Samstag, 14. April 2018

[Samstagstee] mit bedrohten Männern

Weniger Salat, dafür Tee und meinen Senf dazu gibt's auch an diesem Samstag wieder.
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Ganz ehrlich? Wie schon bei der letzten Woche gibt's gar nicht mal so viel zu erzählen. Deswegen springe ich auch sofort zu den Netzfunden, wenn ihr nichts dagegen habt.

Nicht gelesen habe ich in den vergangenen Tagen den Jens Jessens Artikel "Der bedrohte Mann" in der ZEIT. Unter anderem, weil ich mich weigere, für reaktionären Scheiß auch noch Geld zu bezahlen. Immerhin verdient der Herr ja indirekt daran mit. Und die billigen Argumente gegen Feminismus kann ich mir auch in hoher Dosis gratis im Internet durchlesen. Es sind nämlich immer dieselben. "Mimimi, wir Männer dürfen gar nichts mehr sagen", "#notallmen" und so weiter. Trotzdem kam ich nicht darum herum, vom Artikel Notiz zu nehmen, denn gefühlt haben sich alle dazu geäußert. Wer nicht zustimmte, sah sich gezwungen, dagegen zu halten. Es ärgert mich ziemlich, dass mit so einem Mist so viel Aufmerksamkeit errungen werden kann. Aber zumindest zwei Repliken habe ich gerne gelesen.

So wie die von Marcel Wicker bei Pinkstinks. Im Antwortbrief zerlegt Marcel Wicker nicht nur die Argumentation Jessens, sondern erläutert ganz nebenbei noch, dass ja auch Männer Feministen sein (und sogar selbst was davon haben) können. Grundsätzlich sei das gar nicht so schwer, meint er. Feminismus bestehe nämlich in erster Linie darin, "kein Arschloch [zu] sein."
 

Margarete Stokowski ist gewohnt spitzzüngig und bezeichnet Jessens Auslassungen in ihrer Kolumne bei SpiegelOnline als "völlig irren Thesengulasch an prominentester Stelle". Ihre These: Nach seinem Artikel müsse sich keiner mehr sorgen, die peinlichsten Äußerungen zur #metoo-Debatte beizutragen.

Das war's schon für diese Woche! Genießt das Wochenende in vollen Zügen - das hab ich nämlich auch vor!

Samstag, 7. April 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden.

Zum Start ins Wochenende gibt's natürlich Tee.
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Hat diese Woche eigentlich überhaupt stattgefunden? Ganz ehrlich, ich kann mich an kein herausragendes Ereignis erinnern. Aber: Kein Ereignis heißt ja auch, dass nichts allzu Schlechtes passiert ist. Immerhin habe ich ordentlich Zeit damit verbracht, das Internet für euch zu durchstöbern: 

17 Fragen und Antworten zum Schwangerschaftsabbruch gibt's bei Zeitjung. hier gibt's auch Infos zu den medizinischen Optionen. (Ja, ich bleibe weiterhin an §219a StGB dran.)

Das Missy Magazine schaute an Ostern in die Türkei und berichtet vom dortigen Widerstand gegen Erdogan und von der Entwicklung des organisierten Feminismus seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Spannend! (Seit ich ihn gelesen habe, ist der Artikel hinter einer Bezahlschranke verschwunden. Aber vielleicht können einige von euch trotzdem darauf zugreifen?)

Ein Artikel über "ein ganz normales Paar" ist bei Spiegel Online erschienen. Darin beschreibt ein Philip Awounou wie er und seine Freundin ins Zentrum eines Shitstorms gerieten, nachdem ihr gemeinsames Foto für eine Werbekampagne der DAK verwendet wurde.Wie er als "Afro-Moslem-Flüchtling" und "Vergewaltiger" und sie als "Hure" bezeichnet wurden - nur, weil er schwarz ist. Philip Aounou, übrigens geboren in Deutschland, hat versucht zu verstehen, was in den Kommentator*innen vorgeht. 


Das Bundesinnenministerium, seit dieser Legislaturperiode auch zuständig für Heimat, hat Ende März seine Mannschaft (!) präsentiert - sie ist sehr weiß und sehr cis männlich. Bei vielen Feminist*innen hat diese mangelnde Diversität zu starker Kritik geführt: Da fehlten Frauen! 
Nun finde ich es in der Tat befremdlich, wenn Ministerien komplett männlich besetzt sind. Dass Repräsentation wichtig ist und gemischte Teams üblicherweise besser darin sind, unterschiedliche Blickwinkel zu berücksichtigen, muss ich hier sicher nicht weiter erläutern. Nur: Dass es sich bei diesem im Speziellen um ein "Bundesinnenmännersterium" (taz) handelt, ist gar nicht das drängendste Problem! Das Missy Magazine hat in diesem Artikel erklärt, warum: "Das Problem ist nicht, dass „Heimat“ nur von weißen Männern repräsentiert wird, sondern, dass wir uns überhaupt über den Begriff und seine Bedeutung unterhalten müssen. [...] Eine rassistische Institution zu diversifizieren schafft diese nicht ab, sondern legitimiert sie dadurch, dass „ja auch alle mitmachen dürfen“. (Den Punkt zur Polizei sehe ich anders, aber trotzdem: Sehr lesenswert.) Die taz schlägt hier in die selbe Kerbe und schlägt ein paar weitere Gruppen vor, die man doch diversifizieren könnte, wenn einem so viel an bloßer Repräsentation läge - etwa den Ku-Klux-Clan. Ich hab sehr gelacht. 

Jetzt trinke ich meinen Tee aus und mache mich auf den Weg in die Stadt. Meine Mama ist nämlich mal wieder zu Besuch und hat ihre beste Freundin mitgebracht. Wir hoffen auf  Sonnenschein!

Genießt das Wochenende!

