Samstag, 16. Juni 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Samstagmorgen mit Tee und mit Anne.
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Diese Woche ist die Fußball-WM in Russland gestartet - von mir wird sie rigoros wegignoriert. Meine Herausforderung für die nächsten vier Wochen besteht also für die nächsten vier Wochen darin,  Cafés und Co ohne Fußballübertragung finden. Fußball interessiert mich nämlich grundsätzlich nicht - und nein, auch dann nicht, wenn "Deutschland" spielt. Es ist mir herzlich egal, unter welcher Bezeichnung die Leute spielen: Im Endeffekt wird halt doch nur ein Ball über die Wiese gekickt. Das nur zur Information, dass ihr die nächsten Wochen hier eine fußballfreie Zone erwarten könnt.

Ich hab mich nämlich lieber mit anderem beschäftigt - zum Beispiel mit meinem eigenem Geburtstag und auch dem von Anne Frank. Sie wäre am Dienstag 89 Jahre alt geworden. Zu diesem Zweck habe ich eine Graphic Novel rezensiert, die ihre Biographie unter anderem anhand ihres berühmten Tagebuchs nachzeichnet.

Und damit sind wir eigentlich schon mittendrin in den dieswöchigen Netzfunden. Denn selbstverständlich habe ich nicht nur gefeiert und geschrieben, sondern auch gelesen!

Netzfunde der Woche

Meine Vorstandskollegin Alica von der *innenAnsicht hat eine Broschüre über Vulven und die Sexualität von Menschen mit Vulven geschrieben und veröffentlicht "Da unten" behandelt neben anatomischen Themen ("Was ist eigentlich eine Vulva?") unter anderem auch positives Körperbild, Lust an Masturbation und Sex und Consent. Insgesamt empfand ich die Broschüre als sehr positiv gegenüber Körpern und Lust - etwas, das mir bei meiner Aufklärung ehrlich gesagt rückblickend ziemlich zu kurz vorkam. Unter diesem Link könnt ihr euch die Broschüre kostenlos herunterladen.Gelobt wurde die Broschüre unter anderem von Protestorganisation Pinkstinks und dem YouTube-Kanal Auf Klo - eine große Ehre für unser kleines Online-Magazin.

Nächste Woche startet in Berlin die Ausstellung "Where Love Is Illegal". Sie umfasst Porträts von Menschen, die für ihre Beziehungen verfolgt werden und deren Geschichte. Zum Beispiel die von Darya, die zusammengeschlagen wird und im Krankenhaus hört: "Du hast bekommen, was du verdienst, Lesben bedienen wir hier nicht." Oder die von Wolfheart, der mitanhören muss, wie sein Partner gefoltert wird.
Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf die 72 Staaten dieser Welt die Menschen immer noch für ihre sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität strafrechtlich verfolgen. Dabei gehen diese Staaten sehr brutal vor: Von Geldstrafen über Gefängnis und Folter bis hin zur Todesstrafe reicht die Bestrafungsbandbreite. zett hat hier über die Ausstellung berichtet und einige Fotos gezeigt, falls ihr nicht in Berlin seid und trotzdem nicht alles verpassen mögt. 

Macht euch ein schönes Wochenende!

Dienstag, 12. Juni 2018

[Rezension] Das Leben von Anne Frank. Eine Biographie

Anne Frank: Heute wäre sie 89 Jahre alt geworden. Zu ihrem Geburtstag habe ich eine neue Biografie gelesen.
Heute hätte sie ihren 89. Geburtstag gefeiert: Anne Frank, das jüdische Mädchen, dessen Tagebuch heute weltberühmt ist.

Eleanor Roosevelt schrieb in der Einleitung zur ersten Ausgabe in den USA, das Tagebuch sei einer der "weisesten und bewegendsten Kommentare zum Krieg und seinen Auswirkungen auf die Menschen, den ich jemals gelesen habe“. Nelson Mandela erzählte, er habe Annes Tagebuch während seiner Haft gelesen und "daraus viel Mut gewonnen" für seinen Kampf gegen die Apartheid in Südafrika.

"Das Leben von Anne Frank. Eine graphische Biographie" von Ernie Colon und Sid Jacobson tritt also ein schweres Erbe an. Umso gespannter war ich, ob die Graphic Novel es schafft, Anne Frank gerecht zu werden.

Das Buch wurde mir vom Verlag freundlicherweise zur Verfügung gestellt, meine Meinung hat das nicht beeinträchtigt.

Zusammenfassung

Wahrscheinlich kennen die meisten von euch Annes Geschichte. Denjenigen, die noch nicht damit vertraut ist, möchte ich aber eine kurze Zusammenfassung nicht vorenthalten: Anne Frank wandert 1934 mit ihrer Schwester Margot und ihren Eltern in die Niederlande aus. Auf diese Weise hofft die jüdische Familie, aus dem Einflussbereich der Nationalsozialisten zu entkommen. Doch in Folge des Kriegsausbruchs und der Besetzung der Niederlande muss die Familie im Juli 1942 untertauchen: Zusammen mit anderen Verfolgten versteckt sich die Familie in einem Hinterhaus in Amsterdam.

Dort schreibt Anne Frank weite Teile ihres berühmten Tagebuchs. Die Untergetauchten werden aber schließlich verraten und in verschiedene Konzentrationslager verschleppt. Zusammen mit Margot kommt Anne so nach Bergen-Belsen und stirbt dort kurz vor Kriegsende an Typhus. Ihr Vater Otto Frank überlebt als einziger der Untergetauchten den Holocaust und veröffentlicht 1947 Annes Tagebuch.

In insgesamt drei Bänden beschreibt Anne den Alltag im Versteck: die Eigenheiten der einzelnen Untergetauchten, welche Konflikte durch die Enge entstehen und auch ihre zarte Beziehung mit dem ungefähr gleichaltrigen, ebenfalls versteckten Peter van Pels. Dabei macht sie sich Gedanken darüber, was sie an dieser Beziehung stört und was sie sich eigentlich wünschen würde.

Überhaupt reichen ihre Gedanken auch oft über das Hinterhaus in der Prinsengracht hinaus: Anne denkt über Frauenrechte nach und schmiedet Zukunftspläne. Wenn der Krieg überstanden erst überstanden sei, wolle sie Sprachen studieren, Journalistin werden und Bücher veröffentlichen. Neben einem Augenzeugenbericht ist dieses Tagebuch auch die Geschichte eines Teenagers, der seinen Platz in der Welt sucht.

Die Graphic Novel hält sich nicht an die zeitlichen und räumlichen Grenzen, die Annes Tagebuch setzt. So beginnt doe Erzählung bereits vor Annes Geburt, enthält Hintergründe zur Familiensituation und führt auf diese Weise zum Tagebuchinhalt hin. Zwischendurch wird der Lauf der Handlung unterbrochen durch Hintergrundinformationen: Beispielsweise werden die Nürnberger Rassegesetze und ihre Auswirkungen auf die jüdische Bevölkerung erläutert, die sogenannte „Reichskristallnacht“ oder auch die Inhalte der Wannseekonferenz. Auf diese Weise können auch Menschen, die mit der Geschichte des Holocaust nicht vertraut sind, der Geschichte gut folgen. Diese endet auch nicht, wie Annes Tagebuch, kurz vor der Verhaftung. Stattdessen verfolgt sie das Leben (und Sterben) der Menschen über die Tagebucheintragungen hinaus, bis zur Veröffentlichung des Buches.


Seite 70: Hier bekommt Anne endlich ihr heißersehntes Tagebuch.

Schreib- und Zeichenstil

Die Graphic Novel gibt den Menschen um Anne herum ein Gesicht: Die Illustrationen sind anhand von Fotografien entstanden und sehen den echten Personen tatsächlich recht ähnlich. Ich hatte bisher in erster Linie Annes Gesicht vor Augen. Durch die Illustrationen kam ich nun auch den Menschen um sie herum näher.

Gleichzeitig wird auch der räumliche Eindruck des Verstecks im Hinterhaus viel stärker. Man bekommt eine viel bessere Vorstellung von den räumlichen Dimensionen, der Enge, in der die Versteckten zusammenleben. Akribisch sind neben den Illustrationen die zentimetergenauen Abmessungen der Zimmer vermerkt, inklusive ihrer Höhe. Auch wurde mir zum ersten Mal so recht klar, auf welche Weise das Versteck baulich von der Außenwelt abgeschirmt war - und wie nah trotzdem die Leute außerhalb waren.

Auch der Zeichenstil trägt überwiegend dazu bei, mich der Zeit zu nähern und die Stimmung zu unterstreichen. Die kantigen Gesichter sind mit dunklen Schraffuren beschattet, die Umgebung wirkt durch die schwarzen Konturen und zurückhaltend eingesetzten Details oft sehr karg und kalt. Besonders eindrücklich wird diese zeichnerische Härte bei den ausgemergelten Menschen im KZ. Einen weicheren Strich oder gar einen mangaartigen Stil könnte ich viel schwerer mit der Geschichte in Einklang bringen.

Allerdings ergeben sich dadurch auch Probleme: Dieser Zeichenstil ist offenbar wenig geeignet, um Kinder darzustellen – sie wirken auf mich oft wie seltsam proportionierte Erwachsene oder Kobolde. Teils wird ganz auf einen Hintergrund verzichtet und die perspektivisch angeordneten Personen schweben auf einem Hintergrund aus ungesund wirkenden Farbverläufen. Das ist mir dann doch ein bisschen zu minimalistisch.

Trotzdem: Insgesamt helfen mir die Zeichnungen, mich dem Geschehen im Versteck zu nähern. (Natürlich werde ich nie wirklich nachfühlen können, wie es sich anfühlt, auf so engem Raum in fast ständiger Angst zu leben. Das ist nicht möglich. Aber Bilder vor Augen zu haben, hilft, das zumindest kognitiv zu verstehen.)

