Sonntag, 8. März 2015

[Rezension] Dramatisch, überschäumend, wild

Neben (Fantasy-)Romanen und Reiseführern blättere ich auch wahnsinnig gerne in Handarbeitsbüchern, immer auf der Suche nach neuen Ideen . Vor einiger Zeit bin ich dabei auf "Quiltinspirationen" von Jane Brocket gestoßen.


Nach einer Einleitung, in der Frau Brocket erzählt, wie ihre Liebe zum Quilten entstand und wie sie dabei vorgeht, folgen 16 ausgiebig vorgestellte Quilts mit solch klingenden Namen wie „Kacheln aus Lissabon“, „Purpurregen“ oder „Hängematte“. Daran angeschlossen ist eine Art Tutorial-Teil, in dem die Autorin dem Leser noch einmal ausführlich erklärt, wie man einen Quilt vorbereitet, komponiert und zusammennäht. Außerdem verrät Frau Brocket dort ihre Lieblingsbücher, -blogs und -zeitschriften. Dass nicht alle mit Patchwork zu tun haben, und sie dennoch dabei inspirieren, finde ich besonders spannend. Vor den Bezugsadressen findet sich außerdem noch eine Galerie der 16 Quilts. Das finde ich besonders deshalb toll, weil die Bilder auf den 146 vorherigen Seiten zwar stimmungsvoll arrangiert sind, aber eben meist nicht die ganze Decke oder ihr Format einfangen können.
Das Buch trägt die Inspiration im Titel und um die geht es ganz besonders. Frau Brocket erzählt viel darüber, wie sie auf Ideen kommt, was sie wie wozu inspiriert. Selbst wenn man selbst mit Gärten nicht so viel anfangen kann, bekommt man durch diese Textstellen ein Gefühl dafür, wie die Autorin beim Komponieren der Quilts vorgeht und kann sich dabei bei Bedarf ein Beispiel nehmen. Besonders spannend finde ich die Assoziationen, die sie beschreibt: Wenn Frau Brocket erklärt, wie man vorgehen muss, um den vorgestellten Quilt zu nähen, schließt sie nicht einfach mit der Anweisung, wie zu quilten sei. Nein! Sie schreibt zum Quilt "Russische Impressionen" stattdessen folgendes: "Legen Sie sich den Quilt um die Schultern und tanzen Mazurka." 
Mein eigener Quilt (WIP) in Action.

