Samstag, 16. Februar 2019

[Samstagstee] mit Schwangerschaftsabbrüchen

Ein Wochenende muss einfach mit Tee anfangen. Mit viel Tee!
Jedes Wochenende sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Na, wie geht's euch? Seid ihr gut durch die Woche gekommen? Bei mir war diese Woche die letzte Vorlesungswoche des ersten Semesters. Ein Viertel meines Studiums ist damit quasi schon wieder vorbei - bei diesem Tempo wird mir ganz schwindelig. 

Trotzdem kann ich ein gutes Fazit aus den vergangenen Monaten ziehen: Es war eine gute Entscheidung, zurück an die Uni zu gehen. Weil mir erstens das Semester großen Spaß gemacht hat und ich zweitens mit meinem Nebenjob sehr glücklich bin.

Netzfunde der Woche: Schwangerschaftsabbrüche again

Zugegeben: Die kommen derzeit ein bisschen kurz. Neben Studium, Job und Ehrenamt bleibt gerade wenig Zeit und Muße im Netz zu lesen und das am Ende der Woche aufzubereiten. Aber dieses Mal hat sich wieder einiges angestaut.

Fünf Millionen für unnötige Abtreibungsstudie

Schuld ist Jens Spahn. Unser Gesundheitsminister hat nämlich Ende letzter Woche fünf Millionen Euro für eine Studie über die seelischen Folgen des Schwangerschaftsabbruchs bewilligt bekommen (hier nachzulesen bei Spiegel Online).

Das Problem daran: Es gibt solche Studien schon längst. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass es manchen Menschen nach einem Abbruch nicht so gut geht - vor allem wegen der Stigmatisierung oder dem Druck durch Angehörige. Nachlesen lässt sich das unter anderem auf familienplanung.de, einer Seite der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Diese Bundeszentrale wiederum ist "eine Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Gesundheit" (Wikipedia).

Anders formuliert: Jens Spahn müsste einfach nur mal bei seinen Kolleg*innen in Köln anrufen, wenn er das nicht wüsste. In Zeiten von Telefonflatrates ist das deutlich günstiger als fünf Millionen Euro. Man kann wohl davon ausgehen, dass die Ergebnisse durchaus bekannt, aber politisch nicht erwünscht sind.

Widerstand gegen die fünf Millionen für die nutzlose Spahnstudie regt sich zum Beispiel auf Change.org. Dort hat Nike van Dinther eine Petition gestartet, in der sie den Gesundheitsminister unter anderem dazu auffordert, die fünf Millionen lieber für etwas Vernünftiges auszugeben. Zum Beispiel für die psychologische Hilfe ungewollter Kinder und Menschen, die nie Mutter werden wollten.

Innerhalb weniger Tage hat die Petition knapp 60.000 Unterschriften gesammelt. Vielleicht möchtet ihr eure auch noch hinzufügen?

Abtreibungswerbung? Weg mit §219a!

Während Spahns Millionen Aufregung verbreiten, geht ein anderes Thema gerade ein bisschen unter. §219a StGB nämlich. Das ist der Paragraph, der "Werbung" für Abtreibung verbieten soll, aber die Verbreitung von Informationen erschwert ("Welche Praxis nimmt Abbrüche mit welcher Methode und unter welchen Umständen vor?").

Die Anhörung zum aktuellen Gesetzesentwurf findet am Montag statt. Vermutet wird, dass die Gesetzesänderung schon Ende der Woche beschlossen wird. Mareice Kaiser hat ze.tt erklärt, warum dieser Entwurf Mist ist.

PinkStinks haben sich zu diesem Anlass mal angeschaut, wie Abtreibungswerbung in der Realität so aussieht. Und wie Abtreibungsgegner*innen für ihre Position werben.

 Habt ein schönes Wochenende!

