Dienstag, 31. Oktober 2017

Was macht die deutsche Kultur (für mich) aus?

Weinberge in der Nähe von Stuttgart. Diese Art, Wein anzubauen, vermittelt mir ein intensives Heimatgefühl.
Astrid hat sich am Tag der deutschen Einheit entschieden, der derzeit wieder vielbeschworenen "deutschen Kultur" nachzuspüren und ihre Leser*innen eingeladen, es ihr gleichzutun. Das Verlinkungstool ist nur bis heute Abend geöffnet und ich schliddere sozusagen im letzten Moment dazu. 

In einem irischen Pub vor einem großen Teller mediterraner Pasta habe ich mir Mitte des Monats Gedanken gemacht, was für mich "typisch deutsch" ist, beziehungsweise was ich besonders intensiv mit dem Land verbinde, in dem ich aufgewachsen bin.  

Grundgesetz

Was ursprünglich als vorübergehende Vorabverfassung gedacht war, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten ziemlich bewährt: Ich für meinen Teil bin ein ziemlicher Fan des Grundgesetzes. Dass der erste Artikel mit den Worten "Die Würde des Menschen ist unantastbar" beginnt, feiere ich sehr. Dass die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau darin niedergeschrieben ist, ebenfalls - besonders wenn ich bedenke, dass die Frauen im Parlamentarischen Rat - allen voran Elisabeth Selbert - dafür heftige Kämpfe ausgefochten haben.
Besonders schätze ich an ihm, dass es wieder und wieder betont, dass die eigene Freiheit dort endet, wo die der oder des anderen beginnt - dass wir alle in unseren Handlungen stets Rücksicht auf die anderen nehmen und deren Freiheiten respektieren müssen. 
Viele weitere Gedanken zum Grundgesetz finden sich auch im Podcast "Das Grundgesetz geht alle an!" sowie im Feature "Grundgesetzland - Eine Volksbefragung in 5 Artikeln" (beide von WDR 3). (Bei letzterem ist mir der Absatz über die Meinungsfreiheit in Artikel 5 sauer aufgestoßen, aber  das Konzept der Political Correctness ist keines, zu dem ich meine Meinung in diesem Post erschöpfend darlegen kann)

Verantwortungsgefühl für den Holocaust
Ein für mich zentraler Bestandteil des Deutschseins. Nichts hat in meinem Geschichtsunterricht mehr Raum eingenommen wie die Aufarbeitung des Holocausts - und das finde ich gut und richtig so. Zu verstehen wie und wodurch Menschenhass und (nationalsozialistische) Regime entstehen und sich der Verantwortung des Einzelnen bewusst zu machen, finde ich wichtig. Das hat nichts damit zu tun, Nachgeborenen einen schweren Sack kollektiver Schuld aufzuladen. Die Ärzte haben mal gesungen "Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt." Dreht man ein bisschen an den Zeitformen dieser Aussage, ist man bei dem, was ich als Verantwortungsgefühl für einen lange zurückliegenden Massenmord verstehe.

Gesundheitssystem
Was ich an Deutschland sehr schätze, ist die Tatsache, dass wir ein einigermaßen funktionierendes Gesundheitssystem haben. Ich bin nicht begeistert von den deutlichen Unterschieden zwischen Kassen- und Privatpatienten in Bezug auf Wartezeiten und Co, aber dass es grundsätzlich für alle möglich ist, einen Arzt aufzusuchen, operiert zu werden und Medikamente zu erhalten, finde ich sehr gut. Auf kultureller Ebene verstehe ich das als Absage an das "Biste selbst schuld!" und das "Musste jetzt selber mit klarkommen!", das ich angesichts von zu viel sogenannter "Eigenverantwortung" empfinde - und diese Absage ist mir sehr sympathisch.

