Mittwoch, 21. Juni 2017

[Rezension] Ink


Metallisch schimmernder Einband? HervorragendeBeute für meine innere Buch-Elster!
In der vorletzten Ecke des Untergeschosses von All Amounts of Books (Soho, London), wo der Fußboden zittert, wenn die Tube darunter hindurch fährt und wo alle Bücher nur ein Pfund kosteten, schimmerte es mir aus einem Regal entgegen. Metallisch kupfern, mit stilisiertem Vogelmuster hat mich "Ink" von Alice Broadway direkt angezogen. Weil es sich um ein unkorrigiertes Rezensionsexemplar handelte, stand nicht einmal eine Inhaltsangabe hinten drauf. Trotzdem habe ich es mitgenommen und bin bereits auf der Heimreise nach Stuttgart tief in die Welt eingetaucht, die sich rund um die Hauptperson Leora entfaltet.

In der dargestellten Gesellschaft werden alle wichtigen Ereignisse im Leben der Menschen auf deren Haut tätowiert. Durch Blut, Schmerz und Tinte wird so den Mitmenschen offen gelegt, wer man ist - und das vom zweiten Tag des Lebens an. Die Tattoos sind sogar über den Tod hinaus so wichtig, dass Verstorbene gehäutet, die Tattoos zu einem Buch gebunden und in der Familie durch die Generationen weitergereicht werden. So bewahrt man die Ahnen vor dem Vergessen - dem schlimmsten, was mit einem Menschen geschehen könnte. Entsprechend ist die Verbrennung des eigenen Hautbuchs die höchste Strafe überhaupt, zu der ein Mensch verurteilt werden kann.
Die Körperkunst ist so zentral für das Selbstverständnis, dass untätowierten Menschen Hass entgegen schlägt: Ihre Weigerung, ihr Selbst nach außen zu kehren, wird als potenziell kriminell motivierte Heimlichtuerei empfunden - und mit einer Gewalt bekämpft, die noch vor Leoras Geburt in Zwangsumsiedlungen (und vermutlich weit Schlimmerem) mündete. Dieser Hass wird zum Zeitpunkt der Erzählung von einem neuen Präsidenten erneut geschürt, dessen Agenda mit "Make Tattoos great again!" gut beschrieben wäre.

In dieser Gesellschaft sucht Leora mit 16 Jahren gerade ihren Platz, als sie erfährt, dass ausgerechnet ihr kürzlich verstorbener Vater "vergessen" werden, das Buch aus seiner Haut also verbrannt werden soll. Das stellt ihr Leben komplett auf den Kopf und lässt sie an allem zweifeln, was sie bisher für selbstverständlich gehalten hat.

So ein hübsches Buch kann ich unter keinen Umständen liegen lassen. Erst recht nicht, wenn es nur ein Pfund kostet.

Nachdenklich ist Leora, ein bisschen grüblerisch. Ein Mädchen, das lieber hinter Büchern verschwindet, als mit Klassenkameraden Party zu machen. Mit einer mir aus meiner eigenen Pubertät durchaus vertrauten Akribie untersucht sie die neuesten Dehnungsstreifen und würde ihren Körper lieber verstecken als ihn der Welt so offenherzig zu präsentieren, wie es üblich ist. Meinem jugendlichen Ich hätte Leora eine ziemlich gute Identifikationsfläche geboten.

Trotzdem war ich am Ende nicht rundum beglückt und das liegt nicht nur daran, dass ich mittlerweile älter bin und meine Dehnungsstreifen längst als vorhanden akzeptiert habe. Besonders gestört hat mich, dass im ersten Teil des Buches Schlussfolgerungen für meinen Geschmack nur sehr langsam gezogen werden - Puzzleteile werden ausgeworfen und liegen dann gefühlt ewig direkt nebeneinander, ohne offiziell zusammengesetzt zu werden. Irgendwann verkehrt sich dieses Tempo dann auch noch ins Gegenteil. Im letzten Viertel des Buches findet eine derart massive Charakterentwicklung statt, die ich einem so nachdenklichen Charakter wie Leora in einer so kurzen Zeitspanne schlicht nicht abnehme. Allerdings muss ich an dieser Stelle der Autorin auch zugestehen: Es ist ihr erster Roman - da kann und muss man noch nicht alles richtig machen, finde ich.
Rein persönlicher Geschmack ist die Sprache. Diese war mir etwas zu schlicht, zu wenig poetisch. Mich hat sie entfernt an "Hunger Games" erinnert, das mich nicht zuletzt aufgrund des sprachlichen Stils nicht überzeugt hatte (weshalb ich nur den ersten Band kenne).