Während sich durch Zeichnungen und Informationen um den Tagebuchtext herum der Blick weitet und einen breiteren Blick auf die Untergetauchten ermöglicht, verliert die Graphic Novel im Vergleich zu Annes reinem Tagebuch an Intimität. Während ich mich dem Außenrum besser nähern kann, wächst der Abstand zu Anne selbst: Als Leser*in stecke ich nicht mehr direkt in ihrem Kopf, sondern bekomme ihre Geschichte von einem Dritten erzählt, dessen Erzählstimme sehr erwachsen ist. Nur noch ausschnittweise ist der Text dem Tagebuch entnommen, das erst im sechsten Kapitel, nach 70 Seiten, auftaucht. Dadurch ergeben sich Kürzungen.

Beispielsweise schrieb Anne Frank in ihrem Tagebuch sehr offen über körperliche Themen, so beschreibt sie etwa die Veränderungen ihres eigenen Körpers sehr genau und vergleicht ihn mit denen ihrer liebsten Filstarts. Sie berichtet über ihre Menstruation oder Gespräche über Sexualität. Auch schreibt Anne sehr ausführlich über die Konflikte mit ihrer Mutter, für die sie wenig "kindliche Liebe" zu empfinden vermag. All das findet sich in der Graphic Novel nur noch in Andeutungen. Kurze Zitate treten an die Stelle seitenlanger Abhandlungen. Insgesamt verflacht sich dadurch der Eindruck Annes, ihre Gedankengänge sind schwerer nachzuvollziehen und es fällt schwerer, ihr als Person nahe zu kommen.

Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass Annes Vater Otto den Autoren, ebenfalls Väter von Töchtern, viel näher war – nicht zuletzt vermutlich auch, weil seine Geschichte die von Anne rahmt: Ausgangspunkt der Handlung ist seine Familiengeschichte, Ende derselben sind seine letzten Lebensjahre. Selbst innerhalb der Tagebuchpassagen nimmt Otto Frank eine sehr wichtige Stellung ein. Anne schreibt an einer Stelle sogar, sie liebe niemanden auf der Welt, außer ihren Vater.

Nun ist Otto Frank zweifellos ebenso sehr wie seine Tochter geeignet, um anhand eines Einzelschicksals die Auswirkungen der Naziherrschaft auf jüdische Menschen zu zeigen. Allerdings ist ein solcher Schwerpunkt auf den Vater nicht das, was ich erwarte, wenn ich eine Biographie der Tochter lese.

Hinzu kommen einige Punkte, die mich irritieren: Teils wirken Textkästen und Sprechblasen als sei ihre Reihenfolge durcheinander gekommen. Dabei mag es sich um Folgen der Übersetzung handeln. Zwei weitere Stellen wirken aus der Zeit gefallen. So vermerkt eine Freundin Annes, sie müsse ihre Eltern anrufen. Wie verbreitet waren Telefone zu dieser Zeit in den von Deutschen besetzten Niederlanden in Privathaushalten? Ich konnte dazu keine Informationen finden, weiß aber von meiner Familie, dass sie bis weit in die 60er, 70er keinen eigenen Anschluss hatten und über öffentliche Telefone oder Nachbarn telefonieren mussten. Ähnlich verhält es sich mit der Szene, in der den Neuankömmlingen im KZ die Haare abrasiert werden. Im Bild zu sehen ist ein elektrischer Langhaarschneider, der in seiner Optik der in meinem Badezimmer gleicht. Ich kann mich hier irren und genau diese wurden in den KZs flächendeckend eingesetzt. Dennoch erscheint mir das aus der Zeit gefallen.

Unabhängig davon, ob ich ein verzerrtes Bild technischer Entwicklungen habe oder es sich tatsächlich um historische Ungenauigkeiten handelt: Es sind Kleinigkeiten und schmälern den Gesamteindruck der Geschichte kaum.

In der Zeittafel kann man Ereignisse noch einmal knapp nachlesen.

Fazit

Insgesamt hat mir die Graphic Novel einen erweiterten Einblick in Annes Geschichte ermöglicht. Diese Biographie löst sich vom reinen Text des Tagebuchs und betrachtet auch die Menschen um Anne sowie die geopolitischen Entwicklungen. Dadurch wirkt die Graphic Novel etwas objektiver, baut aber auch eine gewisse Distanz auf. Anne Frank als Person tritt einen Schritt zurück - und eigentlich ist ja gerade das die Stärke des Tagebuchs als Zeitdokument: Ein quasi unverfälschter Blick durch die Augen eines Kindes, das die Auswirkungen des Holocaust selbst miterlebt.

Daher kann die Graphic Novel das eigentliche Tagebuch keineswegs ersetzen. Nur damit kann man einen direkten Blick auf Anne Frank bekommen. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Graphic Novel eine gute Hinführung darstellt: Gerade für Menschen, die sich mit der Geschichte des Holocaust nicht so gut auskennen, sind die Hintergrundinformationen sehr wertvoll, um das Tagebuch selbst besser einordnen zu können.

Dieses Tagebuch hat auch nach siebzig Jahren noch nichts an Faszinationsvermögen eingebüßt: Erst im Mai war es in den Schlagzeilen, da Wissenschaftler auf zwei zusammengeklebten Seiten neue Texte entdeckte. Neben derben Witzen aus dem Kriegsalltag findet sich dort auch eine Passage über Sexualität, in der Anne laut verschiedener Quellen wohl über Prostitution und sexuelle Aufklärung geschrieben hat. Spannenderweise finde ich dazu immer wieder einen sexistischen Witz zitiert („Wissen Sie, wozu die deutschen Wehrmachtsmädchen in den Niederlanden sind? Als Matratzen für die Soldaten."), während Annes Überlegungen zur Aufklärung nicht wiedergegeben werden. Spannend, oder? Für 2019 ist eine neue wissenschaftliche Ausgabe der Tagebücher geplant, dort sollen all diese Passagen aufgenommen werden.

Für lesenswert halte ich Annes Tagebuch auch angesichts der aktuellen politischen Diskussion. In einer Gesellschaft, in der Menschen verstärkt für ihre Religionszugehörigkeit verbal wie körperlich attackiert werden (sowohl Islamfeindlichkeit als auch Antisemitismus treten verstärkt auf), halte ich es für wertvoll, einzelnen Menschen innerhalb dieser Gruppen direkt ins Gesicht zu blicken – und auch ins gezeichnete Abbild.

Die harten Fakten

Verlag: Carlsen
Autoren: Ernie Colon & Sid Jacobson, aus dem Englischen übersetzt von Kai Wilksen
Erscheinungsdatum: 20. März 2018
Sprache: Deutsch
Format: Taschenbuch
Seitenanzahl: 160
ISBN: 978-3551713872
Preis: 12,00 EUR

Samstag, 9. Juni 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Zum Start ins Wochenende gibt es Tee.

Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 

Wahrscheinlich glaubt ihr mittlerweile, ich würde unter der Woche nur Däumchen drehen (und schwitzen). In Wirklichkeit lerne ich immer noch HTML/CSS, lektoriere den Fantasy-Roman einer Bekannten, schreibe und editiere Texte für das *innenAnsicht-Magazin, deren Instagram-Account ich auch pflege. Es gibt also eine Menge zu tun - und ich liebe es. Netzfunde habe ich trotzdem für euch zusammengetragen. Viel Spaß beim Lesen!

Netzfunde der Woche


Die Heinrich-Böll-Stiftung hat einen neuen geschlechterpolitischen Podcast, "Our Voices, Our Choices". Geplant sind insgesamt sechs Folgen, in der ersten geht es um "Frauenproteste weltweit": für Abtreibungsrechte in Polen, für das Recht auf Frieden in Kolumbien und für das Recht auf selbstbestimmte Bekleidung in Kenia - also abseits der deutschen und US-amerikanischen Stimmen, die wir sowieso mitbekommen.
Ein bisschen toller fände ich es noch, wenn der Podcast nicht von einem Mann eingesprochen würde (Männer sind insgesamt deutlich überrepräsentiert in der Podcast-Szene), gleichzeitig weiß ich natürlich nicht, welche Gründe es für diese Entscheidung gibt. Ich freu mich auf weitere Folgen.

Die einen wollen, dass sich alles ändert, die anderen wollen, dass alles bleibt, wie es ist. In der bisherigen politischen Geschichte war es meistens so, dass die Linken den Aufbruch zu neuen Ufern verlangen, während die Rechten bewahren möchte. Jetzt kommt der Protest gegen das Bestehende aber auf einmal von rechts, eine rechte "Alternative" träumt utopisch von Heimat. Gleichzeitig wird die Linke als staatstragend empfunden und versucht, die Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte zu verteidigen. Wie es dazu kommt und was das für "links" und "rechts" heute bedeutet, erläutert Deutschlandfunk Kultur in diesem Beitrag.

Bitte verständlich!


Der Tagesspiegel hat Sophie Passmann "über unerwünschte Penisbilder, alte weiße Männer und Remoulade" interviewt. Mir hat imponiert, wie wenig Standesdünkel dabei zum Ausdruck kommt - natürlich breche sie politische Infos für ihre Fans auf Instagram herunter. Klar fände sie es okay, in der Jolie zu veröffentlichen - sie wolle schließlich "keine Systemkritik üben, sondern nur, dass junge Frauen ab und zu, wenn sie im Schwimmbad die Sommertrends durchblättern, einen klugen Gedanken abbekommen." Das sei manchmal wertvoller als ein komplexer Text, der nicht gelesen werde. "Ich finde es sinnvoll, Leute, die sich eher für ihre eigene Lebenswelt interessieren, da abzuholen", erklärt sie und ich halte das für sehr sinnvoll.

