Mittwoch, 18. Juli 2018

[Rezension] Der Ursprung der Liebe

"Der Ursprung der Liebe" - der momentane Star meines Bücheregals.
[Werbung - Rezensionsexemplar]

Kennt ihr diese Bücher, bei deren Lektüre es euch wie Schuppen von den Augen fällt und ihr plötzlich Zeug aus eurer Vergangenheit versteht? Die Bücher, auf die ihr in den Wochen nach der Lektüre immer wieder verweist und all euren Freund*innen unter die Nase haltet? "Der Ursprung der Liebe" ist so ein Buch für mich.

Auf den 136 Seiten dieses Sach-Comics beschäftigt sich die schwedische Autorin Liv Strömquist mit der Liebe. Woher sie eigentlich kommt, wie sie gesellschaftlich verankert ist und was das mit uns anstellt.

Inhalt

„Der Ursprung der Liebe“ gliedert sich grob in zwei Hauptkapitel. Im ersten Teil geht es erst einmal darum, wie Kinder ihre Geschlechterrollen ausformen und wie sich das auf heterosexuelle Liebesbeziehungen auswirkt.

Kurz zusammengefasst geschieht folgendes: Mädchen identifizieren sich mit der Mutter und lernen von ihr „wie man Frau ist“. Gleichzeitig fehlt Jungs aufgrund der Abwesenheit des Vaters eine männliche Identifikationsfigur, sei leiten ihre männliche Identität deswegen aus der Ablehnung aller „weiblichen“ Eigenschaften ab. Dabei kann nun nichts Gutes rauskommen: Frauen folgen einem Weiblichkeitsbild, das durch Fürsorge und Bindungsarbeit geprägt sind, aus dem aber kein Selbstwert aufgrund großartiger Errungenschaften entsteht. In der Folge gieren sie immerfort nach Bestätigung von außen und Nähe. Die Männer wiederum fühlen sich durch jegliche Nähe sofort eingeengt und in ihrer Männlichkeit bedroht, da ihre Vorstellung von Männlichkeit Unabhängigkeit und Eigenständigkeit voraussetzt. Ihre hochfliegenden Pläne können sie jedoch nur verwirklichen, wenn ihnen jemand zu Hause ein leckeres Abendessen kocht – die Frau nämlich, die versucht, ihrem Partner nahe zu sein. Dadurch entsteht ein Kreislauf gegenseitiger Abhängigkeit: Alle leiden und/oder sind genervt, aber ohne einander kommt auch keine*r klar.

Aus diesem Grundmodell leitet Strömquist im Folgenden ab, warum sich Frauen für ihre (Ehe-)Männer aufopfern und dies als „wahre Liebe“ glorifizieren oder welche Mechanismen Frauen in missbräuchlichen Beziehungen verharren lassen, statt bereits frühzeitig die Flucht zu ergreifen. Dabei nutzt sie konkrete Beispiele wie Nancy Reagan oder Whitney Houston.

Wichtig: Strömquist betont dabei mehrfach, dass sie sich auf Kinder in „sexistisch-heteronormativen Familien“ bezieht. Wir haben es hier also mit engen Rollenkorsetts zu tun! Wer eher in Sweatshirts großgezogen wurde, darf sich an dieser Stelle also schon mal glücklich schätzen.

Der zweite große Teil des Buches behandelt das sexuelle Eigentumsrecht – also der Vorstellung, dass innerhalb einer Beziehung Sex nur mit dem*der jeweiligen Partner*in stattzufinden hat.

In unserer europäischen Kultur ist das sexuelle Eigentumsrecht seit der Einführung der Liebesheirat mit Liebe verknüpft: „Wenn du mich wirklich liebst, willst du nur mich“ lautet die Grundformel. Doch mit der Idee der ehelichen Liebe entwickelt sich leider auch ein anderes, hässlicheres Gefühl: Eifersucht. Solange arrangierte Ehen vorherrschten, war völlig klar, dass Paare einander nicht unbedingt zugetan waren und sexuelle Erfüllung eher außerhalb des Ehebettes suchten. Mit der Einführung der Liebesheirat aber entstand die Erwartung, man müsse einander alles geben können. Die Vorstellungen, die sich daraus ergaben, beeinflussen unsere Kultur zum Teil noch heute.