Pünktlichkeit und Effizienz
Hier bin ich ein bisschen auf Erfahrungen einer Studienfreundin angewiesen, die teilweise in Paraguay aufgewachsen ist und gerade im Bezug auf das Verständnis von Pünktlichkeit lustige Geschichten erzählen kann, etwa über Busse, die halt "vormittags" fahren oder über Abschiedsfloskeln, die völlig unbestimmt lassen, wann der Sprechende wiederkommt.
Tatsächlich bin ich recht klischeehaft deutsch, plane grundsätzlich Pufferzeiten in meine Reiseplanungen ein und werde schon nervös, wenn ein Zug mal zwei Minuten später auftaucht als geplant. Ob das für jede Situation (und den eigenen Blutdruck!) die beste Eigenschaft ist, sei mal dahingestellt.

Erfindungsreichtum
Ich bin in Stuttgart aufgewachsen, das liebevoll auch Benztown genannt wird. Carl Benz gilt als Erfinder des Automobils mit Verbrennungsmotor, obwohl es Vorläufer gab, die weniger mediale Aufmerksamkeit erhielten (bei Wikipedia gibt es mehr darüber zu erfahren). Als Kind bin ich durch das Mercedes-Museum gestiefelt und auch sonst habe ich schon früh andere deutsche Erfindungen kennen und schätzen gelernt - allen voran den Buchdruck von Johannes Gutenberg oder auch den Computer von Konrad Zuse. Das Bedürfnis, an Ideen so lange herumzutüfteln, bis sie wirklich richtig gut funktionieren, erscheint mir dadurch sehr deutsch. (Unabhängig davon, dass beispielsweise die hohe Nobelpreisdichte bei US-Amerikanern ein deutlicher Hinweis darauf ist, dass auch anderswo verdammt gute Ideen ausgebrütet werden.)

Brot
Wenn ich anderswo in der Welt unterwegs bin, ist es sehr wahrscheinlich, dass ich die deutsche Brotvielfalt vermisse. In den USA habe ich Vollkornbrot mit anständiger Kruste innerhalb von zehn Tagen derart vermisst, dass ich einmal sogar davon geträumt habe. So krass ist es natürlich bei weitem nicht überall, aber der Blick in diverse Regalmeter voller unterschiedlicher Brote, löst in mir ein intensives Gefühl von "zu Hause" aus.

Bier
Erfunden wurde es zwar vermutlich in Mesopotamien und ich habe auch in Tschechien, Österreich und anderen Ländern schon ziemlich gutes Bier getrunken, aber ein kleiner Teil meiner Wahrnehmung behauptet, dass Bier nirgendwo so gut schmeckt wie in Franken. Die Bamberger Brauereien (neun allein im Stadtgebiet!) haben aus mir endgültig eine begeisterte Biertrinkerin gemacht. Schlenkerla Rauchbier muss es nun nicht unbedingt sein, aber so ein U...? Lecker!

Ihr seht: Die wenigsten dieser Punkte sind rein deutsch und man findet sie - unter Umständen in etwas anderen Ausprägungen - auch anderswo. Aber es sind die Aspekte, die mir einfallen, wenn ich an meine Heimat denke und die ich im Ausland auch schon mit anderen diskutiert habe.

Samstag, 28. Oktober 2017

[Samstagstee] mit 12,60 €

Hallo ihr Lieben!

Eigentlich wollte ich diese Woche Irland-Fotos zeigen. Aber realistisch betrachtet habe ich etwa zehn Entwürfe für Posts gespeichert, finde aber momentan nicht die Ruhe, um diese Posts auch für euch auszuformulieren. Dabei möchte ich wenigstens an Astrids aktueller Linkparty zur deutschen Kultur teilnehmen.

Andere Leute waren diese Woche aktiver als ich. Angesichts der ersten Sitzung des neuen Bundestags hat sich meine Freundin Angela einen Weg überlegt, sich angesichts dessen Zusammensetzung nicht ganz ohnmächtig zu fühlen und hat mir erlaubt, ihren Post dazu hier mit euch zu teilen:

Wie Angela mit der Bundestagszusammensetzung umgeht.
Ich für meinen Teil habe beschlossen, mich ihr anzuschließen und meine erste Spende diese Woche an TERRE DES FEMMES aufgegeben, die sich unter anderem gegen Zwangsheirat, Frauenhandel und Genitalverstümmelung einsetzen. Ob ich wirklich jeden Monat nach dem Gießkannenprinzip für eine andere Organisation spende oder ob ich mich schlussendlich auf drei oder vier konzentriere, werden wir sehen. Ich habe ja jetzt aller Voraussicht nach 48 Monate Zeit, mir das zu überlegen. Meinetwegen darf diese Aktion dann gerne auch wieder enden.

