Samstag, 20. Oktober 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Erinnerungen an den letzten Master zum Studienbeginn: Natürlich mit einer Tasse Tee,
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.  

Diese Woche hat mein Studium angefangen - und ich befinde mich im euphorischen Zustand einer frischen Verliebtheit. Vor allem die Uni-Bibliothek hat es mir angetan, deren Bestände ich in den nächsten Monaten zu plündern gedenke. Und das deutlich über meinen fachlichen Rahmen hinaus. Es gibt nämlich massig Lesestoff zu Harry-Potter-Studies (ja, it's a thing und ich liebe es). Momentan schmökere ich beispielsweise in einer Masterthesis, die untersucht, ob Hermione Granger eine feministische Figur ist. Hach. An der Uni zu sein tut mir unendlich gut. Drückt mir die Daumen, dass es so weitergeht!

Netzfunde der Woche

Unänhängig von privater Euphorie habe ich natürlich trotzdem im Internet gestöbert. Einige Links stehen schon länger in meinen Notizen, sind also nicht zwangsläufig von dieser Woche. In diesen Fällen halte ich sie aber für einigermaßen zeitlos.

Rechtsruck, Seenotrettung und Rassismus

Lyrikerin Kerstin Preiwuß und Dichter Marcel Beyer kritisieren im Deutschlandfunk Kultur eine "Verrohung der öffentlichen Sprache", eine Wiederkehr völkischer Begriffe und rassistischer Sprachbilder.

Bei bento findet sich eine Reportage über die Rettungschiffscrews der Organisation "Sea Eye".

Im September habe ich schon einmal einen Text über Rassismus der Aktivistin Tupoka Ogette verlinkt (hier ist der Blogpost zu finden). Im MiGAZIN hat sie sich nun selbst interviewt - weil sie frustriert ist von den Fragen, die weiße Journalist*innen zu Rassismus stellen.

Feminismus

Gunda Windmüller fordert auf watson.de "Schluss mit Scham! Lasst uns Vulvalippen statt Schamlippen sagen". Das finde ich sehr charmant und werde es in meinen eigenen Texten wahrscheinlich ausprobieren - allerdings sehe ich da noch das Hindernis, dass die meisten Leute ja nach wie vor nicht mal das Wort "Vulva" in ihrer Alltagssprache nutzen.

Letzte Woche erwähnte ich die Österreicherin Sigi Maurer. Sie war wegen übler Nachrede verurteilt worden, nachdem sie belästigende Nachrichten auf Twitter veröffentlicht hatte. Jetzt hat sie innerhalb von zwei Tagen 100.000 € in einem Crowdfunding zusammengekommen. Mit diesem Geld soll zum einen ihr Prozess bezahlt werden, aber auch die Klagen anderer Betroffener von Stalking und Belästigung sollen finanziell unterstützt werden (Spiegel Online berichtete hier).

Margarete Stokowski verehre ich auch diese Woche wieder. Ihr Buch "Die letzten Tage des Patriarchats", in dem gesammelte Kolumnen aus mehreren Jahren erneut erschienen sind, habe ich Anfang des Monats verschlungen. In der Deutschlandradio-Audiothek findet sich ein Interview mit der Autorin, in dem sie leider nicht genau sagen kann, wie viele Tage es noch sind.

Ihre aktuelle Kolumne ist ein Grund, dass ich mir weitere solche Bände wünsche. Darin greift sie die immerwiederkehrende Behauptung auf, dank #metoo und Vorwürfen gegen Kavanaugh handele es sich derzeit um gruselige Zeiten - für Männer. Unfug, schreibt Margarete Stokowksi. Stattdessen seien es gruselige Zeiten für streitbare Frauen, die sich für ihre eigenen Rechte oder die anderer einsetzten. Für die Sigi Maurers, Christine Blasey Fords und Kristina Hänels dieser Welt.  

Genießt euer Wochenende!

Mittwoch, 17. Oktober 2018

[Rezension] Drei Wege

"Drei Wege" von Julia Zejn: Eine Rezension, Cover-Abbildung
"Drei Wege" von Julia Zejn zeigt Ausschnitte aus drei Leben in drei Epochen.
Werbung: "Drei Wege" von Julia Zejn wurde mir freundlicherweise vom avant-verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Manchmal finde ich ein Rezensionsexemplar im Briefkasten, wenn ich mich gerade auf den Weg mache, um einen Kaffee trinken zu können. Dann kommt das Buch mit - und manchmal passt es dann ganz zauberhaft in die Kaffee-Trink-Umgebung. Mit "Drei Wege" ist das passiert. Und das ist nicht der einzige Grund, aus dem ich mich über diese Episoden-Geschichte in Graphic Novel-Form gefreut habe. Die einfühlsame Erzählung vom Erwachsenwerden ist nämlich auch inhaltlich toll!

Inhalt

"Drei Wege" erzählt vom Erwachsenwerden dreier Frauen: Ida, Marlies und Selin leben jeweils im Abstand von 50 Jahren zueinander in Berlin und haben erstmal nichts weiter miteinander zu tun. 

Ida leidet 1918 darunter, dass ihr Partner an der Front verschollen ist. Sie beginnt, als Dienstmädchen für eine Arztgattin zu arbeiten. In deren Familie wird sie herzlich aufgenommen, die Kinder lieben sie und Ida bewundert ihre Chefin - bis der Vater aus dem Krieg heimkehrt. Da wird die Stimmung deutlich kälter und Ida verliert ihr Vorbild.

1968 träumt Leseratte Marlies von einer Ausbildung in einer Buchhandlung und arbeitet als Aushilfe in einem Café. Dort trifft sie eines Tages einen Literaturstudenten, der sich im Sozialistischen Deutschen Studentenbund engagiert. Ihrem Vater, einem Lokführer, ist der junge "Gammler" ein Dorm im Auge. Ihre Mutter wiederum erwartet, dass Marlies bald heiratet und Kinder bekommt. Und Marlies? Die will einfach mal gesehen und ernstgenommen werden.

Selin hat 2018 gerade ihr Abitur gemacht und weiß nicht, was sie mit ihrem weiteren Leben anfangen soll. Ihre beste Freundin Alina scheint nur noch ihr künftiges Studium in Amerika im Kopf zu haben, ihr bester Freund Finn ist genauso planlos wie sie selbst. Auch der abwesende Vater und die Mutter auf dem Selbstfindungstrip können ihr keine Orientierung bieten.

"Drei Wege" zeigt sehr deutlich, wie der Spielraum für Frauen in den letzten 100 Jahren immer größer geworden ist: Für Ida steht außer Frage, dass sie Ehefrau und Mutter wird, dass der Ehemann ihrer Dienstherrin bestimmt, was in der Familie abgeht und dass er beispielsweise die geliebten Botanikbücher seiner Frau entsorgt.

Fünfzig Jahre später ist Marlies ebenfalls mit der Erwartung konfrontiert, dass sie bald eine Familie gründet. Auch bei ihr finden sich ein herrischer Vater und ein Freund, der die Interessen der Frauenbewegung als Nebenwiderspruch abtut. Aber trotzdem: Marlies sieht schon Alternativen - und ist bereit, dafür Konflikte auszutragen.

Für Selin gibt es keine Erwartungen mehr, sich direkt nach dem Schulabschluss zu vermehren. Sie hat auf den ersten Blick alle Freiheiten. Auch das ist nicht optimal - denn sie ist damit überfordert. (Und: Wie groß sind eigentlich Freiheiten, wenn sie implizit darin bestehen, welches Studium man beginnen soll?)

Im Neben- und Durcheinander der drei Lebensausschnitte zeigt sich: Jede Zeit ist für sich schwierig. Wenn die einen Schwierigkeiten verschwunden sind, die einen Kämpfe ausgefochten, dann tauchen andere auf. Ganz egal, wann und wo man lebt: Den eigenen Platz in der Welt zu finden, ist  eine schwierige Sache.

"Drei Wege" von Julia Zejn: Eine Rezension, Cover mit Umgebungsmotiv
Ich war ganz hin und weg, dass "Drei Wege" von Julia Zejn so wunderbar in die Umgebung gepasst hat!

Zeichen- und Schreibstil

Wenn ich von einem Neben- und Durcheinander der drei Geschichten spreche, möchte ich damit nicht andeuten, dass "Drei Wege" konfus und unübersichtlich sei. Das wird schon allein dadurch verhindert, dass Julia Zejn für die Erzählstränge unterschiedliche Grundfarben verwendet hat, anhand derer selbst mit zusammengekniffenen Augen ganz klar ist, auf welcher Zeitebene mensch sich befindet. Doch abgesehen davon blenden die Handlungsstränge ineinander über, berühren sich an einzelnen Stellen - oder vermischen sich sogar auf einigen Seiten.

Tatsächlich haben mir die Seiten besonders gut gefallen, auf denen in kleinen Bildern Alltagsszenen aus Idas, Marlies' und Selins Leben in Reihen nebeneinander stehen. Beispielsweise eine Bilderreihe zu Kommunikation. Ida liegt ohne Nachricht ihres an der Front verschollenen Liebsten im Bett, Marlies liest und Selin tippt auf ihrem Smartphone herum. Auch hier wird ganz deutlich: Die Handlungen sehen vielleicht anders aus, Fortschritt hat stattgefunden - doch im Kern sind es immer noch dieselben Bedürfnisse, die die drei jungen Frauen verbindet.

Julia Zejns Buntstiftzeichnungen sind skizzenhaftem, doch dennoch voller Gefühl. Während viele Szenen liebevolle Details aus dem Leben der Protagonistinnen illustrieren, entfaltet sich ihre ganze bedrückende Wucht auf den Seiten, welche die Front in den - vermutlich - letzten Kriegswochen zeigen. Ein Pferdekadaver liegt unterhalb der letzten Zeilen von Idas Brief an den Soldaten, den sie liebt. Danach nur noch wortlose Momentaufnahmen von Soldaten, Gasmasken Leichensäcken. Der Raum zwischen den Bildern ist schwarz. Ein hofflungsloser Moment innerhalb dieses Buches, das so intensiv und liebevoll vom Aufbruch ins eigenständige Leben der Frauen erzählt.