Ihre Assoziationen sind jedoch nicht nur sprachlicher Natur, sondern werden auch direkt in den Quilt hineingearbeitet. Da wird ein schwarz-gepunkteter Stoff zur Rückseite des „Briefmarken“-Quilts, weil das Muster sie an die Perforationen am Briefmarkenrand erinnert. Der „Swimmingpool“-Quilt erhält einen Rahmen, weil ja auch echte Pools einen Rand haben: Man könnte sonst versehentlich hineinfallen. Daran erkennt man bereits, dass Frau Brocket jedem Bestandteil des Quilts Bedeutung beimisst. Für die Rückseite einen langweiligen oder gar hässlichen Stoff zu verwenden, käme gar nicht in Frage. Schließlich sähe man die Rückseite doch genauso wie die Vorderseite, wenn man sich in den Quilt hineinkuschle oder ihn zusammenfalte. 
Diese Aufmerksamkeit für kleine Details erkennt man auch im Layout des Buchs, beispielsweise in Form von Naht“abbildungen“ um die Seitenzahlen oder unter Überschriften. Und mit solchen Details kriegt man mich immer!
... ebenso mit sympathischen Kapitelnamen!
Frau Brocket verfolgt mit ihren Quilt das Ziel, zügig voran zu kommen, wenig Regeln beachten zu müssen und Komplexität zu reduzieren. Auf der einen Seite gefällt mir das. Ich mag undogmatisches Vorgehen. Mir gefällt es, wenn sie beschreibt, dass man diesen Schritt jetzt machen oder auch einfach weglassen könnte: Wenn einem der Quilt an diesem Punkt gefalle, sei er gut so. Ich finde es sympathisch, dass Frau Brocket auch freimütig über fehlgeschlagene Versuche berichtet. Darüber, wie sich Quilts ganz anders entwickeln, als ursprünglich gedacht. Darüber, dass manche Ideen reifen müssen, um sich in perfekte Quilts zu verwandeln. Hätte ich noch gar keine Ahnung, wie man eine Decke quiltet, hätte ich nach dem Lesen dieses Buches keine Angst mehr davor, sondern würde einfach nach meinem Empfinden und Geschmack loslegen.
Auf der anderen Seite entspricht ihr zügiges Arbeiten so gar nicht meinem eigenen: Frau Brocket verwendet hauptsächlich Quadrate, Streifen und ähnliches, was sich schnell mit der Maschine zusammennähen lässt. Ich muss zugeben, dass ihre Quilts trotz der einfachen Grundformen nicht langweilig werden. Da wird die Quadratgröße variiert, werden Quadrate auf die Ecke gestellt, um dynamischer zu werden… die Kombinationsmöglichkeiten ihrer Einzelteile sind schier endlos. Trotzdem entspricht diese Art Quilts herzustellen so gar nicht meiner eigenen Vorgehensweise mit in monatelanger Arbeit handgestückelten Hexagönchen.
Blumenprints. Gewaltige Blumenprints!
Auch bei der Stoffauswahl haben wir schlicht unterschiedliche Geschmäcker. Ich mag's gerne aufgeräumt, ruhig und wenigstens teilweise unifarben. Frau Brocket hingegen schöpft aus dem Vollen. Bis zu 20 verschiedene Stoffe in knalligen Farben, riesige Blumendrucke und Musterstoff an Musterstoff erschlagen mich als Betrachter. Und um es ganz ehrlich zu sagen: Viele der Blumenmuster finde ich persönlich auch ganz schön scheußlich. ;)
Wer im Gegensatz zu mir sein Herz an einen der Stoffe verliert, hat Glück: Frau Brocket beschreibt bei den 16 Projekten ausführlich, welche Stoffe sie verwendet hat, unter Nennung der Designer und der Stoffnamen. In mir weckt diese Vorgehensweise zwiespältige Gefühle. Auf der einen Seite mache ich das ja ganz ähnlich, wenn ich in Blogposts kundtue, dass ich für meinen Quilt grüne Ditte von Ikea verwende. Auf der anderen Seite wirkt es im Rahmen eines Buches sehr werblich und irritiert mich auch deshalb, weil Frau Brocket immer wieder darauf hinweist, wie schön es sei, wenn ein Quilt organisch wächst, wenn man also nicht alle Stoffe auf einmal und ganz gezielt für ein bestimmtes Projekt kauft. Wenn ich ihrer Arbeitsweise eine Überschrift geben müsste, lautete sie „Mach dein eigenes Ding und pfeif auf Vorgaben!“ – das erscheint mir durch solche Empfehlungen zu verwässern.
Etwas positives muss ich aber dennoch über Frau Brockets Stoffauswahl sagen: Im Zuge der Komplexitätsvermeidung könnte sie ausschließlich einfach zu verarbeitenden Baumwollstoff verwenden. Doch mit dem Quilt „Ballkleid“ taucht auch ein Exemplar aus Seide auf. Obwohl gerade der mir so gar nicht zusagt, finde ich dieses Kapitel toll, da hier auf die spezifischen Anforderungen an eine Arbeit aus schwierigeren Stoffen eingegangen wird.

Würde ich mir das Buch kaufen? Nein. Obwohl es schön anzusehen und sympathisch geschrieben ist, haben Jane Brocket und ich doch zu unterschiedliche Herangehensweisen und Ziele beim Quilten. 
Nichtsdestotrotz glaube ich, dass es gerade Anfängern helfen kann, entspannt ans Quilten heranzugehen und stelle das Buch daher in Goldkinds Bücherregal.


Jane Brocket: "Quiltinspirationen: 16 Projekte", 29,90 €
Amazon ermöglicht hier einen Blick ins Buch, falls ihr mal hineinlinsen möchtet.

***
Dear international readers,
I'm sorry, but there is no translation for you as I read this book in German and can't say anything about the original issue. 

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