Samstag, 15. September 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Jetzt ist es wieder kalt genug, um morgens heißen Tee zu schlürfen. Jippieh!
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Heute findet in Berlin die Feministische Sommer-Uni statt. Wenn ihr das lest, bin ich schon auf dem Sprung, um Vorträge, Workshops und Podiumsdiskussionen zu besuchen. Unter anderem zu Feminismus und Sprache, Schwangerschaftsabbruch und Rassismuskritik. Ich freu mich riesig drauf!

Netzfunde der Woche


Diese Woche habe ich wenig im Internet gelesen. Zwei zeitlose Artikel habe ich euch aber trotzdem mitgebracht.

Rassismus


"Die meisten Weißen sehen nur expliziten Rassismus", sagt die Soziologin Robin DiAngelo im gleichnamigen Artikel bei Zeit Campus. Der Artikel aus dem August ist ziemlich lang und wird in meiner Bubble seitdem wöchentich geteilt. Verdient, finde ich!

Gut gefallen hat mir auch "Wir sind alle rassistisch sozialisiert - und das zu erkennen ist essenziell" der Huffington Post. Darin spricht die Aktivistin Tupoka Ogette über ihre Arbeit in antirassistischen Workshops.

Habt ein schönes Wochenende!

Samstag, 8. September 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Hilft Tee am frühen Morgen eigentlich dabei, die Nerven zu beruhigen? Bei meinen Netzfunden isses nötig.
Jeden Samstag sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.

Ich habe die Woche gefühlt komplett vor Bildschirmen verbracht. Neben der frisch veröffentlichten Rezension zu "Unerschrocken 2 - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen" hat mich einmal mehr das Sammeln von Artikeln, Podcasts und Stimmen aus den sozialen Medien beschäftigt - insbesondere für das Instagram-Profil der *innenAnsicht. Natürlich wieder zu Chemnitz. Ich weiß nicht, wie das bei euch ist, aber in meinem virtuellen Umfeld gibt es gerade kaum ein anderes Thema. Deswegen lasst uns gleich in die Netzfunde springen.

Netzfunde der Woche

Chemnitz

Die New York Times berichtet über die Studie zweier Forscher der Universität Warwick. Die spricht nicht gerade für die Inhalte von Social Media: "Their reams of data converged on a breathtaking statistic: Wherever per-person Facebook use rose to one standard deviation above the national average, attacks on refugees increased by about 50 percent." Wohlgemerkt: Es ging in der Studie nicht um die Nutzung flüchtlingsfeindlicher Gruppen innerhalb Facebooks oder so. Sondern wirklich die allgemeine Facebook-Nutzung an sich. 

Vergangenen Sonntag schon gab es bei Volksverpetzer eine Auflistung der Lügen, welche die AfD zu Chemnitz verbreitet.

Im Podcast "Stimmenfang" von Spiegel Online steht die aktuelle Episode unter der Überschrift "Sachsen, wir müssen reden!" Darin geht's um den Vorwurf des Sachsen-Bashings, den real existierenen Rechtsradikalismus und die Frage, warum die Politik sich da seit der Wiedervereinigung so bedeckt hält.

Sibel Schick fordert im Missy Magazine eine Positionierung gegen Nazis - denn die Mitte der Gesellschaft verhalte sich abwägend: "Deutschland hat sich nicht darum gekümmert, die Kinder und die Enkelkinder von Nazis zu integrieren und zu rehabilitieren, und jetzt haben wir schon wieder Nazis am Hals, die wachsen wie Pilze vor unserer Nase. Es ist verdammt viel zu tun. Zu Hause, auf der Straße, bei der Arbeit und nachts, wenn man den Kopf auf das Kissen legt, ist ganz viel zu tun. Noch ist aber Zeit. Überlegt euch also noch einmal und zwar ganz genau, wo ihr euch positionieren möchtet. Bevor es zu spät ist."

Margarete Stokowski schrieb in ihrer Spiegel Online-Kolumne: "Widerstand gegen Rechtsradikale muss radikal sein, es geht nicht anders. Radikal heißt in diesem Fall: breit aufgestellt, unnachgiebig, keine Menschenfeindlichkeit duldend. Die Nachrichten aus Chemnitz zeigen, dass Nazis in diesem Land zu wenig Angst haben." 