Was man wohl braucht, abgesehen von einer Freude an episodischem Erzählen, ist ein gewisses Vorwissen zum 1. Weltkrieg und der Studentenbewegung 1968,. Denn weder die Situation am Kriegsende noch die Proteste Ende der 60er Jahre werden erklärt oder eingeordnet. Wer Rudi Dutschke ist, sollte man beispieslweise schon vorher wissen, sonst lässt einen das Buch wahrscheinlich recht ratlos zurück.

Fazit

Wer glaubt, dass früher alles besser gewesen sei, der sollte hier mal reinschauen - und feststellen, dass sich für manches zwar die Rahmenbedingungen ändern, aber der Kern ziemlich gleichbleibt: Erwachsen werden ist eine verdammt große und schwierige Aufgabe.

Wer gerade erwachsen werden muss/soll/darf, sollte hier mal reinschauen, um sich nicht so alleine zu fühlen.  Zu wissen, dass andere im selben Matsch stecken, weckt ja manchmal neue Kräfte.

Wer Zweifel spürt, ob dieses Feminismus-Ding überhaupt was bringt, sollte auf jeden Fall hier reinschauen. Und sich dann dafür einsetzen, dass die Entwicklung in die gleiche Richtung weitergeht. Damit wir nicht wieder bei Ida und ihrem Chef landen. Damit wir unsere Bücher behalten und uns entscheiden können, ob und wie wir Familie, Beruf und persönliche Interessen unter einen Hut bekommen (wollen).

Also: Auf jeden Fall reinschauen!

Harte Fakten

Titel: Drei Wege
Autorin: Julia Zeijn
Verlag: avant
Umfang: 184 Seiten
Erscheinung: Oktober 2018 
Preis: 24 €

Samstag, 13. Oktober 2018

[Samstagstee] mit feministischen Netzfunden

Psst, ich habe gemogelt: Ich versüße mir die Netzfunde mit heißer Schokolade. Ist dringend nötig heute
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.  

Feministische Netzfunde der Woche

Schwangerschaftsabbruch

Schwangerschaftsabbrüche müssen auch diese Woche ein Thema zum Samstagstee sein. Während ich diese Worte schon am Freitagmittag tippe, kommt bei Zeit Online die Eilmeldung, dass die Verurteilung Kristina Hänels im Berufungsverahren bestätigt wurde. 

Sarah Diehl hatte, ebenfalls auf Zeit Online, im September die Abschaffung von Paragraf 218 StGB gefordert. Enthalten darin der Wunsch, dass Kristina Hänel für ihr Engagement für Schwangerschaftsabbrüche in naher Zukunft ausgezeichnet würde. Ich fürchte, davon sind wir seit dieser Woche noch einen Schritt weiter entfernt.

"Kristina Hänel darf nicht informieren – wir schon" schreibt Jakob Simmank (immer noch auf Zeit Online) und beantwortet im Folgenden die typischen Fragen rund um den Schwangerschaftsabbruch. Ich finde das gut und hoffe, dass dieser Artikel weit oben in der Google-Suche erscheint, damit Betroffene tatsächlich dort landen und nicht auf den Seiten von Abtreibungsgegner*innen...

Aktion Standesamt 2018

Diese Woche war und ist die Aktionswoche der Aktion Standesamt 2018. Sie setzt sich dafür ein, dass der gesetzliche Geschlechtseintrag selbstdefiniert sein und vielfältige Optionen einschließen soll.
Für die innenAnsicht hat unser*e Gastautor*in Charlie Robin die Hintergründe sowie Teilnahme- und Unterstützungsmöglichkeiten erläutert.

Margarete Stokowski geht in ihrer Kolumne bei Spiegel Online noch einen Schritt weiter und fordert eine Abschaffung des gesetzlichen Geschlechtseintrags.


Vermischtes

Die österreichische Ex-Politikerin Sigi Maurer wurde online sexuell belästigt. Sie hat die Nachrichten öffentlich geteilt - und wurde nun zu einer Geldstrafe verurteilt. Spiegel Online berichtete.

Die österreichische Zeitschrift an.schläge hat in ihrem Online-Angebot die Sängerin Esther Bejarano vorgestellt. Die Holocaust-Überlebende gedenkt "so lange [zu] singen, bis es keine Nazis mehr auf der ganzen Welt gibt." 

Frau Jule hat diese Woche einen ganz wunderschönen Text über Macker geschrieben. Dazu trägt sie glitzernde Klamotten - ihr solltet also auf jeden Fall vorbeischauen, wenn ihr nicht schon dort wart!

Spiegel Online hat eine Frau in Ulan-Bator, Mongolei, getroffen und über ihr Leben und häusliche Gewalt in der Mongolei berichtet.

Samstag, 6. Oktober 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Samstag! Zeit für Tee und Netzfunde!
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.   
 
Na, hattet ihr alle eine gute Woche? Meine war (privat) recht ereignisarm - ich genieße ein paar freie Tage, bevor die Vorlesungszeit des Masters losgeht. Die Tage habe ich größtenteils mit Spaziergängen begonnen. Ein schöner Start in den Tag, mit einem durchgelüfteten Kopf.

Übers Wochenende ist eine Freundin zu Besuch. Zum Auftakt sind wir gemeinsam durch die Alte Nationalgalerie spaziert - inklusive angefertigter Skizzen und Schwärmerei für Details ("Dieses Liiiiicht! Und schau dir die Teppichfransen an!"). Das war schön!

Netzfunde der Woche

Während es hier bei mir so ereignisarm war, sah es in der Welt deutlich anders aus - und nicht gerade schön. Meine Netzfunde können davon nur einen Bruchteil abbilden. Sie umfassen immer nur die Artikel, die für mich besonders hervorgestochen sind. Und manchmal bin ich mir schmerzlich bewusst, dass ich Themen auslasse, mit denen ich mich (bewusst oder unbewusst) in dieser Woche nicht beschäftigt habe.

Neue Rechte

In Chemnitz wurde die Gruppe "Revolution Chemnitz" festgenommen (verlinkt ist ein Bericht von tagesschau.de), die einen Bürgerkrieg auslösen wollten. Mit Waffengewalt planten sie gegen die Leute vorzugehen, die ihnen nicht in den Kram passen: "Ausländer", Linke, Politiker*innen, Medienmacher*innen.

Im Freitag zieht Elsa Koester eine Verbindung zwischen dem starken Männerüberschuss in den neuen Bundesländern - in einer Gemeinde bei Görlitz steht das Verhältnis 56:100 - und dem dortigen Rechtsruck.

Geschichte der Gegenwart wiederum zeigen die Verbindungen zwischen rechter Ideologie und übersteigerter Männlichkeit.

Feminismus

Für das *innenAnsicht-Magazin habe ich den Begriff "White Feminism" erklärt - einen Feminismus, der sich in erster Linie um die Bedürfnisse weißer Frauen aus der gebildeten Mittelschicht kümmert und Minderheiten dabei außer Acht lässt. Wie sich das äußert und was wir - auch als weiße Frauen aus der gebildeten Mittelschicht - dagegen tun können, findet ihr dort.

Spiegel Online berichtet über sexualisierte Gewalt an deutschen Schulen. Laut Studien habe jede*r vierte Schüler*in sexualisierte Gewalt erlebt - Mädchen häufiger als Jungen - , die oft von Mitschüler*innen ausgehe.

In den USA ist mit Brett Kavanaugh ein Mann für einen Richterposten beim Supreme Court vorgesehen, der der versuchten Vergewaltigung beschuldigt wird. Dagegen verteidigt er sich äußerst emotional - und wird in Margarete Stokowskis Augen zu einer "Ikone des Untergangs" des Patriarchats. Ich wäre ja dankbar, wenn es sich mit dem Untergehen beeilen und dabei nicht so viele Leute mitreißen könnte, herzlichen Dank.

Habt ein schönes Wochenende!

Samstag, 29. September 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Die erste Tasse Tee ist schon weggetrunken. Die nächste Ladung folgt gleich!
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.   

Letzte Woche ging es mir ja nicht besonders, als ich den Blogpost schrieb. Zum Weltschmerz gesellte sich dann am Samstag auch noch eine fette Erkältung hinzu. Die hatte aber auch ihre guten Seiten: Ich wurde hingebungsvoll betüddelt, habe mich vom Internet und der Welt relativ ferngehalten und ringelmiez' Anti-Schnodder-Suppe kennengelernt. Liebe Menschen, die ihr wie ich der Erkältungssaison bereits in die laufende Nase blicken könnt: Diese Suppe ist der Hammer. Seit ihrem Verzehr geht's mir besser - und sei es nur, weil sie das erste war, das ich nach Tagen wieder schmecken konnte. Mhm!

Um die Genesung weiter zu unterstützen, werde ich es auch dieses Wochenende so halten, dass das Internet (wenigstens überwiegend) ausbleibt. Ich habe einen ganz wundervollen Bücherstapel, der gelesen werden möchte.

Netzfunde der Woche

Natürlich habe ich nicht nicht im Internet gelesen, sondern nur nicht so viel wie sonst. Und selbstverständlich teile ich gerne die Kirschen auf dem Sahnehäubchen mit euch. Aber Achtung, einige könnten euch schwer im Magen liegen...

Alte Nazis und neue Rechte


"Through the Darkest of Times" ist ein Computerspiel, in dem man eine Widerstandsgruppe in Nazi-Deutschland spielt. Deutschlandfunk Kultur hat den Designer Jörg Friedrich interviewt. Ich selbst spiele nicht, aber vielleicht ist es ja was für die eine oder andere von euch?

Auf einen Hausbesuch in einem Pflegeheim begab sich die taz. Dort lebt Dorothea Buck, die während des NS-Regimes zwangssterilisiert wurde und danach "für eine menschlichere Psychatrie" kämpft. Selbst heute noch, im stolzen Alter von 101. 