Dienstag, 3. April 2018

[Lieblingsplatz] Teufelsberg

Blick über eine Hügelkuppe auf den Teufelsberg
Der erste Blick auf den Teufelsberg.
Im Westen Berlins, zwischen den S-Bahnhöfen Grunewald und Heerstraße, erhebt sich der Teufelsberg. Es ist ein sogenannter Trümmerberg, der nach dem zweiten Weltkrieg augeschüttet wurde. Rund ein Drittel der zerbombten Berliner Häuser macht aus ihm mit Industrieabfälle und Bauschutt den zweithöchsten Berg des Stadtgebiets. Aber das sieht man natürlich nicht, wenn man vor oder gar auf ihm steht. Stattdessen sieht man schon von weitem eine alte Flugüberwachungs- und Abhörstation der US-Amerikaner aus dem Kalten Krieg. Seit Ende der 1990er stehen die Gebäude leer und verfallen. An den zerfetzten Planen der Kuppeln zerrt der Wind, es raschelt und klappert. Für viele Jahre verlassen, war der Teufelsberg ein lost place, ein verlorener Ort. Heute hat er als Street Art Galerie seine Tore wieder geöffnet.

Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Wenn ihr Street Art mögt, kann ich euch den Teufelsberg nur empfehlen.
Ich fand die Atmosphäre in den Hallen, Treppenhäusern und Kuppeln extrem spannend - einerseits die unübersehbaren Spuren des Verlassenseins und der Vernachlässigung über viele Jahre und andererseits die Malereien voller liebevoller Details.

Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
An den vielen Details konnte ich mich kaum satt sehen.
Die Bandbreite der Motive reicht von sehr verspielten, filigranen Wandgemälden bis hin zu gröberen, kleineren Stencils. Ich wusste meistens gar nicht, wohin ich als nächstes gucken, geschweige denn gehen, sollte. Bei jedem Schritt in eine Richtung hatte ich das Gefühl, in der anderen irgendetwas übersehen zu haben.

Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Besonders in den zerfetzten Planen der Kuppel faucht der Wind unüberhörbar. Und ich mochte das Licht!
Tatsächlich bin ich davon überzeugt, dass man ziemlich viele Stunden durch diese Anlage streifen kann - und dabei immer und immer wieder ein neues Detail entdeckt, das den Augen bisher verborgen geblieben war.

Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Annähernd naturalistische Motive finden hier ebenso Platz wie comicartige Bilder.
Hätte ich nicht so gefroren - der Besuch fiel auf einen dieser eisigen Vorfrühlingstage - hätte ich wahrscheinlich noch ein paar hundert Fotos mehr gemacht. Hier zeige ich euch einfach nur meine Favoriten, um den Beitrag nicht zu sprengen.

Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Street Art auf dem Teufelsberg
Morbide wird es auch stellenweise - passt gut zum desolaten Umfeld.
Wenn ihr also bei schönem Wetter nicht wisst, wohin mit euch - den Teufelsberg würde ich euch hiermit ganz entschieden ans Herz legen wollen. Für die Bloggenden unter euch: Der Eintrittspreis mit Recht auf Fotografie kostet zwar mehr, ist's aber definitiv wert. Ihr seht ja, warum...

Wohin geht euer nächster Ausflug?

Samstag, 31. März 2018

[Samstagstee] mit haarigen Netzfunden

Das Wochenende startet mit Tee und Plauschrunde. Wie immer.
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Wenn ihr das lest, bin ich zu Ostern an den Rhein gefahren. Dort wohnt der Schwiegerpapa in spe und freut sich seit Wochen darauf, den Lieblingsmenschen und mich in seine Arme zu schließen. Einen Platz in seinem Herzen habe ich schon, seit ich zum ersten Mal die Nase zu seiner Tür reingestreckt habe - und umgekehrt genauso. Der Schwiegerpapa in spe ist nämlich super.

Falls ich also länger nicht auf Kommentare antworte oder später auf einen virtuellen Besuch vorbeischaue, liegt das daran, dass ich bis zur Halskrause gefüllt bin mit Leckereien, geschichtswissenschaftliche Gespräche führe oder durch irgendeinen Weinberg strolche. Damit euch das Warten nicht zu lange wird, hab ich aber ein paar Netzfunde für euch zusammengesammelt.

Bullshit zu Schamhaaren

Ihr kennt das, ich verbreite samstags öfter schlechte Laune. Ich wüte und zetere mich durch eine Ladung Netzfunde und hoffe, dass ein bisschen von meiner Wut auch euch ansteckt und uns antreibt, gemeinsam etwas gegen die Scheißigkeit der Welt zu unternehmen. Dieses Mal war es die jetzt-Redaktion, die meinen Zorn entfacht hat. Lina von Little Feminist hat hier einen Leserbrief zu einem Artikel veröffentlicht, in dem drei Typen darüber schwadronieren, wie sie zu Schambehaarung stehen. Nicht zu ihrer eigenen wohlgemerkt, sondern zu derjenigen der Frauen, mit denen sie Sex haben. Nach der Lektüre des ursprünglichen Artikels war ich wütend genug, um Feuer zu speien. In Form eines Leserinnenbriefs hat die jetzt-Redaktion dieses auch abbekommen.

Versteht mich nicht falsch. Ich finde es völlig okay, sich über Präferenzen und Abneigugnen auszutauschen. Die meisten von uns haben welche. Aber: Zu einem solchen Austausch gehören alle Beteiligten. Für diesen Artikel hätte das bedeutet: Männer wie Frauen (besonders aber letztere - immerhin sind es ihre Körper, die hier verhandelt werden). Nur, man wenn über solche Dinge spricht, ist es möglich, dass nur Dinge stattfinden, die allen recht sind. Dass alle Beteiligten wirklich Spaß und sexuelle Erfüllung finden.