Joah. Und dann hat Herr Seehofer sich nach fast zehn Tagen auch mal entschieden, etwas zu Chemnitz zu sagen. Im Anschluss habe ich mir sehr heftig gewünscht, er wäre bei seinem letzten Rücktrittsversprechen auch wirklich zurückgetreten. Was Herr Seehofer nämlich sagte, war folgender Satz: "Migration ist die Mutter aller Probleme." Im verlinkten Artikel drückt er ausfühlich sein Verständnis mit den Demonstrierenden in Chemnitz aus.  Und damit meine ich die Typen, die unter anderem Hitlergrüße gezeigt und Menschen angegriffen haben, die für ihre Augen "nicht deutsch" ausgesehen haben. Just wow.

Axel Vornbäumen schrieb einen lesenswerten Kommentar im Stern: "Horst Seehofer hat für das, was dort passiert ist, Verständnis geäußert – für das ganze Krakele und Geschrei, die Pöbeleien und die demokratiefeindlichen Sprechchöre inklusive. Die zum Hitlergruß ausgetreckten Arme? Keine Erwähnung wert! Der Schulterschluss der ach so "besorgten" Bürger mit Neonazis? Auch nicht! Stattdessen war es Seehofer in diesem Zusammenhang wichtig, die Migration  als "Mutter aller Probleme" zu bezeichnen. Horst Seehofer ist damit entweder ein großer Verharmloser. Oder ein überhaupt nicht mehr heimlicher Sympathisant. Wahrscheinlich ist er beides."

Die Autorin Svenja Gräfen hat in Reaktion darauf in ihren Instagram-Storys folgendes geschrieben: "Die 'Mutter aller Probleme' ist eine in Deutschland alles beherrschende Angst, die Dinge beim Namen zu nennen. Anzuerkennen, dass es strukturellen Rassismus gibt. [...] Die 'Mutter aller Probleme' sind in diesem Falle jedenfalls: Nazis. Faschos.Gewaltbereite Rechte, radikalisierte Rassist*innen, die alles und jede*n für ihre Zwecke instrumentalisieren., die genau wissen, was sie tun und konsequenzlos tun können, weil der fucking Innenminister sie dann auch noch in Schutz nimmt. So ein Klima herrscht nämlich in Deutschland."

Anne Wizorek ergänzt, ebenfalls auf Instagram, dass es sich bei der Wortwahl "Mutter" um eine "absolut bewusste dog whistle" handele, "also eine zunächst unterschwellige aber eindeutige botschaft an seine "merkel muss weg!"-fans".

Aber Horst Seehofer war auch nicht der letzte, der sich zu Chemnitz geäußert hat: Hans-Georg Maaßen, seines Zeichens Verfassungsschutzpräsident, bezweifelt wie der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer, dass es überhaupt Hetzjagden in Chemnitz gegeben habe. Bei Deutschlandfunk Kultur wundert sich Frank Cappelan, "wieso Maaßen der Kanzlerin mit solchen Äußerungen in den Rücken fällt" und weist im Folgenden auf die bereits mehrfach vermutete Nähe Maaßens zur AfD hin. (Übrigens auch der Punkt, weshalb ich einer potenziellen Beobachtung der AfD durch den Verfassungsschutz skeptisch gegenüberstehe. Ich sehe unter diesen Vorzeichen nicht, wie dabei was Gutes rauskommen soll.)

Auch wenn Äußerunge wie die von Seehofer und Maaßen immer häufiger und ungenierter in die Welt geblasen werden und man den Eindruck gewinnen könnte, das sei irgendwie normal: Stay angry.