In Österreich hat eine E-Mail aus dem Innenministerium die Polizei dazu aufgefordert, nicht mehr so viel mit denjenigen Medien zu sprechen, die sich überwiegend kritisch über das Innenministerium äußern. Außerdem möge die Polizei doch bitte diejenigen Fälle sexualisierter Gewalt an die große Glocke hängen, bei denen es sich um stranger danger handelt - mit Nennung der Nationalität und des Aufenthaltsstatuses (hier ein Bericht von Zeit Online). Ich habe beim Lesen intensiv an Astrids Blogpost zum Thema Pressefreiheit gedacht. Und eventuell ganz leise geschrien.

Ebenfalls bei Astrid ist mir ein Artikel aus dem Tagesspiegel begegnet. Ausgehend von den offenbar häufiger aufgetretenen Vergleichen der Ausschreitungen in Chemnitz mit dem Umweltaktivismus im Hambacher Forst, erläutert der Autor die sogenannte Hufeisentheorie, nach der Links- und Rechtsextremismus quasi so ein bisschen das Gleiche ist - und warum diese Theorie Unfug ist. Außerdem geht's darum, aus welchen Gründen diese These eingesetzt wird und welchen Schaden sie anrichtet.

Feminismus


Die Sprach-, Islam- und Genderforscherin Reyhan Şahin, manchen vielleicht besser bekannt als Rapperin Lady Bitch Ray, hat in der taz einen differenzierten Artikel über Kopftuch und Emanzipation geschrieben.

Und noch was für's feministische Herz: Zum Erscheinungstermin von Margarete Stokowskis neuem Buch "Die letzten Tage des Patriarchats" ze.tt ein Interview mit ihr geführt. Da sagt sie dann so Sätze wie "Wir sind mittendrin in der feministischen Revolution" und entwirft Gedankenbilder für die Zeit nach den letzten Tagen des Patriarchats. Hach!

Genießt euer Wochenende!

Samstag, 22. September 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Jetzt ham wir den Salat. Immer noch das Gefühl der Woche. Trotz Tee.
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 

Ehrlich gesagt: Ich hatte keine gute Woche. Oberflächlich betrachtet sah sie eigentlich ganz okay aus. Ich war bei der Weiterbildung, habe nachmittags für die *innenansicht recherchiert, editiert und geschrieben. Bei im gegenteil ist mein erster Text erschienen - das Porträt einer wirklich tollen Frau auf Partnersuche.

Leider ging es mir trotzdem nicht gut. Während mich die PMS ziemlich im Griff hatte (Schmerzen, Wassereinlagerungen, Nebel im Kopf - dürften einige von euch ja kennen), zeigt die Depression im nahen Umfeld an mehreren Fronten ihre scheußliche Fratze (Jule hat dazu am Donnerstag einen super Text veröffentlicht) und auch vor dem Fenster scheint, politisch betrachtet, alles den Bach runter zu gehen. 

Über's Wochenende habe ich Besuch und werde einfach das Internet ausmachen. Und so tun, als wäre damit jedes Problem einfach auch weg. Wenigstens bis Montagmorgen. Oder so.

Netzfunde

Bevor ich das Internet abschalte, habe ich trotzdem ein paar Netzfunde für euch - auch wenn ich mehr als einmal dachte, es wäre vielleicht besser, nicht so viel Berichterstattung zu konsumieren. Nur: Es wird ja auch nicht besser, wenn man sich die sprichwörtlichen Finger in die Ohren steckt und laut singt.

Verfassungsschutzdebakel

Maaßen wurde zwar als Verfassungsschutzpräsident entlassen, aber einfach zum Staatssekretär ins Innenministerium befördert. Da bekommt er jetzt nochmal mehr Geld und soll sich in Zukunft um innere Sicherheit kümmern.

Wer gerne Beiträge, kann sich bei Deutschlandfunk Kultur über eine ironische Stellenausschreibung für die freigewordene Stelle als Verfassungsschutzpräsident sowie ein pointiertes Interview mit dem Politologen Albrecht von Lucke freuen.

Bernd Ulrich hat für Zeit Online einen Kommentar darüber verfasst, was Maaßens Beförderung für die große Koalition bedeutet und die SPD scharf kritsiert.

Kritik an der eigenen Partei übt auch Politikerin Hilde Mattheis im Deutschlandfunk. Sie sieht durch die Wegbeförderung Maaßens als Bedrohung für die SPD. Ausführlich zum Nachhören gibt's das Interview hier, wer lieber liest, findet hier eine Kurzfassung in Buchstaben. Ich bin keine SPD-Wählerin, aber Sozialdemokratie halte ich grundsätzlich für wichtig. Und es tut mir weh zu sehen, wie sich diese alte Volkspartei zerlegt (und das halt auch nicht erst jetzt, ne?).

Wer jetzt immer noch nicht die Nase voll hat von Maaßen, dem Verfassungsschutz und ätzenden Skandalen, dem empfehle ich zuguterletzt noch die Analyse des Verfassungsschutzes bei Zeit Online.  Darin geht's um die (hochgradig gruselige) Entstehungsgeschichte und Entwicklung der Behörde. Fazit der Analyse: Der Verfassungsschutz richtet mehr Schaden an, als er verhindert.

Hambacher Forst

Im Hambacher-Forst starb ein 27-jähriger Journalist, der die Aktivist*innen dort begleitet hatte. Inwieweit das mit der Räumung zusammenhängt, ist unklar - Aktivist*innen und Staatanwalt haben da unterschiedliche Versionen (Zeit online berichtet hier). An der Stelle möchte ich nochmal erwähnen, dass da für fucking Braunkohle gerodet wird, die als dreckigster Energielieferant überhaupt gilt.

Lichtblick hier: Die Arbeitsbühnenvermietung Gerken hat ihre Arbeitsbühnen aus dem Hambacher Forst abgezogen, "[d]a auch wir mit der Vorgehensweise im Hambacher Forst absolut nicht einverstanden waren". Ich habe der Firma eine freundliche Nachricht über das Kontaktformular hinterlassen, weil ich finde, dass so eine klare Positionierung Lob verdient - und weil sie vermutlich auch viele wütende Nachrichten bekommen.

Schwangerschaftsabbruch

"Die Anti-Choice-Bewegung zeigt sich stark wie lange nicht mehr", schreibt das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung im Aufruf zum heutigen Aktionstag unter dem Motto "219a ist erst der Anfang! Leben schützen heißt Schwangerschaftsabbruch legalisieren!"

Heute findet in Berlin nämlich der sogenannte "Marsch für das Leben" statt, eine Demo von Abtreibungsgeger*innen. Ich hoffe, die Gegendemo wird groß, laut und bunt sein!

Habt ein schönes Wochenende!

Samstag, 15. September 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Jetzt ist es wieder kalt genug, um morgens heißen Tee zu schlürfen. Jippieh!
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Heute findet in Berlin die Feministische Sommer-Uni statt. Wenn ihr das lest, bin ich schon auf dem Sprung, um Vorträge, Workshops und Podiumsdiskussionen zu besuchen. Unter anderem zu Feminismus und Sprache, Schwangerschaftsabbruch und Rassismuskritik. Ich freu mich riesig drauf!

Netzfunde der Woche


Diese Woche habe ich wenig im Internet gelesen. Zwei zeitlose Artikel habe ich euch aber trotzdem mitgebracht.

Rassismus


"Die meisten Weißen sehen nur expliziten Rassismus", sagt die Soziologin Robin DiAngelo im gleichnamigen Artikel bei Zeit Campus. Der Artikel aus dem August ist ziemlich lang und wird in meiner Bubble seitdem wöchentich geteilt. Verdient, finde ich!

Gut gefallen hat mir auch "Wir sind alle rassistisch sozialisiert - und das zu erkennen ist essenziell" der Huffington Post. Darin spricht die Aktivistin Tupoka Ogette über ihre Arbeit in antirassistischen Workshops.

Habt ein schönes Wochenende!

Samstag, 8. September 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Hilft Tee am frühen Morgen eigentlich dabei, die Nerven zu beruhigen? Bei meinen Netzfunden isses nötig.
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Ich habe die Woche gefühlt komplett vor Bildschirmen verbracht. Neben der frisch veröffentlichten Rezension zu "Unerschrocken 2 - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen" hat mich einmal mehr das Sammeln von Artikeln, Podcasts und Stimmen aus den sozialen Medien beschäftigt - insbesondere für das Instagram-Profil der *innenAnsicht. Natürlich wieder zu Chemnitz. Ich weiß nicht, wie das bei euch ist, aber in meinem virtuellen Umfeld gibt es gerade kaum ein anderes Thema. Deswegen lasst uns gleich in die Netzfunde springen.

Netzfunde der Woche

Chemnitz

Die New York Times berichtet über die Studie zweier Forscher der Universität Warwick. Die spricht nicht gerade für die Inhalte von Social Media: "Their reams of data converged on a breathtaking statistic: Wherever per-person Facebook use rose to one standard deviation above the national average, attacks on refugees increased by about 50 percent." Wohlgemerkt: Es ging in der Studie nicht um die Nutzung flüchtlingsfeindlicher Gruppen innerhalb Facebooks oder so. Sondern wirklich die allgemeine Facebook-Nutzung an sich. 

Vergangenen Sonntag schon gab es bei Volksverpetzer eine Auflistung der Lügen, welche die AfD zu Chemnitz verbreitet.

Im Podcast "Stimmenfang" von Spiegel Online steht die aktuelle Episode unter der Überschrift "Sachsen, wir müssen reden!" Darin geht's um den Vorwurf des Sachsen-Bashings, den real existierenen Rechtsradikalismus und die Frage, warum die Politik sich da seit der Wiedervereinigung so bedeckt hält.

Sibel Schick fordert im Missy Magazine eine Positionierung gegen Nazis - denn die Mitte der Gesellschaft verhalte sich abwägend: "Deutschland hat sich nicht darum gekümmert, die Kinder und die Enkelkinder von Nazis zu integrieren und zu rehabilitieren, und jetzt haben wir schon wieder Nazis am Hals, die wachsen wie Pilze vor unserer Nase. Es ist verdammt viel zu tun. Zu Hause, auf der Straße, bei der Arbeit und nachts, wenn man den Kopf auf das Kissen legt, ist ganz viel zu tun. Noch ist aber Zeit. Überlegt euch also noch einmal und zwar ganz genau, wo ihr euch positionieren möchtet. Bevor es zu spät ist."