Was in einen solchen Austausch definitiv nicht gehört, sind objektifizierende, übergriffige Aussagen aus einer einzigen Gruppe. Und schon gar nicht aus der Gruppe, um deren Körperbehaarung es gar nicht geht. Anders formuliert: Dieser Artikel gehört nicht in einen solchen Austausch. Dass er in einem Magazin erscheint, der sich dezidiert an ein junges Publikum richtet, den Menschen, die sich ihrer persönlichen Position zur eigenen Körperbehaarung vielleicht noch nicht ganz sicher sind, finde ich zum Kotzen. 
Ich würde mir wünschen, dass viel mehr über Konsens gesprochen und geschrieben wird, statt  sexistische Bilder zu reproduzieren. Ich würde mir wünschen, dass man junge Menschen (und zwar Männer wie Frauen!) dazu empowert, sich in ihrem Körper wohlzufühlen. Dazu, ihre körperliche Selbstbestimmung durchzusetzen und im Zweifel Leute von der Bettkante zu schubsen, die ihnen beim ersten Date mit Einwegrasierern vor der Nase herumwedeln (statt sich entweder zu enthaaren oder zu einem Blowjob bereitzuerklären). Dazu, einen Zugang zu eigenen sexuellen Vorlieben, zu eigenen körperlichen Präferenzen zu finden. Dazu, die eigenen Bedürfnisse ebenso ernstzunehmen, wie die der oder des anderen.

Sonstige Netzfunde

Zum Lachen hat mich Lina von Little Feminist aber auch gebracht. Ihr Brief an Jens Spahn ist köstlich. Ich habe sehr darüber gelacht, "dass die Pille danach kein Smartie ist [...]. Das eine hat Schokolade außen rum, das andere nicht. Das eine gibt es in der Apotheke, das andere im Supermarkt. Das eine vertrage ich trotz Laktoseintoleranz, das andere nicht."

Marlies Krämer finde ich super. Darüber habe ich hier schon mal geschrieben. Mit ihrem Kampf für geschlechtergerechte Sprache zieht sie jetzt vor das Bundesverfassungsgericht und ist bereit, auch bis zum Europäischen Gerichtshof zu gehen. Weil das Geld kostet, hat sie hier eine Spendenkampagne gestartet.

Ich diskutiere seit dem Urteil des Bundesgerichtshofs gefühlt täglich über das generische Maskulinum. Besonders heftig unter Beiträgen, die diese Petition von Pinkstinks teilen. Darin wird die Kulturministerkonferenz (sic!) aufgefordert, die Entwicklung einer geschlechtergerechten Sprache bei Expert*innen zu beauftragen. Nachgelegt hat Pinkstinks dann nochmal mit diesem Artikel. Darin zeigt Nils Pickert auf, wie Sprache Vorstellungen prägt - am Beispiel von Vergewaltigungen. Die Zitate sind alle bekannt, aber sie lösen in mir jedes Mal von neuem eine Menge Wut aus. Auf Sprache achten ist wichtig - gendern ist dabei nur ein Aspekt.

"Rechte sind nicht erst dann oder dadurch ein Problem, wenn sie die öffentliche Ordnung stören, sondern wenn und weil sie rechts sind." So beginnt dieser Artikel im Missy Magazine. Das mache eine friedliche Koexistenz mit ihnen zur unterlassenen Hilfeleistung denjenigen gegenüber, deren Würde und Leben durch sie bedroht sind. Das mache Widerstand notwendig, der ganz friedlich auch so aussehen könne: Nazis keine Bühne zu geben. Spannende Überlegungen zum Zusammenhang zwischen öffentlicher Ordnung und Privilegien, die man mal durchs Hirn wälzen kann.

Und jetzt: Genießt das Wochenende!

Donnerstag, 29. März 2018

13 Fakten über Filme und mich

Foto: Sven Scheuermeier auf Unsplash

 Astrid erzählt im März von ihrem Verhältnis zum Film und hat ihre Leser*innen eingeladen, es ihr gleichzutun. Das Verlinkungstool ist noch ein paar Tage geöffnet. Vielleicht mögt ihr auch noch etwas beitragen?

Gleich zu Beginn muss ich euch ein Geständnis machen: Ich bin gar keine große Filmeguckerin. Meine Liebe gehört zu ganz großen Teilen Hörbüchern und Podcasts. Das liegt daran, dass ich die Finger nicht gut stillhalten kann. Ich möchte gerne während des Medienkonsums sticken oder Hexagone zusammennähen. Das geht natürlich verlustfreier bei Medien, die man nur hören muss.

Wenn ich doch Filme gucke, dann am liebsten mit dem Lieblingsmenschen. Während ich im besten Fall komplett in der Geschichte aufgehe und mit Charakteren identifiziere, achtet er viel mehr darauf, wie Licht und Raum wirken. Das führt anschließend zu sehr spannenden Diskussionen und zu ganz neuen Blickwinkeln für mich.

Weil ich beim Filmgucken so sehr mit den Charakteren mitgehe, brauche ich Taschentücher. Wenn jemand anfängt zu weinen, mache ich nämlich mit. Das war schon immer so. Als ich als kleines Kind zum ersten Mal den "König der Löwen" gesehen habe, mussten wir nach Mufasas Tod eine Viertelstunde was anderes schauen, bis ich aufgehört hatte, zu schluchzen. Mir fallen auch spontan drei Filme ein, die mich in den vergangenen vier Jahren in sehr nasse Häuflein Elend verwandelt haben - ich bin daher zuversichtlich, dass das so bleibt.

Über Lieblingsschauspieler*innen musste ich eine Weile grübeln. Helena Bonham Carter sorgt ziemlich zuverlässig dafür, dass ich Filme von weitem interessant finde. Und Sigourney Weaver liebe ich als Ellen Ripley in "Alien" sehr. Aber zumeist wähle ich nach Genre und Plotzusammenfassung aus...