Mittwoch, 6. Februar 2019

[Rezension] Hand aufs Herz – von Frauenrechten in Marokko

"Hand aufs Herz": Die Graphic Novel von Leila Slimani erzählt von aufbegehrenden Frauen in Marokko.
Werbung: "Hand aufs Herz" wurde mir freundlicherweise vom avant-Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Triggerwarnung: Sexualisierte Gewalt

„Ich wünsche mir eine strahlendere und freiere Zukunft“, schreibt Leila Slimani im Vorwort ihrer Graphic Novel „Hand aufs Herz“, eine Zukunft, in der die marokkanische Gesellschaft ein entspannteres Verhältnis zu Körpern und Sexualität hat. Denn der Status quo ist so gar nicht strahlend und frei ist – Leila zeigt, wie insbesondere Frauen darunter leiden, aber auch, welche Schlupflöcher sie sich schaffen und wie sie aufbegehren.

Inhalt

Die marokkanisch-französische Autorin Leila ist 2015 in Marokko auf Lesereise, als sie Nour trifft. Die neue Bekannte schüttet ihr das Herz aus, erzählt von der Suche nach einem eigenen Umgang mit Sex zwischen den Anforderungen einer restriktiven Gesellschaft und aufbegehrenden Freundinnen. Die beiden sprechen über Jungfräulichkeit, Vergewaltigung, sexuell übertragbaren Krankheiten, aber auch um Liebe und die Entdeckung der Klitoris. Überschattet sind all diese Themen von Artikel 490 des Strafrechts, denn dieser Artikel stellt sexuelle Beziehungen zwischen unverheirateten Menschen unter Gefängnisstrafe.

Schwangerschaftsabbrüche sind in Marokko ebenfalls strafbar – trotzdem gibt es rund 600 Abtreibungen am Tag und hunderte ungewollt Schwangere sterben jährlich an den Folgen. Die Szene, in der Nour von ihrem eigenen Schwangerschaftsabbruch erzählt, ist eine der bedrückendsten in „Hand aufs Herz“. Denn im Wartezimmer trifft sie auf eine Frau, die den Abbruch nicht bezahlen kann. Noch Jahre später sorgt sich Nour, dass die Unbekannte sich vielleicht prostituieren musste, um das Geld aufzutreiben oder sich gar umgebracht haben könnte. Nour macht sich Vorwürfe, dass sie der Fremden den Abbruch nicht bezahlt hat. Hier wird die Frage nach Solidarität unter Frauen gestellt, die auch in anderen Szenen immer wieder eine Rolle spielt: Wann unterstützen sie sich gegenseitig in ihrem Umgang mit Sexualität und wann siegt die Scham, der gesellschaftliche Zwang?

Diese Frage nach Solidarität wird auch in Bezug auf das Kopftuch gestellt. So erzählt Nour von schiefen Blicken im Büro, als sie mit unbedeckten Haaren und im Rock auftauchte. Nie, nie wieder würde sie das tun. Unter Einfluss dieses Erlebnisses beschäftigte sich Nour mit den religiösen Grundlagen und sprach auch mit der feministischen Theologin Asma Lambaret. Diese meint, die Unterdrückung der Frau sei eigentlich kein islamisches Problem. In Marokko habe man es vielmehr mit fragwürdigen Übersetzungen von Koranversen zu tun, die Frauen zu passiven Objekten machten, obwohl es auch emanzipatorische Übersetzungsmöglichkeiten gebe. Teilweise handele es sich einfach um misogyne Traditionen, statt um echte religiöse Gebote.

Auch Leilas Erinnerung an ein Interview mit einer lesbischen Frau deutet auf eine viel stärker soziale Rolle der Kopfbedeckung hin. Ihre Interviewpartnerin merkt an, dass eben auch Frauen andere Frauen ohne Kopftuch schief angucken, dass Kopftücher aus modischen Gründen oder als Schutz vor Belästigung getragen werden – man erzähle sich, „es halte wilde Tiere fern“. Es scheint, als wäre hier auch ordentlich Victim Blaming am Werk, denn das Bild dazu zeigt zwei verschleierte Frauen verächtlich lächelnd an einer Frau vorbeistolzieren, die kein Kopftuch trägt und von Wildkatzen attackiert wird. Auch Frauen, das wird in diesen Szenen deutlich, halten das unterdrückende System aufrecht.