Beispielsweise die Vorstellung, dass Männer sexuell unersättlich wären, während Frauen eigentlich gar kein eigenes Interesse an Sex hätten. Das kommt daher, dass Menschen mit dem Verschwinden der arrangierten Ehen plötzlich auf einer Art Heiratsmarkt miteinander konkurrierten und es eiskalt um Ressourcen ging. Aufgrund der patriarchalischen Grundstruktur hatten Männer eine Menge davon – Geld, Beruf, etc. Frauen hatten dagegen nur eine einzige Ressource: Ihren Körper – oder vielmehr Zugang zu ihren Genitalien. Wer nur eine Ressource hat, muss damit krass haushalten – das heißt: nicht vor der Ehe rumvögeln, denn sonst hätte der Mann ja keinen Grund mehr, sie zu heiraten. Weil Männer unabhängig von ihrem Familienstand immer noch zu Prostituierten gehen konnten und dabei keine Einbußen auf dem Heiratsmarkt erlebten, gelten sie seitdem als immer könnende, immer wollende Hengste und Frauen als frigide.

Als ob das noch nicht reicht, wird damit die Grundlage für Slut Shaming gelegt: Eine Frau, die auch außerhalb einer Ehe Sex hat (eben beispielsweise eine Prosituierte), wird von anderen Frauen als Bedrohung empfunden: Die „Ware“, die sie alle für Ehe und Versorgung „verkaufen“ möchten, geben andere für weniger her. Das senkt den Wert und schwächt die Verhandlungsposition. Eine Möglichkeit damit umzugehen ist die gesellschaftliche Herabsetzung der sexuell freizügigeren Frau.

Obwohl die Vorstellung des sexuellen Eigentumsrechts in der westlichen Kultur so prägend ist, ist es keineswegs die einzige Option. In kurzen Schlaglichtern zeigt Liv Strömquist, dass es auch ganz anders gehen kann. So waren in Tibet lange Zeit polyandrische Beziehungsstrukturen üblich, also dass eine Frau mehrere Männer heiratete. Bei den Inuit wiederum galt es ein Zeichen der Gastfreundschaft, dass der Gast Sex mit der Ehefrau des Gastgebers haben durfte.

Bei diesen beiden Schlaglichtern bleibt es auch, abgesehen davon bleibt der Comic auf die europäisch-nordamerikanische Kultur fixiert. Gleichzeitig verlässt er kaum die Betrachtung heterosexueller Partner*innenschaften, auch wenn in einzelnen Bildern durchaus gleichgeschlechtliche Paare zu sehen sind.

Nun erwarte ich von einer schwedischen Autorin nicht zwingenderweise tiefe Einblicke in weltweite Kulturgeschichte. Und sicherlich gibt es wesentlich mehr Material zur Kulturgeschichte der Heterobeziehungen. Dennoch hätte ich es spannend gefunden, auch Blicke über diesen Tellerrand hinaus zu lesen – Beziehungsformen und Geschlechterrollen außerhalb der sogenannten westlichen Welt beziehungsweise des globalen Nordens nicht nur als Kontrapunkte, sondern als eigenständig zu untersuchende Möglichkeiten; Ausformung von Geschlechter- und Beziehungsrrollen außerhalb des heterosexuellen Konstrukts; der kulturelle Umgang mit Homosexualität zu verschiedenen Zeiten. Mir ist klar, dass auf 136 Seiten nur begrenzter Platz ist, aber vielleicht wäre das Stoff für weitere Bände…?

"Der Ursprung der Welt": Hier mit Prinzessin Diana und ihrem damaligen Gatten Prinz Charles.

Zeichen- & Schreibstil


Kann ein Sachbuch mit derart komplexen Themen als Comic überhaupt funktionieren? Ja, das kann es definitiv! Dabei muss ich zugeben, dass mir Liv Strömquists (Zeichen-)Stil auf den ersten Blick eigentlich gar nicht so zusagt. Das Cover finde ich noch absolut hinreißend mit seinem Mix aus Fotoschnipseln, geschichtetem und aufgenähtem Papier und den metallisch schimmernden Blitzen. Die Zeichnungen im Inneren sind mir aber eigentlich zu schematisch, zu wenig detailreich, zu flach. Die porträtierten Personen erkenne ich nur mit Mühe (zum Beispiel Prinzessin Diana) oder auch gar nicht (beispielsweise Prince Charles).