Mit Buchverfilmungen bin ich meistens unzufrieden, besonders wenn ich die Vorlage liebe. Mir ist bewusst, dass man in zwei Stunden Film niemals 1500 Seiten in ihrer Gesamtheit unterbringen kann. Mir ist ebenfalls bewusst, dass die beiden Medientypen völlig unterschiedliche Anforderungen und Stärken haben und Merkmale des einen nicht direkt ins andere umgesetzt werden können. Aber meistens gehen bei der Umsetzung genau die Aspekte verloren, die ich am Buch geliebt hatte.

Ich mag viele Horrorfilme nicht. Besonders die verdammt häufige sexualisierte Gewalt gegen Frauen kann ich nicht ab. Abseits meiner politischen Überzeugungen ist es aber einfach auch emotional nicht so angenehm für mich, wenn alle fünf Minuten jemand unter lautem Geschrei verstirbt und Menschen weinen. Wie gesagt: Ich heule da mit. Im Zweifel auch mitten in einem Zombiefilm, wenn sich ein infizierter Vater wortreich von seiner verzweifelten Tochter verabschiedet. Es gibt aber natürlich auch Horrorfilme, die ich klasse finde. "The Girl With All the Gifts" zum Beispiel (Trailer - Achtung, stellenweise blutig und brutal). Dabei ist das sogar eine Buchverfilmung, deren Vorlage ich sehr mag - warum habe ich hier beschrieben.

RomComs, also romantische Komödien kann ich in der Regel auch nicht ab. An diesen stört mich, wie oft hochgradig gruseliges Verhalten der Love Interests zu Romantik hochstilisiert wird. Da sitze ich dann vor dem Laptop und zetere, dass "Nein" einfach "Nein" heißt, Stalking nicht romantisch ist und ob es eigentlich arg schwierig war, derart stereotype Charaktere zu bauen. Grr!

Ich mag Fantasy und Science Fiction als Genres ziemlich gerne. Mit zwölf Jahren saß ich mit großen Kulleraugen im Kino und schaute "Der Herr der Ringe - Die Gefährten". Das Bedürfnis, nach Neuseeland zu reisen, ist nicht abgeklungen. Zur Kompensation habe ich die Filme mittlerweile ich das so oft wiedergesehen, dass ich manche Passagen mitsprechen kann. (Die "Hobbit-Verfilmungen finde ich übrigens im Gegensatz dazu ziemlich schlimm. Für einen eloquenten Verriss empfehle ich an dieser Stelle "The Hobbit: A Long-Expected Autopsy" von Lindsay Ellis.)

Als Lieblingsgenre würde ich animierte Kinderfilme sehen. Auch die bringen mich unter Umständen zum Heulen und sind natürlich auch nicht zwangsläufig frei von Stereotypen. Aber auch da kann man sich ja Perlen rausgreifen, die zu einem passen. "Frozen" hat mich zum Beispiel intensiv durch mein Auslandssemester in Finnland begleitet. "The cold never bothered me anyway", ihr wisst schon. Seitdem ist "Let it go" mein Soundtrack für schwierige Entscheidungen, neue Anfänge und... naja, für's Loslassen natürlich.

Überhaupt, Filme mit Musik: Von "Les Miserables" habe ich jedes Mal wochenlang Ohrwürmer. "Reeeeed, the blood of angry men, blaaaaack, the dark of ages past, reeeed a world about to dawn, black the night that ends at laaaaaast...!" Hach. Kann ich übrigens auch nur mit Taschentüchern gucken, wenn ich Überschwemmungen vermeiden möchte. Bei "Empty Tables" reicht allein der Soundtrack.

Der letzte Film, den ich im Kino gesehen habe, war "Shape of Water". Was für ein wunderschöner Film! Dass er Oscars gewonnen hat, hat mich unheimlich gefreut. Nicht nur wegen der Story, die auf Liebe und Toleranz gegenüber Andersartigem setzt und damit einfach schon sehr sympathisch ist. Auch nicht ausschließlich wegen der Charaktere, die in ihrer Verschrobenheit endlos liebenswert sind (und sehr divers!). Sondern tatsächlich auch, weil der Film so unheimlich schön anzusehen ist mit seinem konstanten Petrolstich und den traumartigen Bildern. Wenn ihr ihn noch nicht kennt, überzeugt euch vielleicht der Trailer, das zu ändern.

Fasziniert hat mich "A Girl Walks Home Alone at Night" (Trailer). Vice beschreibt ihn als den "ersten iranischen Vampirwestern". Die Hauptperson: eine Vampirin im Tschador auf einem Skateboard. Total cool, ungewöhnlich - und feministisch, sowohl in der Prämisse als auch im Brechen stereotyper Bilder. (Für einen Einblick in feministische Filmtheorie möchte ich an dieser Stelle nochmal auf Lindsay Ellison verweisen. Die Episoden 5-7 ihrer Reihe The Whole Plate: Film Studies through a Lens of Transformers beschäftigen sich nämlich genau damit.)

Mein Lieblingsfilm ist "Harold and Maude". Der Trailer ist schräg, aber das ist der Film ja auch. Er erzählt, wie sich ein junger Mann mit zu viel Geld und zu wenig Lebensfreude in eine alte Dame verliebt, die vor Lebenslust nur so sprüht. An ihrer Seite bricht er aus den Erwartungen seiner Familie und der scheinbar vorherbestimmten Langeweile aus. Ich habe kürzlich hier darüber geschrieben, dass es so wenige Vorbilder gibt, wie man als Frau altern kann. Marlies Krämer ist mein neuestes, aber Maud war mein erstes.

Was ist euer Lieblingsfilm?

Dienstag, 27. März 2018

[Rezension] Nimona


"Nimona" ist eine coole Graphic Novel von Noelle Stevenson

Eines Tages steht Nimona, Teenagerin mit Gesichtspiercings und teilrasiertem Schädel, vor dem Schurken Ballister Blackheart. Sie werde von heute an sein Sidekick sein, verkündet sie - schließlich habe heutzutage jeder einen. Nimonas überzeugendstes Argument: Sie ist Gestaltwandlerin und mehr als bereit, dieses außergewöhnliche Talent gegen Blackhearts entschiedenste Gegner einzusetzen, den strahlenden Ritter Ambrosius sowie das Institut für Recht und Ordnung und Heldentum.