Die Situation der Frauen in Marokko lässt Leila nach der Begegnung mit Nour nicht mehr los. Und so spricht sie mit weiteren Frauen über ihr Leben – zum Beispiel mit der Haushälterin ihrer Eltern, mit Freundinnen Nours und interviewt eine Sexarbeiterin zu ihrem (Sexual-)Leben.

Auch ein paar Männer kommen zu Wort – und hier bin ich zwiegespalten. Auf der einen Seite bringt Nabil Ayouch, der Regisseur des Filmes „Much Loved“ eine systemische Sicht auf das Geschäft – er kritisiert die moralische Verdammung von Sexualität und gleichzeitige Ausbreitung von Internetpornografie und Prostitution. Aber Männer zu feministischen Themen zu befragen, bietet auch ebenso bekannte wie nervige Fallstricke. So endet die Handlung denn auch mit etwas, das ich nur als „Fail“ bezeichnen kann: Ausgerechnet der letzte Interviewpartner versaut mir die Lesefreude, als er sagt: „Ich hoffe, dass du kein zu negatives Bild von den Männern hier vermittelst. Weißt du, wir haben nicht alle so archaische Vorstellungen von Frauen.“ Ein #notallmen zum Abschluss? Bitter! Für mich fühlt es sich das an, als würde ein Eislaufkünstler nach einer richtig guten Kür auf dem Weg vom Eis über die eigenen Füße stolpern und auf der Nase landen. Autsch.

Da hilft nur, sich vor Augen zu führen, was „Hand aufs Herz“ über die Gesprächsaufzeichnungen hinaus leistet, um den Leser*innen einen tieferen Blick in die aktuelle Situation in Marokko zu geben. Zwischen zwei Blöcken mit Gesprächen gibt es ein schlaglichtartiger Überblick über die Skandale, die marokkanische Gesellschaft im Sommer 2015 in Atem hielten – darunter die Veröffentlichung des erwähnten Films „Much Loved“. Nach Abschluss der Handlung finden sich zusätzlich noch illustrierte Kurzbiografien der Interviewpartner*innen, inklusive Tipps zum Weiterlesen oder Weiterschauen. Das ist fantastisch – denn nach der Lektüre von „Hand aufs Herz“ bin ich mir sicher, dass ich mehr über feministischen Aktivismus in Marokko erfahren möchte.

Schreib- und Zeichenstil

Ich sage es gleich: Wer auf Comics mit viel Action steht, wird hier enttäuscht sein. Denn in erster Linie werden hier Menschen im Gespräch gezeigt. Das bedeutet: Viele ausladende Sprechblasen, teils neben freigestellten Porträts. Das bleibt oft recht statisch – mehr noch, weil landestypische Besonderheiten wie etwa der Gesetzestext zu Artikel 490 im Geschehen zitiert werden. So steht teilweise förmliche Sprache neben steifen Bildern.

Dennoch finde ich, dass sich „Hand aufs Herz“ in Comicform lohnt. Mir helfen die Zeichnungen dabei, ein besseres Gefühl für die gezeigten Personen zu bekommen. Und auch dabei, sie in der Fülle der Charaktere untereinander nicht zu verwechseln.

Man merkt den Bildern und Texten an, dass Leila vor allem Leser*innen im Kopf hatte, die keine Ahnung von Marokko haben und an die Hand genommen werden müssen. Die vielen Stadt- und Landschaftsimpressionen zwischen den Gesprächen geben einen Eindruck der Atmosphäre, der Einschub zu den Skandalen im Sommer 2015 holt Leila Leser*innen ab, die sonst keine konkrete Vorstellung davon hätten, wie die aktuelle Situation in Marokko so war.

Vor allem aber lohnt sich „Hand aufs Herz“ wegen der Buntstiftzeichnungen von Laetitia Coryn, deren liebevolle Details durch die verwendeten Buntstifte so warm wirken und eine tolle Struktur haben.

Fazit: Unbedingt lesenswert!