Als ich ganz zart angefangen habe, mich für Feminismus zu interessieren, kam ich an Artikel der Mädchenmannschaft oder des Missy Magazine nicht ran. Da wimmelte es von Begriffen, die ich damals noch nicht kannte und von Themen über die ich mir nie intensiv Gedanken gemacht hatte. "Toxic Masculinity"? "Intersektionalität"? Ich hatte keine Ahnung. Und ich brauchte niederschwelligere Angebote, um da irgendwie reinzukommen. Heute ertappe ich mich dabei, dass ich selbst auch fröhlich mit diesen Begriffen um mich schmeiße, weil sie mir so vertraut sind wie "Hawaii Toast" und "Laptop". Bei meinen Artikeln für das *innenAnsicht-Magazin steht regelmäßig "Erklär das mal, um niederschwellig zu sein" in der Edition. Ähem. Ich glaube, von Frau Passmann kann auch ich mir eine Scheibe abschneiden.

Apropos *innenAnsicht: Gestern diskutierte der Rat der Deutschen Rechtschreibung erstmals über geschlechtergerechtes Schreiben (hier die taz zu den Hintergründen). Zu diesem Anlass habe ich einen Artikel veröffentlicht, in dem ich 5 Gründe für eine geschlechtergerechte Sprache erläutert habe.

"Intersektionalität" ist wie gesagt einer der Fachbegriffe, die ständig benutzt werden. Seit den 90ern beschreibt er eine Ausprägungsform des Feminismus. Bei Daily Dot habe ich einen Artikel gefunden, der den Begriff definiert und mit einem entzückenden Sop-Motion-Video veranschaulicht.

Geschlechterklischees in Printmedien


In Comics sind diese Geschlechterklischees sind immer noch verbreitet: Ungesund verdrehte sexy Babes, die gleichzeitig Po und Brüste zeigen, stehen Muskelmännern in Ganzkörperstrumpfhose zur Seite. Deutschlandfunk Kultur hat hier mit den  Comiczeichnerinnen Katja Klengel und Lisa Frühbeis gesprochen. Die beiden fordern unter anderem mehr Frauen in den Jurys - und mehr authentische Frauenfiguren.

Dass Frauen für's Herz schreiben und Männer für's Hirn ist ja auch so ein beliebtes Klischee. Laut diesem Artikel von EditionF ist es aber bei weitem nicht das einzige. Gemeinsam sorgen sie für eine strukturelle Schlechterstellung von Autorinnen, die sich in weniger Rezensionen, weniger Hardcoververöffentlichungen und schlussendlich weniger Geld niederschlagen. Im Artikel kommen zwei Schriftstellerinnen und eine Kulturjournalistin zu Wort, die die Probleme auseinanderfriemeln und Lösungsmöglichkeiten aufzeigen.

Habt ein zauberhaftes Wochenende!

Samstag, 2. Juni 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Wochenende. Jetzt erstmal 'nen Tee!
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 

Nach wie vor hält mich meine Weiterbildung ziemlich auf Trab: Ich lerne gerade die Grundlagen von HTML und CSS und ich kann euch sagen, da schwirrt mir manchmal sehr der Kopf. Mein Dozent flitzt nämlich nur so durch die einzelnen Inhalte, so dass ich mit fliegenden Fingern mittippen muss, um nicht den Anschluss zu verlieren. Zum Glück ist mein Dozent großartig und immer bereit, den selbstgeschriebenen Code anzuschauen und den Tippfehler auszuspähen. (Wenn ich ihn selbst entdecke, bin ich aber natürlich sehr stolz.) Es macht unheimlich Spaß, so schnell so viel zu lernen, bindet aber gleichzeitig auch reichlich geistige Kapazitäten. Deswegen für den Moment weiterhin nur Netzfunde. Da gibt's aber auch genug nachzulesen!

(Nicht-)Mütter

Katja Grach hat auf kleinerdrei ein Interview zum Thema MILF ("mom I'd like to f*ck") gegeben. Darin spricht sie über ihr kürzlich veröffentlichtes Buch "MILF-MÄDCHENRECHNUNG – Wie sich Frauen heute zwischen Fuckability-Zwang und Kinderstress aufreiben". Wenig überraschend geht es dann auch im Interview darum, wie in den letzten Jahren ganz neue Schönheitsnormen für Mütter entstanden sind, was das mit Neoliberalität und Patriarchat zu tun hat und wie der Kack überwunden werden kann. Ich stelle mir vor, dass das eine erleichternde Lektüre für Mütter sein kann.

"Nicht nur Mütter waren schwanger" ist der Titel eines Sammelbandes, der gerade auf Startnext (unter anderem von mir) gecrowdfunded wird. Er vereint über zwanzig "Erfahrungsberichte, Visionen und Bilder" zu "oft überhörten Geschichten rund um Kinderwunsch, Schwangerschaft und Elternsein Raum. Es geht um Fehlgeburt, Abtreibung, Pränataldiagnostik und Repro-Medizin, um altersuntypische oder queere Kinderwünsche, um trans-Schwangerschaften, p.o.c.-Perspektiven und Entscheidungen gegen Mutterschaft." (Zitate habe ich aus der Crowdfunding-Beschreibung entnommen.)

Ich find das ja immer spannend, Familie(n) auch außerhalb der Friede-Freude-Eierkuchen-Mama-Papa-Kind(er)-Normativität zu betrachten und dahin zu gucken, wo es schwierig oder auch einfach nur außergewöhnlicher ist. Deswegen freue ich mich sehr auf meine Ausgabe.

Das erste Funding-Ziel ist bereits erreicht, das Projekt wird also auf jeden Fall verwirklicht. Aber da während des Crowdfundings weitere unvorhergesehene Kosten aufgetreten sind, wären die Initiator*innen sehr dankbar, wenn auch das zweite Ziel geschafft werden könnte. Vielleicht ist das Thema ja auch für euch von Interesse?

Schwangerschaftsabbrüche, again

Wer hier schon länger mitliest, weiß ja, dass mich das Thema Schwangerschaftsabbruch dieses Jahr schon mehrmals beschäftigt hat. Wer nachlesen möchte, findet hier Posts dazu. Momentan ist da auch noch kein Ende in Sicht, denn noch hat sich an der deutschen Gesetzgebung nichts geändert. In Irland gab's dafür Grund zu feiern!

Repeal the 8th

Letzte Woche haben die Ir*innen am Freitag über das 8th Amendment, also die achte Verfassungserweiterung abgestimmt. Diese setzte das Recht auf Leben des Fötus ab dem Zeitpunkt der Zeugung mit dem Recht auf Leben der schwangeren Person gleich und verbot damit faktisch alle Schwangerschaftsabbrüche - auch in Fällen von Vergewaltigung, Inzest und (bis 2013) nicht lebensfähigen Föten.

2012 kostete dieser letzte Punkt das Leben einer Frau: Savita Halappanavar wurde in der 17. Schwangerschaftswoche ins Krankenhaus eingeliefert. Die Ärzt*innen diagnostizierten eine beginnende Fehlgeburt, weigerten sich aber, den Fötus zu entfernen, da dessen Herz noch schlug. Erst als die Herztöne verschwunden waren, nahmen die Ärzt*innen den Eingriff vor. Zu spät für Savita Halappanavar - sie hatte sich eine Blutvergiftung zugezogen und verstarb kurz nach der Entbindung des toten Fötus. 2013 wurde das 8th Amendment aufgrund ihres Falles so gelockert, dass zumindest im Falle tödlicher Anomalien des Fötus ein Schwangerschaftsabbruch möglich wurde.

Seit dem vergangenen Wochenende ist dieses Amendment nun Geschichte: Zwei Drittel der Wähler*innen stimmten gegen das Abtreibungsverbot in der Verfassung. Die Regierung hat angekündigt, das Parlament werde bis zum Ende des Jahres eine Neuregelung ausarbeiten. Offenbar soll es sich dann um eine Fristenregelung handeln, die Abbrüche bis zur zwölften Schwangerschaftswoche erlaubt.

Das allein freut mich schon unheimlich. Es gibt aber einen Aspekt, der mich noch mehr freut und der hat mit Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit zu tun. Irland hat bis auf wenige Ausnahmen offenbar kein Briefwahlrecht und so mussten Stimmberechtigte von außerhalb nach Irland reisen, um sich gegen das 8th Amendment zu stellen. Je nach dem, wo sie sich aufhielten und wie spontan sie reisen wollten, konnte das ziemlich teuer werden. Zur Unterstützung haben drei junge Irinnen unter dem Titel "Abroad for Yes" eine Facebookseite gestartet, die Reisewillige und Spender*innen zusammenbrachte - und insgesamt rund 30.000 Euro auftat. Teilweise sind Menschen wohl bis kurz vor knapp in den Wahlkabinen angekommen. Daily Dot hat hier darüber berichtet.

... und was ist mit Deutschland?

Die Mädchenmannschaft kritisiert, dass wir in Deutschland seit 25 Jahren in der Kompromisslösung stecken, die da lautet: "Schwangerschaftsabbrüche sind illegal, aber unter bestimmten Bedingungen straffrei." Sie zitiert aus dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts, in dem sich so schöne Begrife finden wie "die grundsätzliche Pflicht zum Austragen des Kindes". Das ist die Grundlage des Paragraphen §218 StGB, daher sei es nicht genug, §219a StGB loszuwerden. Die Mädchenmannschaft schreibt: "Wir wollen an § 218 ran. Wir wollen legalisierte Schwangerschaftsabbrüche, guten Zugang unabhängig von Ort, Pass, race, Gender und finanziellen Mitteln, eine Abschaffung der Beratungspflicht und eine Diskursveränderung zu Abtreibungen."
Ich für meinen Teil bin mir ziemlich sicher, dass ich zu diesem Thema in den nächsten Monaten noch ziemlich oft auf die Straße gehen werde.

Aber jetzt trinke ich erstmal meinen Tee aus und genieße, dass der nächtliche Regen die Hitze aus Berlin vertrieben hat. Puh! Und dann schnappe ich mir ein Buch und bereite eine Rezension für euch vor.

Genießt das Wochenende!