Margarete Stokowski schrieb in ihrer Spiegel Online-Kolumne: "Widerstand gegen Rechtsradikale muss radikal sein, es geht nicht anders. Radikal heißt in diesem Fall: breit aufgestellt, unnachgiebig, keine Menschenfeindlichkeit duldend. Die Nachrichten aus Chemnitz zeigen, dass Nazis in diesem Land zu wenig Angst haben." 

Joah. Und dann hat Herr Seehofer sich nach fast zehn Tagen auch mal entschieden, etwas zu Chemnitz zu sagen. Im Anschluss habe ich mir sehr heftig gewünscht, er wäre bei seinem letzten Rücktrittsversprechen auch wirklich zurückgetreten. Was Herr Seehofer nämlich sagte, war folgender Satz: "Migration ist die Mutter aller Probleme." Im verlinkten Artikel drückt er ausfühlich sein Verständnis mit den Demonstrierenden in Chemnitz aus.  Und damit meine ich die Typen, die unter anderem Hitlergrüße gezeigt und Menschen angegriffen haben, die für ihre Augen "nicht deutsch" ausgesehen haben. Just wow.

Axel Vornbäumen schrieb einen lesenswerten Kommentar im Stern: "Horst Seehofer hat für das, was dort passiert ist, Verständnis geäußert – für das ganze Krakele und Geschrei, die Pöbeleien und die demokratiefeindlichen Sprechchöre inklusive. Die zum Hitlergruß ausgetreckten Arme? Keine Erwähnung wert! Der Schulterschluss der ach so "besorgten" Bürger mit Neonazis? Auch nicht! Stattdessen war es Seehofer in diesem Zusammenhang wichtig, die Migration  als "Mutter aller Probleme" zu bezeichnen. Horst Seehofer ist damit entweder ein großer Verharmloser. Oder ein überhaupt nicht mehr heimlicher Sympathisant. Wahrscheinlich ist er beides."

Die Autorin Svenja Gräfen hat in Reaktion darauf in ihren Instagram-Storys folgendes geschrieben: "Die 'Mutter aller Probleme' ist eine in Deutschland alles beherrschende Angst, die Dinge beim Namen zu nennen. Anzuerkennen, dass es strukturellen Rassismus gibt. [...] Die 'Mutter aller Probleme' sind in diesem Falle jedenfalls: Nazis. Faschos.Gewaltbereite Rechte, radikalisierte Rassist*innen, die alles und jede*n für ihre Zwecke instrumentalisieren., die genau wissen, was sie tun und konsequenzlos tun können, weil der fucking Innenminister sie dann auch noch in Schutz nimmt. So ein Klima herrscht nämlich in Deutschland."

Anne Wizorek ergänzt, ebenfalls auf Instagram, dass es sich bei der Wortwahl "Mutter" um eine "absolut bewusste dog whistle" handele, "also eine zunächst unterschwellige aber eindeutige botschaft an seine "merkel muss weg!"-fans".

Aber Horst Seehofer war auch nicht der letzte, der sich zu Chemnitz geäußert hat: Hans-Georg Maaßen, seines Zeichens Verfassungsschutzpräsident, bezweifelt wie der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer, dass es überhaupt Hetzjagden in Chemnitz gegeben habe. Bei Deutschlandfunk Kultur wundert sich Frank Cappelan, "wieso Maaßen der Kanzlerin mit solchen Äußerungen in den Rücken fällt" und weist im Folgenden auf die bereits mehrfach vermutete Nähe Maaßens zur AfD hin. (Übrigens auch der Punkt, weshalb ich einer potenziellen Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz skeptisch gegenüberstehe. Ich sehe unter diesen Vorzeichen nicht, wie dabei was Gutes rauskommen soll.)

Auch wenn Äußerunge wie die von Seehofer und Maaßen immer häufiger und ungenierter in die Welt geblasen werden und man den Eindruck gewinnen könnte, das sei irgendwie normal: Stay angry.


Mittwoch, 5. September 2018

[Rezension] Unerschrocken 2 - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen

"Unerschrocken 2" von Pénélope Bagieu hatte ich sehnsüchtig erwartet.
Werbung: "Unerschrocken 2" wurde mir freundlicherweise vom Reprodukt-Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 

Triggerwarnung: Sexualisierte Gewalt 

Nachdem ich im März "Unerschrocken - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen" rezensiert hatte, blieb ich mit gemischten Gefühlen zurück: Einerseits hatte mich das Buch sehr bezaubert, andererseits sind 15 Frauen einfach unheimlich wenig! Ich wollte mehr. Und glücklichweise hatte die Autorin Pénélope Bagieu ein Einsehen: Band 2 ist seit Mai auf dem Markt. Grund genug, endlich einen Blick hineinzuwerfen und neue Frauen kennenzulernen!

Inhalt

Wie im ersten Band werden hier erneut 15 Frauen vorgestellt. Wieder ist es eine bunte Mischung: Beispielsweise kämpft die Autistin Temple Grandin für bessere Haltungsbedingungen für Nutztiere, Katia Krafft erforscht 23 Jahre lang Vulkane und Frances Glessner Lee bringt anhand von Puppenstuben Polizist*innen und Mediziner*innen bei, wie man Tatorte lesen kann.

Die fünfzehn Frauen stammen aus dem 19. bis 21. Jahrhundert sind unterschiedlich alt und haben ganz unterschiedliche Berufe mit unterschiedlichen Niveaus formaler Bildung. Für weitere Diversität sorgen die erwähnte Autistin, eine queere Frau und eine Kopftuchträgerin. Leider stammen gleichzeitig neun Frauen - also fast zwei Drittel! - aus den USA und nur ein Drittel ist nicht weiß. In dem Punkt hätte ich mir eine größere Vielfalt gewünscht.

Zum Vergleich: Im ersten Band gab es lediglich vier US-Amerikanerinnen und wenigstens sechs nicht-weiße Frauen, während sich die zeitliche Bandbreite von der Antike bis heute erstreckte. Band 1 war also in mancherlei Hinsicht diverser und ich hätte mich gefreut, wenn Band 2 das weiter ausgebaut hätte, statt es zurückzufahren.

Trotzdem: Insgesamt vermittelt Pénélope Bagieu mir erneut das Gefühl, dass jede Frau in ihrer Situation, an ihrem Ort und in ihrem Bereich Außergewöhnliches tun kann - und dass alles Aufmerksamkeit und Bewunderung verdient.

Dabei geht nicht jede Geschichte gut aus, nicht immer sind die außergewöhnlichen Frauen am Ende glücklich oder auch nur unversehrt: Die Geschichte von Phoolang Devi, im Inhaltsverzeichnis als "Banditenkönigin" bezeichnet, ist beispielsweise gezeichnet von sexualisierter Gewalt, bevor sie mit gerade mal 38 Jahren ermordet wird. Dieses Porträt enthält zwar keine grafischen Darstellungen der Übergriffe, aber dennoch die blutigsten Bilder im ganzen Buch und recht deutliche Worte. Hier hätte ich mich über eine Trigger-Warnung in irgendeiner Form gefreut - mit einem so unverblümten Auftauchen (sexualisierter) Gewalt hatte ich nämlich nicht gerechnet.

Versteht mich nicht falsch: Ich finde es gut, dass Pénélope Bagieu und der Verlag nicht vor solch bitteren Geschichten zurückschrecken. Frauenleben sind nicht immer rosarot und wattebauschig. Es ist wichtig, über Kinderehen, häusliche und sexualisierte Gewalt zu sprechen, weil nur so etwas dagegen getan werden kann. Ich wüsste es nur gerne vorher, dass mch das erwartet. Und für Menschen mit Traumata kann das noch wesentlich wichtiger sein als für mich. Gleichzeitig möchte ich aufgrund dieser Geschichte auch Eltern jüngerer Leser*innen bitten, das Buch nicht ungesehen weiterzugeben. (Wenn einer der Punkte für euch von Belang sein sollte, überspringt diese Seiten einfach bzw. verschenkt das Buch, wenn der*die Leser*in etwas älter ist, ja? Und alle anderen verzeihen mir hoffentlich den Spoiler.)

Betty Davis' Porträt mit seinen leuchtenden Lilatönen fand ich ganz zauberhaft.

Zeichen- und Schreibstil

"Unerschrocken 2" ist unübersehbar. Während ich diese Worte tippe, leuchtet das orangene Cover vom Bücherregal zu mir herüber. Die blaue Glanzfolie lässt es funkeln. "Lies! Mich! Jetzt!" ruft es. Und da meine Buchauswahl ganz stark über's Cover läuft, hat das Cover schon mal mein Herz erobert. Ist klar, ne?

Die Innenseiten rennen also schon offene Türen ein - und sind dann noch toller als das Cover. Auf den hellen, aufgeräumten Seiten liegen jeweils neun verspielte Zeichnungen mit schnörkeligem Handlettering. Ich mag diese Mischung sehr!

Jedes Kapitel hat - wie bereits im ersten Band - seine eigene reduzierte Farbwelt, abgestimmt auf die dargestellte Persönlichkeit. Besonders in den Bann gezogen haben mich einmal mehr die Doppelseiten am Ende jedes Porträts, wo ein großformatiges Motiv eine ikonische Szene aus dem Leben der jeweiligen Frau präsentiert - etwa die Weltumrundung der Journalistin Nelly Bly, der Blick durch ein Puppenstubenfenster von Frances Glessner Lee oder ein Weltraum voller Aliens und Raketen rund um die Astronautin Mae Jemison. Davon hätte ich gerne Poster. Oder wenigstens Postkarten. Definitiv sind diese Motive viel zu schade, nur in einem zugeklappten Buch zu existieren!

