Sonntag, 10. März 2019

[Sonntagstee] mit Frauenkampftag

Heute mal keine Teetassen. Demoschilder verdienen Aufmerksamkeit. Vor allem so schöne!
Jedes Wochenende sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Nachdem die letzten Wochen ja nicht so ereignisreich waren (Arbeit, Uni, Ehrenamt, essen und schlafen), kam diese Woche mal wieder ein bisschen Inhalt dazu.

Diese Woche hat nämlich die Berlin Feminist Film Week angefangen und ich war bei der Auftaktveranstaltung dabei. Wenn ihr mal die Gelegenheit habt, die Filme "Riot Not Diet" oder "The Miseducation of Cameron Post" zu sehen: Tut es. Sie sind toll! Bis Mittwoch gibt es außerdem noch die Gelegenheit, weitere Veranstaltungen zu besuchen, vielleicht bekomme ich noch eine unter.

Kennt ihr ansonsten schon die Kampagne "Wer braucht Feminismus?" Falls nicht, guckt euch doch mal deren Webseite an. Im Rahmen der Aktion zeigen Tausende von Menschen, warum ihnen Feminismus wichtig ist. Weil ich das ziemlich cool finde, habe ich mich riesig gefreut, als die Initiatorin Jasmin Mittag mich gefragt hat, ob ich nicht die zugehörige Facebook-Gruppe moderieren möchte. Yay! Mehr Ehrenamt und noch mehr Feminismus in meinem Leben! Ich finde es fantastisch.

Am Freitag war ich dann unter den 25.000 Menschen, die in Berlin zum Frauenkampftag demonstriert haben. Nach Sturmböen und Regen am Vormittag strahlte während der Demo die Sonne über uns. So so so schön! Und weil der 8. März ein Datum ist, an dem alle möglichen Medien was zum Feminismus zu sagen haben, widme ich mich in den Netzfunden ganz dem Weltfrauentag.

Netzfunde der Woche: Frauenkampftag


Macht es euch mit einem Heißgetränk eurer Wahl gemütlich und klickt euch durch die Linkliste - es ist wieder ziemlich viel geworden, diese Woche.
 
Nachdem ich Jasmin eben schon erwähnt hatte: In "Eine Stunde Liebe" von Deutschlandfunk Nova erzählt sie zum Weltfrauentag noch ein wenig mehr über ihr Projekt. Außerdem zu Gast: Die von mir sehr verehrte Liv Strömquist (hier findet ihr meine Rezension zu "Der Ursprung der Liebe"). Anhören!


ze.tt haben ein Video gedreht, in dem Frauen ihre Forderungen zum 8. März formuliert haben. Eine davon lautet "Weg mit weißem Feminismus". Wenn euch das nichts sagt: Hier habe ich für's *innenAnsicht Magazin erklärt, was das ist und was wir dagegen tun können.

Die Deutsche Welle hat das etwas größer aufgezogen und Aktivistinnen weltweit gefragt, wofür (und wogegen) sie kämpfen. Abtreibung, Genitalverstümmelung und Frauenmorde sind nur ein Teil davon.

Wenn ihr noch mehr Argumente lesen wollt, warum wir uns auch am 10. März, morgen, übermorgen und sonst immer für Feminismus einsetzen sollten: Julia Korbik hat 40 Gründe gesammelt.

Kritisches zum Frauenkampftag

Heike-Melba Fendel kritisiert bei Deutschlandfunk Kultur, dass der Frauentag in Berlin zum Feiertag wurde, dass das Datum genutzt wird, um Frauen irgendwelches Zeug anzudrehen. "Clara Zetkin würde sich wohl im Grab umdrehen." Sie wünscht sich mehr feministische Kapitalismuskritik.

Während die Demo in Berlin großen Spaß gemacht hat, wurden die Menschen in Istanbul von der Polizei auseinander getrieben (Bericht im Tagesspiegel). Bei aller Freude über tolle eigene Demos dürfen wir nie vergessen, dass manche dieses Privileg nicht haben.


Dieses Thema klingt auch in diesem Post von Anne Wizorek an: Am 8. März die Kraft aufzubringen, die geilste Aktion ever auf die Beine zu stellen oder sich daran zu beteiligen, hat nicht jede*r. Und das ist okay. "Seid sanft zu euch und hart zum Patriarchat!"

Habt einen schönen Sonntag - und tretet ab morgen wieder dem Patriarchat in den Hintern!