Vielleicht habt ihr ja auch Lust, dabei zu sein? Welcher Bereich wäre euch persönlich denn am wichtigsten?

Mit diesem Beitrag springe ich nun noch bei Andreas Samstagsplausch vorbei und bin gespannt, wie ihr diese Woche erlebt habt.

Habt ein schönes Wochenende!

Samstag, 21. Oktober 2017

[Samstagstee] mit feministischen Netzfunden

Diese Katze ist entschieden für Tee - und gegen Catcalls.
Hallo ihr Lieben,

was für eine Woche! Ich wollte mit einer guten Freundin ein langes Wochenende in Irlands schöner Hauptstadt verbringen. Nun könnte ich euch in diesem Beitrag Dutzende Fotos aus Dublin zeigen, allerdings kamen mir ein paar Stürme dazwischen: Zuerst der schlimmste Hurricane seit 50 Jahren, der die grüne Insel einfach komplett lahm legte. Und dann ein Hashtag, der seitdem zumindest meinen Facebookfeed dominiert: #metoo

Unter diesem Hashtag teilen (zumeist weibliche) Betroffene sexualisierter Gewalt ihre Erfahrungen, oftmals mit detailierten Beschreibungen. Dass die meisten meiner Facebook-Freundinnen diesen Hashtag teilten, wundert mich kein bisschen. Ich wunderte mich über die Menschen, die sich von dieser "unerwarteten" Menge nahezu überwältigt fühlten. Offenbar leben sie in einer anderen Welt als ich. Schön, wenn sie durch so eine Aktion mal einen Blick in die andere Realität werfen können. Trotzdem hatte ich gemischte Gefühle, was diese Aktion betrifft, die ich erst gar nicht in Worte fassen konnte. Zum Glück haben das dann andere getan.

Charlott von der Mädchenmannschaft fomuliert in diesem Post einige Bedenken und Fragen - nicht ohne eingangs darauf hinzuweisen, dass es natürlich großartig und wichtig sei, wenn Menschen durch diesen Hashtag Empowerment erfahren. Unter anderem stört es sie, dass bei jeder Aktion zum Thema sexualisierter Gewalt (man erinnere sich beispielsweise an Aufschrei) erstauntes Augenreiben herrscht, als habe man noch niemals davon gehört, dass dieses Problem ein weit verbreitetes ist.

Stevie von Pinkstinks weist hier insbesondere darauf hin, dass Betroffene sexualisierter Gewalt niemandem Rechenschaft schulden. Dass das Posten oder Nichtposten des Hashtags nichts darüber aussagt, ob man betroffen war oder ist. Dass es problematisch ist, wenn dieser Hashtag Menschen unter Druck setzt, sich zu outen. Dass ihr als Feministin immer wieder hochpersönliche Infos abgetrotzt werden sollen, um zu rechtfertigen, warum sie sich feministisch engagiert und warum das ein verdammt großes Problem ist. Sehr wütender Text, der weit über den Hashtag hinaus reicht und dadurch umso interessanter ist.

Gerlinde Schrön von ze.tt wünscht sich in diesem Kommentar, dass nicht nur Frauen* untereinander über die Gewalterfahrungen sprechen. Sie vermisst die direkte Auseinandersetzung mit den Männern*, die diese Gewalterfahrungen verursacht haben. Ihre persönliche Erfahrung: Viele wissen und verstehen tatsächlich nicht, was sie ihrem Gegenüber angetan haben und antun.


Zuletzt habe ich auch noch eine Petition von Campact gefunden, die sich mit der Sprache beschäftigt, die Medien im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt nutzen.  Nötigungen und Vergewaltigungen als "Sexskandal" zu bezeichnen verschleiere, dass es in diesen Fällen um Unterdrückung und Gewalt ginge - und nicht um Sex. Sich hier verantwortungsvoll auszudrücken könnte helfen, einige Mythen zu Grabe zu tragen.Während ich diese Zeilen tippe, fehlen noch ein paar Unterschriften - vielleicht wollt ihr eure hinzufügen.