Danach beginnt ein zunächst heiterer, aber zunehmend ernsterer und brutalerer Kampf zwischen Gut und Böse, bei dem man manchmal nicht mehr weiß, welcher Seite eigentlich welche Eigenschaft zugeschrieben werden kann.

Eingebettet ist dieser Kampf in eine pseudomittelalterliche Fantasy-Welt mit Rittern, Drachen und Magie, die aber gleichzeitig auch Science-Fiction-Elemente wie höchst potente Schusswaffen, moderne Kommunikationselemente und Pizzalieferdienste zu bieten hat. Cooler Mix!

Gestaltwandlerin statt Prinzessin

Nimona ist eine Titelantiheldin, mit der ich ungern zusammenwohnen möchte, die ich aber gerne lese: Unbeherrscht, fürsorglich, aufbrausend, loyal und brutal, entspricht sie schon charakterlich nicht dem Klischee. Dass sie darüber hinaus auch noch an der Oberfläche alles andere als eine "Normschönheit" ist, lässt mein Herz nur noch höher schlagen. Nimona ist  keine Prinzessin, die man vor dem Drachen retten muss, sondern eine Gestaltwandlerin, die sich selbst in Drachen verwandeln kann, um ihre Leute rettet. Zumindest auf den ersten Blick.


Nimona wird zum Drachen und bringt Erzschurken Blackheart in Sicherheit.
Ich rechne "Nimona" hoch an, dass die Titelfigur nicht die einzige Frau innerhalb der Geschichte ist, das "Not like the other girls"-Girl, mit dem man auch als Mann und Erzschurke Zeit verbringen kann. Eine andere Frau besetzt sogar eine ziemlich mächtige Führungsposition! Die Frauen in "Nimona" sind nicht alle schlank, nicht alle nett und auch nicht alle weiß. (Allerdings muss ich zugeben: Alle Hauptfiguren sind weiß und  alle Hauptfiguren außer Nimona haben eine langaufgeschossene, hagere bis sportliche Figur.)
 
Für mich persönlich ein bisschen enttäuschend: Teilweise geht trotzdem das Klischee mit Nimona und ihren Kolleg*innen durch (Achtung, Spoiler!): Der strahlende Ritter und der Erzschurke waren mal beste Freunde, in Nimonas Vergangenheit lauern dunkle Schatten - kennt man schon, hat man so und auch so ähnlich schon ziemlich oft gelesen.

Trotzdem ist "Nimona" sehr kurzweilig. Für den kleinen Fantasyhunger zwischendurch kann ich das definitiv empfehlen!

Titel: Nimona
Autorin: Noelle Stevension
Verlag: Splitter
Umfang: 272 Seiten 
Preis: 19,95 €

Samstag, 24. März 2018

[Samstagstee] mit feministischen Netzfunden

Tee für den Wochenendstart! Auf der Tasse ist das Michelskloster von Bamberg abgebildet.

Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 

Es hat mich auch in dieser Woche wieder auf die Straße getrieben, wieder wegen Schwangerschaftsabbrüchen. Dieses Mal habe ich nicht direkt gegen §219a StGB demonstriert, nicht mal für die Selbstbestimmung deutscher Schwangerer. Stattdessen ging's zur Solidaritätsbekundung mit ungewollt Schwangeren in Polen. Dort gibt's schon heute das schärfste Schwangerschaftsabbruchsrecht in Europa. Abbrüche sind nur erlaubt, wenn die Schwangerschaft durch Vergewaltigung oder Inzest entstanden ist oder wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist. Bisher gelten auch schwerste Missbildungen, zu erwartende schwere Behinderungen oder geringe Lebenserwartung der Föten als rechtlich zulässige Gründe. Das soll sich aber jetzt ändern - und das stößt auf Widerstand. Die Demo in Berlin war recht klein, aber die Bilder aus Warschau waren ziemlich beeindruckend.

Netzfunde zum Schwangerschaftsabbruch


Im Tagesspiegel fand ich diese Reportage über Pol*innen, die für Schwangerschaftsabbrüche nach Berlin kommen. Eine Gruppe namens "Tante Barbara" hilft ihnen bei den vorgeschriebenen Beratungsgesprächen, sorgt für private Unterkünfte und finanzielle Mittel. Mich beeindruckt dieser Wille zu helfen, obwohl Unterstützende bei - nach polnischem Recht illegale - Schwangerschaftsabbrüchen mit Strafverfolgung zu rechnen haben, auch wenn sie im Ausland leben. Wer nach der Lektüre helfen möchte: Tante Barbara führt hier gerade eine Fundraising-Kampagne.

Bei Spiegel Online bin ich auf ein Interview mit der Frauenärztin Nora Szasz gestoßen. Wie Kristina Hänel ist sie wegen eines Verstoßes gegen §219a StGB angeklagt: Auf der Webseite ihrer Praxis findet sich der Hinweis, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführt. Warum sie das trotz Widerständen tut? "Weil es die Frauen nun mal gibt, die zu mir kommen und ungewollt schwanger sind. Sie befinden sich in einer Notsituation und brauchen Hilfe. [...] ich sehe uns Ärztinnen in der Pflicht, Frauen in ihrem eigenen Weg zu unterstützen und durch Notsituationen hindurch zu helfen", sagt Frau Szasz. Und ich bin unendlich dankbar, dass es Ärzt*innen wie sie gibt.