Samstag, 26. Mai 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Mit schlechten Wortwitzen und Tee in den Tag starten? Guter Plan.
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 
 
... und schon wieder eine Woche rum. Immerhin hab ich es in die Spandauer Bibliothek geschafft. Falls ihr in der Nähe sein solltet: Die haben einige Bücher zu feministischen Themen und eine große Biographie-Sammlung. Innerhalb von zehn Minuten hatte ich einen entsprechend vollen Korb und hoffe, daraus einige Rezensionen generieren zu können.

Für den Moment hab ich allerdings wieder deutlich mehr im Internet gelesen und euch die entsprechenden Netzfunde mitgebracht:

Netzfunde zu Hatespeech

Ein zwei Jahre altes Interview von Die Wochenzeitung, mit einem Hassredner, der gerne alle Ausländer aus der Schweiz "wegmachen" würde, aber mit einer Ukrainerin verheiratet ist, weil sie "angenehm" ist aka die Klappe hält, wenn er sie anschreit. Argumentation ist vertraut und ich finde es problematisch, solchen Leuten eine Bühne zu geben. Aber besonders der Teil unter dem Interview unter der Überschrift "Was tun?" fand ich lesenswert - denn die ist, ähnlich wie seine Argumentation, über den Moment hinaus gültig.

Gestoßen bin ich auf das Interview über den Artikel "Hate Speech: Der Bumerang-Effekt" von Geschichte der Gegenwart. Da geht es darum, die Absender*innen von Hatespeech in den Blick zu nehmen statt die Empfänger*innen. Also nicht nur zu schauen, was es mit den Angesprochenen macht, sondern in erster Linie zu gucken, was es über die Sprechenden aussagt. Ich finde: Beides ist nötig. Denn es kann nicht sein, dass man vor lauter Analyse der Täter*innen diejenigen ignoriert, die unter den Attacken leiden.

Feministische Artikel

Am Freitag letzter Woche hat ein Junge in Texas neun Mitschüler*innen und zwei Lehrer*innen erschossen. Denkbare Themen dazu wären beispielsweise: der Zugang zu Waffen, die Bedeutung der Waffenlobby für die US-amerikanische Politik oder warum es (fast) immer junge Männer sind, die in Schulen Amok laufen. Die BILD hat sich anders entschieden und titelte: "Musste Shana sterben, weil sie kein Date wollte?" Gender Equality Media e.V. erläutert in diesem Artikel, warum das kotzbeschissen ist. Kleiner Tipp: Es handelt sich um misogyne Kackscheiße und victim blaming - hier wird wieder mal Frauen die Schuld gegeben für die Gewalt, die ihnen angetan wird.

Bei Jezebel bin ich auf einen lesenswerten Artikel zur Bezeichnung "females" statt "women" gestoßen. Kara Brown erklärt darin, woran es liegen mag, dass Frauen "females" als unangenehm empfinden. Kurz gesagt: "females" reduziert die Angesprochenen rein auf ihre Reproduktionsorgane. Alles, was Frauen zu Subjekten, zu Individuen, zu Menschen macht, wird damit ignoriert. Sie kommt zum Schluss, dass es eigentlich ausreichen sollte, dass die so Bezeichneten den Begriff nicht mögen.

Literarische Netzfunde

Letzten Samstag hatte ich euch ja einige Artikel verlinkt zum Thema Frauen in der Fantasy-Literatur - und festgestellt, dass ich nicht die einzige hier bin, die das Genre mag. Lustigen Algorithmen sei dank, bin ich dann auf diese großartige Liste gestoßen: "A Guide to Sci-Fi and Fantasy Subgenres" von Unbound Worlds listet nicht nur die verschiedenen Subgenres auf. Klickt man auf die Links, stößt man jeweils auf kurze Einführungstexte und Leseempfehlungen. Ich hab jetzt nicht durchgeschaut, ob diese Potenzial für tolle Frauenfiguren haben, aber stichprobenartiges Klicken fördert zumindest einige Autorinnen zu Tage. Ist ja ein Anfang, ne? (Über den Anteil nicht-weißer Autor*innen oder Angehörige anderweitig marginalisierter Gruppen kann ich allerdings leider nichts sagen.)

Habt ein schönes Wochenende!

Samstag, 19. Mai 2018

[Samstagstee] mit feministischen Netzfunden

Mit Tee und Wochenende ins Wochenende starten: Wunderbar.
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 

Ihr merkt es am Blog - im Moment fliegen die Wochen nur so an mir vorbei. Eine Weiterbildung hat meinen Tagesablauf sehr umgekrempelt und vor allem meinen Schlafrythmus aus der Bahn geworfen. Kennt ihr das, dass eine Stunde früher aufstehen massive Auswirkungen hat? Sechs Uhr ist definitiv nicht meine Uhrzeit.

Aber abgesehen davon pflanzt diese Weiterbildung neue Ideen in mein Hirn und ich hoffe, dass diese früher oder später ganz tolle Blüten treiben. Während ich darauf warte und im übertragenen Sinne ein bisschen gieße, sammle ich natürlich auch weiterhin spannende Netzfunde - diese Woche auch einen eigenen:

Für das *innenAnsicht-Magazin habe ich das Drama "Was werden die Leute sagen" rezensiert. Der Film erzählt die Geschichte der 15-jährigen Nisha, die von ihrem Vater aus Norwegen nach Pakistan entführt wird. Nach anfänglichem Widerstand versucht sie, im Land ihrer Vorfahren klarzukommen. Sehr berührend, aber voller Wut. Um es kurz zu machen: Ab ins Kino mit euch!

Weil euch der Film ja nicht das ganze Wochenende beschäftigen wird, habe ich euch noch weitere Artikel mitgebracht, die sich grob mit der Repräsentation von Frauen in der Literatur und im Literaturbetrieb befassen.

Homers "Odyssee" wurde neu ins Englische übersetzt - und erstmals von einer Frau. Emiliy Wilson hat dabei aufgezeigt, wie viele frauenfeindliche Formulierungen die vorigen Übersetzer (sic!) in den Text gemogelt haben. Im griechischen Original findet sich beispielsweise niemals der Begriff "Schlampe".  Deutschlandfunk Kultur hat die Neuübersetzung besprochen.

"Brauchen wir mehr (interessante) Frauenfiguren in der Phantastik?" wird bei Tor-Online gefragt in Anlehnung an eine Diskussion des Phantastische-Autoren-Netzwerks in Köln. In dieser sollte es ursprünglich auch um Rassismus gehen, aber dasThema ist zugunsten weiblicher Repräsentation untergegangen. Schade. Dass man nämlich beides hinbekommen kann, zeigen Terry Pratchetts Scheibenwelt-Romane. Da wimmelt es nur so von interessanten Frauenfiguren und gleichzeitig findet er sehr klare Worte und Bilder zum Thema Rassismus.

Nichtsdestotrotz interessiert mich natürlich auch die Frage weiblicher Repräsentation. Und so habe ich mich gefreut, dass Anja Stephan eine Reihe zu Frauen in der Fantasy gestartet hat. Im ersten Teil geht es um die unterschiedlichen Gründe zu kämpfen. Ihr niederschmetterndes Ergebnis: Frauen sind in den meisten Fällen halt irgendwie dabei und haben die Aufgabe, den Helden anzuhimmeln und danach brav zu Haushalt und Kindern zurückzukehren. Dabei wäre es ja gerade innerhalb fantastischer Welten möglich, sich von Stereotypen und Klischees zu lösen und Welten zu erschaffen, in denen Geschlechtlichkeit andere Zuschreibungen hat...
Der zweite Teil beschäftigt sich mit den Konnotationen der Wörter "Held" bzw "Heldin". Selbst im Duden unterscheidet sich die Definition. Männlichen Helden werden dabei Eigenschaften wie "Kühnheit" oder "Unerschrockenheit" angesichts großer Aufgaben und Kämpfen zugesprochen und den Heldinnen Aufopferungsbereitschaft für andere. Puh... Ich glaube, da gibt's noch einiges zu tun.

Wieder einmal geht es mir persönlich dabei gar nicht mal darum zu sagen: "Frauen müssen werden wie Männer. Nur noch besser!" Ich finde es nicht falsch, sich für andere einzusetzen. Es ist noch nicht mal falsch, einen Helden anzuhimmeln. Weiblich konnotierte Eigenschaften abzuwerten, ist scheiße. Es ist nur unheimlich schade und verdammt faul, wenn Figuren rein aufgrund ihres Geschlechts bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden und von diesen nicht abweichen können. Das gilt dann übrigens auch für Männer. Die dürfen gerne ebensoso häufig weinen wie Frodo auf dem Weg zum brennenden Berg, wenn's nach mir geht.

Es heißt, um vielfältigere und dabei glaubwürdigere Frauenfiguren zu bekommen, seien mehr Autorinnen notwendig. Dieser Artikel von The Nerd Daily nennt acht Frauen, die "grimdark fantasy" schreiben, also ein Subgenre, in dem es besonders dystopisch, unbarmherzig und brutal zugeht. Ehrlich gesagt: Nicht unbedingt meine Kragenweite. Aber ich kann mit vorstellen, dass Heldinnen in diesem Bereich sehr weit vom Klischee entfernt sein können. Also, falls das was für euch ist, lohnt sich sicher mal ein Blick.

Abschließend noch ein Wort zur DSGVO, der Datenschutzgrundverordnung. Am 25.5. ist der Stichtag, zu dem alle Anpassungen in Kraft getreten sein sollten. Mittlerweile habe ich mehrere Blogs gesehen, die sich deswegen auf privat umstellen, weil sie nicht wissen, welche Änderungen für sie relevant sein könnten. Bei Blogmojo habe ich eine Liste gefunden, die sich speziell auf Blogspotblogs bezieht. Ich werde mir die mal zu Gemüte führen. Falls ich damit länger brauche als bis kommenden Freitag: Nicht wundern, wenn dieser Blog zwischendurch mal "privat" ist. Ich komm wieder. Aber vorher muss ich mich noch mit meiner Steuererklärung auseinandersetzen...