Mittwoch, 5. September 2018

[Rezension] Unerschrocken 2 - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen

"Unerschrocken 2" von Pénélope Bagieu hatte ich sehnsüchtig erwartet.
Werbung: "Unerschrocken 2" wurde mir freundlicherweise vom Reprodukt-Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 

Triggerwarnung: Sexualisierte Gewalt 

Nachdem ich im März "Unerschrocken - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen" rezensiert hatte, blieb ich mit gemischten Gefühlen zurück: Einerseits hatte mich das Buch sehr bezaubert, andererseits sind 15 Frauen einfach unheimlich wenig! Ich wollte mehr. Und glücklichweise hatte die Autorin Pénélope Bagieu ein Einsehen: Band 2 ist seit Mai auf dem Markt. Grund genug, endlich einen Blick hineinzuwerfen und neue Frauen kennenzulernen!

Inhalt

Wie im ersten Band werden hier erneut 15 Frauen vorgestellt. Wieder ist es eine bunte Mischung: Beispielsweise kämpft die Autistin Temple Grandin für bessere Haltungsbedingungen für Nutztiere, Katia Krafft erforscht 23 Jahre lang Vulkane und Frances Glessner Lee bringt anhand von Puppenstuben Polizist*innen und Mediziner*innen bei, wie man Tatorte lesen kann.

Die fünfzehn Frauen stammen aus dem 19. bis 21. Jahrhundert sind unterschiedlich alt und haben ganz unterschiedliche Berufe mit unterschiedlichen Niveaus formaler Bildung. Für weitere Diversität sorgen die erwähnte Autistin, eine queere Frau und eine Kopftuchträgerin. Leider stammen gleichzeitig neun Frauen - also fast zwei Drittel! - aus den USA und nur ein Drittel ist nicht weiß. In dem Punkt hätte ich mir eine größere Vielfalt gewünscht.

Zum Vergleich: Im ersten Band gab es lediglich vier US-Amerikanerinnen und wenigstens sechs nicht-weiße Frauen, während sich die zeitliche Bandbreite von der Antike bis heute erstreckte. Band 1 war also in mancherlei Hinsicht diverser und ich hätte mich gefreut, wenn Band 2 das weiter ausgebaut hätte, statt es zurückzufahren.

Trotzdem: Insgesamt vermittelt Pénélope Bagieu mir erneut das Gefühl, dass jede Frau in ihrer Situation, an ihrem Ort und in ihrem Bereich Außergewöhnliches tun kann - und dass alles Aufmerksamkeit und Bewunderung verdient.

Dabei geht nicht jede Geschichte gut aus, nicht immer sind die außergewöhnlichen Frauen am Ende glücklich oder auch nur unversehrt: Die Geschichte von Phoolang Devi, im Inhaltsverzeichnis als "Banditenkönigin" bezeichnet, ist beispielsweise gezeichnet von sexualisierter Gewalt, bevor sie mit gerade mal 38 Jahren ermordet wird. Dieses Porträt enthält zwar keine grafischen Darstellungen der Übergriffe, aber dennoch die blutigsten Bilder im ganzen Buch und recht deutliche Worte. Hier hätte ich mich über eine Trigger-Warnung in irgendeiner Form gefreut - mit einem so unverblümten Auftauchen (sexualisierter) Gewalt hatte ich nämlich nicht gerechnet.

Versteht mich nicht falsch: Ich finde es gut, dass Pénélope Bagieu und der Verlag nicht vor solch bitteren Geschichten zurückschrecken. Frauenleben sind nicht immer rosarot und wattebauschig. Es ist wichtig, über Kinderehen, häusliche und sexualisierte Gewalt zu sprechen, weil nur so etwas dagegen getan werden kann. Ich wüsste es nur gerne vorher, dass mch das erwartet. Und für Menschen mit Traumata kann das noch wesentlich wichtiger sein als für mich. Gleichzeitig möchte ich aufgrund dieser Geschichte auch Eltern jüngerer Leser*innen bitten, das Buch nicht ungesehen weiterzugeben. (Wenn einer der Punkte für euch von Belang sein sollte, überspringt diese Seiten einfach bzw. verschenkt das Buch, wenn der*die Leser*in etwas älter ist, ja? Und alle anderen verzeihen mir hoffentlich den Spoiler.)

Betty Davis' Porträt mit seinen leuchtenden Lilatönen fand ich ganz zauberhaft.

