Samstag, 24. Februar 2018

[Samstagstee] mit Schwangerschaftsabbrüchen

Keep your politics out of my uterus!
Politischer Samstagstee mit Material des Bündnisses für sexuelle Selbstbestimmung.
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 

Diese Woche stand bei mir ganz im Zeichen des Widerstands gegen §219a StGB. Auf Grundlage dieses Paragraphen werden zunehmend häufig Frauenärzt*innen angezeigt, die auf ihrer Webseite Informationen zu Schwangerschaftsabbrüchen teilen und mitteilen, dass sie diese auch selbst vornehmen. Am Donnerstagnachmittag stand ich vor dem Reichstag - nicht aus touristischen Gründen, sondern um zu demonstrieren.  Die Demo war nicht groß, umso wichtiger war es mir, dabei zu sein. Witzigerweise habe ich dort auch die Damen hinter Crafts & Cramps und Vulvinchen getroffen. Für Interessierte hat das Bündnis bei Flickr Fotos der Aktion hochgeladen.

Nachdem am Donnerstagabend der Bundestag über das Gesetz debattierte - und dabei argumentativ kein Platz zwischen CDU und AfD mehr blieb - , bin ich am nächsten Tag direkt weiter zur Fachtagung des Bündnisses, um dort die Diskussion zu vertiefen. Dazu werde ich im Laufe der nächsten Woche sicher auch noch vertieft schreiben, im Moment muss ich das erstmal sacken lassen...

In der Zwischenzeit gibt's aber thematisch passende Netzfunde für euch:

Was mich an der ganzen Diskussion so stört: Die Behauptung, der Wegfall von §219a StGB würde aggressiver Bewerbung von Schwangerschaftsabbrüchen Tür und Tor öffnen. Dabei gibt es in Deutschland verschiedene rechtliche Grundlagen, die Werbung für Ärzt*innen regeln - bei Wikipedia gibt es einen Artikel zum "Arztwerberecht", der das ein bisschen aufschlüsselt. Demnach sei anpreisende Werbung für Mediziner*innen verboten - grundsätzlich. Das würde ja dann auch Schwangerschaftsabbrüche treffen. Mich irritiert, dass in so wenigen Beiträgen darauf hingewiesen wird, dass wir §219a StGB nicht brauchen, um die vielbeschworenen "Kommt zu mir, ich mach euch zwei Abtreibungen zum Preis von einer!" zu vermeiden. (Mal ganz abgesehen davon, dass ich die Unterstellung lächerlich finde, ein Werbeplakat würde eine Frau, die sich über ihre Schwangerschaft freut, plötzlich umstimmen und in die Praxis treiben.)


Dieser Beitrag des Deutschlandfunks bietet neben einem Überblick über die momentane Situation auch viele Zitate beider Seiten. Besonders bedenklich finde ich dabei ja erneut die Verquickung "christlicher" und rechter Gedanken - und die mangelhafte Abgrenzung angeblich "moderater" Abtreibungsgegner*innen.

Auf ZEIT Campus schreibt Luisa Jacobs, wie schwierig sie das gesamtgesellschaftliche Schweigen zu Schwangerschaftsabbrüchen finde. Lange Zeit sei ihre Mutter die einzige Frau gewesen, von deren Abbruch sie gewusst habe. Die fehlende politische Diskussion über den scheinbaren Kompromiss (Abtreibung ist nicht legal, aber unter bestimmten Bedingungen straffrei) habe dazu geführt, dass Schwangerschaftsabbrüche auch im privaten Umfeld nicht mehr besprochen werden würden. In diesem Klima schamhaften Schweigens könnten dann militante Abtreibungsgegner*innen wieder gesellschaftsfähiger werden - ohne starke Gegenwehr. Ich habe die Hoffnung, dass durch die erneut aufgeflammte Diskussion insgesamt wieder stärker über das Thema gesprochen wird - entschieden ist ja noch nichts.

Habt ihr schon bei der Fotoaktion teilgenommen?