Die neueste Episode des Podcasts "Stimmenfang" (ebenfalls von Spiegel Online) dreht sich auch um §219a StGB. Darin wird eindrücklich die Odyssee einer Patientin beschrieben. Weil ihr niemand sagen konnte, welche Ärzt*innen einen Schwangerschaftsabbruch in ihrer Nähe vornehmen, musste sie im Internet auf die Suche gehen. Auf einer Abtreibungsgegnerseite hat sie zwischen widerlichem Bildmaterial schließlich Kristina Hänels Namen gefunden - und ist 400 Kilometer weit gefahren. Außerdem gibt es unter anderem auch Interviewpassagen mit Kristina Hänel. Fazit des Podcasts: Das Werbeverbot wird zur Schikane.

[edit, weil zu wundervoll:] Auch Ninia LaGrande hat sich des Themas angenommen: "In der ganzen Debatte wird so getan, als wüssten die Menschen mit Uterus nicht, was sie da eigentlich machen. Als müsste man ihnen rechtliche Vorgaben machen, damit sie nicht wirr herumvögeln und alle vier Wochen ein Kind abtreiben lassen." Ganz genau das. Sehr wütender, polemischer Text, bei dem ich sehr lachen musste.

Während in den Medien gefühlt ein teilenswerter Artikel nach dem anderen erscheint und ich gefühlt wöchentlich demonstrieren gehe, passiert innerhalb der neu angetretenen GroKo... nüscht. In mehr Worten formuliert das Zeit Online hier. Wenn ich wenigstens sagen könnte, dass mich das überrascht, wäre ich nicht ganz so wütend.

Sonstige Netzfunde


Diese Kolumne im Missy Magazine hätte eigentlich schon in die Linksammlung von letzter Woche gehört, als ich zum generischen Maskulinum gesammelt habe. Ich habe sie aber erst diese Woche gelesen, daher nun: "Wenn es schon so hart ist, Frauen in der Sprache abzubilden, wie hart wird es dann erst sein, ihnen das gleiche Geld für gleiche Arbeit zu geben und Gleichberechtigung in allen gesellschaftlichen Belangen zu erreichen?" Dass Gendern dazu zwingt, über die eigene Sprache nachzudenken und die Frage, wen man denn gerade eigentlich meint, nicht meint oder gar bewusst ausschließt, merke ich bei jedem Post, den ich hier schreibe. Und wie Anna Mayrhauser finde ich, dass mir das unheimlich viel bringt.

Ebenfalls im Missy Magazine las ich ein Plädoyer, sich einzumischen, auch wenn man zur privilegierten Gruppe gehört und sich nicht entspannt zurückzulehnen und mal die wirklich Unterdrückten machen zu lassen. Dabei aber vielleicht nicht in der ersten Reihe stehen und so laut brüllen, dass die eigentlich betroffenen Stimmen übertönt werden.  

BILDblog hat zusammengestellt, wie das große Boulevardblatt über sexuellen Missbrauch durch Lehrerinnen berichtet. Da wird dann durch "attraktive Sex-Lehrerinnen" nicht etwa "missbraucht" oder "vergewaltigt", sondern verführt. Selbst, wenn es um 13-Jährige geht. "So wird aus einem sexuellen Übergriff — schwupps! — ein erotisches Abenteuer zum Mitsabbern." Wi-der-lich, auf so vielen Ebenen.

Magda berichtet für die Mädchenmannschaft von ihrem Besuch der Leipziger Buchmesse, die bei wenig Feminismus ziemlich viele Nazis geboten habe. Ich wünschte, ihr Bericht würde mich in irgendeiner Form erstaunen. Aber dafür kommt es viel zu häufig vor, dass Nicht-Rechten gesagt wird, sie sollten sich doch bitte besonnen, lieb und nett verhalten und die Nazis ungestört Parolen gröhlen lassen. Das Transit-Magazin bezeichnet diese "Diffamierung des Widerspruchs als „antidemokratisch“" hier als den "tatsächliche[n] Anfang vom Ende des Diskurses". 

Puh, da hat sich diese Woche doch einiges angesammelt. Wer bis hier hin durchgehalten hat, hat sich das samstägliche Heißgetränk definitiv verdient. Macht es euch schön!

Mittwoch, 21. März 2018

[Tell a Story] Bäume

Ein Baum, auf dessen Borke mit pinker Sprayfarbe "Baum" geschrieben ist.
Es handelt sich hierbei um einen Baum, falls ihr es nicht erkannt haben solltet.
 Emma von Frühstück bei Emma sammelt unter dem Motto Tell a Story jeden Dienstag Fotos (und Worte) zu einem bestimmten Thema. Diese Woche sind "Bäume" dran - und angesichts einer Wohnung, die mittlerweile jede Wohnlichkeit hinter sich gelassen hat, bin ich gerne wieder mit dabei.
 
Ich mag Bäume. Im Frühling entzückt mich jedes hellgrüne Blatt. Wenn es Sommer wird, möchte ich am liebsten die ganze Zeit in ihrem Schatten verbringen. Im Herbst kicke ich raschelnde Blätter vor mir her und freue mich viel zu sehr darüber. Und im Winter? Da sehe ich endlich die hochgereckten Äste, die sonst verborgen bleiben und kann hindurch gucken, um mit etwas Glück einen Flecken blauen Himmel sehen.

Es ärgert mich, wenn andere Bäume nur als Störenfriede empfinden. Zur Geschichtensammlung meiner Familie gehört, wie ich an einem Herbsttag als Vierjährige durchs Kinderzimmerfenster einen Nachbarn anschrie. Er schlug mit einem Besen auf einen Strauch ein, damit dieser die Blätter alle auf einmal verlöre. Er wollte nur einmal kehren. Mein Zorn kannte kein Maß - der arme Baum! Die schönen bunten Blätter!