Zeichen- und Schreibstil

"Unerschrocken 2" ist unübersehbar. Während ich diese Worte tippe, leuchtet das orangene Cover vom Bücherregal zu mir herüber. Die blaue Glanzfolie lässt es funkeln. "Lies! Mich! Jetzt!" ruft es. Und da meine Buchauswahl ganz stark über's Cover läuft, hat das Cover schon mal mein Herz erobert. Ist klar, ne?

Die Innenseiten rennen also schon offene Türen ein - und sind dann noch toller als das Cover. Auf den hellen, aufgeräumten Seiten liegen jeweils neun verspielte Zeichnungen mit schnörkeligem Handlettering. Ich mag diese Mischung sehr!

Jedes Kapitel hat - wie bereits im ersten Band - seine eigene reduzierte Farbwelt, abgestimmt auf die dargestellte Persönlichkeit. Besonders in den Bann gezogen haben mich einmal mehr die Doppelseiten am Ende jedes Porträts, wo ein großformatiges Motiv eine ikonische Szene aus dem Leben der jeweiligen Frau präsentiert - etwa die Weltumrundung der Journalistin Nelly Bly, der Blick durch ein Puppenstubenfenster von Frances Glessner Lee oder ein Weltraum voller Aliens und Raketen rund um die Astronautin Mae Jemison. Davon hätte ich gerne Poster. Oder wenigstens Postkarten. Definitiv sind diese Motive viel zu schade, nur in einem zugeklappten Buch zu existieren!

Inklusive dieser Doppelseiten umfasst jedes Porträt - wie schon im ersten Band - etwa zehn Seiten. Darauf ein ganzes Leben in all seinen Facetten und Verzweigungen darzustellen, ist natürlich unmöglich. Pénélope Bagieu gelingt es dennoch, die Frauen erfassbar zu machen und eine zusammenhängende Geschichte über ihr Leben zu erzählen. Dafür müssen die einzelnen Biographien oft weite Sprünge durch das Leben der Protagonistinnen machen und können manches nur streichen: Betty Davis etwa wird in der Modeschule gezeigt, wie sie ihre ausschließlich weißen Mitschülerinnen unbehaglich mustert. Ihre Locken versperren einer gereizt wirkenden Weißen den Blick. In welchem Ausmaß Betty Davis' Schulzeit von Rassismus geprägt war, wird abseits dieses Bildes nicht weiter thematisiert. Die Lebensgefährtin der französischen Aktivistin Thérèse Clerc taucht plötzlich auf - kein Wort über ihr Kennenlernen, über ein Coming-Out nach langjähriger Hetero-Ehe. An einigen Stellen stolpert die Landung also ein wenig.

Die Offenheit, mit der sich Pénélope Bagieu ihren Protagonist*innen widmet, macht das für mich aber mehr als wett. In all ihren Unterschieden wirkt jede Frau absolut liebenswert. Mit jeder einzelnen hätte ich Lust auf eine spontane Tasse Tee. Und das ist doch ein ziemlich gutes Ergebnis, oder?

Frances Glessner Lee hat unendlich detailierte Puppenstuben gebaut - inklusive Mordszenen.

Fazit

Pénélope Bagieu hat es auch mit dem zweiten Band von "Unerschrocken - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen" geschafft, mich neugierig zu machen und mich zu motivieren, die Augen offen zu halten - nach diesen und anderen tollen Frauen.

Obwohl die Vielfalt im Vergleich zum ersten Band etwas nachgelassen hat, zeigt das Buch trotzdem eine große Bandbreite an Möglichkeiten, auf welch unterschiedliche Weise Lebenswege über das Mittelmaß hinausragen können. Ob Raps gegen Zwangsverheiratung, Wohnprojekte für mittellose Seniorinnen oder Aufsehen erregende Reisen - es gibt nicht das Rezept für ein außergewöhnliches Leben. Ganz schön empowernd und toll!

Harte Fakten

Titel: Unerschrocken - Fünfzehn Porträts außergewöhnlicher Frauen 2
Autorin: Pénélope Bagieu (aus dem Französischen von Claudia Sandberg und Heike Drescher)
Verlag: Reprodukt
Umfang: 168 Seiten 
Preis: 24 €