Aber! Diese Bilder spitzen zu, wo Sätze womöglich mäandern würden. Die lakonischen Sprechblasen machen Liv Strömquists Aussagen so treffend - und zwar mitten ins Herz, wenn sie beispielsweise mit wenigen Worten die Liebesbeziehung als private Mini-Religion entlarvt, deren Rituale alles andere als individuell sind. Zu dieser These zeigt Strömquist vier kuschelnde Heteropärchen auf einem Konzert. Die Männer stehen hinter den Frauen und umarmen sie in identischer Art und Weise. Ihr wisst ganz genau, welche Haltung gemeint ist, gebt’s zu! Gleichzeitig sind alle Paare sehr überzeugt davon, keinen Mustern zu folgen: Männer seien halt meistens größer als Frauen, meckern sie. Sie würden das halt so mögen! Ich fühle mich ertappt.

In Konzertkuscheleien Muster zu finden, ist eine Sache. Noch mehr an die Substanz geht es aber, wenn Liv Strömquist in gerademal zwei Bildern die Absurdität des oben erläuterten sexuellen Eigentumsrechts zum Ausdruck bringt: Im ersten Bild erzählt eine Frau ihrem Partner, sie habe vor ihrer Beziehung mit jemand anderem geschlafen – und alles ist okay. Im nächsten Bild ändert sich, dass die Frau meint, sie habe während der Beziehung mit jemand anderem geschlafen, was ihren Partner in ein „schlimmes Gefühl von Wut, Hass, Minderwertigkeit, völliger Bedeutungslosigkeit und schlimmer Kränkung“ stürzt. Das ist so kurz, so knapp, so gnadenlos, wie es ein Fließtext kaum sein könnte.

Nun könnte man kräftig durch die Nase schnauben und erklären, die Autorin hätte einfach keine bisher einfach nur doofe Beziehungen gehabt. Oder erklären, ein derart zynischer Mensch könne ja gar nicht die Freuden der monogamen Paarbeziehung erkennen und überhaupt habe sie offenkundig keine Ahnung.

Blöd nur, dass Liv Strömquist hier nicht einfach nur persönlichen Frust über verkackte Liebschaften zu Papier gebracht hat. Stattdessen finden sich auf jeder Seite Fußnoten, die auf wissenschaftliche Texte verweisen. Ich liebe das! Nicht nur, weil damit klar wird, dass die Informationen nicht allein Liv Strömquists Hirn entspringen. Sondern auch, weil ich direkt weiß, wo ich weiterrecherchieren könnte. Das lässt mein sozialwissenschaftlich sozialisiertes Herz höher schlagen. Wer schon länger meine Rezensionen liest, kennt mein immerwährendes Bedürfnis nach Tipps zum Weiterlesen und Vertiefen.

Wissenschaftlich legitimierte Hoffnungslosigkeit in Sachen monogame Paarbeziehung ist ja nun eher desillusionierend. Dass die Lektüre von „Der Ursprung der Liebe“ nicht einfach ohne Ende deprimiert, liegt an Liv Strömquists Witz. Bitterböse erfindet sie beispielsweise die „Männer-Pflege-WM“, bei der Ehefrauen darum konkurrieren, welche sich am meisten für ihren (häufig deutlich älteren) Mann aufopfert.

Für die Bespaßung der Leser*innenschaft gibt es auch diverse Running Gags. Okay, manch einer rennt so häufig durchs Bild, dass er am Ende ein wenig schlapp daherkommt. Statt sich johlend auf dem Boden zu wälzen, möchte man ihn ein schattiges Sitzplätzchen anbieten. Dennoch: Es tut gut zu sehen wie unverzagt die Running Gags angesichts der potenziell hoffnungsvernichtenden Lektüre bleiben. „Es ist noch nicht vorbei!“, röcheln sie im Vorbeiwanken. „Wir können wenigstens müde über diesen patriarchalen Unfug lächeln!“

Und so hat mich der Schreibstil innerhalb kürzester Zeit mit dem Zeichenstil versöhnt: Ein derart unkuscheliger Inhalt braucht keine lieblichen Zeichnungen. Ein Text, der so unverhohlen gegen die Grundpfeiler westlicher Heterobeziehungen tritt, braucht keine grafischen Schnörkel. Schmackes, auch in der Optik tut ihm verdammt gut.