Wo meine Eltern heute wohnen, drischt niemand mehr auf wehrlose Blatttragende ein. Dort werden sie einfach gefällt. Die Erklärung ist aber oft auf ähnlichemNiveau: "Von diesem Ast scheißen die Vögel auf den Weg, der muss weg!"
Als wir dort eingezogen sind, konnte man vor lauter Bäumen die nächsten Häuser kaum sehen. Mittlerweile muss man sich nicht besonders anstrengen, um herauszufinden, was es gegenüber zum Frühstück gibt.

Deswegen bin ich sehr froh, dass in meiner Straße in Berlin einige richtig große, hohe Bäume wachsen. Der eine oder andere überragt die Häuser mit spielerischer Leichtigkeit. Ein paar Äste winken mir ins Dritter-Stock-Blickfeld. Wenn ich sie anschaue, frage ich mich, was sie schon alles erlebt haben. An meinem Haus hängt zum Beispiel eine Plakette, die einen Wiederaufbau in den Fünfzigern bestätigt. Ich finde es beeindruckend, dass der Baum wenige Meter davon entfernt offenbar Bombenangriffe, Brand und Brennholzbedürfnisse überstanden hat. Ich frage mich, was er erzählen könnte.

Das ist nicht mein Berliner Baum, sondern ein herbstliches Waldstück in Stuttgart.
Überhaupt fände ich es großartig, mit Bäumen sprechen zu können, die schon seit vielen Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhnderten ihre Umgebung beobachteten.

In "Rumo und die Wunder im Dunkeln" von Walter Moers erzählt tatsächlich ein Baum dem Titelhelden seine Lebensgeschichte. Er spricht durch die Waldtiere, die in seiner Krone und zwischen seinen Wurzeln leben - und fühlt sich dabei grundsätzlich missverstanden:

"[W]enn ich dich fragen würde, was du für das unbeweglichste Lebewesen hältst, das überhaupt existiert, was würdest du sagen? [...] Na, ein Baum würdest du wahrscheinlich sagen. Wir sind nun mal das Symbol für Standhaftigkeit. Bodenständig wie nur was! Dabei sind wir die beweglichsten Lebewesen überhaupt. Wir bewegen uns immer - in jedem Augenblick, in jede Richtung. Nach oben, nach unten, nach Norden, nach Süden, nach Osten, nach Westen. Wir ruhen nicht, wir dehnen uns aus. Ast für Ast, Blatt für Blatt, Jahresring um Jahresring. Eine Eiche ist eigentlich das beste Symbol für Beweglichkeit, aber man interpretiert uns hartnäckig falsch." (Ich zitiere hier nach dem Hörbuch, die Interpunktion stammt daher von mir.)

Samstag, 17. März 2018

[Samstagstee] mit generischem Maskulinum

Wochenrückblick mit einer Tasse Tee - und einer neuen Heldin
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind. 

Ich bin ein großer Fan dieser Woche, denn ich habe Besuch. Eine meiner besten Freundinnen ist hier in Berlin. Als ich verkündet hatte,in die Hauptstadt zu ziehen, hatten wir befürchtet, unser Besuchsrhythmus könnte leiden, aber im Moment sieht es eher danach aus, als könnte der seine Schlagzahl erweitern. Super - das bedeutet nämlich mehr feministische Grundsatzdiskussionen, Konzertgänge und Lingerieeinkäufe.

Trotz Besuch hatte ich zumindest ein bisschen Zeit, im Internet zu stöbern und dabei Marlies Krämer zu meiner feministischen Heldin der Woche (mindestens!) zu erklären. Dabei hat Frau Krämer im Laufe der Woche einen Rückschlag eingesteckt: Der Bundesgerichtshof ist anders als sie nicht der Meinung, dass die Sparkasse von einer "Kundin" oder "Kontoinhaberin" sprechen müsse. Das generische Maskulinum meine ja schließlich "seit 2000 Jahren" Frauen mit. (Dass man mit diesem grandiosen Argument Frauen auch das Wahlrecht, das Recht zu studieren usw. wieder aberkennen könnte... was soll's.)

Das Medienecho ist ziemlich groß. Und während ich wirklichwirklichwirklich keine Kommentare irgendwo lesen sollte, habe ich auch stellenweise heftig gekichert. Etwa über Vorschläge, die nächsten zweitausend Jahre einfach konsequent das generische Femininum zu nutzen, wenn es doch angeblich eh wurscht ist.


Auch diese 16 Tweets, die Buzzfeed zum Thema eingesammelt hat, fand ich ziemlich witzig. Besonders gefreut habe ich mich über folgenden:
Screenshot eines Tweets: "Für die paar männlichen Hebammen wurde extra die Berufsbezeichnung Entbindungspfleger geschaffen, aber für Millionen Frauen ist "Kundin" nicht möglich. Spannend."Jana Friedrich vom Hebammenblog.
Jana Friedrich vom Hebammenblog - wunderschön. (Screenshot: Twitter)
Unter anderem habe ich mich gefreut, weil ich jetzt weiß, dass es da tatsächlich eine männliche Form gibt und dass sie nicht "Hebammerich" lautet. (Ja, darüber habe ich kürzlich wirklich nachgedacht.)

Ich finde es übrigens schön, dass eine männliche Form für diese vereinzelten Fälle geschaffen wurde. Ich finde es gut, sprachlich sensibel vorzugehen und sich um Inklusion zu bemühen, statt den Nicht-Angesprochenen die Bürde aufzuerlegen, sich bitteschön gemeint zu fühlen.* Allerdings erstaunt es mich schon, wenn für Männer neue Wörter erfunden werden können, während in die andere Richtung massive Widerstände gegen ein bloßes Suffix herrschen.