Habt ein schönes Wochenende!

Samstag, 5. Mai 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Puh, da war auf einmal der April rum. Bei mir hatte sich eine kleinere Blogunlust breit gemacht, die aber nun hoffentlich ausgestanden ist. Auf jeden Fall freue ich mich, heute wieder am Samstagsplausch teilzunehmen.

Passiert ist in den letzten Wochen unter anderem, dass ein befreundetes Paar geheiratet hat. Zu meiner großen Ehre durfte ich Trauzeugin der Braut sein und so die Eheschließung in vorderster Reihe miterleben. Das bedeutete nicht zuletzt Synchronschniefen mit der Braut. Ich bin immer noch schwer gerührt und glücklich, dabei gewesen zu sein.

Weil ich im Zuge dieser Hochzeit wieder mal viel mit dem Zug unterwegs war, gibt es jetzt auch wieder meine...

Netzfunde der Woche

Aus der Reihe "Dinge, die mich erstaunen Was soll der Scheiß eigentlich?": In der Sendung "Maischberger" wurde einmal mehr darüber diskutiert, ob man eigentlich noch rassistische Bezeichnungen für Schwarze Menschen verwenden dürfe. Dabei sei "bis zur 58. Minute allein das N-Wort 26 Mal ausgesprochen" worden, berichtet Ali Schwarzer in den Übermedien.
Mir ist klar, dass es schwierig ist, immer auf dem neuesten Stand zu sein, welche Selbstbezeichnungen en vogue sind, wie man gerade richtig gendert und so weiter. Dafür muss man sich aktiv mit diesen Themen beschäftigen. Aber dass um die immer gleichen rassistischen Begriffe alle paar Wochen in den Öffentlich-Rechtlichen debattiert werden soll, versteh ich nicht. Da gibt's einfach nichts mehr zu debattieren. Echt nicht.

Um diskriminierende Sprache ging es auch im fluter., allerdings gleich an vier Beispielen zu gendersensibler Sprache und rassistischen Beleidigungen. Neben Marlies Krämer kommen auch Tahir Della, Lann Hornscheidt und ein Student zu Wort. Ganz klar: Sprache ist eine riesige Baustelle. Aber das schöne an Baustellen ist ja, dass sie am Ende etwas Schöneres und besser Funktionierendes hinterlassen. 

Ebenfalls bei fluter. habe ich eine Reihe gefunden, die die internationalen Effekte von #metoo zusammenfasst. Das fand ich sehr spannend zu lesen! Denn abgesehen von Deutschland und den USA hab ich in meiner Filterblase wenig mitbekommen. Hier geht's zum ersten und da zum zweiten Teil.

Nach dieser Lektüre hab ich mir dann auch erstmal die aktuelle Ausgabe des Magazins zum Thema "Körper" bestellt. Ich werde davon berichten!

Bereits vor einiger Zeit habe ich das feministische Magazin "an.schläge" abboniert. Die erste Ausgabe fand ich schon mal super und hab mich deswegen sehr gefreut, dass die leitende Redakteurin Lea Susemichel DeutschlandradioKultur ein Interview gegeben hat - über ihr Magazin und darüber, wie sie zum Feminismus gekommen ist.

Weit weniger gefreut hat mich dieser andere Beitrag des DeutschlandradioKultur. Darin ruft Svenja Faßpöhler Frauen dazu auf, "sexuelles Begehren selbst zu formulieren". Dagegen ist erstmal auch nichts einzuwenden - tatsächlich ist "weibliches" Lust ja bis heute viel weniger erforscht als männliche. Blöd wird es an der Stelle, an der Frau Faßpöhler meint, wir lebten heute nicht mehr in einem Patriarchat "im rechtlichen Sinne". Also in der ersten Antwort. Nun weiß ich nicht genau, was ich mir unter einem Patriarchat im rechtlichen Sinne vorstellen soll. Ich bezweifle aber hart, dass ein Land das Patriarchat in dem Moment abschüttelt, in dem es "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" in seine Verfassung schreibt. Dann geht es auch weiter mit victim blaming im Rahmen von #metoo und ehrlich gesagt... an dem Punkt habe ich die Lektüre abgebrochen, weil ich vor lauter Augen verdrehen nichts mehr sehen konnte. Ich kann deswegen auch nicht sagen, ob Frau Faßpöhler meint, dass die Formulierung des eigenen sexuellen Begehrens mich vor sexualisierter Gewalt irgendwie schützen würde. Wundern würde es mich nicht...

Leider hat auch Barbara Puchler bei ZeitOnline auf eine ähnliche Pauke. Ebenfalls in Bezug auf #metoo findet sie, Frauen sollten aufhören, sich als das "schöne Geschlecht [zu] gerieren" und schon sei sexuelle Belästigung Schnee von gestern. Also weg mit Make-up, Highheels und hautengen Hosen? Frau entsage allen Oberflächlichkeiten und schwupps hätten wir eine gleichberechtigte, gewaltfreie Gesellschaft?
I call bullshit. Für mich riecht das gewaltig nach "Wenn Frauen nur endlich wären wie Männer, könnte man sie auch endlich behandeln wie echte Menschen", nach einer tief sitzenden Verachtung für weiblich konnotierte Eigenschaften.
Ich finde es sehr wichtig, dass Frauen nicht geschminkt auf Highheels und in hautengen Schuhen auftreten müssen. Dass hübsch zurecht gemacht sein nicht der Preis ist, den wir zahlen müssen, um als Frauen zu leben. Aber im Gegenzug würde ich keiner Frau verbieten wollen, sich mit "weiblichen" Attributen zu schmücken. Menschen in ihrer persönlichen Ausdrucksform zu beschneiden, unter dem Vorwand, ihnen dafür Rechte zu gewähren, ist scheiße. Menschen zu suggerieren, dass sie mit ihrer Kleidung, ihrem Outfit irgendwie dazu beitragen würden, zur Zielscheibe sexualisierter Gewalt zu werden, ebenfalls. Von tatsächlicher Gleichberechtigung können wir meiner Ansicht nach jedenfalls erst dann sprechen, wenn tatsächlich egal ist, wer was anhat und wie viel Farbe die Person sich egal wo aufgetragen hat. Noch ein Artikel, der mich frustriert.

Also lieber was anderes lesen und zum Abschluss nochmal freuen! Wusstet ihr - um bei der Lust zu bleiben - , dass der Wonnemonat Mai auch der Monat der Masturbation ist? Ich wusste es nicht, sehe da aber durchaus einen Zusammenhang. Im Missy Magazine hab ich nachgelesen, wie es dazu kam. 

Und mit diesem frisch angelesenen Wissen geh ich in die Sonne. Kommt ihr mit?

Samstag, 14. April 2018

[Samstagstee] mit bedrohten Männern

Weniger Salat, dafür Tee und meinen Senf dazu gibt's auch an diesem Samstag wieder.
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Ganz ehrlich? Wie schon bei der letzten Woche gibt's gar nicht mal so viel zu erzählen. Deswegen springe ich auch sofort zu den Netzfunden, wenn ihr nichts dagegen habt.

Nicht gelesen habe ich in den vergangenen Tagen den Jens Jessens Artikel "Der bedrohte Mann" in der ZEIT. Unter anderem, weil ich mich weigere, für reaktionären Scheiß auch noch Geld zu bezahlen. Immerhin verdient der Herr ja indirekt daran mit. Und die billigen Argumente gegen Feminismus kann ich mir auch in hoher Dosis gratis im Internet durchlesen. Es sind nämlich immer dieselben. "Mimimi, wir Männer dürfen gar nichts mehr sagen", "#notallmen" und so weiter. Trotzdem kam ich nicht darum herum, vom Artikel Notiz zu nehmen, denn gefühlt haben sich alle dazu geäußert. Wer nicht zustimmte, sah sich gezwungen, dagegen zu halten. Es ärgert mich ziemlich, dass mit so einem Mist so viel Aufmerksamkeit errungen werden kann. Aber zumindest zwei Repliken habe ich gerne gelesen.

So wie die von Marcel Wicker bei Pinkstinks. Im Antwortbrief zerlegt Marcel Wicker nicht nur die Argumentation Jessens, sondern erläutert ganz nebenbei noch, dass ja auch Männer Feministen sein (und sogar selbst was davon haben) können. Grundsätzlich sei das gar nicht so schwer, meint er. Feminismus bestehe nämlich in erster Linie darin, "kein Arschloch [zu] sein."

Margarete Stokowski ist gewohnt spitzzüngig und bezeichnet Jessens Auslassungen in ihrer Kolumne bei SpiegelOnline als "völlig irren Thesengulasch an prominentester Stelle". Ihre These: Nach seinem Artikel müsse sich keiner mehr sorgen, die peinlichsten Äußerungen zur #metoo-Debatte beizutragen.

Das war's schon für diese Woche! Genießt das Wochenende in vollen Zügen - das hab ich nämlich auch vor!

Samstag, 7. April 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Zum Start ins Wochenende gibt's natürlich Tee.
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.
Hat diese Woche eigentlich überhaupt stattgefunden? Ganz ehrlich, ich kann mich an kein herausragendes Ereignis erinnern. Aber: Kein Ereignis heißt ja auch, dass nichts allzu Schlechtes passiert ist. Immerhin habe ich ordentlich Zeit damit verbracht, das Internet für euch zu durchstöbern: 17 Fragen und Antworten zum Schwangerschaftsabbruch gibt's bei Zeitjung. hier gibt's auch Infos zu den medizinischen Optionen. (Ja, ich bleibe weiterhin an §219a StGB dran.)

Das Missy Magazine schaute an Ostern in die Türkei und berichtet vom dortigen Widerstand gegen Erdogan und von der Entwicklung des organisierten Feminismus seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Spannend! (Seit ich ihn gelesen habe, ist der Artikel hinter einer Bezahlschranke verschwunden. Aber vielleicht können einige von euch trotzdem darauf zugreifen?)