Inklusive dieser Doppelseiten umfasst jedes Porträt - wie schon im ersten Band - etwa zehn Seiten. Darauf ein ganzes Leben in all seinen Facetten und Verzweigungen darzustellen, ist natürlich unmöglich. Pénélope Bagieu gelingt es dennoch, die Frauen erfassbar zu machen und eine zusammenhängende Geschichte über ihr Leben zu erzählen. Dafür müssen die einzelnen Biographien oft weite Sprünge durch das Leben der Protagonistinnen machen und können manches nur streichen: Betty Davis etwa wird in der Modeschule gezeigt, wie sie ihre ausschließlich weißen Mitschülerinnen unbehaglich mustert. Ihre Locken versperren einer gereizt wirkenden Weißen den Blick. In welchem Ausmaß Betty Davis' Schulzeit von Rassismus geprägt war, wird abseits dieses Bildes nicht weiter thematisiert. Die Lebensgefährtin der französischen Aktivistin Thérèse Clerc taucht plötzlich auf - kein Wort über ihr Kennenlernen, über ein Coming-Out nach langjähriger Hetero-Ehe. An einigen Stellen stolpert die Landung also ein wenig.

Die Offenheit, mit der sich Pénélope Bagieu ihren Protagonist*innen widmet, macht das für mich aber mehr als wett. In all ihren Unterschieden wirkt jede Frau absolut liebenswert. Mit jeder einzelnen hätte ich Lust auf eine spontane Tasse Tee. Und das ist doch ein ziemlich gutes Ergebnis, oder?

Frances Glessner Lee hat unendlich detailierte Puppenstuben gebaut - inklusive Mordszenen.

Fazit

Pénélope Bagieu hat es auch mit dem zweiten Band von "Unerschrocken - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen" geschafft, mich neugierig zu machen und mich zu motivieren, die Augen offen zu halten - nach diesen und anderen tollen Frauen.

Obwohl die Vielfalt im Vergleich zum ersten Band etwas nachgelassen hat, zeigt das Buch trotzdem eine große Bandbreite an Möglichkeiten, auf welch unterschiedliche Weise Lebenswege über das Mittelmaß hinausragen können. Ob Raps gegen Zwangsverheiratung, Wohnprojekte für mittellose Seniorinnen oder Aufsehen erregende Reisen - es gibt nicht das Rezept für ein außergewöhnliches Leben. Ganz schön empowernd und toll!

Harte Fakten

Titel: Unerschrocken - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen 2
Autorin: Pénélope Bagieu (aus dem Französischen von Claudia Sandberg und Heike Drescher)
Verlag: Reprodukt
Umfang: 168 Seiten 
Preis: 24 €

Samstag, 1. September 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

... und mit Salat meine ich Pogromstimmung. Kein fröhlicher Samstag hier.
 Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Privat war die Woche gut zu mir. Ich habe meine Campuscard abgeholt und kann hiermit ganz offiziell mitteilen: Die Freie Universität Berlin hat  mich für den Master-Studiengang "Medien und Politische Kommunikation" zugelassen und ich werde ab Oktober wieder studieren.
Nachdem ich Akademia fast drei Jahre lang schmerzlich vermisst habe, ist die Vorfreude riesig.

Netzfunde

Während mein Privatleben diese Woche also ziemlich Bombe war, war der Blick auf die Welt außerhalb meiner kleinen Welt mehr als schmerzhaft. Und weil es nichts bringt, sich in der eigenen Zuckerwatte zu wälzen, habe ich euch Artikel und Podcasts mitgebracht, die ich diese Woche relevant fand. Fette Triggerwarnung: Rassismus, sexualisierte Gewalt und Suizid.

 

Chemnitz

In der Nacht zum vergangenen Sonntag kam es in Chemnitz zu einem Streit zwischen einigen Männern, einer von ihnen starb an seinen Verletzungen. Weil die mutmaßlichen Täter aus Syrien und dem Irak stammen, wurde dieser Todesfall durch rechte Gruppen instrumentalisiert: Am Sonntag zogen rund 800 Menschen, darunter reichlich Rechtsextreme durch die Stadt, am Montag waren es dann mehrere tausend. Dabei wurden nicht nur Parolen gegröhlt ("Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!"), sondern auch Menschen angegriffen, die "nicht deutsch" aussahen. (Funfact: Nationalität ist nichts, was man Menschen ansehen kann. Nationalität steht im Pass. Und sagt abgesehen davon einen Scheiß über den Menschen aus.)

Die Vorstellung, dass Tausende durch eine Stadt marodieren und Jagd auf Menschen machen - diese Vorstellung verträgt sich absolut nicht mit meiner Vorstellung von einem Land, in dem wir "gut und gerne leben" (können).

Der Faktenfinder der Tagesschau informiert über die Fake News, die in Umlauf gebracht wurden.

Die Konfliktforscherin Beate Küpper hat im Deutschlandfunk die Ausschreitungen von Chemnitz historisch verortet, den Umgang Sachsens mit Rechtsextremismus als "Herumeierei" kritisiert und verharmlosende Formulierungen kritisiert.

Auf Twitter schrieb Berlins Staatssekretärin Sawsan Chebli, "wir" seien "zu wenig radikal" gegen Rechts. Im Tagesspiegel erklärte sie, was sie damit meint: "Mir geht es darum, dass wir uns auf die Wurzeln unserer Demokratie besinnen. Dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Dass der Rechtsstaat eine historische Errungenschaft ist, um alle zu schützen und das Recht des Stärkeren abgelöst hat."

Thomas Laschyk von der Initiative "Volksverpetzer" kritisiert im Deutschlandfunk die Berichterstattung:  "Wenn man auf der einen Seite Menschen hat, die den Tod anderer Menschen fordern, und auf der anderen Menschen, die sich dagegen positionieren, ist es fatal zu sagen: 'Ok, dann muss ich mich jetzt in der Mitte positionieren'." Außerdem geht's um Falschmeldungen, Filterblasen und Framing.

Ganz viel Liebe auch diese Woche wieder für Sascha Lobo - noch mehr davon weiter unten. In der aktuellen Kolumne wünscht Lobo sich, dass die Geschehnisse in Chemnitz zu einer Zäsur werden - wie die berüchtigte Silvesternacht in Köln. Aber Politik, Polizei und Medien verhinderten dies im Chemnitzer Fall massiv: "Denn hier wird ein strukturelles, gesellschaftliches Naziproblem systematisch verharmlost." 

"Viele Menschen trauen sich nicht einmal mehr mit dem Zug durch ostdeutsche Bundesländer zu fahren - und das nicht erst seit Chemnitz. Hört diesen Menschen endlich zu. Und handelt", fordert Margarete Stokowski in ihrer aktuellen Kolumne bei Spiegel Online. Ihr beißender Witz hat mich wenigstens mal zum Lachen gebracht. Das tat gut.

Einige Beobachter*innen fühlten sich an die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen erinnert. Damals hatten mehrere hundert Randalierer(*innen? - ich weiß es nicht, weil Wikipedia nicht gendert) unter dem Applaus tausender Anwohner*innen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAst) und ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter angegriffen. Noch ein Funfact: Diese Übergriffe jährten sich am vergangenen Wochenende zum 26. Mal.

Ich könnte hier locker noch ein Dutzend weitere Quellen empfehlen - im Instagram-Profil des *innenAnsicht-Magazins sammle ich neben Artikeln auch Stimmen von Rassismus betroffener Menschen und Aktivist*innen und Demotermine. Also, falls ihr Instagram nutzt, guckt gerne mal vorbei.

Demokratie

Deutschlandfunk Kultur berichtet unter der Überschrift "Gegen den Rechtsruck. Rezepte zum Erhalt der Demokratie" von den Forschungen der Harvard-Professoren Daniel Ziblatt und Steven Levitsky. Die beiden haben in ihrem Buch "Wie Demokratien sterben" herausgearbeitet, dass Demokratien heute weniger an Militärputschen scheiterten, sondern daran, dass verfassungsfeindliche Akteur*innen gewählt würden. Der größte Fehler sei es, solche Akteur*innen zu normalisieren, sagt Ziblatt und geht dabei auch explizit auf die AfD ein.

Geflüchtete

In Thüringen hat eine junge Mutter aus Eritrea sich selbst und ihr Baby in einem Flüchtlingsheim getötet. Ein Artikel in der Thüringer Allgemeinen rekapituliert ihr kurzes Leben und kritisiert die "fehlenden Hilfsstrukturen für geflüchtete Menschen in seelischen Notlagen".

Letzte Woche habe ich Sascha Lobos Kolumne zur Seenotrettung und Rassismus schon sehr gelobt. Am Sonntag erschien der Reflexionspodcast zur Kolumne, in dem Sascha Lobo Stellung zu den Kommentaren zur Kolumne bezieht. Neben weiteren klugen Erläuterungen und entschiedenen Stellungnahmen zu Rassismus hat mich besonders der folgende Satz angesprochen:
"Ich bin noch immer davon überzeugt, dass ein Beharren auf den Rechten aller Menschen, jedes einzelnen, die Grundlage unserer Zivilisation ist. Ich bin überzeugt, dass der ganze Krempel, den wir uns in den letzten 70 Jahren in Europa ausgedacht haben, der dazu dienen sollte, einen erneuten Weltkrieg, den erneuten Faschismus, den erneuten Nationalsozialismus zu verhindern, nur Bestand haben kann, wenn er sich aggressiv und offensiv auf Grundrechte stützt."

So. Ich gehe jetzt meine nächsten Demoaktivitäten zur Unterstützung dieses "Krempels" planen und möchte euch bitten - tut auch irgendwas dafür. Positioniert euch. Macht den Mund auf für unsere Demokratie. Seid laut - auch für die, die vielleicht gerade nicht laut sein können, weil sie aufgrund ihrer Hautfarbe, ihres Kopftuchs oder oder oder die ersten sind, die rassistische Gewalt abbekommen und Angst haben. Das hier ist größer als Chemnitz und geht uns alle an.