Für die Frage, warum es diesen Widerstand in diesem Ausmaß gibt, fand ich diesen Post von Antje Schrupp besonders erhellend. Er geht weit über die immer gleiche Diskussion des Mitgemeintseins hinaus.Vielmehr sei das Beharren auf das generische Maskulinum Ausdruck des Beharrens weiter Menschen und Männer sprachlich gleichzusetzen und dadurch Männlichkeit als Standard (und alles andere als Abweichung) zu setzen. Genau dagegen wehre sich ein Feminismus, der sich für geschlechtergerechte Sprache engagiere: "Wir bestreiten den Anspruch von Männern und Männlichkeit, das Allgemeine zu respräsentieren, und uns den Status des Partikularen zuzuweisen. Männer sind nur ein Teil der Menschheit, und zwar ein spezifischer Teil, der nicht den Anspruch erheben kann, für uns zu sprechen." Und an dem Punkt geht es wirklich nicht mehr darum, ob ich beim Lesen eine Transferleistung hinbekomme, sondern um gesellschaftliche Deutungshoheit und Macht.

Insgesamt freue ich mich unheimlich, dass Marlies Krämer mir nun bekannt ist. Dass ich weiß, dass ich es ihr verdanke, dass auf meinem Pass "Inhaberin" steht und dass Tiefdruckgebiete nicht mehr nur weibliche Namen haben. Dass sie mir beweist, dass man auch als alte Frau verdammt großartig und kämpferisch sein kann - solche Vorbilder sehe ich viel zu selten. Die Mädchenmannschaft scheint zum selben Ergebnis gekommen sein. Unter der Überschrift "Smash the Patriarchy mit 80" hat sie fünf Dinge aufgelistet, die wir alle von Marlies Krämer lernen können.

Übrigens finde ich, dass Marlies Krämer mit ihrem beharrlichen Widerstand gegen sprachliche Ungerechtigkeit ganz wunderbar in die Reihe "Unerschrocken" von Pénélope Bagieu passen würde. Deren ersten Band habe ich am Mittwoch rezensiert. Er ist voller Frauen, die ihr Ding gemacht haben und ihre Vorstellungen vom Leben durchgesetzt haben - mal im großen, politischen und mal im kleinen, privaten Raum.

Ich trinke jetzt meinen Tee aus und mache mich dann auf zu Tight Laced, einem Berliner Wäschelabel mit feministischen und body-positiven Grundsätzen. Große Lingerie-Liebe! (Nein, ich bekomme kein Geld für schamlose Werbung - das hier ist reine Vorfreude.)

Habt ein wunderschönes Wochenende!



*Apropos Inklusion: Die Diskussion ist immer noch verdammt verhaftet in einer binären Geschlechterkonstruktion - und dadurch bedingt ist es auch dieser Blogpost wesentlich mehr als mir gefällt. Selbst wenn endlich mal die weibliche Form mitgeschrieben statt nur -gemeint wird, schließt damit immer noch diverse Menschen aus. Mittel- bis langfristig wünsche ich mir da noch eine Menge mehr!

Mittwoch, 14. März 2018

[Rezension] Unerschrocken - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen

"Unerschrocken" sind die Frauen, die Pénélope Bagieu porträtiert hat.
Unerschrocken - so gehen die Frauen in Pénélope Bagieus fünfzehn Kurzporträts ihren Weg: Agnodike kämpft im antiken Griechenland für sichere Geburtshilfe, Giorgina Reid rettet einen Leuchtturm vor der Erosion und Christine Jorgensen setzt sich in den Fünfzigern für die Wahrnehmung und die Rechte Transsexueller ein.

Die Mischung, die Pénélope Bagieu in ihrer Graphic Novel "Unerschrocken" vorgenommen hat, ist vielfältig. Frauen von allen Kontinenten, aus verschiedenen Zeitaltern und mit ganz unterschiedlichen Leidenschaften: Die lesbische Autorin fand ebenso Platz wie die tanzende Widerstandskämpferin oder die kriegerische Schamanin. Mir gefällt, dass nicht gewertet wird: Kein Lebensentwurf, keine Bestimmung wird höher angesetzt als andere. Jede Frau darf mit ihrem Leben das anstellen, was sie möchte und am besten kann - selbst wenn sich dieser Lebenstraum erst im Rentenalter einstellt. Das macht (mir und sicher auch anderen) Mut, meinen eigenen Schwerpunkt zu setzen.

Jedes Porträt ist etwa zehn Seiten lang. Klar, dass in diesem engen Rahmen keine allzu ausführliche Biographie entstehen kann. Stattdessen konzentriert sich Pénélope Bagieu auf die wichtigsten hard facts und kombiniert sie mit witzigen Anekdoten und Details. Ich mag das - nicht zuletzt, weil ich Kurzporträts auch als Sprungbrett für weitere Recherchen sehe, als Möglichkeit überhaupt erst neugierig auf das Leben einer Person zu werden.

Mindestens ebenso gut gefallen mir Pénélope Bagieus Illustrationen: Die Kurzporträts sind in reduzierten Farbpaletten gehalten, die jeweils zu den Frauen passen. Am liebsten mag ich die doppelseitigen, wortlosen Bilder am Ende jedes Porträts. Einige davon würde ich mir am liebsten direkt an die Wand hängen.
Leymah Gbowee hat 2011 den Friedensnobelpreis für ihr Engagement im Bürgerkrieg in Liberia erhalten.

Natürlich gab und gibt es so viel mehr als nur fünfzehn unerschrockene Frauen. Daher erscheint der zweite Band auch schon im Mai und kann hier beim Reprodukt-Verlag vorbestellt werden. Ich freu mich jetzt schon drauf! Wem die Wartezeit nach der Lektüre von Band 1 zu lang erscheint, dem möchte ich einmal mehr Women in Science, Good Night Stories for Rebel Girls und Astrids Reihe Great Women wärmstens ans Herz legen. Viel Spaß beim Lesen!

Titel: Unerschrocken - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen
Autorin: Pénélope Bagieu
Verlag: Reprodukt
Umfang: 144 Seiten 
Preis: 24 €

"Unerschrocken" wurde mir freundlicherweise vom Reprodukt zur Rezension kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Meinung ist trotzdem meine eigene und wurde durch den Verlag nicht beeinflusst.