Trotz des in meinen Augen grandios verkackten Schlusses: „Hand aufs Herz“ fängt so viele Stimmen ein, dass auch das #notallmen den Gesamteindruck nicht zerstören kann. Mir gefällt, dass nicht über, sondern mit Frauen gesprochen wird, dass differenziert auf die Rolle des Islams eingegangen wird, dass Frauen nicht in passiver Opferrolle verharrend gezeigt. Gerade weil in Europa die Diskussion über Frauen im Islam und speziell das Kopftuch (auch in feministischen Kreisen!) sehr stark über die Köpfe muslimischer Frauen hinweg und mit harten Bandagen geführt wird, finde ich diese Graphic Novel sehr empfehlenswert.

Harte Fakten
Titel: Hand aufs Herz
Autorin: Leila Slimani (Übersetzung: Kerstin Behre, Zeichnungen: Laetitia Coryn)
Verlag: avant
Umfang: 108 Seiten
Erscheinung: September 2018
Preis: 25 €

Sonntag, 3. Februar 2019

[Sonntagstee] mit feministischen Netzfunden

Tee mit Katze. Dieses Wochenende sogar mit echtem Flauschtiger.
Jedes Wochenende sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Die letzten Wochen habe ich geschwänzt, zum Beispiel weil ich mit vor Kälte leuchtenden Ohren und Nasenspitze auf einer Demo stand. Obwohl es hier in Berlin schweinekalt war, demonstrierten laut Veranstalter*innen 700 Menschen auf dem Rosa-Luxemburg-Platz gegen §219a StGB.

Meine erste Demo nach dem Umzug nach Berlin war zu genau diesem Thema mit Isa von Crafts & Cramps vor dem Reichstag. Ich wünschte, das Thema hätte sich 2018 erledigt und ich müsste nicht mehr bibbernd mit Eiszehen Schilder hochhalten, die Informationen in Notsituationen fordern.


Zu Hause war dann Badewanne zum Auftauen angesagt - für Netzfunde blieb dabei keine Zeit. Deswegen bekommt ihr jetzt die geballten Netzfunde von insgesamt drei Wochen.

Feministische Netzfunde der letzten Wochen


Wenige Tage nach dem bundesweiten Aktionstag gegen §219a StGB wurde der Kompromisvorschlag der Regierungsparteien veröffentlicht. Warum der kein Grund zum Jubeln ist, hat Mareice Kaiser für ze.tt zusammengefasst.

Raul Krauthausen hat einen Blogpost geschrieben, der in meiner Bubble viel Aufmerksamkeit bekommen hat: "Ungenaue Sprache hilft niemandem" fordert, keine Euphemismen zu verwenden und Behinderung als solche zu benennen.

Clara Zetkin, Simone de Beauvoir und Judith Butler - von diesen drei Feministinnen hat wahrscheinlich jede*r schon mal gehört. Aber wie sieht es eigentlich aus mit Trịnh Thị Minh Hà, Demet Demir oder Rita Banerji? ze.tt stellt zehn Feministinnen vor, die mensch kennen muss.

Feminismus ist zur poppigen Massenbewegung geworden - stellenweise entpolitisiert, historisch simplifiziert, leicht konsumierbar. Laura Dshamilja Weber fragt auf Zeit Online, ob das wirklich ein Problem ist. Und ich bin geneigt, ihr zumindest in einem Punkt zuzustimmen: Es ist schön, wenn niemand mehr Dutzende Uniseminare besuchen muss, um sich einer Bewegung anzuschließen, die das Patriarchat überwinden will.

Die innenAnsicht war auch fleißig. In einer bislang zweiteiligen Serie widmet sich Tabea Farnbacher Fragen, die Feminist*innen immer wieder hören: "Aber warum brauchen wir Feminismus denn heute noch?" und "Aber wieso heißt das Feminismus und nicht Equalismus/Humanismus/etc.?" Damit wir bei der nächsten Fragerei Spickzettel parat haben.
Auch ich habe mich in dieser Woche einem feministischen Standardproblem gewidmet und ein Plädoyer für den selbstbestimmten Gesichtsausdruck geschrieben.

Habt einen wundervollen Sonntag!