Mit diesen kritischen Stimmen im Gepräck setze ich mich an Andreas Samstagsplausch-Tafel - und verspreche euch für die kommende Woche schon mal die eingangs erwähnten Bilder von der grünen Insel!

Habt alle ein wunderschönes Wochenende!

Samstag, 14. Oktober 2017

[Samstagstee] mit feministischen Netzfunden

Guten Morgen! Mit diesem Archivbild einer meiner Lieblingstassen setze ich mich zu euch.
Guten Morgen ihr Lieben!

Nach einer Woche Pause vom Samstagsplausch bei Andrea bin ich heute wieder mit dabei. Einer der Gründe, warum ich momentan im Blog so schweigsam bin, ist der, dass der Stitchtober mich ziemlich im Griff hatte. Ich hatte euch ja erzählt, dass mir eine Stickerei am Tag zu viel sei, aber vielleicht eine große Stickerei, die mich durch den Monat begleitet, etwas sein könnte...? Nun, ich habe diese Stickerei innerhalb von zehn Tagen durchgerockt. Auf Instagram gibt es Work-in-progress-Fotos zu sehen, hier im Blog mag ich sie noch nicht zeigen, weil die Stickerei Teil eines Geburtstagsgeschenkes sein wird. Jetzt überlege ich, ob ich mir für die zweite Hälfte des Oktobers noch eine zweite Stickerei suche. Mal sehen!

Abgesehen vom Sticken habe ich natürlich auch wieder ein bisschen im Internet herumgeguckt und dabei drei tolle, feministische Links für euch ausgegraben.

"Girls, you can do anything!", twitterte die UN sicherlich wohlmeinend zum Weltmädchentag am Mittwoch. Birte Vogel vom Blog thea fand das fürchterlich - weil es nicht stimmt. In ihrem langen, sehr langen Post hat sie diverse Beispiele aufgeführt, wo und auf welche Weise Mädchen nach wie vor dabei auf- und davon abgehalten werden, "anything" zu tun. Lesenswert finde ich auch den Kommentar von Sophia Horster darunter, der noch einmal sehr deutliche Worte dafür findet, warum ein solcher Satz problematisch ist:
[...] Dazu ist es aber auch eine explizite Botschaft an die Mädchen, dass es allein ihre Schuld ist, wenn sie nicht „alles machen“. Denn sie haben es entweder nicht ausreichend gewollt oder nicht ausreichend gekonnt. [...]

Edition F hat eine hier Liste von sechs feministischen Illustratorinnen zusammengestellt, die ihre Kunst auf Instagram zeigen. Mir waren einerseits noch nicht alle bekannt, andererseits fehlen mir wiederum ein paar, aber es lohnt sich total, sich da mal durchzuklicken.

Caroline Rosales hat auf Zeit Online eine Kolumne über den Feminismus geschrieben, der in stilvoller Kleidung stecken kann. Ich schreibe bewusst "kann", weil ich das definitiv nicht für einen Automatismus halte. Sich an Kleidungsregeln wie "Steck die Hände nicht in Manteltaschen, die beulen sonst aus!" wird vermutlich ebensoviele Menschen einschränken, wie die Möglichkeit, die eigene Persönlichkeit durch eben jenen unausgebeulten Mantel auszudrücken, andere beglückt. Mein Weg ist es sicher nicht, aber umso schöner fand ich es, diese Option in wohlgesetzte Worte gekleidet zu finden.

Zuguterletzt hab ich noch was zum Aktivwerden für euch: Die Werbemelder*in, eine Meldestelle für sexistische Werbung, ist online. Wie es funktioniert, wird hier auf Pinkstinks erklärt. Ich bin gespannt, was für Früchte dieses Projekt trägt und freue mich, dass ich in Zukunft nicht mehr nur wütend vor einem Plakat stehen, sondern konkret was damit tun kann.

Habt ein wundervolles Wochenende!