Überhaupt hat sich mir der Vergleich zur ebenfalls dystopischen "Hunger Games"-Reihe von Suzanne Collins aufgedrängt. "Ink" ist allerdings (zumindest im ersten Band) trotz aller abgeschälter Haut und latent faschistoider Gesellschaft wesentlich unblutiger, zarter in der Darstellung von direkter Gewalt. Und obwohl in beiden Fällen viel über Kleidung gesprochen wird - die Klamotten in "Ink" sind nicht so pompös. Was deutlich stärker herausgearbeitet wird und was mir unheimlich gut gefallen hat, sind die Folklore und die Darstellung der Gesellschaftsordnung von Leoras Welt. Diese Aspekte hatten mir bei den "Hunger Games" massiv gefehlt, denn ich lege sehr viel Wert darauf, einiges über die dargestellte Welt zu erfahren. Dass diese in "Ink" so intensiv erfahrbar gemacht wird, ist auch der Grund, warum ich die folgenden beiden Bände vermutlich lesen werde - und sie Fans von "Hunger Games", dystopischen Jugendromanen und Tattoos durchaus ans Herz legen möchte.

Kommentare:

  1. Hui, klingt ja ganz interessant. Kommt mal auf die Liste. ;)
    "Hunger Games" habe ich komplett gelesen, kann deine Kritik aber nachvollziehen. Ich wollte mich aber dem Thema ganz widmen und auch wissen, wie diese Geschichte ausgeht. Bei den Dystopien, die ich bislang gelesen habe, fand ich es auch einfach immer spannend und erschreckend zugleich, dass ich mir jedes Mal vorstellen konnte, dass es die gezeichnete Gesellschaft so durchaus einmal geben könnte.
    Liebe Grüße
    Antje

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    1. Ja, die potenzielle Nähe des Geschilderten ist vielleicht das, was den Reiz von Dystopien ausmacht. Wenn es zu weit weg wäre, könnte man wahrscheinlich gar nichts damit anfangen.
      Der Plan ist tatsächlich, dass ich mich irgendwann nochmal an den "Hunger Games" versuche, weil ich neugierig bin, ob mein "Ich hätte doch eigentlich noch gerne etwas mehr über die Welt erfahren!" vielleicht in den folgenden Bänden doch noch befriedigt wird und ob mir die Sprache des Originals eher zusagt oder auch der Stil aus anderen Gründen mittlerweile besser gefällt. Ich werde vermutlich berichten, wenn dem so sein sollte.

      Auf jeden Fall freue ich mich, wenn ich dich zu neuem Lesestoff inspirieren konnte!

      Liebe Grüße,
      Sabrina

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  2. Und +zack+ ist das Buch auf dem Kindle. Im Gegensatz zu dir mochte ich die Hunger Games sehr gerne. Der reduzierte Stil passt mMn zur Dystopie und zum schnellen Tempo der Geschichte!

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    1. ... und zur Protagonistin, in deren Leben bisher für Schnörkel einfach kein Raum war. Ich find den Stil gar nicht "falsch", er hat mir nur in dem Moment nicht zugesagt. :)
      Irgendwann versuch ich's nochmal auf englisch. Das macht ja auch immer nochmal ordentlich was aus, gerade im Präsens auch.

      Liebe Grüße,
      Sabrina

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  3. Sehr spannende Rezension! Irgendwie zieht's mich zu solchen Büchern hin, auch wenn es mich gleichzeitig gruselt. Eigentlich lese ich lieber lieblichere oder humorvolle Fantasy, aber mal sehen. Wenn mir der Lesestoff über den Sommer ausgeht... lg, Gabi

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    1. Dankeschön! Ich mag's eigentlich auch gerne ein bisschen leichter, aber... der hübsche Einband war stärker als ich. :D

      Liebe Grüße,
      Sabrina

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  4. Das Endewar wirklich... abrupt. Aber die erschaffene Welt war gut und die Ähnlichkeit zu Hunger Games eher gering. Ich fand eher Parallelen zur modernen Überwachungsgesellschaft. Aber alles in allem ein lesenswertes Buch, danke für die Empfehlung!

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    1. Die Parallelen sind defintiv drin, ja. Ich hab überlegt, ob mir die zu holzhammerig ist, aber eigentlich mochte ich sie sehr gern.

      Liebe Grüße,
      Sabrina

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  5. Hallo liebe Sabrina! Das ist doch ein schönes Mitbringsel aus London. Das Buch klingt wirklich interessant, besonders die Idee, die dahinter steckt, diese Tattookultur. Ich werde es mir mal merken, vielleicht werde ich in unserer Bücherei fündig. Ich wünsche dir ein schönes Wochenende!
    Liebe Grüße!
    Nina

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    1. Liebe Nina, ich drücke dir die Daumen! :D Hab du auch ein schönes Wochenende.
      Viele Grüße,
      Sabrina

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