht sich auch um §219a StGB. Darin wird eindrücklich die Odyssee einer Patientin beschrieben. Weil ihr niemand sagen konnte, welche Ärzt*innen einen Schwangerschaftsabbruch in ihrer Nähe vornehmen, musste sie im Internet auf die Suche gehen. Auf einer Abtreibungsgegnerseite hat sie zwischen widerlichem Bildmaterial schließlich Kristina Hänels Namen gefunden - und ist 400 Kilometer weit gefahren. Außerdem gibt es unter anderem auch Interviewpassagen mit Kristina Hänel. Fazit des Podcasts: Das Werbeverbot wird zur Schikane.

[edit, weil zu wundervoll:] Auch Ninia LaGrande hat sich des Themas angenommen: "In der ganzen Debatte wird so getan, als wüssten die Menschen mit Uterus nicht, was sie da eigentlich machen. Als müsste man ihnen rechtliche Vorgaben machen, damit sie nicht wirr herumvögeln und alle vier Wochen ein Kind abtreiben lassen." Ganz genau das. Sehr wütender, polemischer Text, bei dem ich sehr lachen musste.

Während in den Medien gefühlt ein teilenswerter Artikel nach dem anderen erscheint und ich gefühlt wöchentlich demonstrieren gehe, passiert innerhalb der neu angetretenen GroKo... nüscht. In mehr Worten formuliert das Zeit Online hier. Wenn ich wenigstens sagen könnte, dass mich das überrascht, wäre ich nicht ganz so wütend.

Sonstige Netzfunde


Diese Kolumne im Missy Magazine hätte eigentlich schon in die Linksammlung von letzter Woche gehört, als ich zum generischen Maskulinum gesammelt habe. Ich habe sie aber erst diese Woche gelesen, daher nun: "Wenn es schon so hart ist, Frauen in der Sprache abzubilden, wie hart wird es dann erst sein, ihnen das gleiche Geld für gleiche Arbeit zu geben und Gleichberechtigung in allen gesellschaftlichen Belangen zu erreichen?" Dass Gendern dazu zwingt, über die eigene Sprache nachzudenken und die Frage, wen man denn gerade eigentlich meint, nicht meint oder gar bewusst ausschließt, merke ich bei jedem Post, den ich hier schreibe. Und wie Anna Mayrhauser finde ich, dass mir das unheimlich viel bringt.

Ebenfalls im Missy Magazine las ich ein Plädoyer, sich einzumischen, auch wenn man zur privilegierten Gruppe gehört und sich nicht entspannt zurückzulehnen und mal die wirklich Unterdrückten machen zu lassen. Dabei aber vielleicht nicht in der ersten Reihe stehen und so laut brüllen, dass die eigentlich betroffenen Stimmen übertönt werden.  

BILDblog hat zusammengestellt, wie das große Boulevardblatt über sexuellen Missbrauch durch Lehrerinnen berichtet. Da wird dann durch "attraktive Sex-Lehrerinnen" nicht etwa "missbraucht" oder "vergewaltigt", sondern verführt. Selbst, wenn es um 13-Jährige geht. "So wird aus einem sexuellen Übergriff — schwupps! — ein erotisches Abenteuer zum Mitsabbern." Wi-der-lich, auf so vielen Ebenen.

Magda berichtet für die Mädchenmannschaft von ihrem Besuch der Leipziger Buchmesse, die bei wenig Feminismus ziemlich viele Nazis geboten habe. Ich wünschte, ihr Bericht würde mich in irgendeiner Form erstaunen. Aber dafür kommt es viel zu häufig vor, dass Nicht-Rechten gesagt wird, sie sollten sich doch bitte besonnen, lieb und nett verhalten und die Nazis ungestört Parolen gröhlen lassen. Das Transit-Magazin bezeichnet diese "Diffamierung des Widerspruchs als „antidemokratisch“" hier als den "tatsächliche[n] Anfang vom Ende des Diskurses". 

Puh, da hat sich diese Woche doch einiges angesammelt. Wer bis hier hin durchgehalten hat, hat sich das samstägliche Heißgetränk definitiv verdient. Macht es euch schön!

Kommentare:

  1. Danke dass du zu diesem Thema auf dem Laufenden hältst. Auch wenn ich dazu nicht schreibe, ist es mir wichtig, egal ob ich mit dem Problem noch konfrontiert werden kann oder nicht...es ist unglaublich, dass wir immer noch nicht das Grundgesetz umgesetzt haben. Aber wird wohl nicht besser, weil ja viele fortschrittlich finden, konservativ zu sein. Ehrlich gesagt: Zum Kotzen. Hat aber nichts mit dir zu tun, du liegst nur auf meiner Linie. Das kommt dann doch für meinen Geschmack in Bloggerland zu wenig vor...
    Hab's fein!
    Astrid

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    1. Liebe Astrid,

      diese Vorstellung einer Fortschrittlichkeit im Konservatismus ist mir auch schon häufiger begegnet. Da schüttele ich meinen Kopf ähnlich häufig wie wenn Leute verkünden, sie wollten weniger Abtreibungen - aber zu diesem Zweck Abtreibungen lieber weniger _möglich_ als weniger _nötig_ machen wollen. Als ob das irgendwas bringen würde. Oder gar etwas Gutes in der Welt schaffen würde.