Sonntag, 3. März 2019

[Sonntagstee] mit Karnevalsnetzfunden

Die Tasse ist ein echtes Goldstück. Und Tee muss sowieso sein.
Jedes Wochenende sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Es tut mir leid, auch von dieser Woche gibt es wieder einmal nichts zu erzählen. Ich existiere, arbeite für Uni und Lohn, lese und wundere mich, wenn auf einmal schon wieder ist. Nichts Neues also. Sollen wir gleich in die Netzfunde springen?

Netzfunde der Woche 

Macht es euch mit einem Heißgetränk eurer Wahl gemütlich und klickt euch durch die Artikelliste - es ist ziemlich viel geworden, diese Woche. Das liegt wieder mal daran, dass ich ziemlich oft ziemlich wütend war.

Karneval

Eins vorweg: Ich komme aus Südwestdeutschland und habe mit Karneval/Fasching/ wie auch immer man es nennen mag nichts am Hut. Gar nichts. Aber weil die fünfte Jahreszeit sehr zuverlässig Diskriminierung, Sexismus und Rassismus produziert, ist die dennoch ein Thema für die Netzfunde.

Ziemlich große Wellen geschlagen hat Gabriele Möller-Hasenbeck. Sie war empört, als bei der Fernsehaufzeichnung einer Karnevalssitzung in Gürzenich Witze über Doppelnamen gemacht wurden und stürmte die Bühne. ze.tt hat einen Artikel über den Fall geschrieben. 

Astrid von Le Monde de Kitchi findet: "[...] im Kölner Sitzungskarneval ist viel möglich, auch schlichte Witze. [...] es ist von vorneherein klar, dass Publikum wie Künstler ihr Fett weg bekommen und Grenzen des guten Geschmacks übertreten werden. Man sollte auch wissen, dass man den Spiegel vorgehalten bekommt, und sollte unbedingt über sich selbst lachen können."

Ich finde: Ja, aber. Doppelnamen sind nach wie vor etwas, das in erster Linie Frauen tragen. Und ich habe so so so sehr die Nase voll von Menschen, die Witze über eine Gruppe machen, der sie nicht angehören und die strukturell benachteiligt wird. In diesem Fall halt ein Typ, dessen Frau ihren Nachnamen aufgegeben hat, weil der Standesbeamte das so doof fand. (Aus dem gleichen Grund möchte ich auch keine Witze von cis Männern über Menstruation hören etc. pp.)

Würde ich mich darüber so aufregen, dass ich dem Typen auf die Bühne steigen würde? Vermutlich nicht. Aber ich wäre a) eh nicht im Saal (siehe oben), trage b) auch keinen Doppelnamen und höre nicht c) möglicherweise seit der Wahl von AKK ständig Witze darüber. (Und tatsächlich brauche ich meine Energie normalerweise für die Kämpfe, die Astrid ebenfalls angesprochen hat: Gender Pay Gap, Hebammenmangel, §219a StGB und so weiter.)

Thembi Wolf geht radikaler ran und nimmt Gabriele Möller-Hasenbeck zum Anlass, ein Loblied auf Feminist Killjoys, als feministische Spielverderber*innen zu singen. Die eben nicht die Klappe halten, wenn sie diskriminierende Aussagen hören, auch wenn ihnen dafür Unverständnis entgegenschlägt. Ganz viel Liebe für diesen Text - vor allem, weil er einen wichtigen Punkt nicht unterschlägt: Pcik your Fights. Spielverderber*innen müssten nicht ständig im Einsatz sein - aber gegenseitige Unterstützung wäre fein.

Und das ist ein Grund, warum ich hier sitze und diese Worte tippe. Denn auch wenn die ästhetische Würdigung von Doppelnamen nicht mein Fokus ist oder wird: Heart-felt Zorn gegen herablassenden "Humor" von Dudes verdient meine Anerkennung.

Der andere Grund, warum ich diesen Fall nicht einfach ignoriere, ist leider ziemlich scheußlich. Frau Möller Hasenbeck ist nämlich selbständig tätig und sieht sich jetzt nicht nur mit fiesen Kommentaren, sondern auch mit miesen Bewertungen im Netz konfrontiert (bento berichtete). Und spätestens an diesem Punkt wird klar: Hier geht's nicht um die Frage nach Humor(befreitheit) - sondern um Macht.