Ein Artikel über "ein ganz normales Paar" ist bei Spiegel Online erschienen. Darin beschreibt ein Philip Awounou wie er und seine Freundin ins Zentrum eines Shitstorms gerieten, nachdem ihr gemeinsames Foto für eine Werbekampagne der DAK verwendet wurde.Wie er als "Afro-Moslem-Flüchtling" und "Vergewaltiger" und sie als "Hure" bezeichnet wurden - nur, weil er schwarz ist. Philip Aounou, übrigens geboren in Deutschland, hat versucht zu verstehen, was in den Kommentator*innen vorgeht.

Das Bundesinnenministerium, seit dieser Legislaturperiode auch zuständig für Heimat,hat Ende März seine Mannschaft (!) präsentiert - sie ist sehr weiß und sehr cis männlich. Bei vielen Feminist*innen hat diese mangelnde Diversität zu starker Kritik geführt: Da fehlten Frauen!
Nun finde ich es in der Tat befremdlich, wenn Ministerien komplett männlich besetzt sind. Dass Repräsentation wichtig ist und gemischte Teams üblicherweise besser darin sind, unterschiedliche Blickwinkel zu berücksichtigen, muss ich hier sicher nicht weiter erläutern. Nur: Dass es sich bei diesem im Speziellen um ein "Bundesinnenmännersterium" (taz) handelt, ist gar nicht das drängendste Problem! Das Missy Magazine hat in diesem Artikel erklärt, warum: "Das Problem ist nicht, dass „Heimat“ nur von Männern repräsentiert wird, sondern, dass wir uns überhaupt über den Begriff und seine Bedeutung unterhalten müssen. [...]Eine rassistische Institution zu diversifizieren schafft diese nicht ab, sondern legitimiert sie dadurch, dass „ja auch alle mitmachen dürfen“. (Den Punkt zur Polizei sehe ich anders, aber trotzdem: Sehr lesenswert.) Die taz schlägt hier in die selbe Kerbe und schlägt ein paar weitere Gruppen vor, die man doch diversifizieren könnte, wenn einem so viel an bloßer Repräsentation läge - etwa den Ku-Klux-Clan. Ich hab sehr gelacht.
Jetzt trinke ich meinen Tee aus und mache mich auf den Weg in die Stadt. Meine Mama ist nämlich mal wieder zu Besuch und hat ihre beste Freundin mitgebracht. Wir hoffen auf Sonnenschein!

Dienstag, 3. April 2018

[Lieblingsplatz] Teufelsberg

Blick über eine Hügelkuppe auf den Teufelsberg
Der erste Blick auf den Teufelsberg.
Im Westen Berlins, zwischen den S-Bahnhöfen Grunewald und Heerstraße, erhebt sich der Teufelsberg. Es ist ein sogenannter Trümmerberg, der nach dem zweiten Weltkrieg augeschüttet wurde. Rund ein Drittel der zerbombten Berliner Häuser macht aus ihm mit Industrieabfälle und Bauschutt den zweithöchsten Berg des Stadtgebiets. Aber das sieht man natürlich nicht, wenn man vor oder gar auf ihm steht. Stattdessen sieht man schon von weitem eine alte Flugüberwachungs- und Abhörstation der US-Amerikaner aus dem Kalten Krieg. Seit Ende der 1990er stehen die Gebäude leer und verfallen. An den zerfetzten Planen der Kuppeln zerrt der Wind, es raschelt und klappert. Für viele Jahre verlassen, war der Teufelsberg ein lost place, ein verlorener Ort. Heute hat er als Street Art Galerie seine Tore wieder geöffnet.

Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Wenn ihr Street Art mögt, kann ich euch den Teufelsberg nur empfehlen.
Ich fand die Atmosphäre in den Hallen, Treppenhäusern und Kuppeln extrem spannend - einerseits die unübersehbaren Spuren des Verlassenseins und der Vernachlässigung über viele Jahre und andererseits die Malereien voller liebevoller Details.

Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
An den vielen Details konnte ich mich kaum satt sehen.
Die Bandbreite der Motive reicht von sehr verspielten, filigranen Wandgemälden bis hin zu gröberen, kleineren Stencils. Ich wusste meistens gar nicht, wohin ich als nächstes gucken, geschweige denn gehen, sollte. Bei jedem Schritt in eine Richtung hatte ich das Gefühl, in der anderen irgendetwas übersehen zu haben.

Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Besonders in den zerfetzten Planen der Kuppel faucht der Wind unüberhörbar. Und ich mochte das Licht!
Tatsächlich bin ich davon überzeugt, dass man ziemlich viele Stunden durch diese Anlage streifen kann - und dabei immer und immer wieder ein neues Detail entdeckt, das den Augen bisher verborgen geblieben war.

Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Annähernd naturalistische Motive finden hier ebenso Platz wie comicartige Bilder.
Hätte ich nicht so gefroren - der Besuch fiel auf einen dieser eisigen Vorfrühlingstage - hätte ich wahrscheinlich noch ein paar hundert Fotos mehr gemacht. Hier zeige ich euch einfach nur meine Favoriten, um den Beitrag nicht zu sprengen.

Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Morbide wird es auch stellenweise - passt gut zum desolaten Umfeld.
Wenn ihr also bei schönem Wetter nicht wisst, wohin mit euch - den Teufelsberg würde ich euch hiermit ganz entschieden ans Herz legen wollen. Für die Bloggenden unter euch: Der Eintrittspreis mit Recht auf Fotografie kostet zwar mehr, ist's aber definitiv wert. Ihr seht ja, warum...

Wohin geht euer nächster Ausflug?

Samstag, 31. März 2018

[Samstagstee] mit haarigen Netzfunden

Das Wochenende startet mit Tee und Plauschrunde. Wie immer.
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Wenn ihr das lest, bin ich zu Ostern an den Rhein gefahren. Dort wohnt der Schwiegerpapa in spe und freut sich seit Wochen darauf, den Lieblingsmenschen und mich in seine Arme zu schließen. Einen Platz in seinem Herzen habe ich schon, seit ich zum ersten Mal die Nase zu seiner Tür reingestreckt habe - und umgekehrt genauso. Der Schwiegerpapa in spe ist nämlich super.

Falls ich also länger nicht auf Kommentare antworte oder später auf einen virtuellen Besuch vorbeischaue, liegt das daran, dass ich bis zur Halskrause gefüllt bin mit Leckereien, geschichtswissenschaftliche Gespräche führe oder durch irgendeinen Weinberg strolche. Damit euch das Warten nicht zu lange wird, hab ich aber ein paar Netzfunde für euch zusammengesammelt.

Bullshit zu Schamhaaren

Ihr kennt das, ich verbreite samstags öfter schlechte Laune. Ich wüte und zetere mich durch eine Ladung Netzfunde und hoffe, dass ein bisschen von meiner Wut auch euch ansteckt und uns antreibt, gemeinsam etwas gegen die Scheißigkeit der Welt zu unternehmen. Dieses Mal war es die jetzt-Redaktion, die meinen Zorn entfacht hat. Lina von Little Feminist hat hier einen Leserbrief zu einem Artikel veröffentlicht, in dem drei Typen darüber schwadronieren, wie sie zu Schambehaarung stehen. Nicht zu ihrer eigenen wohlgemerkt, sondern zu derjenigen der Frauen, mit denen sie Sex haben. Nach der Lektüre des ursprünglichen Artikels war ich wütend genug, um Feuer zu speien. In Form eines Leserinnenbriefs hat die jetzt-Redaktion dieses auch abbekommen.

Versteht mich nicht falsch. Ich finde es völlig okay, sich über Präferenzen und Abneigugnen auszutauschen. Die meisten von uns haben welche. Aber: Zu einem solchen Austausch gehören alle Beteiligten. Für diesen Artikel hätte das bedeutet: Männer wie Frauen (besonders aber letztere - immerhin sind es ihre Körper, die hier verhandelt werden). Nur, man wenn über solche Dinge spricht, ist es möglich, dass nur Dinge stattfinden, die allen recht sind. Dass alle Beteiligten wirklich Spaß und sexuelle Erfüllung finden.

Was in einen solchen Austausch definitiv nicht gehört, sind objektifizierende, übergriffige Aussagen aus einer einzigen Gruppe. Und schon gar nicht aus der Gruppe, um deren Körperbehaarung es gar nicht geht. Anders formuliert: Dieser Artikel gehört nicht in einen solchen Austausch. Dass er in einem Magazin erscheint, der sich dezidiert an ein junges Publikum richtet, den Menschen, die sich ihrer persönlichen Position zur eigenen Körperbehaarung vielleicht noch nicht ganz sicher sind, finde ich zum Kotzen. 
Ich würde mir wünschen, dass viel mehr über Konsens gesprochen und geschrieben wird, statt  sexistische Bilder zu reproduzieren. Ich würde mir wünschen, dass man junge Menschen (und zwar Männer wie Frauen!) dazu empowert, sich in ihrem Körper wohlzufühlen. Dazu, ihre körperliche Selbstbestimmung durchzusetzen und im Zweifel Leute von der Bettkante zu schubsen, die ihnen beim ersten Date mit Einwegrasierern vor der Nase herumwedeln (statt sich entweder zu enthaaren oder zu einem Blowjob bereitzuerklären). Dazu, einen Zugang zu eigenen sexuellen Vorlieben, zu eigenen körperlichen Präferenzen zu finden. Dazu, die eigenen Bedürfnisse ebenso ernstzunehmen, wie die der oder des anderen.

Sonstige Netzfunde

Zum Lachen hat mich Lina von Little Feminist aber auch gebracht. Ihr Brief an Jens Spahn ist köstlich. Ich habe sehr darüber gelacht, "dass die Pille danach kein Smartie ist [...]. Das eine hat Schokolade außen rum, das andere nicht. Das eine gibt es in der Apotheke, das andere im Supermarkt. Das eine vertrage ich trotz Laktoseintoleranz, das andere nicht."