Samstag, 25. August 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Herbststimmung in Berlin. Am besten mit einer großen Portion Tee.
 Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Es wird Herbst in Berlin. Durch das geöffnete Fenster weht kühle Luft herein. Sie riecht nach Regen. Während ich das tippe, prasseln kleine Tropfen in den Innenhof. Nachbarn stehen vor ihren Haustüren und lassen sich davon gar nicht stören - als wären sie ganz zufrieden damit, dass der Sommer seine 35 Grad-Nachmittage, seine Dürre und seine strahlende Helligkeit eingepackt hätte und sich anschickt, in sein Winterquartier umzuziehen.

Ich für meinen Teil bin sogar extrem zufrieden damit. Und die Feuerwehrleute, die in Brandenburg gerade versuchen, 400 Hektar Waldbrand zu löschen, freuen sich wahrscheinlich auch darüber.

Netzfunde


Selbstverständlich habe ich auch in dieser Woche wieder das Internet ausgiebig benutzt und ein paar Links mitgebracht, die mir besonders ins Auge gestochen sind. Wem die heutigen Empfehlungen nicht ausreichen, kann sich auch nochmal die allgemeineren Podcast-Empfehlungen vom Donnerstag zu Gemüte führen.

Feminismus


Führt ihr eigentlich Diskussionen in (Facebook-)Kommentarspalten? Ich kann es oft nicht lassen, mich gegen sexistische/rassistische und sonstige widerliche Äußerungen zu stellen. Weniger, weil ich hoffe, meine konkreten Kontrahent*innen umstimmen zu können, als wegen der Mitlesenden. Gerade wenn Menschengruppen attackiert werden, möchte ich das nicht so stehen lassen. Aber es ist so unendlich ermüdend. Ich verliere zunehmend die Lust, meine Freizeit damit zu verbringen, angesichts der immer gleichen Vorwürfe Freizeit zu opfern und immer wieder wortreich meine Position zu verteidigen. Freizeit, in der ich auch einen Artikel für das innenAnsicht-Magazin schreiben könnte. Oder Buchrezensionen und Posts für dieses Blog. Also Dinge, die mir Spaß machen und mit denen ich hoffe, Menschen ansprechen und informieren zu können, die ernsthaftes Interesse haben.

Gleichzeitig fällt es mir schwer, beispielsweise Hass gegen Feminist*innen einfach stehen zu lassen. aber vielleicht ist es eine Option für mich, in solchen Fällen einfach Links zu hinterlassen. Beispielsweise zu diesem Text von PinkStinks: Feminismus - eine Verteidigung antwortet auf fünf häufige Vorwürfe (zum Beispiel, dass Feminist*innen was gegen Hausfrauen oder Feminität hätten).

Apropos Hass gegen Feminist*innen: Bei Watson kritisierte diese Woche ein besonders widerliches Beispiel für Misogynie und den Hass, den sich in der Öffentlichkeit äußernde Frauen so auf sich ziehen. Ich mag aus diesem Artikel gar nicht zitieren, weil es mich so wütend macht, ihn nochmal zu lesen. 

Geflüchtete und Seenotrettung

Wie funktioniert eigentlich Seenotrettung im Mittelmeer konkret? Nicolar Semak spricht im Podcast "Elementarfragen" mit der Medizinstudentin Maike J., die im Sommer 2018 bei einer zivilen Seenotrettungsmission dabei war. Dabei erzählt sie von ihrer ziemlich spontanen Entscheidung, sich für eine solche Mission zu melden, wie ihr Alltag auf dem Schiff Seefuchs aussah und welche Eindrücke des Einsatzes sie immer noch beschäftigen. Besonders ihr Bericht von der Nacht, als sie und ihre Crew eine Gruppe Menschen nicht retten durften, hat mich sehr betroffen gemacht. Es ist ein Unterschied zu wissen, dass immer wieder Menschen im Mittelmeer ertrinken und einer Frau zuzuhören, die nichts dagegen tun durfte.

Während Menschen aus Afrika zu Hunderten ertrinken und dieser Umstand allmählich alltäglich zu sein scheint, ist die Seenotrettung einer weißen Britin, die betrunken übers Kreuzfahrtschiffsbord ging, Anlass für gewaltige Berichterstattung. Sascha Lobo schreibt für Spiegel Online, es sei schwierig, angesichts dieser Diskrepanz nicht zynisch zu werden. Ich bin ihm dankbar, dass er den Grund für diese unterschiedliche Bewertung beim Namen nennt: Es handelt sich schlicht und ergreifend um Rassismus. "Sehe ich mich als Rassist? Nein. Enthält mein Denken rassistisch wirksame Muster? Natürlich. Der Kampf gegen Rassismus besteht deshalb nicht nur darin, offenen Rassisten entgegenzutreten, sondern auch, rassistische Denkmuster, Strukturen, Selbstverständlichkeiten zu entlarven und immer wieder zurückzudrängen, auch bei sich selbst."

"Mit Menschen hat man Empathie. Mit Naturkatastrophen nicht", sagt die Linguistin Elisabeth Wehling im Interview mit Edition F. Aus diesem Grund seien Begriffe wie "Flüchtlingstsunami" und Co so verheerend. Im Interview erklärt sie außerdem, wie politisches Framing genau funktioniert und warum sich Medien den AfD-Sprech nicht überstülpen lassen sollten.

Habt ein schönes Wochenende!

Donnerstag, 23. August 2018

Ohrenfutter #3: Gesprächspodcast

Foto: whoalice-moore auf Pixabay
Meine Liebe zu Podcasts ist ja hinlänglich bekannt - bei nahezu jedem Samstagstee empfehle ich die eine oder andere Episode. Heute möchte ich euch wieder geballt einige empfehlen, die ich sehr schätze und häufig höre. Dieses Mal: Leute, die mit Leuten reden - sowohl Interviews als auch plaudernde Teams.


In "Durch die Gegend" geht Christian Möller mit Interviewpartner*innen an Orten spazieren, die ihnen wichtig sind - beispielsweise in ihren Wohnvierteln oder an ihren Lieblingsplätzen. Das dauert dann schon mal zwei Stunden und schafft damit Zeit und Raum, den Gästen so richtig nahe zu kommen. Menschlich, herzlich und oft auch witzig, ohne dabei an Tiefgang zu verlieren. Besonders gerne gehört habe ich die Episode mit der Publizistin Carolin Emcke.

Mit "Elementarfragen" will Nicolas Semak "außergewöhnliche[n] Persönlichkeiten und Biographien" nachspüren. Mit den Interviewpartner*innen spricht er darüber, was sie antreibt. Im Unterschied zu "Durch die Gegend" ist es deutlich weniger locker und lustig, sondern deutlich ernster - da finden sich dann auch Gespräche über den RAF-Terrorismus oder das Sterben auf dem Mittelmeer. Empfehlenswert auch: die Episode mit der Grünen-Politikerin Claudia Roth.

Der ZEIT Online-Podcast "Alles gesagt?" hat ein witziges Konzept: Jede Episode dauert genau solange, bis die Gäste beschließen, jetzt genug gesprochen zu haben. Bisher habe ich nur die Episode mit der Komikerin und Autorin Sophie Passmann gehört - die dauert aber auch vier Stunden.

In "Servus. Grüezi. Hallo" spricht der Politik-Chef von ZEIT Online, Lenz Jacobsen, mit Matthias Daum und Florian Gasser, den ZEIT-Korrespondenten aus Zürich und Wien - über Politik, Kultur und Gesellschaft in den drei Ländern. Da geht's dann mal um Unterschiede zwischen den jeweiligen rechtspopulistischen Parteien, um bezahlbaren Wohnraum und um "Tatort". Besonders mag ich, dass die drei Herren nicht nur auf sehr angenehme Art intensiv diskutieren, sondern sich auch offenkundig gut verstehen und herumfrotzeln - manchmal lache ich unvermittelt laut. Jeden Mittwoch erscheint eine neue Folge.

"Verbrechen" von ZEIT Online beschäftigt sich mit Kriminalfällen und ihren Hintergründen. Hier sprechen Sabine Rückert, ZEIT-Chefredakteurin, und Andreas Sentker, der Leiter des Wissensressorts der ZEIT, über einzelne Fälle. Sabine Rückert hat als Redakteurin große Strafprozesse verfolgt und sogar zwei Justizirrtümer aufgedeckt - viele der besprochenen Fälle hat sie während des Prozesses intensiv verfolgt. Spannend und oft erschütternd! Ziemlich mitgenommen hat mich die Episode "110 - Bei Anruf Tod" um einen Jugendlichen, der nach einer Partynacht zu Tode kommt.

"What's In Your Pants" begleitet Transmann Toby auf seiner Transition. Momentan pausiert dieser Podcast aufgrund der umfangreichen OPs, von denen Toby sich vermutlich gerade erholt. Allerdings gibt's mit momentan 40 Folgen eine Menge Material zum Nachhören. In emotionaler Hinsicht ist dieser Podcast eine ziemliche Achterbahnfahrt - vom pubertären Peniswitz bis zu intimen Einblicken in Tobys Seelenleben dauert's manchmal nur eine Minute. Unverstellt, albern und sehr berührend. Mein Tipp: Am Anfang anfangen und Tobys Reise chronologisch begleiten.

In "Anekdotisch evident" sprechen Katrin Rönicke und Alexandra Tobor einmal im Monat über ein konretes Thema in möglichst vielen Facetten. Die Themen sind dabei total unterschiedlich: Schmutz wird ebenso behandelt wie Grenzen oder Fotografie. Dabei werden sowohl Sachbücher und Wissenschaftler*innen zitiert als auch ganz persönliche Erlebnisse eingewoben. Mein Tipp: Die Folge zur Emanzipation (nee, nicht nur die der Frauen!).

Viel Spaß beim Zuhören!

Samstag, 18. August 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Beim heutigen Samstagstee geht es auch um sie: Frida Kahlo.
Jede Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 

Vielen Dank für eure Genesungswünsche in der letzten Woche! Mittlerweile genieße ich manuelle Therapie bei einer ganz wunderbaren Physiotherapeutin um's Eck, die mir unheimlich hilft. Offenbar war's eine sehr gemeine Zerrung im Hüftbereich, die mich schachmatt gesetzt hatte. So ganz groß ist mein Bewegungsradius noch nicht, aber es wird.