Apropos "Humor", Macht und sonstige Scheußlichkeiten: AKK selbst macht währenddessen Witze über intergeschlechtliche Personen (queer.de berichtete). Zu diesem Punkt schrieb Anne Wizorek in ihrer Instagram-Story etwas, das im Zusammenhang mit Witzen aller Art wichtig ist: Beim Lachen gehe es weitaus weniger um Humor, stattdessen sei es eine wichtige Form des Social Bonding. 
"Wenn also eine Person in einer Machtposition wie AKK sich bewusst dafür entscheidet, in einem Rahmen wie der Karnevalssitzung mit ihren "Witzen" auf Minderheiten und Antidiskriminierung zu scheißen, dann geht es ihr im Kern um die Stärkung der Machtstrukturen, innerhalb derer sie sich bewegt und die auch auf Ausschlüssen beruhen."

#FridaysForFuture

Seit geraumer Zeit schwänzt Greta Thunberg aus Schweden freitags die Schule, um gegen die Klimakatastrophe zu demonstrieren. Mittlerweile schließen sich ihr immer mehr Jugendliche an. Darüber ließe sich eine Menge sagen - und vielleicht wird das mal demnächst ein eigenes Samstagsthema! -, aber Stevie Schmiedel von PinkStinks hat mich diese Woche auf einen Aspekt aufmerksam gemacht, an den ich (Hallo Privileg!) bisher nicht gedacht hatte: Freitags zu schwänzen und zu streiken kann man sich nur dann erlauben, wenn man so gut ist, dass es keine Auswirkungen auf die nächste Versetzung oder mehr hat. Und das sind statistisch betrachtet meist Kinder und Jugendliche aus dem Bildungsbürgertum. Nicht so zugänglich für alle also, diese Proteste.

Gleichzeitig sehe ich aber auch, wie sehr dieser Tabubruch des Schuleschwänzens die Menschen in Kommentarspalten zum Schäumen bringt, wie sehr es offenbar Leute stört, dass da junge Menschen gegen Regeln verstoßen. Jetzt ist Hass nicht unbedingt die beste Form der Aufmerksamkeit. Aber ich fürchte, dass #SaturdaysForFutureNachdemWirHausaufgabenGemachtHaben kaum jemanden interessieren würden.

§219a StGB

Warum sagt sie denn dazu nichts, nachdem sie mittlerweile seit Monaten darüber geschrieben hat?, fragt ihr euch vielleicht. Falls ihr euch nicht fragt: Ich erzähle es euch trotzdem. Ich war es so so so leid. So sehr, dass ich direkt danach nicht mal Artikel darüber lesen wollte, wie da jetzt ein beschissener Kompromiss verabschiedet wurde.

Ärzt*innen dürfen nun zwar auf ihren Webseiten erwähnen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Für alle weiteren Informationen dürfen sie aber nur auf die Webseiten "neutraler Stellen" (Bundesärztekammer und Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) verlinken. Welche Methoden sie also in ihrer Praxis anwenden, was für Auswirkungen das hat, etc. - diese Infos bleiben alle strafbar, obwohl sie offensichtlich wichtig sind, wenn mensch einen solchen Eingriff plant (Details findet ihr hier bei der taz).

"Grotesk" nennt das Stephan Thomae im Interview mit der taz. "Die Bundesärztekammer und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erhalten geradezu den gesetzlichen Auftrag, sachliche Information für ungewollt schwangere Frauen und Mädchen zu veröffentlichen – und die gleiche Information auf der Webseite eines Arztes soll strafbares Unrecht sein?"

Die FDP erwägt deshalb nun zusammen mit den Grünen und der Linken einen Normenkontrollantrag beim Bundesverfassungsgericht (Quelle: sueddeutsche.de). Das letzte Wort zu §219a StGB ist also noch nicht gesprochen.

Dinah Riese (taz) hält es allerdings für falsch, dass wir uns überhaupt so sehr an §219a StGB aufreiben. "Wenn es um Grundrechte geht, sind Tippelschritte nicht akzeptabel." Sie findet: Wir müssen endlich an §218 StGB ran - und Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland legalisieren.

So, jetzt aber. Nach so viel Internet ist es jetzt Zeit für mich, an die frische Luft zu gehen und das Patriarchat in den Hintern zu treten. Wer kommt mit?