Kommentare:

  1. ach, wie es rumort... hoffentlich passiert bei der abstimmung was! ich bin gespannt auf deine weiteren beiträge zum thema.
    liebst,
    jule*

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    1. Einer davon wird für deine Politisiert euch!-Sammlung sein. ;)

      Liebe Grüße
      Sabrina

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  2. Schöne Sammlung wieder. Ich muss mir noch eins, zwei anschauen... Ich finde die Debatte echt blöd. Ich habe ein Recht auf meinen Körper und wenn mich ein Arzt richtig beraten kann, dann ist das Gold wert. Dieses reglementieren geht mir sowas von auf die Nerven.
    Ich les mal noch ein bisschen
    Andrea

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    1. Ich find's traurig, dass es diese Debatte offenbar noch braucht, ja. Aber ich bin auch dankbar, dass sie jetzt mal geführt wird und nicht im Verborgenen Frauenärzt*innen aus Furcht vor irgendwelchen Fundamentalisten einknicken.

      Liebe Grüße
      Sabrina

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  3. Ich find dieses Thema auch wirklich wirklich anstrengend und schlimm, dass sie im Jahre 2018 immer noch nötig ist. Es gibt Frauen, die keine Kinder haben möchten, aber aus religiösen Gründen nicht verhüten dürfen (noch ein viel anstrengenderes Thema als §219a ) ...
    Wir stehen angeblich für Gleichberechtigung, freie Meinung und wat weiß ich. Aber körperliche Selbstbestimmung der Frau ist dann wieder verboten? Sicherlich ist es nicht schön über eine Abtreibung nachdenken zu müssen, aber es gibt Gründe die jeder Frau zustehen sollten. Ob wir das noch mal erleben, dass solche Themen nicht mehr so schwierig sind?

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    1. Ja, das ist ein riesiges Fass, das man da komplett aufmachen kann (und mittelfristig meiner Meinung nach auch muss!).
      Ich denke, wir können alle versuchen, ein bisschen dazu beizutragen, solche Themen zu normalisieren, indem wir zum Beispiel drüber reden. Müssen ja nicht unbedingt Blogposts sein, es können ja auch Unterhaltungen mit Freundinnen sein oder so. Ich würde mir sehr wünschen, dass ich es noch erlebe.