"Der Ursprung der Liebe": Knapp, präzise und ohne jeden Zuckerguss.

Fazit


Auf 136 Seiten erklärt Liv Strömquist detailreich und fundiert, warum die monogame heterosexuelle Liebesbeziehung mit sexuellem Eigentumsrecht eine ziemliche Scheißidee ist und eigentlich nur aufgrund von rigiden Geschlechterrollen und daraus resultierenden Abhängigkeiten „funktionieren“ kann. Ganz ehrlich? Das ist nicht gerade aufbauend. Das ist sogar potenziell niederschmetternd. Also, falls ihr Schmetterlinge im Bauch habt und die possierlichen Tiere behalten wollt: Nähert euch diesem Buch nur mit einer großen Portion Pralinen in Herzchenform.

Das ist kein Buch, in das du dich einhüllen kannst, wie in eine fluffige Kuscheldecke. Aber: Es ist ein Werkzeugkasten, der hilft zu verstehen, wie um Himmels Willen diese vollkommen verkorkste(n) Beziehung(en) in der eigenen Vergangenheit zustande gekommen ist (sind) und warum ihr sie viel zu lange aufrechterhalten habt, taugt dieses Buch verdammt gut. Mit etwas Glück ist es sogar ein Werkzeugkasten, der euch dabei hilft, in Zukunft was anderes zusammenzuzimmern.

Mich bestätigt „Der Ursprung der Welt“ zum Beispiel darin, weiterhin Menschen mit starren Geschlechterrollen möglichst aus meinem (Liebes-)Leben rauszuhalten und kulturelle Normen immer erst einmal auf ihre Tauglichkeit für mich persönlich (!) hin zu untersuchen.

Danach bleibt einem eigentlich nur noch, den eigenen Bauchschmetterlingen Knieschützer anziehen und Sturzhelme aufsetzen. Zu akzeptieren, dass die Liebe nicht nur aus duftenden Blümchen und glitzernden Regenbögen besteht. Weiterzugehen und versuchen, den größten Dunghaufen auszuweichen. It’s a bumpy ride, aber… verdammt, kuscheln auf Konzerten ist trotzdem schön!

Harte Fakten


Verlag: avant-verlag
Autorin: Liv Strömquist
Erscheinungsdatum: 01. Februar 2018
Sprache: Deutsch (aus dem Schwedischen übersetzt von Katharina Erben)
Format: Taschenbuch
Seitenanzahl: 136 Seiten
ISBN-13: 978-394503489
Preis: 20,00 Euro

Samstag, 14. Juli 2018

[Samstagstee] mit feministischen Netzfunden

Erst mal eine Tasse Tee, dann reden wir weiter!
 Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.  

Diese Woche war eine gute Woche. Am Dienstag erreichte mich eine Mail, welche die Weichen für die nächsten Jahre gestellt hat. Ich freue mich unheimlich darüber und habe einen beträchtlichen Teil dieser Woche mit den entsprechenden Vorbereitungen verbracht. (Mehr Infos gibt's dann, wenn alles in trockenen Tüchern ist.)

Abgesehen von Freudentränen und Bürokratie habe ich viel gelesen, um bald wieder eine Rezension veröffentlichen zu können und euch heute wieder ein paar Netzfunde zuspielen zu können.

Feministische Netzfunde der Woche

"Danke, es hat Taschen!" von Wepsert beschreibt die Entwicklung der Frauenkleidung in Sachen Taschen und warum diese so wichtig für die Emanzipation sind: "Frauenbekleidung ohne Taschen zu konstruieren, ist bis heute eine Entscheidung, die auf den Annahmen fußen könnte, dass Frauen nicht bauen und erschaffen und keine Werkzeuge mit sich herumtragen und dass Frauenbekleidung (und der Mensch darin), in erster Linie gut aussehen muss. Funktionalität hinten angestellt. Was natürlich großer Quark ist (...)"