Samstag, 23. Februar 2019

[Samstagstee] mit Sophie Scholl

Tee ist ein super Start ins Wochenende.
Jedes Wochenende sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Ganz ehrlich? Die Woche war so schnell um, dass ich keine Ahnung habe, was ich euch dazu erzählen soll. Lasst uns daher gleich in die Netzfunde hüpfen, ja?

Netzfunde der Woche 

Diese Woche hatte ich einen Lesetipp für euch: "Heraus aus der Finsternis" ist ein Comic über Frauenrechte zum Beginn der Weimarer Republik ab acht Jahren, der auch älteren Leser*innen Freude bereiten dürfte.

Ansonsten hat mich eine junge Frau beschäftigt, die den Beginn der Weimarer Republik nicht miterlebt hat: Sophie Scholl.

Sophie Scholl: Film, Hörbücher, Podcasts

"Man muss etwas machen, um selbst keine Schuld zu haben." Aus dieser Überzeugung heraus kämpfte Sophie Scholl gegen den Nationalsozialismus. Sie verfasste und verteilte Flugblätter für die Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Am Freitag vo 76 Jahren wurde sie dafür mit gerade mal 21 Jahren verhaftet. Grund genug, mal zu schauen, was es so an Medienangeboten zu Sophie gibt, dachte ich mir!

Auf Amazon Prime ist "Sophie Scholl - Die letzten Tage" mit Julia Jentsch abrufbar. Den habe ich vor vielen Jahren im Kino gesehen und mochte ihn damals sehr gerne.

"Wer war Sophie Scholl?" von Barbara Sichtermann gibt's als ungekürztes Hörbuch auf Spotify und hat Kinder/Jugendliche als Zielgruppe. Mir persönlich war's etwas zu behäbig, die Sprache zu einfach - aber für den Erstkontakt mit deutscher Geschichte und Widerstand im Dritten Reich taugt es bestimmt!

Gut gefallen hat mir dagegen "Sophie Scholl - Ein Leben" (Spotify-Link). Das Feature von Hermann Vinke konzentriert sich auf Sophies Alltags, ihre Lebensfreude und ihre Liebesbeziehung zu Fritz Hartnagel statt auf die Weiße Rose. Da Sophie hinter dem Widerstand oft geradezu unsichtbar wird, fand ich das super.

Gerade höre ich selbst noch "Zu blau der Himmel im Februar" von Jutta Schubert (Spotify-Link). Der Roman nimmt Alexander Schmorell in den Blick, über den ich - wenig überraschend - so viel weniger weiß als über Sophie. Zeit, das zu ändern!

Ihr habt am Wochenende keine Zeit für Filme und Hörbücher? Kein Problem, es gibt auch genügend kürzere Stücke zum Lesen und Anhören.

Die Historikerin Barbara Beuys hat eine Biografie über Sophie geschrieben und dem SRF ein Interview dazu gegeben. Darin betont sie besonders die Widersprüche in Sophies Persönlichkeit und Geschichte - Sophie sei zwar keine Heldin, aber auf jeden Fall eine außergewöhnliche Persönlichkeit gewesen.


In ihrem Geständnis hat sich Sophie sehr bemüht, möglichst viel Schuld auf sich zu nehmen, um andere zu schützen. Nachzulesen und zu hören ist es auf wissen.de: "Nachdem mir eröffnet wurde, dass mein Bruder Hans Scholl sich entschlossen hat, [...] von den Beweggründen unserer Handlungsweise ausgehend die reine Wahrheit zu sagen, will auch ich nicht länger an mich halten [...]."

Sophies Bruder Hans Scholl widmet sich ein Interview im Deutschlandfunk. Darin zeichnet der Theologe Robert M. Zoske nach, wie aus dem begeisterten Anhänger des Nationalsozialismus ein Widerstandskämpfer wurde: mit Freiheitsliebe, Homosexualität und Religiösität als den Hauptzutaten.

Astrid hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass sie vor 2018 in ihrer (absolut empfehlenswerten!) Great Women-Reihe Inge Aicher-Scholl porträtiert hat. Inge ist die Schwester von Sophie und Hans und war lange die treibende Kraft hinter der Erinnerung an die beiden. Ich füge daher diesen Link noch nachträglich ein.

Deutschlandfunk Kultur machte sich vergangenen September auf Spurensuche in München, wo die Geschwister Scholl und ihre Freunde aktiv waren. Zwischendurch geht's auch um die Vereinnahmung von Zitaten durch die AfD. 

Habt ein schönes Wochenende!