Marlies Krämer finde ich super. Darüber habe ich hier schon mal geschrieben. Mit ihrem Kampf für geschlechtergerechte Sprache zieht sie jetzt vor das Bundesverfassungsgericht und ist bereit, auch bis zum Europäischen Gerichtshof zu gehen. Weil das Geld kostet, hat sie hier eine Spendenkampagne gestartet.

Ich diskutiere seit dem Urteil des Bundesgerichtshofs gefühlt täglich über das generische Maskulinum. Besonders heftig unter Beiträgen, die diese Petition von Pinkstinks teilen. Darin wird die Kulturministerkonferenz (sic!) aufgefordert, die Entwicklung einer geschlechtergerechten Sprache bei Expert*innen zu beauftragen. Nachgelegt hat Pinkstinks dann nochmal mit diesem Artikel. Darin zeigt Nils Pickert auf, wie Sprache Vorstellungen prägt - am Beispiel von Vergewaltigungen. Die Zitate sind alle bekannt, aber sie lösen in mir jedes Mal von neuem eine Menge Wut aus. Auf Sprache achten ist wichtig - gendern ist dabei nur ein Aspekt.

"Rechte sind nicht erst dann oder dadurch ein Problem, wenn sie die öffentliche Ordnung stören, sondern wenn und weil sie rechts sind." So beginnt dieser Artikel im Missy Magazine. Das mache eine friedliche Koexistenz mit ihnen zur unterlassenen Hilfeleistung denjenigen gegenüber, deren Würde und Leben durch sie bedroht sind. Das mache Widerstand notwendig, der ganz friedlich auch so aussehen könne: Nazis keine Bühne zu geben. Spannende Überlegungen zum Zusammenhang zwischen öffentlicher Ordnung und Privilegien, die man mal durchs Hirn wälzen kann.

Und jetzt: Genießt das Wochenende!

Donnerstag, 29. März 2018

13 Fakten über Filme und mich

Foto: Sven Scheuermeier auf Unsplash

 Astrid erzählt im März von ihrem Verhältnis zum Film und hat ihre Leser*innen eingeladen, es ihr gleichzutun. Das Verlinkungstool ist noch ein paar Tage geöffnet. Vielleicht mögt ihr auch noch etwas beitragen?

Gleich zu Beginn muss ich euch ein Geständnis machen: Ich bin gar keine große Filmeguckerin. Meine Liebe gehört zu ganz großen Teilen Hörbüchern und Podcasts. Das liegt daran, dass ich die Finger nicht gut stillhalten kann. Ich möchte gerne während des Medienkonsums sticken oder Hexagone zusammennähen. Das geht natürlich verlustfreier bei Medien, die man nur hören muss.

Wenn ich doch Filme gucke, dann am liebsten mit dem Lieblingsmenschen. Während ich im besten Fall komplett in der Geschichte aufgehe und mit Charakteren identifiziere, achtet er viel mehr darauf, wie Licht und Raum wirken. Das führt anschließend zu sehr spannenden Diskussionen und zu ganz neuen Blickwinkeln für mich.

Weil ich beim Filmgucken so sehr mit den Charakteren mitgehe, brauche ich Taschentücher. Wenn jemand anfängt zu weinen, mache ich nämlich mit. Das war schon immer so. Als ich als kleines Kind zum ersten Mal den "König der Löwen" gesehen habe, mussten wir nach Mufasas Tod eine Viertelstunde was anderes schauen, bis ich aufgehört hatte, zu schluchzen. Mir fallen auch spontan drei Filme ein, die mich in den vergangenen vier Jahren in sehr nasse Häuflein Elend verwandelt haben - ich bin daher zuversichtlich, dass das so bleibt.

Über Lieblingsschauspieler*innen musste ich eine Weile grübeln. Helena Bonham Carter sorgt ziemlich zuverlässig dafür, dass ich Filme von weitem interessant finde. Und Sigourney Weaver liebe ich als Ellen Ripley in "Alien" sehr. Aber zumeist wähle ich nach Genre und Plotzusammenfassung aus...

Mit Buchverfilmungen bin ich meistens unzufrieden, besonders wenn ich die Vorlage liebe. Mir ist bewusst, dass man in zwei Stunden Film niemals 1500 Seiten in ihrer Gesamtheit unterbringen kann. Mir ist ebenfalls bewusst, dass die beiden Medientypen völlig unterschiedliche Anforderungen und Stärken haben und Merkmale des einen nicht direkt ins andere umgesetzt werden können. Aber meistens gehen bei der Umsetzung genau die Aspekte verloren, die ich am Buch geliebt hatte.

Ich mag viele Horrorfilme nicht. Besonders die verdammt häufige sexualisierte Gewalt gegen Frauen kann ich nicht ab. Abseits meiner politischen Überzeugungen ist es aber einfach auch emotional nicht so angenehm für mich, wenn alle fünf Minuten jemand unter lautem Geschrei verstirbt und Menschen weinen. Wie gesagt: Ich heule da mit. Im Zweifel auch mitten in einem Zombiefilm, wenn sich ein infizierter Vater wortreich von seiner verzweifelten Tochter verabschiedet. Es gibt aber natürlich auch Horrorfilme, die ich klasse finde. "The Girl With All the Gifts" zum Beispiel (Trailer - Achtung, stellenweise blutig und brutal). Dabei ist das sogar eine Buchverfilmung, deren Vorlage ich sehr mag - warum habe ich hier beschrieben.

RomComs, also romantische Komödien kann ich in der Regel auch nicht ab. An diesen stört mich, wie oft hochgradig gruseliges Verhalten der Love Interests zu Romantik hochstilisiert wird. Da sitze ich dann vor dem Laptop und zetere, dass "Nein" einfach "Nein" heißt, Stalking nicht romantisch ist und ob es eigentlich arg schwierig war, derart stereotype Charaktere zu bauen. Grr!

Ich mag Fantasy und Science Fiction als Genres ziemlich gerne. Mit zwölf Jahren saß ich mit großen Kulleraugen im Kino und schaute "Der Herr der Ringe - Die Gefährten". Das Bedürfnis, nach Neuseeland zu reisen, ist nicht abgeklungen. Zur Kompensation habe ich die Filme mittlerweile ich das so oft wiedergesehen, dass ich manche Passagen mitsprechen kann. (Die "Hobbit-Verfilmungen finde ich übrigens im Gegensatz dazu ziemlich schlimm. Für einen eloquenten Verriss empfehle ich an dieser Stelle "The Hobbit: A Long-Expected Autopsy" von Lindsay Ellis.)

Als Lieblingsgenre würde ich animierte Kinderfilme sehen. Auch die bringen mich unter Umständen zum Heulen und sind natürlich auch nicht zwangsläufig frei von Stereotypen. Aber auch da kann man sich ja Perlen rausgreifen, die zu einem passen. "Frozen" hat mich zum Beispiel intensiv durch mein Auslandssemester in Finnland begleitet. "The cold never bothered me anyway", ihr wisst schon. Seitdem ist "Let it go" mein Soundtrack für schwierige Entscheidungen, neue Anfänge und... naja, für's Loslassen natürlich.

Überhaupt, Filme mit Musik: Von "Les Miserables" habe ich jedes Mal wochenlang Ohrwürmer. "Reeeeed, the blood of angry men, blaaaaack, the dark of ages past, reeeed a world about to dawn, black the night that ends at laaaaaast...!" Hach. Kann ich übrigens auch nur mit Taschentüchern gucken, wenn ich Überschwemmungen vermeiden möchte. Bei "Empty Tables" reicht allein der Soundtrack.

Der letzte Film, den ich im Kino gesehen habe, war "Shape of Water". Was für ein wunderschöner Film! Dass er Oscars gewonnen hat, hat mich unheimlich gefreut. Nicht nur wegen der Story, die auf Liebe und Toleranz gegenüber Andersartigem setzt und damit einfach schon sehr sympathisch ist. Auch nicht ausschließlich wegen der Charaktere, die in ihrer Verschrobenheit endlos liebenswert sind (und sehr divers!). Sondern tatsächlich auch, weil der Film so unheimlich schön anzusehen ist mit seinem konstanten Petrolstich und den traumartigen Bildern. Wenn ihr ihn noch nicht kennt, überzeugt euch vielleicht der Trailer, das zu ändern.

Fasziniert hat mich "A Girl Walks Home Alone at Night" (Trailer). Vice beschreibt ihn als den "ersten iranischen Vampirwestern". Die Hauptperson: eine Vampirin im Tschador auf einem Skateboard. Total cool, ungewöhnlich - und feministisch, sowohl in der Prämisse als auch im Brechen stereotyper Bilder. (Für einen Einblick in feministische Filmtheorie möchte ich an dieser Stelle nochmal auf Lindsay Ellison verweisen. Die Episoden 5-7 ihrer Reihe The Whole Plate: Film Studies through a Lens of Transformers beschäftigen sich nämlich genau damit.)

Mein Lieblingsfilm ist "Harold and Maude". Der Trailer ist schräg, aber das ist der Film ja auch. Er erzählt, wie sich ein junger Mann mit zu viel Geld und zu wenig Lebensfreude in eine alte Dame verliebt, die vor Lebenslust nur so sprüht. An ihrer Seite bricht er aus den Erwartungen seiner Familie und der scheinbar vorherbestimmten Langeweile aus. Ich habe kürzlich hier darüber geschrieben, dass es so wenige Vorbilder gibt, wie man als Frau altern kann. Marlies Krämer ist mein neuestes, aber Maud war mein erstes.

Was ist euer Lieblingsfilm?