"Wenn der Zyklus Achterbahn fährt" im Tagesspiegel berichtet über PMDS, die prämenstruelle dysphorische Störung. So wird ein die schwere Form des prämenstruellen Syndroms bezeichnet, die einige aufklären, das Menschen mit Uterus vor der Menstruation quält. Neben körperlichen Symptomen (Krämpfe, schmerzende Brüste, etc.) treten dabei auch psychische Symptome auf (emotionale Labilität, Angstzustände, etc.). Beschrieben wird im Artikel, was während des Zyklus' in hormoneller Hinsicht so passiert und dass ein Zyklustagebuch helfen kann, dem auf den Grund zu kommen. Außerdem gibt es ein paar Tipps, wie die Beschwerden gelindert werden können. Soweit so super. Was mich aber trotzdem nervt: Schon im Teaser wird angesprochen, dass auch die Partner unter der PMDS zu leiden haben. Zwei Fragen: Soll das ein generisches Maskulinum sein? Oder gehen wir einfach hier mal davon aus, dass nur Heteras PMDS haben? Eine dritte Frage schließt sich für mich an: Warum muss in einem Artikel über krasse Beschwerden von Menschen mit Uterus schon gleich zu Beginn darauf verwiesen werden, dass auch die armen Menschen ohne Uterus darunter leiden müssen? (Der Artikel verwendet übrigens wenig überraschend "Frauen" und "Männer".)

Für diejenigen von euch, die auch "The Handmaid's Tale" ("Der Report der Magd") von Margaret Atwood gelesen oder die Serie gesehen haben, könnte dieses Interview der Autorin mit Penguin interessant sein. Sie spricht darin unter anderem über ihre Überlegungen zum Plot, über ihr Leben in Berlin während der Niederschrift und über die Rezeption des Romans in den 1980ern und heute.

Außerdem bin ich bei Good Impact auf ein Interview mit Mithu Sanyal gestoßen. Die Kulturwissenschaftlerin und Autorin wünscht sich ein "verpflichtendes Gendertraining in Kindergärten und Schulen", das allerdings Erzieher*innen und Lehrer*innen als Zielgruppe hat, nicht die Kinder. Es soll dabei helfen, dass Kinder nicht mehr nach Geschlechtsstereotypen erzogen werden. Diese Abkehr von Stereotypen soll präventiv gegen Sexismus und sexuelle Gewalt helfen. Wenn Mädchen auf der einen Seite nicht mehr beigebracht würde, still und lieb zu sein und Jungs Emotionen nicht nur haben, sondern auch darüber sprechen dürften, sei es für alle einfacher, Grenzen zu formulieren.

Zuletzt muss ich doch noch was zum Thema Fußball-WM sagen. Ich hatte euch vor vier Wochen zwar eine ballfreie Zone versprochen, aber diese beiden Themen sind mir dann doch wichtig:
In Großbritannien wurde eine Studie durchgeführt, laut der es während Fußballturnieren häufiger zu häuslicher Gewalt kommt. Der Artikel bei ze.tt meint, dieses Ergebnis ließe sich vermutlich auch auf andere Länder übertragen. Zahlen für die häusliche Gewalt in Deutschland gibt es also (noch) nicht.
Ein Sündenbock unter den Spielern ist allerdings ausgemacht worden und der bekommt zumindest verbal einiges ab: Mesut Özil. Übermedien untersuchte den Sturz vom "Integrationsmaskottchen zum Buhmann". Der Artikel "Die Unerwünschten" bei ZEIT Online kritisiert die symbolische Opferung des Spielers, zieht den Rahmen dann jedoch weiter auf. Dort geht es dann um den "Fremden" als Sündenbock im Allgemeinen, mit Mesut Özil und Geflüchteten als Beispiele.

Genießt euer Wochenende!

Samstag, 7. Juli 2018

[Samstagstee] mit Netzfunden

Mit einem Stapel Bücher und Tee ins Wochenende. Jippieh!
Jeden Woche sammelt Andrea von Karminrot beim Samstagsplausch persönliche Wochenrückblicke. Meiner ist meist ergänzt durch Artikel oder Podcastepisoden, die mir in den letzten Tagen im Netz besonders aufgefallen sind.  
 
Wie war eure Woche? Meine war gut, jedenfalls in privater Hinsicht. Ich habe gleich zum Wochenstart ein Exemplar der neuen brav_a erhalten. Die brav_a ist ein queer-feministisches Zine, in dessen aktueller Ausgabe auch ein Artikel von mir drin ist. Dieser handelt von den Reaktionen, die ich bekommen habe, als ich mir vor vier Jahren die langen Haare hab absäbeln lassen ("Dann fasst dich doch nie wieder ein Mann an!!1elf"), Geschlechterrollen und Schönheit. Yay!