Netzfunde der Woche

Im Internet war ich auch wieder unterwegs - (zivile) Seenotrettung und Feminismus haben mich dabei diese Woche verstärkt beschäftigt.

Seenotrettung

Heute marschieren Rechtsextreme in Spandau (Bericht bei Neues Deutschland), um Rudolf Heß zu gedenken, der hier vor dreißig Jahren starb. Von der geplanten Route wurden sie bereits abgedrängt, außerdem wird die Gegendemo deutlich größer. Parallel läuft die Aktion "Ein Cent gegen Nazis - Der unfreiwillige Spendenlauf für Menschenrechte". Dabei werden für jede*n marschierende*n Rechtsextreme*n Spenden gesammelt: Ein Cent pro Kopf. Das Spendenaufkommen geht an Sea-Watch e.V., um zivile Seenotrettung zu unterstützen.

Apropos zivile Seenotrettung: Eine liebe Freundin hat mich auf den Seenot-Montag aufmerksam gemacht, einen "dezentralen Flashmob der Rettungsboote". Dieser ist geschaffen worden angesichts der Schwierigkeiten, die zivile Seenotrettungsgruppen im Mittelmeer gerade haben. Überall soll dabei, unabhängig von Großdemonstrationen, Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit der Rettung gerichtet werden. Mitmachen kann jede*r, ob allein oder als Gruppe, mit viel und auch mit wenig Aufwand. Als Beispiele wurden von den Organisator*innen "gefaltete, mit Straßenkreide gemalte, auf dem Fahrradgepäckträger herum gefahrene, als Brosche getragene" Boote - der Fantasie sind also keine Grenze gesetzt: "Hauptsache, viele viele Boote im öffentlichen Raum." Um die Aktion noch sichtbarer zu machen, wird darum gebeten, die Fotos unter dem Hashtag #seenotmontag zu veröffentlichen. In dieser Facebook-Veranstaltung zum Seenotmontag gibt es noch mehr Infos, aber vielleicht ist ja auch jemand interessiert, der*die nicht so sehr auf Facebook unterwegs ist.

Feminimus

Ist euch mal aufgefallen, dass Frida Kahlo zur Zeit quasi überall ist? Ich hab sie auf Jutebeuteln gesehen, auf T-Shirts, in Büchern - und sogar über meinem Bett hängt ja ein selbstgemaltes Porträt von Frida. Der Deutschlandfunk widmete ihr angesichts einer aktuellen Ausstellung in London einen Bericht. Darin geht's nicht nur darum, inwiefern Frida Kahlo eine Stilikone ist, sondern auch darum, warum sie im Feminismus so eine wichtige Rolle spielt. (Anmerkung: Angesichts der Inspiration, die sich Modeschöpfende aus Fridas Kleidung tragen, denke ich natürlich direkt an kulturelle Aneignung im Sinne der Critical-Whiteness-Bewegung und finde es mindestens schwierig.)

Beim brause*mag ist diese Woche ein Artikel erschienen, der einen Blick auf feministische Kämpfe in Iran, Südkorea, Südafrika und Argentinien wirft.

Im innenAnsicht-Magazin gibt es diese Woche den Erfahrungsbericht einer Betroffenen von Vaginismus, also Schmerzen im Bereich des Scheideneingangs. Diese Schmerzen sind so intensiv, dass vielen Betroffenen jegliches Einführen von Fingern, Sexspielzeugen, aber eben auch Tampons unmöglich ist.

Habt ein schönes Wochenende!

Samstag, 11. August 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Samstagstee ist besonders wichtig, wenn man nicht aus dem Bett kommt.

Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 

Das war keine schöne Woche für mich. Kurz nachdem ich den letzten Samstagstee veröffentlicht habe, lag ich vor dem örtlichen Rossmann auf dem Boden. Aufstehen war nicht. Und üble Schmerzen hatte ich auch: Hexenschuss. Was folgte, war eine Krankenwagenfahrt und diverse Stunden auf einem Flur in der Notaufnahme. Immerhin: Nur nette Leute um mich herum.

Die folgenden Tage habe ich hauptsächlich auf der Couch verbracht, lange stehen geht immer noch nicht besonders gut, aber immerhin kann ich wieder ohne Hilfe aufs Klo.

Alles ein bisschen blöd also. Nicht mal im Internet hab ich gelesen. Aber solche Wochen gibt es einfach auch - und definitiv freue ich mich darauf, wieder ungehindert in die Hocke zu gehen und mich zügig durch die Stadt zu bewegen. Drückt ihr mir die Daumen, dass ich bald wieder soweit bin?

Netzfunde der Woche 

Ein wenig habe ich die Zeit natürlich auch genutzt, um im Internet zu stöbern.

Gute Idee für gelangweilte Nachmittage, an denen man mit Schmerzen im Bett liegt: Podcasts. Höre ich ja grundsätzlich gerne, aber diese Woche hatte ich auch Zeit für richtig lange Strecken. Und so habe ich Sophie Passmann im Podcast "Alles gesagt" von Zeit Online gehört. Vier Stunden lang. Frau Passmann spricht darin - unter anderem versteht sich - über Feminismus, Sozialdemokratie und antifaschistisches Liedgut. Die erste halbe Stunde oder so fand ich schwer erträglich, weil die beiden Typen ständig reinquatschen. Aber entweder wird es besser oder ich hab mich dran gewöhnt. Auf jeden Fall bin ich einmal mehr begeistert von Frau Passmann. (Zuletzt war ich das öffentlich im Juni. Nachzulesen hier.)

Videos gehen auch: ze.tt hat ein Video zum Thema Brustkrebsvorsorge geteilt, das ich sehenswert finde. Weil Brustkrebsvorsorge wichtig ist. Und weil das Video schön anzusehen ist. 

Unter dem Titel "Elon Musk und die Mobmaschine" schreibt Sascha Lobo auf Spiegel Online über Männlichkeitsperformance, (Cyber-)Mobbing und Meinungsfreiheit.

Habt ein wunderschönes Wochenende, ihr Lieben!

Samstag, 4. August 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden zu Rassismus

Für heiße Schokolade war es diese Woche eigentlich zu warm. Aber so lecker!
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.  

Einmal mehr ist die Woche an mir vorbeigerauscht. Das liegt auch an meinem Übernachtungsgast: Seit Donnerstag ist Murphy zu Besuch, ein betagter French Bulldog-Herr. Er hasst die Hitze so sehr wie ich, pupst infernalisch und hat die niedlichsten Kulleraugen ever. Wahrscheinlich werde ich sein Geschnaufe fürchterlich vermissen, wenn er morgen Abend wieder zurück zu seiner Mama geht.

Netzfunde der Woche

Gelesen habe ich im Netz diese Woche natürlich trotz Hundebesuch. Besonders präsent war mir dabei ein Punkt: Rassismus ist gerade aufgrund des neuen Hashtags #metwo endlich wieder in der großen Diskussion.

Rassismus

Die taz berichtete online über den Hashtag #metwo: "Dass über Alltagsrassismus in Deutschland öffentlich gesprochen wird, ist absolut überfällig. Noch überfälliger ist allerdings eine Grundhaltung, die Selbstreflexion und Selbstkritik zulässt. Die nicht sofort abblockt, wenn das Wort Rassismus fällt." Denn genau das ist es, was immer wieder sichtbar wird: Sobald Mesut Özil oder irgendjemand sonst auf rassistische Angriffe hinweist, antworten hauptsächlich weiße Menschen ohne Migrationshintergrund wutschnaubend, das sei doch kein Rassismus. Und sowieso nicht schlimm. 

Dass Rassismus aber halt sehr wohl schlimm ist, zeigt ein Vice-Artikel: "Deutscher schießt auf minderjährige Geflüchtete und niemand interessiert sich dafür" Laut Artikel habe es 2019 bereits mindestens 359 Angriffe auf Geflüchtete und Unterkünfte gegeben. Einige Beispiele vom Juli werden im Artikel auch genannt, etwa ein Mann in Halle (Saale), der mit einer Eisenstange auf zwei Geflüchtete einschlug. Problematisch: Medien berichten kaum noch über Gewalt gegen Geflüchtete und gleichzeitig findet eine Bagatellisierung durch die Polizei statt, die rassistische Motive eher nicht so unbedingt sieht.

Ein langes persönliches Gespräch mit Mo Asumang hat Deutschlandfunk Kultur zum Thema Rassismus geführt. Darin erzählt sie, sie habe sich lange als Opfer geführt. Durch eine konkrete Morddrohung ändert sich das: Nach einer Phase voll Angst geht sie in die Gegenwehr und will die Leute treffen, die sie so sehr hassen. Sie arbeitet mit Häftlingen, besucht Pegida-Demos und besucht sogar den Ku-Klux-Klan in den USA.

Persönlich wird es auch kurz im Interview zu "Ankerzentren" im Deutschlandfunk Kultur. Darin spricht Vanessa Vu, die einem bayerischen Asylbewerber*innenheim aufgewachsen ist, unter anderem auch über ihre Erfahrungen und wie diese sich auf ihre Haltung zu den "Ankerzentren" auswirken. (Aufmerksame Leser*innen kennen Vanessa vielleicht schon, seit ich euch kürzlich den Podcast Rice and Shine vorgeschlagen habe.)

Auch Sascha Lobo spricht in der aktuellen Ausgabe seines Debatten- und Reflexionscasts über Rassismus und Integration - und konzentriert sich dabei auf die Rolle des Journalismus. Seine These: Medien könnten "nicht mehr so zu tun, als könne man neutral und objektiv über Vorgänge berichten, über die sich aus der Perspektive der liberalen Demokratie nicht neutral und objektiv berichten lässt."