Dienstag, 27. März 2018

[Rezension] Nimona


"Nimona" ist eine coole Graphic Novel von Noelle Stevenson

Eines Tages steht Nimona, Teenagerin mit Gesichtspiercings und teilrasiertem Schädel, vor dem Schurken Ballister Blackheart. Sie werde von heute an sein Sidekick sein, verkündet sie - schließlich habe heutzutage jeder einen. Nimonas überzeugendstes Argument: Sie ist Gestaltwandlerin und mehr als bereit, dieses außergewöhnliche Talent gegen Blackhearts entschiedenste Gegner einzusetzen, den strahlenden Ritter Ambrosius sowie das Institut für Recht und Ordnung und Heldentum.

Danach beginnt ein zunächst heiterer, aber zunehmend ernsterer und brutalerer Kampf zwischen Gut und Böse, bei dem man manchmal nicht mehr weiß, welcher Seite eigentlich welche Eigenschaft zugeschrieben werden kann.

Eingebettet ist dieser Kampf in eine pseudomittelalterliche Fantasy-Welt mit Rittern, Drachen und Magie, die aber gleichzeitig auch Science-Fiction-Elemente wie höchst potente Schusswaffen, moderne Kommunikationselemente und Pizzalieferdienste zu bieten hat. Cooler Mix!

Gestaltwandlerin statt Prinzessin

Nimona ist eine Titelantiheldin, mit der ich ungern zusammenwohnen möchte, die ich aber gerne lese: Unbeherrscht, fürsorglich, aufbrausend, loyal und brutal, entspricht sie schon charakterlich nicht dem Klischee. Dass sie darüber hinaus auch noch an der Oberfläche alles andere als eine "Normschönheit" ist, lässt mein Herz nur noch höher schlagen. Nimona ist  keine Prinzessin, die man vor dem Drachen retten muss, sondern eine Gestaltwandlerin, die sich selbst in Drachen verwandeln kann, um ihre Leute rettet. Zumindest auf den ersten Blick.


Nimona wird zum Drachen und bringt Erzschurken Blackheart in Sicherheit.
Ich rechne "Nimona" hoch an, dass die Titelfigur nicht die einzige Frau innerhalb der Geschichte ist, das "Not like the other girls"-Girl, mit dem man auch als Mann und Erzschurke Zeit verbringen kann. Eine andere Frau besetzt sogar eine ziemlich mächtige Führungsposition! Die Frauen in "Nimona" sind nicht alle schlank, nicht alle nett und auch nicht alle weiß. (Allerdings muss ich zugeben: Alle Hauptfiguren sind weiß und  alle Hauptfiguren außer Nimona haben eine langaufgeschossene, hagere bis sportliche Figur.)
 
Für mich persönlich ein bisschen enttäuschend: Teilweise geht trotzdem das Klischee mit Nimona und ihren Kolleg*innen durch (Achtung, Spoiler!): Der strahlende Ritter und der Erzschurke waren mal beste Freunde, in Nimonas Vergangenheit lauern dunkle Schatten - kennt man schon, hat man so und auch so ähnlich schon ziemlich oft gelesen.

Trotzdem ist "Nimona" sehr kurzweilig. Für den kleinen Fantasyhunger zwischendurch kann ich das definitiv empfehlen!

Titel: Nimona
Autorin: Noelle Stevension
Verlag: Splitter
Umfang: 272 Seiten 
Preis: 19,95 €

Samstag, 24. März 2018

[Samstagstee] mit feministischen Netzfunden

Tee für den Wochenendstart! Auf der Tasse ist das Michelskloster von Bamberg abgebildet.

Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 

Es hat mich auch in dieser Woche wieder auf die Straße getrieben, wieder wegen Schwangerschaftsabbrüchen. Dieses Mal habe ich nicht direkt gegen §219a StGB demonstriert, nicht mal für die Selbstbestimmung deutscher Schwangerer. Stattdessen ging's zur Solidaritätsbekundung mit ungewollt Schwangeren in Polen. Dort gibt's schon heute das schärfste Schwangerschaftsabbruchsrecht in Europa. Abbrüche sind nur erlaubt, wenn die Schwangerschaft durch Vergewaltigung oder Inzest entstanden ist oder wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist. Bisher gelten auch schwerste Missbildungen, zu erwartende schwere Behinderungen oder geringe Lebenserwartung der Föten als rechtlich zulässige Gründe. Das soll sich aber jetzt ändern - und das stößt auf Widerstand. Die Demo in Berlin war recht klein, aber die Bilder aus Warschau waren ziemlich beeindruckend.

Netzfunde zum Schwangerschaftsabbruch


Im Tagesspiegel fand ich diese Reportage über Pol*innen, die für Schwangerschaftsabbrüche nach Berlin kommen. Eine Gruppe namens "Tante Barbara" hilft ihnen bei den vorgeschriebenen Beratungsgesprächen, sorgt für private Unterkünfte und finanzielle Mittel. Mich beeindruckt dieser Wille zu helfen, obwohl Unterstützende bei - nach polnischem Recht illegale - Schwangerschaftsabbrüchen mit Strafverfolgung zu rechnen haben, auch wenn sie im Ausland leben. Wer nach der Lektüre helfen möchte: Tante Barbara führt hier gerade eine Fundraising-Kampagne.

Bei Spiegel Online bin ich auf ein Interview mit der Frauenärztin Nora Szasz gestoßen. Wie Kristina Hänel ist sie wegen eines Verstoßes gegen §219a StGB angeklagt: Auf der Webseite ihrer Praxis findet sich der Hinweis, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Warum sie das trotz Widerständen tut? "Weil es die Frauen nun mal gibt, die zu mir kommen und ungewollt schwanger sind. Sie befinden sich in einer Notsituation und brauchen Hilfe. [...] ich sehe uns Ärztinnen in der Pflicht, Frauen in ihrem eigenen Weg zu unterstützen und durch Notsituationen hindurch zu helfen", sagt Frau Szasz. Und ich bin unendlich dankbar, dass es Ärzt*innen wie sie gibt.

Die neueste Episode des Podcasts "Stimmenfang" (ebenfalls von Spiegel Online) dreht sich auch um §219a StGB. Darin wird eindrücklich die Odyssee einer Patientin beschrieben. Weil ihr niemand sagen konnte, welche Ärzt*innen einen Schwangerschaftsabbruch in ihrer Nähe vornehmen, musste sie im Internet auf die Suche gehen. Auf einer Abtreibungsgegnerseite hat sie zwischen widerlichem Bildmaterial schließlich Kristina Hänels Namen gefunden - und ist 400 Kilometer weit gefahren. Außerdem gibt es unter anderem auch Interviewpassagen mit Kristina Hänel. Fazit des Podcasts: Das Werbeverbot wird zur Schikane.

[edit, weil zu wundervoll:] Auch Ninia LaGrande hat sich des Themas angenommen: "In der ganzen Debatte wird so getan, als wüssten die Menschen mit Uterus nicht, was sie da eigentlich machen. Als müsste man ihnen rechtliche Vorgaben machen, damit sie nicht wirr herumvögeln und alle vier Wochen ein Kind abtreiben lassen." Ganz genau das. Sehr wütender, polemischer Text, bei dem ich sehr lachen musste.

Während in den Medien gefühlt ein teilenswerter Artikel nach dem anderen erscheint und ich gefühlt wöchentlich demonstrieren gehe, passiert innerhalb der neu angetretenen GroKo... nüscht. In mehr Worten formuliert das Zeit Online hier. Wenn ich wenigstens sagen könnte, dass mich das überrascht, wäre ich nicht ganz so wütend.

Sonstige Netzfunde


Diese Kolumne im Missy Magazine hätte eigentlich schon in die Linksammlung von letzter Woche gehört, als ich zum generischen Maskulinum gesammelt habe. Ich habe sie aber erst diese Woche gelesen, daher nun: "Wenn es schon so hart ist, Frauen in der Sprache abzubilden, wie hart wird es dann erst sein, ihnen das gleiche Geld für gleiche Arbeit zu geben und Gleichberechtigung in allen gesellschaftlichen Belangen zu erreichen?" Dass Gendern dazu zwingt, über die eigene Sprache nachzudenken und die Frage, wen man denn gerade eigentlich meint, nicht meint oder gar bewusst ausschließt, merke ich bei jedem Post, den ich hier schreibe. Und wie Anna Mayrhauser finde ich, dass mir das unheimlich viel bringt.

Ebenfalls im Missy Magazine las ich ein Plädoyer, sich einzumischen, auch wenn man zur privilegierten Gruppe gehört und sich nicht entspannt zurückzulehnen und mal die wirklich Unterdrückten machen zu lassen. Dabei aber vielleicht nicht in der ersten Reihe stehen und so laut brüllen, dass die eigentlich betroffenen Stimmen übertönt werden.  

BILDblog hat zusammengestellt, wie das große Boulevardblatt über sexuellen Missbrauch durch Lehrerinnen berichtet. Da wird dann durch "attraktive Sex-Lehrerinnen" nicht etwa "missbraucht" oder "vergewaltigt", sondern verführt. Selbst, wenn es um 13-Jährige geht. "So wird aus einem sexuellen Übergriff — schwupps! — ein erotisches Abenteuer zum Mitsabbern." Wi-der-lich, auf so vielen Ebenen.

Magda berichtet für die Mädchenmannschaft von ihrem Besuch der Leipziger Buchmesse, die bei wenig Feminismus ziemlich viele Nazis geboten habe. Ich wünschte, ihr Bericht würde mich in irgendeiner Form erstaunen. Aber dafür kommt es viel zu häufig vor, dass Nicht-Rechten gesagt wird, sie sollten sich doch bitte besonnen, lieb und nett verhalten und die Nazis ungestört Parolen gröhlen lassen. Das Transit-Magazin bezeichnet diese "Diffamierung des Widerspruchs als „antidemokratisch“" hier als den "tatsächliche[n] Anfang vom Ende des Diskurses". 

Puh, da hat sich diese Woche doch einiges angesammelt. Wer bis hier hin durchgehalten hat, hat sich das samstägliche Heißgetränk definitiv verdient. Macht es euch schön!