      Liebe Grüße
      Sabrina

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  4. Zu dem Messer, was mir bei dem Thema schnell in der Tasche aufgeht, würde sogar Crocodile Dundee beeindruckt sagen: "Japp, das ist ein Messer!" Ich habe einmal abgetrieben und bin zum Glück überwiegend total vernünftigen Leuten begegnet, manche fanden das Thema unkompliziert, andere ambivalent. Ausgerechnet eine Freundin sagte: "Ich würde einer Frau da niemals reinreden", was mich sehr angefasst hat - es war zwar "neutral", aber es schwang schon was mit, was mir nicht gefiel, so eine rein oberflächliche Korrektheit, darunter aber Nichtgutfinden, und vor allem war es so eigenartig distanziert. Das - unter anderem - hat uns die Freundschaft gekostet. Was ich mit jemandem gemacht hätte, der mir Vorwürfe gemacht hätte, weiß ich nicht. Vielleicht hätte ich an demjenigen eine Extremspätabtreibung vorgenommen.
    Man steht so unsagbar unter Zeitdruck, es ist eine so große Sache, die so schnell passieren muss. Zum Glück war meine Frauenärztin furchtbar lieb, hat beim Beratungsgespräch gesagt, sie redet erwachsenen Menschen da nicht rein, wenn sie vor ihr sitzen und den Schein wollen. Ob wir noch irgendwelche Fragen hätten? Die hat sie uns alle beantwortet und uns dann, weil sie selbst keine Abtreibungen gemacht hat, an eine sehr gute Frauenärztin verwiesen, zu der ich dann auch gegangen bin. Ohne diese Empfehlung hätte ich wohl eine Adressliste bekommen? Damit ist ja auch was anzufangen.
    Meine Erfahrungen waren also überwiegend sehr gut, halleluja. Bin auch beim Googeln nach viel elendem, schnell weggeklicktem, verlogenem Scheißdreck (und wer sowas online stellt, für den wünsche ich mir dann eigentlich doch irgendwie eine kleine Hölle) auf eine ganz tolle Seite gestoßen, die es inzwischen aber wohl nicht mehr gibt. Sachlich, mit Raum für Ambivalenz und Traurigkeit, aber auch Erleichterung, rundum informativ und mit vielen Erfahrungsberichten. Mich verblüfft und verstört, dass das Thema überhaupt ein Thema ist. Also dass es ernsthaft Leute gibt, die grundsätzlich gegen Abtreibungen sind. In meinem Leben haben die im Nahbereich keinen Platz, habe ich festgestellt, die sortiere ich aus. Dafür habe ich weder Verständnis noch Geduld, wenn sich jemand scheinbar menschenfreundlich den "Schutz des ungeborenen Lebens" auf die Fahnen schreibt und damit implizit zwangsläufig sagt: Mir doch scheißegal, wie es der zum Austragen genötigten Mutter geht. Oder auch dem Kind später, sobald es erst mal auf der Welt ist. Oder auch diese "Wer nicht bereit ist, Kinder zu haben, darf eben ganz einfach keinen Sex haben." Kleingeistige Bewohner einer winzigen Suppentasse, über deren engen Rand sie nicht mal VERSUCHEN hinauszuschielen. Bah. Fuck off, ernsthaft. Ich würde gern sachlicher diskutieren, hab aber in mehreren Jahren keinen einzigen Menschen gefunden, der ernstlich gegen Abtreibung ist und auch wirklich Argumente hat. Immer nur ist aber meine Meinung und die darf ich ja wohl haben mimimi und unreflektierter Befindlichkeitsirrsinn. Sollen die sich dahin stecken, wo die Sonne nicht hinscheint, also bei denen wahlweise Kehrseite oder zwischen die Ohren. Ich verstehe ambivalente Gefühle sehr, sehr gut, ich verstehe Traurigkeit und Betroffenheit und Unwohlsein. Die konkrete Befürwortung eines Abtreibungsverbots aber ist blind und menschenfeindlich. Die verstehe, akzeptiere und toleriere ich nicht.

    Schnaubenden Gruß
    Maike

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    1. Danke für deinen ausführlichen Kommentar!
      Deine Frauenärztin klingt großartig. Genau so eine Beratung wünscht man sich doch, wenn man - wie du ja auch geschrieben hast - unter großem Zeitdruck eine so große Entscheidung treffen muss.

      Ich finde es fürchterlich, dass Menschen in dieser Situation auf der Suche nach sachlichen Informationen nicht herausfinden "Ah, mein*e Gynäkolog*in nimmt Abbrüche vor", sonder auf Seiten von selbsternannten Lebensschützer*innen landet, die sich einen Scheiß um das Leben der schwangeren Person kümmern oder um bereits geborene Kinder, for that matter.

      Abgesehen von "meine Meinung" und "man wird doch noch sagen dürfen", kommt ja auch gerne noch "aber meine Religion". Über das Thema haben wir ja auch schon geschrieben. Also, kann man ja gerne für sich selbst entscheiden. Aber wenn andere Leute mir aufgrund ihrer religiösen Vorstellungen irgendwas verbieten oder aufbürden wollen, geht einfach gehörig was schief.

      Natürlich wäre es schön, wenn alle Schwangerschaften begeistert bemerkt würden, wenn jedes Kind, das geboren wird, erwünscht wäre und keines dann beispielsweise irgendwo in Syrien unter einem zerbombten Haus sterben müsste. Fänd ich alles ganz toll. Aber die Realität sieht halt anders aus und der sollte man sich halt auch mal stellen, statt von ihrer "Normalisierung des Schwangerschaftsabbruchs" im Falle einer Streichung von §219a StGB zu lamentieren - Schwangerschaftsabbrüche sind halt nun mal normal, im Sinne von recht häufig...

      Langer Rede, kurzer Sinn: Ich bin da sehr bei dir. Und immer noch wütend von so ein paar anderen Details, von denen die Frauenärztinnen auf dem Kongress erzählt haben.

      Liebe Grüße
      Sabrina

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