      Danke für deinen Zuspruch! Ich merke schon, dass die Kommentare wesentlich weniger sind als wenn ich über Nettigkeiten plaudere. Aber mir geht's damit wesentlich besser.

      Liebe Grüße
      Sabrina

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  2. Danke, dass du uns zu diesen Themen stets auf dem Laufenden hältst!
    Dieses Werbeverbot ist ja mehr als abstrus, ich hatte ehrlich gesagt vor deinen Artikeln darüber keine Ahnung, dass so etwas überhaupt in heutigen Gesetzbüchern existiert. Das ganze hat mich jedenfalls derart beschäftigt, dass ich überprüft habe ob die Schweiz ein analoges Gesetz kennt (tut sie zum Glück nicht) und habe die Einwohnerzahlen und Schwangerschaftsabbrüche verglichen. Wie zu erwarten war: Nur weil Arztpraxen auf Ihrer Website schreiben dürfen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche anbieten, werden nicht automatisch mehr Föten abgetrieben.

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    1. Liebe Eva,
      ehrlich gesagt: Bevor Kristina Hänel verurteilt wurde, war mir das ebenfalls nicht bewusst. Eine der feministischen Initiativen, denen ich auf Instagram folge, hatte mal eine Umfrage unter den Followern gestartet, ob ihnen §219a StGB vorher ein Begriff gewesen war - und zwei Drittel antworteten mit nein. Der Artikel ist ebenso unbekannt wie absurd.
      Gut zu wissen, dass es in der Schweiz nichts vergleichbares gibt! Mir wurde gestern eine Liste zugeschickt - für Österreich kann man offenbar auch ganz einfach googlen.

      Ich liebe ja Ninia LaGrandes satirisches Beispiel "Oh, wenn mein Arzt das macht, dann hören wir jetzt einfach auf zu verhüten und ich lasse mir einen monatlichen Termin geben. Juhu!" This is not how it works...

      Liebe Grüße!

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  3. Dann kommentiere ich einfach mal, ich finde nämlich genau diese Artikel und Linksammlungen wichtig. Viel wichtiger als Nettigkeiten. Da finde ich jeden Samstag was zu lesen und zum wütend sein (wenn wir nicht die Links eh schon vorher fröhlich ausgetauscht haben).
    Und danke, dass du demonstrieren gegangen bist.

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  4. "Wenn es schon so hart ist, Frauen in der Sprache abzubilden, wie hart wird es dann erst sein, ihnen das gleiche Geld für gleiche Arbeit zu geben und Gleichberechtigung in allen gesellschaftlichen Belangen zu erreichen?"
    Das ist genau das, was mir die ganze Zeit durch den Kopf geht und mich so wütend macht. Frau hat das Gefühl, es geht überhaupt nicht voran.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Ja, dieser unheimliche Widerstand, Frauen auch nur sprachlich etwas Raum zu geben ist für mich symptomatisch. Wenn ein paar Buchstaben (geschrieben oder gesprochen) zu viel verlangt sind, wie soll dann der Rest klappen?
      Danke für's wütend sein. Ich glaube, das ist sehr nötig.

      Liebe Grüße
      Sabrina

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  5. Ui, mal wieder ziemlich voll deine Sammmlung, aber umso besser. :) Bei der Situation im Polen musste ich besonders schlucken, das war mir so noch nicht bekannt. Gut, daß es da auch Menschen gibt die helfen.
    Immer schön unbequem bleiben :)
    Liebe Grüße
    Janina

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    1. Ich glaub, man sieht den Sammlungen schon immer sehr deutlich an, wie viel Zeit ich im Internet verbracht habe. :D
      Polen finde ich auch unheimlich krass - deswegen finde ich es auch so wichtig, dass wir auch hier in Deutschland darüber reden, wie wir das gesellschaftlich regeln wollen. Nicht zuletzt, weil dadurch klar wird, dass wir hier offensichtlich auch genügend Politiker*innen haben, die gerne in eine solche Richtung steuern würden (und das sind längst nicht nur die klar rechts positionierten).

      Liebe Grüße
      Sabrina

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Hey! Schön, dass ihr da seid. Dank eurer lieben Worte macht's dreifach Spaß!

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