Feminismus

Zum Abschluss habe ich noch etwas Schönes aus Neuseeland für euch: In Wellington hat sich die siebenjährige Zoe darüber geärgert, dass auf ein Hinweisschild zu Bauarbeiten an den Oberleitungen nur auf "Linemen" hingewiesen wurde. Dass Frauen zwar an den Leitungen arbeiteten, aber nicht genannt wurden, fand sie "falsch und unfair" - und teilte das der zuständigen Behörde in einem Beschwerdebrief mit. Sehr cool: Die Behörde versprach laut Bento-Informationen, in Zukunft von einer "Linecrew" zu sprechen. Ich bin entzückt und sehr begeistert von Zoe.  

Habt ein schönes Wochenende!

Samstag, 28. Juli 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Samstagmorgende enthalten Tee. Und eine Menge Netzfunde.
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.  

Diese Woche habe ich in erster Linie mit Vorfreude verbracht: Seit Freitagabend verbringe ich das Wochenende nämlich mit dem wunderbaren Vorstandsteam des *innenAnsicht-Magazins - zum Kennenlernen, Planen, Lesen. Ich bin im feministischen Aktivismushimmel, sag ich euch. Wer gucken möchte, was wir die ganze Zeit so treiben, kann gerne mal bei Instagram vorbeischauen, dort halten wir euch auf dem Laufenden. 

Netzfunde der Woche

Damit sich diejenigen von euch, die nicht mit mir ein einem Vorstandsmeetingwochenende sitzen, trotzdem Gehirnfutter bekommen, folgen hier wie üblich die Netzfunde der Woche.

Feminismus

Kennt ihr Jess Wade? Ich bis gestern auch nicht. Aber dann bin ich auf diesen Artikel im Online-Angebot des Guardian gestoßen: "Academic writes 270 Wikipedia pages in a year to get female scientists noticed". Darin erzählt Frau Wade nicht nur, dass sie 2017 diese 270 Wikipedia-Einträge zu Naturwissenschaftlerinnen verfasst hat, sondern auch warum: Die üblichen Kampagnen mit dem Ziel, Mädchen für Naturwissenschaften zu begeistern, seien alle wirkungslos.

Im Interview "Wir haben uns zu sicher gewähnt" des Gunda-Werner-Institus mit der Migrationsforscherin Naika Foroutan geht es um Radikalität. Sie sei "ein wichtiger gesellschaftlicher Motor", sagt die Professorin und meint, genau diese Radikalität habe der Feminismus in den letzten Jahren vermissen lassen. Denn es gebe auch heute noch genügend Kämpfe, die dringend ausgefochten werden müssten - so große Themen wie #metoo, Schwangerschaftsabbrüche und die Debatte um das Kopftuchverbot.

Rechtsextremismus

Diese Woche jährte sich der Jahrestag des Anschlags auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944. Zu diesem Tag berichtet der Deutschlandfunk Kultur unter dem Titel "Anständig bleiben in schwierigen Zeiten" über den offenen Brief, den die Nachfahren der Widerstandskämpfer von damals zur "Verteidigung eines geeinten Europas" geschrieben haben. Im Interview mit der Initiatorin Christina Rahtgens geht es um die aktuelle Verrohung der Sprache, die versuchte Vereinnahmung des Tages durch die AfD sowie darum, wie man in der heutigen Situation Widerstand leisten kann. 
(Ich möchte an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen, dass Stauffenberg, als bekannter Akteur des 20. Juli keineswegs unproblematisch ist. Das war nun nicht unbedingt das, was ich unter einem netten Menschen verstehen würde. Aber die versuchte Vereinnahmung von Widerstandskämpfern aus dem Dritten Reich durch rechte Akteur*innen ist reichlich widerlich.)

Auch am 22. Juli  jährte sich ein Ereignis - das Massaker, das der rechtsextreme Terrorist Anders Behring Breivik 2011 auf auf der norwegischen Insel Utøya verübt hat. Dabei starben 69 Menschen, vor allem Jugendliche, die an einem sozialdemokratischen Sommercamp teilnahmen. Der Freitag sprach anlässlich des Jahrestages mit dem 25-jährigen Überlebenden Erik Kursetgjerde. Im Interview "Aber Hass löst ja nichts" spricht der junge Mann über seine Erinnerungen an den Tag und sein heutiges politisches Engagement.

Habt ein schönes Wochenende!


Sonntag, 22. Juli 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Viel Tee und Liebeslektüre an diesem Sonntagnachmittag

Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.  
 
Ich hoffe, ihr hattet eine schöne Woche? Meine war gefüllt mit meinem Typo3-Kurs und weiteren Schritten in Sachen Zukunftsplanung. Ihren krönenden Abschluss fand sie am Freitagabend im Garten einer Bekannten - mit Gras unter den Zehen, Windbeuteln im Bauch und Erdbeeren in der Bowle. Diese Bowle ist auch schuld daran, dass dieser Beitrag erst heute erscheint, gestern war dann nämlich viel Rumliegen und 80er-Jahre-Actionfilmgucken angesagt...

Netzfunde der Woche

Zwischendurch und immer wieder habe ich diese Woche auch gelesen. Meine Rezension zu "Der Ursprung der Liebe" von Liv Strömquist ist ein Ergebnis davon. Online war aber noch viel mehr los. Eigentlich hätte ich schon am Dienstagvormittag genügend Material für einen ordentlich gefüllten Post gehabt, aber natürlich nicht zum selben Zeitpunkt aufgehört, Artikel zu durchforsten. Also schenkt euch ein Heißgetränk eurer Wahl nach, macht es euch gemütlich und klickt euch durch. 

Widerstand gegen Zerbröselung der Demokratie


Madeleine Albright warnt im Deutschlandfunk Kultur vor einer neuen faschistischen Gefahr. Der Faschismus sei heute eine Methode, die Gesellschaft zu spalten, nach dem Motto "Wir gegen die anderen!". Neben einem kritischen Blick in die USA geht es auch kurz um den Rechtsruck in Europa.

Bei Spiegel Online berichtet Georg Dietz unter dem Titel "Widerstand. Eine Geisteshaltung, die man einüben kann" von einer Berliner Veranstaltung zum Widerstand gegen das Hitler Regime. Von dort schlägt er einen Bogen zum aktuellen Rechtsruck in Europa und welche Bedeutung das Wort "Widerstand" darin erfährt - sowohl von Seiten derer, die Europa durch diesen Rechtsruck gefährdet sehen, als auch durch die Rechten selbst, die diesen Begriff für sich vereinnahmen wollen.

Ebenso wie den Begriff "Widerstand" versuchen die Rechten auch, sich feministische Ideen anzueignen und sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Insbesondere seit der Silvesternacht 2015/2016 in Köln soll Fremdenfeindlichkeit durch Berufung auf Frauenrechte legitimiert werden. Die Rechte der Frauen seien nämlich, so die rechte Erzählung, nur durch Männer mit Migrationshintergrund und deren rückständiges Frauenbild gefährdet. DaMigra, der Dachverband der Migrantinnenorganisationen, hat gegen diese Vereinnahmung die Aktion #ohneuns ins Leben gerufen. Bei Watson gibt es ein Interview dazu.

Widerstand sollte auch im Netz geleistet werden, befindet The Verge. Die alte Weisheit "Don't Feed The Trolls" sei falsch - Trolle unwidersprochen Hass verbreiten zu lassen, lasse die angegriffenen Menschen mit ihren Verletzungen allein.

Mit Trollen beschäftigt sich auch die Studie "Hass auf Knopfdruck" des Londoner Institute for Stragtegic und der Initiative #ichbinhier. In diesem Artikel auf jetzt.de warnt die Initiative vor den Folgen, die organisierte Troll-Armeen im Netz für die gesamte Gesellschaft hätten - am Ende solle nicht nur die Demokratie in den Kommentarspalten, sondern im ganzen Land ausgehebelt werden.

Sexuelle Belästigung

Frauen wird ja gerne mal gesagt, sie sollten sich sofort wehren, wenn sie sexuell belästigt werden. Dass das ziemlich fiese Folgen für die Belästigte selbst haben kann, erfährt gerade Sigi Maurer. Die ehemalige Abgeordnete der österreichischen Grünen bekam sexistische Facebook-Nachrichten und machte diese samt Absender öffentlich. Jetzt wurde sie vom Besitzer des Accounts verklagt, er habe die Nachrichten gar nicht selbst geschrieben und durch Maurers Veröffentlichung wirtschaftlichen wie immateriellen Schaden erlitten. Spiegel Online berichtete hier und in der Kolumne von Margarete Stokowski. Ich bin vor allem unangenehm überrascht, dass derartige Nachrichteninhalte in Österreich nicht strafbar sind.

In Leipzig verharmloste die Polizei derweil einen sexuellen Übergriff in einer Polizeimeldung: Der Grabscher habe sich von den "ebenmäßigen Formen" einer jungen Frau "magisch angezogen" gefühlt. Bento berichtete darüber und erläuterte die drei Hauptprobleme: Neben der Verharmlosung werde mit dieser Wortwahl auch Victim Blaming betrieben und statt nüchtern zu berichten, lieber eine unterhaltsame Geschichte erzählt.

Schwangerschaftsabbruch


Auf Bento erzählen drei Frauen von ihren Erfahrungen in der Schwangerschaftkonfliktberatung. An sich ein guter Artikel, weil sehr unterschiedliche Menschen mit sehr unterschiedlichen Hintergrundgeschichten und Sorgen zu Wort kommen und weil deutlich wird, dass der Wert der Konfliktberatung in hohem Maße von der beratenden Person abhängt. Ich finde es allerdings extrem schade, dass eine Frau berichtet, ihren Abbruch hinterher als "Mord" zu empfinden und die beiden anderen sich für die Fortführung der Schwangerschaft entschieden haben. Da hätte ich von Bento echt mehr erwartet. 

Überhaupt wird von Abtreibungen in den allermeisten Fällen nur mit der "Das ist alles ganz fürchterlich und schlimm"-Grundhaltung gesprochen, auch in feministischen Kreisen. Dass ein Schwangerschaftsabbruch auch ohne große Gewissensqualen geschehen und schlicht eine große Erleichterung sein kann, kommt selbst in feministischen Diskursen nur selten vor, bemängelt Claire im *innenAnsicht-Magazin.

Habt ein schönes Restwochenende!