Am Donnerstag ging es gleich toll weiter, denn da fand in Berlin der Salon der Graphischen Literatur statt. Mehrere Verlage zeigten hier ihre Graphic Novels - Neuerscheinungen und Bestseller. Die Ausbeute: Mehrere Rezensionsexemplare direkt in meine Tasche gewandert, weitere spannende Bücher erscheinen im September. Ich bin jetzt schon voller Vorfreude und kann euch versichern, dass ihr hier noch diverse Rezensionen zu lesen bekommen werdet. 

Unter anderem auch, weil ich beim Bibliotheksbesuch am Freitag nochmal so viele Bücher mitgenommen habe, dass ich jetzt Türme damit bauen könnte. Mit ein wenig Mühe könnte es sogar eine kleine Burg werden. Super!

Aber gleichzeitig ist in dieser Woche politisch so viel passiert, dass ich mir tatsächlich gerne eine kleine Bücherburg bauen würde, aus der ich erst wieder rauskäme, wenn die Welt wieder ein netterer Ort ist: In den USA sind immer noch kleine Kinder getrennt von ihren Eltern eingesperrt, unser Heimatminister ist mit großem Getöse doch-nicht-zurückgetreten und bekommt seinen Willen in Sachen Flüchtlingspolitik, in Österreicht gibt's jetzt die total freiwilligen 12-Stunden-Tage und im Mittelmeer ertrinken hunderte von Menschen.

Weil vom Buchburgbauen aber bekanntermaßen nichts besser wird, mach ich mich nachher auf den Weg zum Neptunbrunnen. Hier beginnt um 13 Uhr die Demo "Seebrücke - Schafft sichere Häfen". Gefordert werden sichere Fluchtwege, eine Entkriminalisierung der Seenotrettung und eine menschenwürdige Unterbringung geflüchteter Menschen. Also wenn ihr in Berlin seid und noch nichts vorhabt...

Weitere Seebrücke-Demos gibt's in vielen deutschen Städten, darunter Gießen, München und Leipzig. Für diejenigen von euch, bei denen es keine Demos gibt oder die aus anderen Gründen nicht dabei sein werden, habe ich auch in dieser Woche wieder einige Netzfunde zusammengetragen.

Netzfunde der Woche

Im Süddeutsche Zeitung Magazin schreibt Wolfgang Luef, es sei der "erste Schritt in die Barbarei", wenn es geteilte Meinungen darüber gebe, ob man ertrinkenden Menschen helfen solle oder nicht. Dass aber genau das so großflächig geschehe, sei "der Anfang vom Ende der europäischen Idee".

Ein flammendes Plädoyer für Europa von Wolfgang Tillmans bei Zeit Online hat Astrid gestern schon geteilt. Ich möchte aber, dass so viele wie möglich es wirklich lesen, denn es steht eine Menge auf dem Spiel. Die zwei Generationen Friedensjahre, die die Bundesrepublik erlebt hat, sind nicht vom Himmel gefallen. Und das dritte Reich zuvor ebenfalls nicht. Die industrielle Vernichtung jüdischer (und anderer) Menschen kam nicht von einem Tag auf den anderen, sondern begann mit dem Schüren von Ressentiments, mit dem Köcheln eines ekligen Süppchens aus Nationalismus, Neid und der Abwertung anderer. Das sind Dinge, die ich auch heute beobachte - und gerade aufgrund dieser Sorgen verstärkt zurück blicke.

Am Mittwoch habe ich meine Rezension zu "Die Frauen der Nazis" veröffentlicht und kurz darauf bei Spiegel Online einen Artikel zu Heinrich Himmlers Tochter Gudrun gefunden. Sie hätte auch toll in diese Reihe gepasst, denn auch sie trug, wie ihre Mutter, die Ansichten des Nazi-Regimes noch lange nach dem Krieg weiter.

Weil die Verbreitung menschenverachtender Ansichten so abhängig von Sprache sind, möchte ich euch die Broschüre 24 Fragen und Antworten zu  Hate Speech und Fake News der Belltower News ans Herz legen.  

Habt ein schönes Wochenende!